Die Freie Demokratische Partei hat auf ihrem Bundesparteitag in Berlin einen neuen Vorsitzenden gewählt – und dabei einen offenen Machtkampf erlebt. Der langjährige Parteivize Wolfgang Kubicki setzte sich am Samstag überraschend deutlich gegen Marie-Agnes Strack-Zimmermann durch. Kubicki erhielt 390 Stimmen und kam damit auf knapp 60 Prozent der Delegiertenstimmen. Strack-Zimmermann erreichte 259 Stimmen.
Die kurzfristige Gegenkandidatur der Verteidigungspolitikerin hatte den Parteitag der Liberalen grundlegend verändert. Eigentlich sollte Kubicki ohne Gegenwehr zum neuen FDP-Chef gewählt werden und ein Signal der Geschlossenheit aussenden. Stattdessen entwickelte sich eine emotionale und teils scharf geführte Richtungsdebatte über die Zukunft der Partei – insbesondere über den Umgang mit der AfD.
Nach seiner Wahl kündigte Kubicki an, alles dafür zu tun, die FDP bei den anstehenden Landtagswahlen wieder zu stabilisieren. Zugleich bemühte er sich um versöhnliche Töne gegenüber seiner Rivalin. Er sei „froh“, dass nun „zwei alte Schlachtrösser“ gemeinsam Verantwortung übernehmen würden.
Mit Kubicki übernimmt einer der bekanntesten, aber auch umstrittensten Liberalen die Parteiführung. Der 73-Jährige gehört seit mehr als fünf Jahrzehnten der FDP an und prägte die Partei vor allem mit seinem markanten rhetorischen Stil, provokanten Aussagen und einer klar wirtschaftsliberalen Haltung. Innerhalb der FDP gilt Kubicki zunehmend als Vertreter eines rechtsliberalen Kurses.
Streitpunkt AfD und „Brandmauer“
Besonders kontrovers verlief auf dem Parteitag die Debatte über den Umgang mit der Alternative für Deutschland. Strack-Zimmermann griff Kubicki indirekt, aber deutlich an. Sie warnte davor, die sogenannte Brandmauer zur AfD infrage zu stellen. Die FDP könne dadurch zwar kurzfristig Zustimmung aus bestimmten konservativen Milieus gewinnen, langfristig aber an Glaubwürdigkeit verlieren.
Ohne Kubicki namentlich zu nennen, kritisierte sie dessen politischen Stil scharf. Die Partei müsse sich fragen, ob immer lautere Provokationen und Zuspitzungen tatsächlich Antworten auf die Krise seien. Ihre Rede wurde von starkem Applaus, aber auch von Buh-Rufen und höhnischem Gelächter begleitet – ein sichtbares Zeichen der inneren Spannungen.
Kubicki hatte sich zuletzt mehrfach gegen eine absolute Ausgrenzung der AfD ausgesprochen. Zwar bezeichnete er die Partei weiterhin als politischen Gegner, zugleich kritisierte er die starre „Brandmauer“-Strategie. Damit sprach er vor allem Mitglieder an, die der FDP wieder ein schärferes konservatives Profil geben wollen.
Widerspruch kam unter anderem vom früheren Bundestagsabgeordneten Konstantin Kuhle. Er warnte eindringlich vor jeder direkten oder indirekten Zusammenarbeit mit der AfD und erhielt dafür starken Beifall der Delegierten.
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FDP kämpft ums politische Überleben
Die Wahl Kubickis zeigt vor allem eines: Die FDP befindet sich in einer tiefen Identitäts- und Existenzkrise. Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag ringt die Partei um ihre politische Zukunft. Aktuell ist sie nur noch in sechs Landesparlamenten vertreten und lediglich in Sachsen-Anhalt an einer Landesregierung beteiligt.
Der wiedergewählte Vizechef Henning Höne sprach offen von einer Partei, die „zutiefst verunsichert“ sei. Viele Liberale suchen nach einem Kurs, mit dem sich verlorene Wähler zurückholen lassen – insbesondere frühere FDP-Anhänger, die zur Union oder teilweise auch zur AfD gewechselt sind.
Kubicki setzt dabei auf eine klassische wirtschaftsliberale Linie: weniger staatliche Regulierung, stärkere Betonung von Meinungsfreiheit, Kritik an Klima- und Migrationspolitik sowie ein deutlich marktwirtschaftliches Profil. Er argumentiert, die FDP sei in der Öffentlichkeit zu Unrecht verzerrt dargestellt worden und werde als liberale Kraft weiterhin gebraucht.
Analyse: Die FDP entscheidet sich gegen den radikalen Neustart
Die Wahl ist weit mehr als eine Personalentscheidung. Sie markiert eine strategische Richtungsentscheidung der FDP. Statt eines klaren Generationenwechsels oder programmatischen Neustarts setzen die Delegierten auf einen erfahrenen, medienwirksamen und konfliktfreudigen Politiker aus der alten Parteigarde.
Kubicki steht für maximale Aufmerksamkeit, rhetorische Zuspitzung und eine bewusste Abgrenzung gegen linke Politikentwürfe. Genau darin sehen seine Unterstützer die Chance, die FDP wieder sichtbar zu machen. Kritiker befürchten dagegen, dass die Partei dadurch noch stärker polarisiert und weiter zwischen Union und AfD zerrieben wird.
Strack-Zimmermann verkörperte hingegen einen moderneren, außen- und sicherheitspolitisch geprägten Liberalismus mit klarer Distanz nach rechts. Ihre Niederlage zeigt, dass dieser Kurs derzeit in der Partei keine Mehrheit findet.
Kommentar: Kubickis Wahl ist Chance und Risiko zugleich
Wolfgang Kubicki verfügt zweifellos über politische Erfahrung, Schlagfertigkeit und öffentliche Präsenz – Eigenschaften, die der FDP zuletzt oft fehlten. Gerade in Krisenzeiten kann eine Partei von einer starken und bekannten Führung profitieren.
Doch die Entscheidung birgt erhebliche Risiken. Kubickis provokanter Stil polarisiert weit über die politischen Gegner hinaus auch die eigene Partei. Die heftigen Reaktionen auf dem Parteitag zeigen, wie tief die Gräben inzwischen verlaufen.
Vor allem die Debatte über die AfD dürfte die FDP weiter beschäftigen. Wer konservative Protestwähler zurückholen will, bewegt sich zwangsläufig auf einem schmalen Grat: zwischen klarer Abgrenzung und dem Vorwurf, rechte Narrative salonfähig zu machen.
Die Liberalen haben sich nun bewusst für Konfrontation statt Konsens entschieden. Ob dieser Kurs die Partei tatsächlich zurück in die politische Relevanz führt oder die inneren Konflikte weiter verschärft, dürfte sich bereits bei den kommenden Landtagswahlen zeigen.
Hintergrund: Kubickis langer Weg an die Parteispitze
Wolfgang Kubicki gehört seit 1971 der FDP an und zählt zu den prägendsten Figuren des deutschen Liberalismus. In Schleswig-Holstein war er über Jahre Partei- und Fraktionschef, später Bundestagsabgeordneter und von 2017 bis 2025 Vizepräsident des Deutschen Bundestags.
Marie-Agnes Strack-Zimmermann wurde vor allem durch ihre harte Haltung gegenüber Russland und ihre Forderungen nach umfangreicher Militärhilfe für die Ukraine bundesweit bekannt. Innerhalb der FDP gilt sie als eine der prominentesten Stimmen des progressiv-liberalen Flügels.
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