Die Übersicht
Nur noch 17 Prozent vertrauen der Handlungsfähigkeit des Staates.
79 Prozent halten den Staat für überfordert.
Größte Sorgen: Rente, Sozialsysteme sowie Wirtschafts- und Finanzpolitik.
Bürokratieabbau und Digitalisierung gelten als wichtigste Reformen.
Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Leistungsfähigkeit des deutschen Staates ist auf einen historischen Tiefstand gefallen. Nach einer am Donnerstag veröffentlichten Forsa-Umfrage im Auftrag des Deutschen Beamtenbundes (dbb) glauben nur noch 17 Prozent der Befragten, dass der Staat seine Aufgaben zuverlässig erfüllen kann. Dagegen sind 79 Prozent überzeugt, dass Bund, Länder und Kommunen angesichts der Vielzahl ihrer Aufgaben überfordert sind.
Für den Bundesvorsitzenden des Deutschen Beamtenbundes, Volker Geyer, sind die Ergebnisse eindeutig. Er sprach von einer "Katastrophe und Weckruf für die Regierung". Das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates sei "auf einen neuen Tiefststand gefallen". Seine Forderung an die Politik lautet unmissverständlich: "Die Politik muss handeln, um diesen Sinkflug zu stoppen."
Die Sorgen der Bevölkerung haben sich dabei deutlich verschoben. Während die Asyl- und Flüchtlingspolitik laut Umfrage erheblich an Bedeutung verloren hat, stehen inzwischen die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme, die Renten sowie die Wirtschafts- und Finanzpolitik im Mittelpunkt. Gleichzeitig bewertet erstmals seit Beginn der jährlichen Erhebung mehr als die Hälfte der Befragten die Leistungsfähigkeit des öffentlichen Dienstes als schlechter als in den vergangenen Jahren.
Bemerkenswert ist, dass die Bürger die Verantwortung für diese Entwicklung nicht bei den Beschäftigten der Behörden sehen. Vielmehr machen sie vor allem Politikerinnen und Politiker für die Probleme verantwortlich. Aus Sicht von Volker Geyer erwartet die Bevölkerung Reformen, die den Alltag tatsächlich verbessern, Wirtschaftswachstum fördern, die Sozialsysteme stabilisieren und den Staat wieder handlungsfähiger machen.
Als wichtigste Maßnahmen nennen die Befragten den Abbau übermäßiger Bürokratie und eine Vereinfachung von Vorschriften. 86 Prozent sprechen sich dafür aus. 78 Prozent wünschen deutlich kürzere Bearbeitungszeiten in Behörden, während 72 Prozent auf einen konsequenten Ausbau digitaler Verwaltungsangebote setzen. Dem neu geschaffenen Digitalministerium traut allerdings bislang nur rund jeder Fünfte zu, in den kommenden Jahren spürbare Fortschritte zu erzielen.
Auch bei der Bewertung einzelner staatlicher Einrichtungen zeigen sich deutliche Unterschiede. Besonders positiv schneiden weiterhin Straßenreinigung, Müllabfuhr sowie Bibliotheken und Museen ab. Am schlechtesten werden dagegen Bundesministerien und Landesministerien bewertet. Im Berufsranking genießen Feuerwehrleute, Pflegekräfte und Ärzte weiterhin das höchste Ansehen. Politiker bilden gemeinsam mit Versicherungsvertretern und Mitarbeitern von Werbeagenturen das Schlusslicht.
Nach Einschätzung des dbb ist die sinkende Leistungsfähigkeit vor allem eine Folge wachsender Aufgaben, fehlenden Personals und einer vielfach veralteten technischen Ausstattung. "Wir warnen seit Jahren davor, dass die Schere zwischen Anforderung und Kapazitäten immer weiter auseinandergeht", erklärte Geyer. "Trotzdem lädt die Politik den Beschäftigten immer mehr Aufgaben auf."
Für die repräsentative Erhebung befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa ausgewählte Bürgerinnen und Bürger. Die statistische Fehlertoleranz liegt bei plus/minus 2,5 Prozentpunkten.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Vertrauen ist der wichtigste Rohstoff einer Demokratie
Diese Umfrage ist weit mehr als eine Momentaufnahme. Wenn nur noch jeder sechste Bürger daran glaubt, dass der Staat seine Aufgaben bewältigen kann, gerät das Fundament einer Demokratie ins Wanken. Vertrauen entsteht nicht durch Ankündigungen, sondern durch funktionierende Behörden, schnelle Entscheidungen und nachvollziehbare Politik. Die Bürger erwarten keine Perfektion, aber sichtbare Verbesserungen. Bleiben Reformen aus, drohen Politikverdrossenheit, sinkende Wahlbeteiligung und eine weitere Stärkung politischer Ränder. Die Bundesregierung, aber auch Länder und Kommunen stehen unter enormem Handlungsdruck.
Historischer Hintergrund
Deutschland verfügt traditionell über einen leistungsfähigen öffentlichen Dienst, der international lange als effizient und verlässlich galt. In den vergangenen Jahren führten jedoch die Corona-Pandemie, Energiekrise, Inflation, Migration, Digitalisierung, demografischer Wandel und zunehmende Bürokratie zu einer erheblichen Mehrbelastung staatlicher Institutionen. Gleichzeitig verschärften Fachkräftemangel und Investitionsrückstände die Situation in Verwaltungen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene.
Zukunftsprognose
Sollten Bürokratieabbau, Digitalisierung und Verwaltungsmodernisierung nicht deutlich beschleunigt werden, dürfte das Vertrauen der Bevölkerung weiter sinken. Gleichzeitig könnten Investitionen und Unternehmensgründungen durch langsame Genehmigungsverfahren gebremst werden. Gelingt dagegen eine umfassende Modernisierung des Staates, könnte dies nicht nur das Vertrauen der Bürger stärken, sondern auch das Wirtschaftswachstum fördern und Deutschlands internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessern.
An den Börsen wirken solche Umfragen meist nicht unmittelbar. Langfristig beobachten Investoren jedoch genau, wie effizient staatliche Institutionen arbeiten. Eine leistungsfähige Verwaltung erleichtert Investitionen, Infrastrukturprojekte und Unternehmensgründungen. Anhaltendes Misstrauen gegenüber staatlichen Strukturen kann dagegen das Investitionsklima belasten und sich mittelbar auf den Wirtschaftsstandort Deutschland auswirken.
Das Gewinnspiel
Frage: Wie viele Befragte vertrauen laut der Forsa-Umfrage noch darauf, dass der Staat seine Aufgaben erfüllen kann?
A) 42 Prozent
B) 31 Prozent
C) 17 Prozent
D) 9 Prozent
Gewinnspiel:
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
OZD-Analyse
Hauptpunkt: Vertrauenskrise des Staates
– Das Vertrauen in staatliche Leistungsfähigkeit erreicht den niedrigsten Wert seit Beginn der Erhebung.
Hauptpunkt: Ursachen
– a) Wachsende Bürokratie und komplexe Verwaltungsverfahren.
– b) Personalmangel und veraltete technische Ausstattung.
– c) Zweifel an der politischen Handlungsfähigkeit und Reformgeschwindigkeit.
Hauptpunkt: Folgen
– Sinkendes Vertrauen in politische Institutionen, steigender Reformdruck, mögliche Auswirkungen auf Investitionsklima, Wirtschaftswachstum und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Erklärungen
Was ist der Deutsche Beamtenbund (dbb)?
Der Deutsche Beamtenbund (dbb) ist eine der größten Interessenvertretungen des öffentlichen Dienstes in Deutschland. Er vertritt Beamte sowie Tarifbeschäftigte in Bund, Ländern und Kommunen und setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen, eine leistungsfähige Verwaltung und Reformen im öffentlichen Dienst ein.
Was ist Forsa?
Forsa ist eines der bekanntesten Meinungsforschungsinstitute Deutschlands. Das Institut führt regelmäßig repräsentative Umfragen zu Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Wahlen durch. Die Ergebnisse dienen häufig als Stimmungsbild der Bevölkerung und werden von Medien, Wissenschaft und Politik ausgewertet.
OZD-Extras
Internationale Studien zeigen regelmäßig, dass Länder mit einer besonders effizienten und digitalisierten Verwaltung häufig auch ein höheres Wirtschaftswachstum, mehr Unternehmensgründungen und ein größeres Vertrauen ihrer Bevölkerung in staatliche Institutionen aufweisen.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.