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Deutsche Wirtschaft wächst stärker als erwartet: Institute verdoppeln fast ihre Prognose für 2026

Deutschlands Wirtschaft wächst 2026 stärker als erwartet. Führende Institute rechnen nun mit 1,3 Prozent Plus – warnen aber vor strukturellen Risiken.

Fakten im Überblick

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten für Deutschland 2026 ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent statt der im Frühjahr prognostizierten 0,6 Prozent.

Für 2027 rechnen die Institute mit 1,1 Prozent Wachstum, für 2028 nur noch mit 0,4 Prozent.

Exporte, Industrie und die robuste Weltkonjunktur treiben die Erholung, während hohe Energiepreise, Fachkräftemangel und steigende Staatsdefizite belasten.

Die deutsche Wirtschaft entwickelt sich 2026 deutlich besser als noch vor wenigen Monaten erwartet. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für das laufende Jahr kräftig angehoben und rechnen nun mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um 1,3 Prozent. Im Frühjahr waren sie lediglich von 0,6 Prozent ausgegangen. Damit steigt die Vorhersage um 0,7 Prozentpunkte. „Die Stimmung ist schlechter als die Lage“, sagte Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Die am Donnerstag veröffentlichte Gemeinschaftsdiagnose bestätigt, dass sich Deutschland seit Ende 2025 wieder in einem Aufschwung befindet. Die Wirtschaftsleistung ist demnach in den vergangenen drei Quartalen beschleunigt gestiegen und liegt erstmals wieder über dem Niveau, das vor der Gaspreiskrise des Jahres 2022 erreicht worden war.

Vor allem das erste Halbjahr 2026 verlief kräftiger als von den Ökonomen erwartet. Exporte und Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe legten „überraschend stark“ zu. Rückenwind kam von einer robusten Weltwirtschaft und dem internationalen Boom rund um Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig waren Wettbewerber aus der Golfregion infolge des Iran-Kriegs von Produktionsbeeinträchtigungen betroffen. Trotz der besseren Konjunkturdaten sehen die Institute allerdings keinen breit getragenen Boom. „Die Wirtschaft hat sich robuster entwickelt als erwartet. Der Aufschwung steht jedoch auf einem schmalen Fundament, denn hohe Energiepreise und Strukturprobleme belasten“, erklärte Holtemöller. Im laufenden Quartal kommt mit dem Niedrigwasser ein weiterer vorübergehender Belastungsfaktor hinzu.

Besonders deutlich wird die Vorsicht der Ökonomen beim Blick auf die kommenden Jahre. Für 2027 erwarten sie noch ein Wachstum von 1,1 Prozent. 2028 soll das Bruttoinlandsprodukt dagegen nur noch um 0,4 Prozent zulegen. „Im Jahr 2028 verliert die Expansion an Tempo“, heißt es in der Diagnose. Ein wesentlicher Grund liegt nach Einschätzung der Institute in langfristigen strukturellen Problemen. Der demografische Wandel verringert das Arbeitskräfteangebot, während der Fachkräftemangel Unternehmen bereits heute in zahlreichen Branchen belastet. Die Institute sprechen von einem demografiebedingt sinkenden Potenzialwachstum.

Ein weiteres Problem sehen die Forscher bei Unternehmen und privaten Haushalten. Die Investitionen der Unternehmen bleiben verhalten, während auch der private Konsum hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Holtemöller führt dies vor allem auf mangelndes Vertrauen zurück. „Die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte sind aufwärtsgerichtet“, sagte er. „Auch die Inflation der vergangenen Jahre ist bei den Löhnen mehr als ausgeglichen worden.“ Der Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs habe zugleich keinen breiten neuen Preisschub ausgelöst. Trotzdem hielten sich viele Verbraucher mit Ausgaben zurück. „Es braucht einfach ein Klima, in dem die Menschen wieder Vertrauen haben, dass es in diesem Land vernünftig weitergeht“, sagte Holtemöller. „Das scheint mir das größte Problem im Moment zu sein.“

Deutliche Kritik üben die Institute an der Finanzpolitik der Bundesregierung. Bereits der Titel ihrer Gemeinschaftsdiagnose fällt ungewöhnlich klar aus: „Aufschwung mit Strukturproblemen – Finanzpolitik auf Abwegen“. Die Forscher erwarten, dass das staatliche Finanzierungsdefizit gemessen am Bruttoinlandsprodukt von 4,1 Prozent im laufenden Jahr auf 4,7 Prozent im Jahr 2028 steigt. Nach Einschätzung der Institute baut sich dadurch ein zunehmender Konsolidierungsbedarf auf. Zudem könnten nach dem Auslaufen der nationalen Ausweichklausel Spannungen zwischen der deutschen Finanzplanung und den europäischen Haushaltsregeln entstehen.

Torsten Schmidt vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hält es deshalb für „dringend geboten“, angekündigte Reformen nicht wieder aufzugeben „und die Kürzungsmaßnahmen und die Einsparungsmaßnahmen dort auch durchzuführen, wo sie angekündigt wurden“. Die wirtschaftspolitische Debatte dürfte sich damit weiter verschärfen: Einerseits stützen staatliche Ausgaben derzeit die Konjunktur, andererseits warnen die Institute vor dauerhaft wachsenden Defiziten und fehlenden strukturellen Reformen. Die Gemeinschaftsdiagnose macht damit deutlich, dass Deutschland die akute Schwächephase zwar schneller als erwartet überwinden könnte, die langfristigen Wachstumsprobleme aber keineswegs gelöst sind.

OZD/AFP

OZD-Kommentar – Bessere Zahlen lösen Deutschlands Probleme noch nicht

1,3 Prozent Wachstum sind eine deutlich bessere Perspektive als noch im Frühjahr. Nach Jahren schwacher wirtschaftlicher Entwicklung ist die kräftige Aufwärtskorrektur deshalb ein wichtiges Signal. Sie zeigt, dass die deutsche Wirtschaft widerstandsfähiger ist, als die teilweise sehr negative öffentliche Stimmung vermuten lässt.

Gleichzeitig mahnt die Gemeinschaftsdiagnose zur Vorsicht. Der Aufschwung hängt nach Einschätzung der Institute an vergleichsweise wenigen Stützen. Exporte und Industrie entwickeln sich besser, während Investitionen und privater Konsum schwach bleiben. Hohe Energiepreise und der demografische Wandel wirken zusätzlich belastend.

Politisch besonders relevant ist der Konflikt zwischen kurzfristiger Konjunkturstützung und langfristiger Tragfähigkeit der Staatsfinanzen. Staatliche Ausgaben können Wachstum stabilisieren, gleichzeitig erwarten die Institute einen weiteren Anstieg des Finanzierungsdefizits. Welche Kombination aus Investitionen, Einsparungen und Reformen gewählt wird, bleibt eine politische Abwägung.

Der entscheidende Test kommt deshalb nach 2026. Die Institute erwarten bereits 2028 nur noch 0,4 Prozent Wachstum. Sollte es nicht gelingen, Investitionen, Produktivität und Arbeitskräfteangebot dauerhaft zu stärken, könnte der aktuelle Aufschwung relativ schnell an Dynamik verlieren.

Historischer Hintergrund

Deutschland gehörte über Jahrzehnte zu den besonders exportorientierten Volkswirtschaften der Welt. Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie und andere Industriezweige profitierten von offenen Weltmärkten, vergleichsweise günstiger Energie und einer starken Nachfrage aus Europa, den USA und China.

Dieses Modell geriet in den vergangenen Jahren zunehmend unter Druck. Die Energiekrise nach 2022, geopolitische Konflikte, Veränderungen im Welthandel und der beschleunigte technologische Wandel belasteten insbesondere energieintensive Industriezweige.

Seit Ende 2025 befindet sich die deutsche Wirtschaft nach Einschätzung der Gemeinschaftsdiagnose wieder im Aufschwung. Die Wirtschaftsleistung liegt inzwischen erstmals wieder über dem Stand vor der damaligen Gaspreiskrise.

Die Gemeinschaftsdiagnose selbst wird regelmäßig von führenden Wirtschaftsforschungsinstituten erstellt. Sie analysieren im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums die deutsche und internationale Konjunktur und liefern damit eine wichtige wissenschaftliche Grundlage für die wirtschaftspolitische Debatte. Die aktuelle Ausgabe ist die 153. Gemeinschaftsdiagnose.

Zukunftsprognose

Wirtschaftlich dürfte Deutschland zunächst weiter wachsen. Für 2027 erwarten die Institute ein Plus von 1,1 Prozent. Danach lässt die Dynamik ihrer Prognose zufolge deutlich nach: Für 2028 werden lediglich 0,4 Prozent erwartet.

Politisch dürfte die Gemeinschaftsdiagnose den Streit über Staatsausgaben, Reformen und Einsparungen verstärken. Besonders relevant ist die Prognose eines steigenden staatlichen Finanzierungsdefizits. Die Bundesregierung muss dabei sowohl nationale Investitionsziele als auch europäische Haushaltsregeln berücksichtigen.

Gesellschaftlich wird entscheidend sein, ob die bessere wirtschaftliche Lage bei den Menschen ankommt. Wenn Einkommen steigen, die Verbraucher aber wegen Unsicherheit weiter sparen, bleibt eine wichtige Wachstumsquelle schwach. Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung wird damit selbst zu einem relevanten Konjunkturfaktor.

International profitiert Deutschland aktuell von einer robusten Weltwirtschaft. Als exportorientiertes Land bleibt die Bundesrepublik zugleich besonders anfällig für Handelskonflikte, geopolitische Krisen und Störungen globaler Lieferketten.

Was ist die Gemeinschaftsdiagnose?

Die Gemeinschaftsdiagnose ist eine regelmäßig veröffentlichte Analyse führender deutscher Wirtschaftsforschungsinstitute. Sie untersucht die Konjunktur in Deutschland und der Welt und erstellt Prognosen für Wachstum, Beschäftigung, Preise und Staatsfinanzen.

Was bedeutet ein BIP-Wachstum von 1,3 Prozent?

Das Bruttoinlandsprodukt misst den Wert der in Deutschland produzierten Waren und Dienstleistungen. Ein reales Wachstum von 1,3 Prozent bedeutet, dass die preisbereinigte Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorjahr entsprechend zunimmt.

Wer ist Oliver Holtemöller?

Oliver Holtemöller ist Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Er gehört zu den wissenschaftlichen Ansprechpartnern der Gemeinschaftsdiagnose und beschäftigt sich insbesondere mit Konjunktur, Wirtschaftspolitik und gesamtwirtschaftlichen Prognosen.

Warum ist der Fachkräftemangel ein Wachstumsproblem?

Wenn Unternehmen offene Stellen dauerhaft nicht besetzen können, können Produktion und Dienstleistungen trotz vorhandener Nachfrage nicht beliebig ausgeweitet werden. Mit dem Ausscheiden geburtenstarker Jahrgänge aus dem Arbeitsmarkt verschärft der demografische Wandel dieses Problem.

OZD-Extra – Was die neue Prognose für Börse, Aktien, Euro und Rohstoffe bedeutet

Eine stärkere deutsche Konjunktur ist grundsätzlich für Unternehmen interessant, deren Geschäft stark von Investitionen und industrieller Produktion abhängt. Dazu zählen beispielsweise Maschinenbau, Industrieausrüster, Logistik und Teile der Finanzbranche. Die Gemeinschaftsdiagnose ist jedoch keine Aktienprognose und erlaubt keine belastbare Aussage über einzelne Kurse.

Für den DAX kann eine bessere Konjunktur im Heimatmarkt grundsätzlich unterstützend wirken. Viele der größten deutschen börsennotierten Unternehmen erwirtschaften allerdings einen erheblichen Teil ihrer Umsätze außerhalb Deutschlands. Weltkonjunktur, USA, China, Wechselkurse und geopolitische Entwicklungen bleiben deshalb wichtige Einflussgrößen.

Beim Euro sind die Auswirkungen noch indirekter. Für die Währung sind neben dem Wachstum Deutschlands vor allem die Entwicklung des gesamten Euroraums und die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank relevant.

Bei Rohstoffen stehen insbesondere Energiepreise im Fokus. Die Institute nennen hohe Energiepreise ausdrücklich als Belastungsfaktor des Aufschwungs. Für die energieintensive deutsche Industrie bleibt die Entwicklung bei Öl, Gas und Strom deshalb von erheblicher Bedeutung.

Gewinnspiel

Wie stark soll die deutsche Wirtschaft nach der neuen Gemeinschaftsdiagnose 2026 wachsen?

A: 0,4 Prozent

B: 0,8 Prozent

C: 1,3 Prozent

D: 2,1 Prozent

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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.