Fakten im Überblick
Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten 2026 ein Wachstum der deutschen Wirtschaft von 1,3 Prozent, sehen den Aufschwung aber auf einem schmalen Fundament.
Besonders kritisch bewerten die Ökonomen die langfristige Politik bei Energieversorgung und Demografie sowie den geplanten Tankrabatt.
Das staatliche Finanzierungsdefizit könnte nach der Gemeinschaftsdiagnose von 4,1 Prozent des BIP 2026 auf 4,7 Prozent im Jahr 2028 steigen.
Die deutsche Wirtschaft erholt sich stärker als noch vor wenigen Monaten erwartet – doch führende Wirtschaftsforschungsinstitute verbinden ihre neue Prognose mit deutlicher Kritik an der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung. Bei der Vorstellung ihrer Gemeinschaftsdiagnose am Donnerstag warnten die Ökonomen vor fehlendem langfristigem Denken bei den beiden „Megabaustellen“ Demografie und Energieversorgung. Zugleich trägt das Herbstgutachten den unmissverständlichen Titel „Aufschwung mit Strukturproblemen – Finanzpolitik auf Abwegen“. Die Institute rechnen für 2026 mit einem Wachstum des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent, nach 1,1 Prozent 2027 soll das Plus 2028 jedoch auf nur noch 0,4 Prozent zurückgehen. Gegenüber ihrer Frühjahrsprognose haben die Forscher ihre Erwartungen für das laufende Jahr damit deutlich um 0,7 Prozentpunkte angehoben.
Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) forderte die Bundesregierung auf, Demografie und Energieversorgung „vernünftig“ zu adressieren. Andernfalls werde sich „die Lage und die Stimmung in den Unternehmen nicht nachhaltig verbessern“. Die Alterung der Bevölkerung lasse „die Sozialversicherungsbeiträge immer weiter steigen“. Zugleich führe die Rentenreform der Bundesregierung „insgesamt unterm Strich zu einer steigenden Beitragsbelastung“. Hinter der Kritik steht ein langfristiges wirtschaftliches Problem: Das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland schrumpft. Die Institute sehen darin einen wesentlichen Grund dafür, dass selbst der gegenwärtige Aufschwung im historischen Vergleich ungewöhnlich schwach bleibt. Die Erwerbstätigkeit ist bereits seit rund eineinhalb Jahren rückläufig.
Noch grundsätzlicher fällt Holtemöllers Kritik an der Energiepolitik aus. Eine Vision, wie die Energiewende im Einklang mit dem Klimaschutzgesetz vollzogen werden solle, sei „noch nicht mal ansatzweise“ erkennbar. Es bleibe offen, „mit welchen Maßnahmen, mit welchen Reformen, mit welchen Rahmenbedingungen“ Deutschland dauerhaft aus fossilen Brennstoffen aussteigen wolle. Gleichzeitig gehören hohe Energiepreise nach Einschätzung der Institute zu den Belastungsfaktoren der deutschen Wirtschaft. Der Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs hat die Konjunktur 2026 gebremst, ohne bislang eine breite neue Inflationswelle bei anderen Gütern auszulösen. Die Institute erwarten für das laufende Jahr eine Inflationsrate von 2,8 Prozent und für 2027 von 3,2 Prozent.
Kritik gibt es auch an der industriepolitischen Ausrichtung. Ifo-Ökonom Timo Wollmershäuser sieht einen zu starken Fokus auf „bestehende Industrien“. „Das sind die, die im Grunde genommen natürlich auch die größte Lobby haben, die am lautesten sind“, sagte er. „Aber es fällt so ein bisschen in der ganzen wirtschaftspolitischen Strategie unter den Tisch, dass ganz viel Neues derzeit entsteht.“ Die Institute verweisen zugleich auf die Chancen neuer Technologien. Der weltweite Boom bei Künstlicher Intelligenz stützt derzeit Investitionen und Produktion, insbesondere in den USA und Asien. Auch Deutschland profitiert unter anderem über Datenverarbeitungstechnik, Rechenzentren sowie Informations- und Kommunikationsdienstleistungen.
Besonders kritisch beurteilen die Ökonomen den Tankrabatt. Wollmershäuser bezeichnete ihn als „letztendlich ein Geschenk“, von dem auch viele Menschen profitierten, die keine staatliche Unterstützung benötigten. „Es wäre wesentlich sinnvoller, gezielt vorzugehen.“ Holtemöller nannte die Maßnahme „ökonomisch kontraproduktiv“, weil Kraftstoffe bei knappem Angebot künstlich verbilligt würden. Bereits in ihrer Frühjahrsdiagnose hatten die Institute vor einem solchen Instrument gewarnt: Ein Tankrabatt könne das Preissignal verzerren, die Nachfrage nach Erdöl erhöhen und dadurch einen Teil der staatlichen Entlastung über steigende Weltmarktpreise letztlich zu ausländischen Lieferanten verschieben. Sozialpolitische Hilfen sollten nach Ansicht der Forscher stattdessen zielgerichtet erfolgen.
Einen allgemeinen Bedarf für zusätzliche Entlastungen sehen die Ökonomen derzeit nicht. „Die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte sind aufwärtsgerichtet“, sagte Holtemöller. „Auch die Inflation der vergangenen Jahre ist bei den Löhnen mehr als ausgeglichen worden.“ Dennoch bleibt der private Konsum schwach. Als einen wichtigen Faktor sehen die Institute die Stimmung und die Unsicherheit der Verbraucher. „Es braucht einfach ein Klima, in dem die Menschen wieder Vertrauen haben, dass es in diesem Land vernünftig weitergeht“, sagte Holtemöller. „Das scheint mir das größte Problem im Moment zu sein.“ Die aktuelle Gemeinschaftsdiagnose bestätigt das Spannungsfeld: Während sich die Stimmungsindikatoren aufgehellt haben, blieben Unternehmensinvestitionen und privater Konsum zuletzt schwach.
Auch die jüngsten Wahlergebnisse beschäftigen die Wirtschaftsforscher. Sie warnen vor einer „in Teilen stärker populistisch geprägten Politik“, insbesondere in der Migrationspolitik. Holtemöller verwies darauf, dass Deutschland wegen des schrumpfenden Erwerbspersonenpotenzials Offenheit „für Einwanderung von qualifizierten Beschäftigten“ brauche. Er verwies zugleich auf Studien, denen zufolge Regionen unter populistisch geprägten Regierungen eine schwächere wirtschaftliche Entwicklung aufweisen könnten, wobei er Offenheit als einen wichtigen Übertragungskanal nannte. Diese Aussage ist eine wirtschaftspolitische Interpretation der Institute; welche konkreten politischen Maßnahmen daraus folgen sollten, ist Gegenstand der politischen Debatte.
Besonders eindringlich fällt schließlich die Warnung vor einer ausufernden Verschuldung aus. Torsten Schmidt vom RWI bezeichnete es als „dringend geboten“, an angekündigten Reformen festzuhalten „und die Kürzungsmaßnahmen und die Einsparungsmaßnahmen dort auch durchzuführen, wo sie angekündigt wurden“. Holtemöller erklärte, es führe „kein Weg daran vorbei, harte Entscheidungen zu treffen“. Die Gemeinschaftsdiagnose erwartet, dass das staatliche Finanzierungsdefizit gemessen am Bruttoinlandsprodukt von 4,1 Prozent 2026 auf 4,7 Prozent 2028 steigt. Nach Einschätzung der Institute könnten daraus nach dem Auslaufen der nationalen Ausweichklausel Spannungen zwischen der deutschen Finanzplanung und dem europäischen Fiskalregelwerk entstehen.
Damit fällt das wirtschaftspolitische Gesamtbild widersprüchlich aus. Deutschland befindet sich nach Einschätzung der Institute seit Ende 2025 wieder im Aufschwung. Exporte und industrielle Wertschöpfung entwickelten sich im ersten Halbjahr 2026 überraschend stark, unterstützt von der robusten Weltwirtschaft und dem globalen KI-Boom. Doch langfristig sehen die Forscher erhebliche strukturelle Belastungen: eine alternde Bevölkerung, ein schrumpfendes Arbeitskräfteangebot, hohe Energiepreise und wachsenden Konsolidierungsdruck in den öffentlichen Haushalten. Ihre zentrale Botschaft an Berlin lautet deshalb: Der bessere Konjunkturausblick verschafft der Bundesregierung etwas Luft – die grundlegenden Probleme der deutschen Wirtschaft löst er nicht.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Bessere Konjunktur, ungelöste Strukturprobleme
Die Gemeinschaftsdiagnose zeichnet zwei unterschiedliche Bilder der deutschen Wirtschaft. Kurzfristig ist die Lage günstiger als noch im Frühjahr erwartet. Die Institute haben ihre Wachstumsprognose für 2026 deutlich angehoben. Gleichzeitig erwarten sie, dass sich die Dynamik bis 2028 wieder erheblich abschwächt.
Die Kritik der Institute richtet sich deshalb weniger gegen die aktuelle Konjunkturlage als gegen langfristige Rahmenbedingungen. Demografie, Energieversorgung, Arbeitskräfteangebot und Staatsfinanzen verändern sich über Jahre oder Jahrzehnte. Wirtschaftspolitische Entscheidungen in diesen Bereichen wirken entsprechend langfristig.
Beim Tankrabatt zeigt sich ein anderer Konflikt. Kurzfristige Entlastungen können für Haushalte unmittelbar spürbar sein. Die Institute argumentieren jedoch, dass eine pauschale Verbilligung von Kraftstoffen falsche Preissignale setzen und auch Haushalte entlasten würde, die Unterstützung nicht benötigen. Die Bundesregierung muss solche Einwände gegen soziale und politische Ziele ihrer Maßnahmen abwägen.
Für die weitere wirtschaftspolitische Debatte dürfte deshalb entscheidend sein, ob die verbesserte Konjunktur genutzt wird, um längerfristige Reformen umzusetzen, oder ob kurzfristige Entlastungen stärker in den Vordergrund rücken. Die Institute haben sich in dieser Frage klar positioniert; die politischen Entscheidungen darüber liegen bei Bundesregierung und Bundestag.
Historischer Hintergrund
Die Gemeinschaftsdiagnose gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten unabhängigen Konjunkturgutachten in Deutschland. Sie wird zweimal jährlich im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellt.
An der Herbstdiagnose 2026 sind das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, das ifo Institut in München, das Kiel Institut für Weltwirtschaft, das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle und das RWI in Essen beteiligt.
Deutschland durchlief seit Beginn der 2020er-Jahre mehrere außergewöhnliche wirtschaftliche Belastungen. Auf die Corona-Pandemie folgten der russische Angriff auf die Ukraine, die Gaspreiskrise, hohe Inflation und eine längere Phase wirtschaftlicher Schwäche.
Nach Einschätzung der Institute befindet sich die deutsche Wirtschaft seit Ende 2025 wieder im Aufschwung. Das reale Bruttoinlandsprodukt liegt inzwischen erstmals wieder über dem Niveau, das vor der Gaspreiskrise 2022 erreicht worden war.
Zukunftsprognose
Für 2026 erwarten die Institute ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent. 2027 soll das Bruttoinlandsprodukt um 1,1 Prozent wachsen, 2028 nur noch um 0,4 Prozent. Das langfristige Wachstum wird insbesondere durch die demografische Entwicklung begrenzt.
Politisch dürfte der Druck auf die Bundesregierung steigen, ihre Renten-, Energie-, Migrations- und Haushaltspolitik stärker miteinander zu verzahnen. Dabei stehen unterschiedliche Ziele nebeneinander: soziale Absicherung, bezahlbare Energie, Klimaschutz, Fachkräftegewinnung und tragfähige Staatsfinanzen.
Für Unternehmen bleiben Energiepreise, Arbeitskräfteangebot und Planungssicherheit zentrale Faktoren. Besonders energieintensive Industriezweige reagieren empfindlich auf dauerhaft hohe Kosten.
An den Börsen könnten Unternehmen profitieren, die am weltweiten KI-Ausbau, an Rechenzentren, Digitalisierung und entsprechender Infrastruktur beteiligt sind. Gleichzeitig warnen die Institute ausdrücklich vor dem Risiko überhöhter Erwartungen an den KI-Boom. Eine Neubewertung hoch bewerteter Unternehmen könnte Investitionen und Konjunktur belasten.
Bei Rohstoffen bleibt insbesondere Erdöl relevant. Solange Transportwege aus der Golfregion erheblich gestört sind, sehen die Institute ein beträchtliches Angebotsdefizit und entsprechende Risiken für die Ölpreise. Für den Euro könnten langfristig hohe deutsche Defizite und Spannungen mit europäischen Fiskalregeln relevant werden; konkrete Wechselkursbewegungen lassen sich daraus jedoch nicht seriös ableiten.
Was ist die Gemeinschaftsdiagnose?
Die Gemeinschaftsdiagnose ist eine gemeinsame Analyse führender deutscher Wirtschaftsforschungsinstitute. Sie untersucht Konjunktur, Arbeitsmarkt, Inflation, Staatsfinanzen und internationale Entwicklungen und legt Prognosen für die deutsche Wirtschaft vor.
Wer ist Oliver Holtemöller?
Oliver Holtemöller ist Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle und einer der wissenschaftlichen Ansprechpartner der Gemeinschaftsdiagnose.
Warum kritisieren die Institute den Tankrabatt?
Die Ökonomen argumentieren, dass eine künstliche Verbilligung von Kraftstoffen bei knappem Angebot die Nachfrage stützt und damit das eigentliche Knappheitssignal abschwächt. Zudem profitieren von einer pauschalen Entlastung unabhängig vom Einkommen grundsätzlich viele Verbraucher. Die Institute bevorzugen deshalb zielgerichtete Transfers.
Warum wird die Demografie zum Wirtschaftsproblem?
Wenn mehr Beschäftigte in den Ruhestand gehen als neue Arbeitskräfte nachrücken, schrumpft das Erwerbspersonenpotenzial. Das kann Wachstum begrenzen und zugleich die Finanzierung von Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung belasten.
OZD-Extra – Deutschlands Aufschwung hat einen überraschenden KI-Faktor
Die deutsche Konjunktur profitiert nach Einschätzung der Institute indirekt vom weltweiten Boom rund um Künstliche Intelligenz. Der Ausbau von Rechenkapazitäten sorgt insbesondere in den USA und Asien für hohe Investitionen. Taiwan und Südkorea profitieren stark von ihrer Rolle in den entsprechenden Technologie-Lieferketten.
Auch Deutschland bekommt davon Impulse. Die Institute nennen unter anderem den Export von Datenverarbeitungsgeräten, den Bau von Rechenzentren sowie Dienstleistungen aus Information und Kommunikation.
Doch gerade hier warnen die Ökonomen vor einem möglichen Rückschlag. Sollten sich die hohen Gewinnerwartungen hinter Investitionen und Unternehmensbewertungen nicht erfüllen, könnte eine Neubewertung von KI-Unternehmen drastisch ausfallen und über sinkende Investitionen auch die Konjunktur treffen.
Damit gehört ausgerechnet der KI-Boom gleichzeitig zu den Stützen und zu den Risiken des aktuellen weltwirtschaftlichen Aufschwungs.
Gewinnspiel
Wie stark soll die deutsche Wirtschaft nach der Herbstprognose der führenden Institute 2026 wachsen?
A: 0,4 Prozent
B: 0,8 Prozent
C: 1,3 Prozent
D: 2,6 Prozent
Zum großen OZD-Gewinnspiel 2026 – Gutscheine gewinnen
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.