Christian Wück rang nach Worten. Wieder einmal hatte seine Mannschaft alles investiert, wieder einmal fehlte nur eines: ein Tor. „Dann ist es wieder die alte Leier mit der fehlenden Effizienz vor dem Tor“, klagte der Bundestrainer nach dem 0:0 im Finalhinspiel der Nations League gegen Weltmeister Spanien. „Deshalb überwiegt der Frust, dass wir das Spiel nicht zu uns rübergezogen haben.“
Vor 40.159 Zuschauern im ausverkauften Betzenberg zeigten die Deutschen einen beherzten, mutigen Auftritt, der jede Erinnerung an das schmerzhafte EM-Aus im Halbfinale 2022 verblassen lassen sollte – doch das Chancenplus blieb ungenutzt. Die DFB-Frauen spielten dominant, gewannen die Zweikämpfe, setzten Spanien unter Druck, doch der letzte Schritt fehlte.
Rebecca Knaak sprach von „unglaublichem Ärger“ über die ausgelassenen Möglichkeiten, betonte aber: „Wir fahren mit Selbstvertrauen nach Madrid. Jetzt haben wir ein echtes Finale.“ Klara Bühl, die selbst mehrfach knapp scheiterte, sah es ähnlich: „Den Lucky Punch müssen wir uns jetzt erkämpfen.“
Janina Minge kündigte an, dass Deutschland im Rückspiel keinen Zentimeter weniger gehen werde. „Wenn wir in die Verlängerung oder ins Elfmeterschießen müssen, schaffen wir das auch“, sagte die Vizekapitänin: „Ich habe keine Angst.“
Selbst Wück, der nach Abpfiff kurz mit Spaniens Trainerin Sonia Bermudez aneinandergeriet, blickte kämpferisch nach vorn: „Wir sind auf einem guten Weg. Aber jetzt wollen wir unbedingt diesen Titel holen.“ Und vielleicht schmeckt dann auch der Kaffee besser, den er mit Bermudez „gerne trinkt, wenn ich die Zeit finde“. OZD / ©AFP.
OZD-Kommentar „Finale ohne Vollendung: Deutschlands Mut reicht nicht mehr“Das Spiel gegen Spanien zeigte alles, was diese Mannschaft stark macht – und alles, was sie zurückhält. Kampfgeist, Tempo, Mut: großartig. Tore: Fehlanzeige. Es ist die alte Geschichte, die Wück so frustriert und die Deutschland seit Jahren begleitet.
Der Weltmeister wankte, aber Deutschland traf nicht. Genau darin liegt die Gefahr: Wer im entscheidenden Moment die Chancen liegen lässt, lädt Topteams ein, im Rückspiel unerbittlich zuzuschlagen. Spanien wird in Madrid nicht noch einmal so schlagbar sein wie auf dem Betzenberg.
Doch die DFB-Frauen haben gezeigt, dass sie dem Weltmeister ebenbürtig sind – und darüber hinaus. Das Problem ist kein Talentproblem, sondern ein Killerinstinktproblem. Wenn Deutschland den Titel wirklich will, muss die Offensive in Madrid nicht nur mutig sein, sondern gnadenlos.
Es ist ein Finale der Möglichkeiten. Und eines, in dem Deutschland endlich beweisen muss, dass es große Spiele nicht nur spielen, sondern auch entscheiden kann.

Mini-Infobox
Nations-League-Finalhinspiel endet 0:0
40.159 Zuschauer auf dem Betzenberg
Deutschland dominant, aber ohne Torerfolg
Rückspiel am Dienstag in Madrid
Letzter großer Titel: Olympia-Gold 2016
OZD-Analyse1. Das Offensivproblem
– a) Viele Chancen, kein Ertrag: fehlender Killerinstinkt
– b) Bühl, Brand & Co. gefährlich, aber ohne Abschlussglück
– c) Effizienz muss sich im Rückspiel drastisch verbessern
2. Psychologischer Faktor
– a) Erinnerung an EM-Halbfinale prägt das Selbstverständnis
– b) Rückspiel in Madrid als mentaler Härtetest
– c) Selbstvertrauen trotz Frust: Team glaubt an den Titel
3. Taktische Erkenntnisse
– a) Deutschland zwingt Spanien ungewohnt tief
– b) Wücks Pressingplan funktioniert – aber ohne Abschlusswirkung
– c) Madrid erfordert Anpassungen im letzten Drittel

Wer ist Christian Wück?
Christian Wück ist seit 2024 Bundestrainer der deutschen
Frauen-Nationalmannschaft. Zuvor war er viele Jahre im Juniorenbereich
des DFB erfolgreich, unter anderem als U17-Europameistertrainer. Seine
Teams stehen für Mut, Intensität und offensiven Fußball.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.
Was ist die UEFA Nations League der Frauen?
Die Nations League ist ein Wettbewerb der UEFA, der den Frauenfußball
stärken soll. Sie dient zur Qualifikation für Olympia und bietet
regelmäßige Spiele gegen Topnationen. Das Finale 2025 wird zwischen
Deutschland und Spanien ausgetragen.
Extra: Der Betzenberg-Effekt – warum Kaiserslautern Deutschlands zwölfter Spieler war
Mit über 40.000 Fans wurde der Betzenberg zur Festung. Die Atmosphäre
trug das Team nach vorn – und könnte im Rückspiel das fehlende Prozent
Motivation liefern.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.