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Mehr Gas, mehr Wasserstoff, mehr Geopolitik: Deutschland sucht seine Energiezukunft im Kaukasus

Deutschland richtet seine Energiepolitik neu aus: Kanzler Friedrich Merz setzt auf Aserbaidschan – trotz Kritik an der Menschenrechtslage.

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Deutschland möchte mehr Erdgas aus Aserbaidschan beziehen.

Auch Wasserstoff soll Teil der Energiepartnerschaft werden.

Merz traf Präsident Ilham Alijew in Berlin.

Der Friedensvertrag zwischen Armenien und Aserbaidschan wurde 2025 geschlossen.

Aserbaidschan bleibt wegen Menschenrechtsfragen international umstritten.

Deutschland treibt den Umbau seiner Energieversorgung weiter voran und richtet den Blick verstärkt auf den Südkaukasus. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat bei einem Treffen mit dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew in Berlin angekündigt, künftig deutlich mehr Erdgas aus Aserbaidschan beziehen zu wollen. Damit setzt die Bundesregierung ihren Kurs fort, die Energieversorgung nach dem Ende der russischen Gasimporte breiter aufzustellen und langfristig abzusichern.

"Seitdem wir vor viereinhalb Jahren die Gaslieferungen aus Russland gestoppt haben, suchen wir natürlich nach neuen Bezugsquellen - und hier spielt Aserbaidschan eine wichtige Rolle", sagte Merz bei dem Treffen im Bundeskanzleramt.

Nach den Worten des Kanzlers gehört Aserbaidschan zu den wenigen Staaten der Region, die deutlich mehr Energie produzieren als selbst verbrauchen. Gerade deshalb sei das Land ein attraktiver Partner für Deutschland. "Insofern ist Aserbaidschan für uns ein interessantes Partnerland, wenn es darum geht, die Energieversorgung in Deutschland sicherzustellen."

Besonders Süddeutschland könnte nach Einschätzung der Bundesregierung künftig von zusätzlichen Gaslieferungen profitieren. Die notwendige Infrastruktur sei dort bereits vorhanden oder könne vergleichsweise schnell erweitert werden. Neben Erdgas soll die Zusammenarbeit künftig jedoch deutlich breiter aufgestellt werden.

Merz kündigte an, die Energiepartnerschaft langfristig zu diversifizieren. Neben fossilem Erdgas soll künftig auch Wasserstoff eine zentrale Rolle spielen. Beide Staaten unterzeichneten am Dienstag eine gemeinsame Erklärung, in der sie ihre Absicht bekräftigten, die wirtschaftliche und energiepolitische Zusammenarbeit erheblich auszubauen. Damit wird Aserbaidschan zu einem wichtigen Baustein der deutschen Energie- und Versorgungspolitik.

Neben der Energiepolitik spielte auch die geopolitische Entwicklung im Südkaukasus eine zentrale Rolle der Gespräche. Merz würdigte ausdrücklich den Friedensvertrag zwischen Aserbaidschan und Armenien, der im Jahr 2025 in Anwesenheit von US-Präsident Donald Trump geschlossen worden war.

"Dieser historische Vertrag eröffnet die Chance, einen Jahrzehnte währenden Konflikt zu überwinden", erklärte der Bundeskanzler. Eine dauerhafte Stabilisierung der Region könne den Handel stärken, neue Investitionen ermöglichen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Europa und dem Südkaukasus erheblich erleichtern.

Bereits am Vormittag war Präsident Alijew von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfangen worden. Steinmeier hatte bereits 2005 als erstes deutsches Staatsoberhaupt Aserbaidschan offiziell besucht und gilt als langjähriger Kenner der Region.

Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgten Äußerungen Alijews über geheime Gesprächsrunden zwischen deutschen und russischen Spitzenpolitikern. Der Präsident bestätigte Berichte über regelmäßige Treffen in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Demnach nehmen unter anderem Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) sowie der frühere russische Regierungschef Viktor Subkow an den sogenannten Gesprächen der "Baku-Connection" teil. Nach Medienberichten finden diese Treffen bereits seit 2024 regelmäßig statt.

Aserbaidschan zählt zu den wichtigsten Energielieferanten der Europäischen Union außerhalb Russlands. Ein erheblicher Teil der Staatseinnahmen stammt aus dem Export von Erdöl und Erdgas. Gleichzeitig bleibt das Land international umstritten. Menschenrechtsorganisationen werfen der Regierung seit Jahren Einschränkungen der Pressefreiheit, die Verfolgung von Oppositionellen sowie Defizite bei demokratischen Grundrechten vor.

Auch der Konflikt um Bergkarabach wirkt trotz des Friedensvertrages nach. Das mehrheitlich von Armeniern bewohnte Gebiet war völkerrechtlich stets Teil Aserbaidschans. Im September 2023 brachte Baku die Region durch eine Militäroffensive vollständig unter seine Kontrolle. Zwar vereinbarten Armenien und Aserbaidschan 2025 ein Ende der militärischen Auseinandersetzungen, dennoch bleibt das gegenseitige Misstrauen bestehen.

OZD/AFP

OZD-Kommentar – Energie braucht Werte, nicht nur Pipelines

Deutschlands Suche nach neuen Energiequellen ist nach dem Ende der russischen Gasimporte nachvollziehbar und wirtschaftlich notwendig. Versorgungssicherheit bleibt ein zentrales nationales Interesse. Gleichzeitig zeigt die neue Partnerschaft mit Aserbaidschan das grundsätzliche Dilemma westlicher Energiepolitik: Während Europa demokratische Werte und Menschenrechte einfordert, entstehen neue strategische Abhängigkeiten von Staaten, deren politische Systeme regelmäßig international kritisiert werden.

Die Bundesregierung muss deshalb deutlich machen, dass wirtschaftliche Kooperation und eine klare Ansprache von Menschenrechtsfragen kein Widerspruch sein dürfen. Langfristig wird Deutschland seine Energieversorgung nur dann wirklich unabhängig gestalten können, wenn erneuerbare Energien, Wasserstoff und europäische Infrastruktur schneller ausgebaut werden. Aserbaidschan dürfte zwar kurzfristig an Bedeutung gewinnen, wird aber kaum die endgültige Antwort auf Europas Energiefrage sein.

Historischer Hintergrund

Aserbaidschan liegt im Südkaukasus zwischen Russland, Georgien, Armenien, dem Iran und dem Kaspischen Meer. Seit dem Zerfall der Sowjetunion zählt das rohstoffreiche Land zu den wichtigsten Öl- und Gasexporteuren der Region. Über den sogenannten Südlichen Gaskorridor fließt Erdgas über Georgien, die Türkei sowie Südosteuropa bis in die Europäische Union.

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem Ende der russischen Gaslieferungen gewann Aserbaidschan für Europa erheblich an Bedeutung. Gleichzeitig steht Präsident Ilham Alijew seit Jahren wegen Einschränkungen der Pressefreiheit, der Verfolgung politischer Gegner und demokratischer Defizite in der Kritik westlicher Regierungen und internationaler Menschenrechtsorganisationen.

Zukunftsprognose

Deutschland dürfte seine Energiepartnerschaft mit Aserbaidschan in den kommenden Jahren weiter ausbauen. Neben zusätzlichen Gaslieferungen werden insbesondere Wasserstoffprojekte und Investitionen in neue Transportkorridore an Bedeutung gewinnen. Für die Europäische Union könnte der Südkaukasus zu einer strategischen Energieachse werden.

Geopolitisch bleibt die Region jedoch fragil. Ein erneutes Aufflammen des Konflikts zwischen Armenien und Aserbaidschan würde die Versorgungssicherheit ebenso gefährden wie mögliche Spannungen zwischen Russland, der Türkei und dem Iran. Wirtschaftlich könnte Deutschland dennoch von einer stabileren Diversifizierung seiner Energieimporte profitieren.

Gewinnspiel

Frage: Welches Land möchte Deutschland künftig verstärkt als Gaslieferanten nutzen?

A) Norwegen

B) Kasachstan

C) Aserbaidschan

D) Georgien

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OZD-Analyse

Neue Energiepartnerschaft
– Deutschland diversifiziert seine Gasversorgung nach dem Ende russischer Lieferungen.

Geopolitische Chancen und Risiken
– a) Ausbau des Südlichen Gaskorridors.
– b) Stärkere wirtschaftliche Kooperation zwischen EU und Südkaukasus.
– c) Politische Risiken durch ungelöste regionale Spannungen und Menschenrechtsfragen.

Folgen
– Kurzfristig stärkt die Partnerschaft die Versorgungssicherheit Deutschlands. Langfristig bleibt entscheidend, wie schnell erneuerbare Energien und Wasserstoff die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten reduzieren.

Erklärungen

Wer ist Friedrich Merz?

Friedrich Merz ist Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und Vorsitzender der CDU. Seine Regierung verfolgt das Ziel, die deutsche Energieversorgung nach dem Ausstieg aus russischen Gasimporten breiter aufzustellen.

Wer ist Ilham Alijew?

Ilham Alijew ist seit 2003 Präsident Aserbaidschans. Unter seiner Führung entwickelte sich das Land zu einem wichtigen Energieexporteur Europas. International wird seine Regierung jedoch regelmäßig wegen Einschränkungen demokratischer Rechte kritisiert.

Was ist der Südliche Gaskorridor?

Der Südliche Gaskorridor ist ein Netzwerk mehrerer Pipelines, das Erdgas aus dem Kaspischen Raum über Georgien und die Türkei nach Europa transportiert. Er gilt als wichtigste Alternative zu früheren russischen Gaslieferungen.

OZD-Extras

Mit geschätzten Erdgasreserven von mehreren Billionen Kubikmetern zählt Aserbaidschan zu den bedeutendsten Energielieferanten außerhalb Russlands. Die Europäische Union betrachtet den Südkaukasus deshalb als eine ihrer wichtigsten strategischen Energieachsen der kommenden Jahrzehnte.

Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.