Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst hat im eskalierenden Rentenstreit eindringlich vor einem Bruch der Bundesregierung gewarnt. Der CDU-Politiker wies im „Tagesspiegel“ Forderungen nach einer Minderheitsregierung zurück. Diese bedeute nichts anderes als Neuwahlen – ein Szenario, das niemand wirklich wolle. Die Regierung müsse nun „Stabilität beweisen“, sagte Wüst und rief seine eigene Partei zur Geschlossenheit hinter Kanzler Friedrich Merz auf.
Unterdessen zeigte sich Sozialministerin Bärbel Bas überzeugt, dass das Rentenpaket trotz des lautstarken Widerstands der Jungen Gruppe in der Union kommende Woche im Bundestag beschlossen wird. „Wir haben klare Verabredungen im Kabinett und im Koalitionsausschuss“, sagte sie der „Rheinischen Post“. Auch CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann rechnet mit einer stabilen Mehrheit.
Doch die 18 Abgeordneten der Jungen Gruppe bleiben ein Risikofaktor. Seit Wochen drohen sie mit Blockade, weil die Reform aus Bas’ Ministerium auch weit über 2031 hinaus greift und aus ihrer Sicht Folgekosten von bis zu 120 Milliarden Euro erzeugt. Die junge Generation würde damit die Zeche zahlen, warnen sie.
Der Koalitionsausschuss legte zwar einen Kompromiss vor: Das Paket soll unverändert beschlossen werden, gleichzeitig soll ein Entschließungsantrag die Bedenken der Kritiker in eine große Rentenreform im kommenden Jahr einfließen lassen. Ob das reicht, ist offen.
Wüst betonte jedoch, die jungen Abgeordneten hätten durch ihren Widerstand bereits Wirkung erzielt: Ihre Anliegen seien zu einem politischen Faktor geworden. Die geplante Rentenkommission ab Dezember werde an ihren Positionen nicht vorbeikommen.
Bas wiederum brachte weitere Reformideen ins Spiel: Beamte, Abgeordnete und Selbstständige sollten künftig in die Rentenversicherung einzahlen. Zudem zeigte sie sich offen für ein flexibleres Rentenalter, abhängig von der Zahl der Beitragsjahre. Wer früh ins Berufsleben einsteigt, solle früher in Rente gehen können.
Die Regierung drückt aufs Tempo – doch der Konflikt bleibt explosiv.
OZD

OZD-Kommentar „Die tickende Bombe im Rentensystem“
Der Rentenstreit ist mehr als ein parteipolitisches Scharmützel – er ist ein seismischer Riss durch die politische Statik dieser Republik. Während Bas entschlossen ankündigt, das Paket durch den Bundestag zu drücken, wirken die Warnungen von Wüst wie ein Hilferuf aus einer Koalition, die längst spürt, wie brüchig ihr Fundament geworden ist.
Die Junge Gruppe ist inzwischen weit mehr als ein Störfeuer. Sie symbolisiert das Misstrauen einer Generation, die jahrzehntelang zahlen soll – für Entscheidungen, die heute aus Angst vor dem nächsten Wahltag getroffen werden. Die 120 Milliarden Euro, von denen die jungen Abgeordneten sprechen, sind nicht nur Zahlen. Sie sind eine politische Drohkulisse, die zeigt, wie tief der Graben zwischen Anspruch und Realität geworden ist.
Der Koalitionskompromiss wirkt wie ein Pflaster auf einer offenen Wunde. Die Rentenreform wird so oder so kommen müssen – aber die Glaubwürdigkeit der Regierung hängt daran, ob sie mehr liefert als Absichtserklärungen und Beruhigungstabletten. Wüst hat recht: Bricht die Koalition hier, bricht sie an ihrer eigenen Zukunftsfähigkeit. Doch Bas weiß ebenso: Ohne Mut zur echten Reform ist sie schon jetzt verloren.

Mini-Infobox
Junge Union droht mit Blockade des Rentenpakets
Streit dreht sich um prognostizierte 120 Mrd. Euro Folgekosten
Koalitionsausschuss schlägt Entschließungsantrag als Kompromiss vor
Bas fordert: auch Beamte, Abgeordnete, Selbstständige einbeziehen
Entscheidung im Bundestag fällt kommende Woche

OZD-Analyse
1. Politische Eskalation
– a) Junge Gruppe stellt Machtanspruch innerhalb der Union
– b) Gefahr eines Koalitionsbruchs erstmals offen diskutiert –
– c) Kompromiss birgt Risiko erneuter Aufschiebung statt Lösung –
2. Inhaltliche Konfliktlinien
– a) Stabilisierung des Rentenniveaus vs. Milliardenbelastung für die Beitragszahler
– b) Forderung nach Einbeziehung weiterer Einkommensgruppen
– c) Debatte über flexibles Renteneintrittsalter –
3. Gesellschaftliche Dimension
– a) Wachsende Spannungen zwischen Generationen
– b) Rentenfrage wird zur Grundsatzfrage sozialer Gerechtigkeit
– c) Vertrauensproblem: Reformfähigkeit der Regierung massiv unter Druck –
Erklärungen
Wer ist Hendrik Wüst?
Hendrik Wüst ist Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und führender
Kopf der CDU. Er vertritt einen konservativ-wirtschaftsnahen Kurs und
spielt in bundespolitischen Debatten zunehmend eine Schlüsselrolle.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.
Was ist die Junge Gruppe der Union?
Die Junge Gruppe umfasst die jüngeren Bundestagsabgeordneten von CDU und
CSU. Sie setzt sich besonders für Generationengerechtigkeit ein und hat
beim Rententhema erheblichen Einfluss ausgeübt.
Extra: Die Rentenkommission – Hoffnungsträger oder Feigenblatt?
Ab Dezember soll das Expertengremium die Zukunft der Altersvorsorge
skizzieren. Doch Kritiker warnen: Ohne politischen Mut bleibt jede
Empfehlung nur Papier.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.