Fakten im Überblick
Bei russischen Raketen- und Drohnenangriffen wurden nach ukrainischen Angaben landesweit mindestens sieben Menschen getötet, darunter ein Kind.
Energieanlagen in Kiew und weiteren Regionen wurden getroffen, zeitweise mussten Notabschaltungen vorgenommen werden.
Russland bestätigte Angriffe auf Energieanlagen, erklärte jedoch, diese hätten unter anderem der ukrainischen Militärproduktion gedient.
Kurz vor Beginn der kalten Jahreszeit hat Russland die ukrainische Energieversorgung mit einer der schwersten kombinierten Angriffswellen seit Monaten attackiert. In der Nacht zum Mittwoch und im weiteren Tagesverlauf trafen Raketen und Drohnen Kiew, die umliegende Region und weitere Teile der Ukraine. Nach den jüngsten ukrainischen Angaben kamen landesweit mindestens sieben Menschen ums Leben, darunter ein Kind, zahlreiche weitere wurden verletzt. Regierungschef Serhij Korezkyj wertete die Angriffe als Beginn einer neuen massiven russischen Kampagne gegen die Energieinfrastruktur vor dem Winter. Seit dem Sommer seien Energieanlagen nahezu täglich attackiert worden, eine kombinierte Angriffswelle dieses Ausmaßes habe es jedoch seit dem Ende der vergangenen Heizperiode nicht mehr gegeben. Der staatliche Netzbetreiber Ukrenergo musste Notabschaltungen anordnen; in Kiew waren es die ersten entsprechenden Maßnahmen seit dem Frühjahr. Auch der private Energieversorger DTEK meldete Schäden am Stromnetz. In und um die ukrainische Hauptstadt wurden zudem Wohnhäuser, Geschäfte, Lagerhallen und Fahrzeuge beschädigt, Brände brachen aus. Während über Stunden Luftalarm herrschte, suchten Tausende Menschen Schutz in Kellern und U-Bahn-Stationen.
Moskau bestätigte einen umfangreichen Raketen- und Drohnenangriff, stellte die Zielsetzung jedoch anders dar als die ukrainische Regierung. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, unter anderem Energieanlagen in der Region Kiew angegriffen zu haben, die der militärischen Produktion dienten. Außerdem seien ein Kommunikationszentrum in Kiew und Hafeninfrastruktur in Ismajil getroffen worden. Diese militärischen Angaben können unabhängig nicht vollständig überprüft werden. Für die Ukraine besitzt die erneute Angriffswelle eine besondere Bedeutung, weil Strom und Wärme mit fallenden Temperaturen zu einem entscheidenden Faktor für Millionen Zivilisten werden. Bereits in früheren Kriegswintern führten russische Angriffe auf Kraftwerke, Umspannwerke und Stromleitungen zu großflächigen Ausfällen. Reparaturteams mussten Anlagen teilweise wiederholt instand setzen. Nach Angaben von DTEK wurden Kraftwerke des Unternehmens seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 mehr als 230 Mal angegriffen.
Die neue Angriffswelle trifft die Ukraine zudem in einer militärisch angespannten Phase. Kiew warnt vor Engpässen bei der Luftverteidigung, während Russland neben Raketen verstärkt schnellere, strahlgetriebene Drohnen einsetzt, die schwieriger abzufangen sind. Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert deshalb von westlichen Partnern zusätzliche Flugabwehrsysteme und Munition. Gleichzeitig besuchte er einen militärischen Kommandoposten nahe Lyman an der östlichen Front. Selenskyj erklärte dort, ukrainische Truppen hätten bei einer Gegenoffensive Gelände zurückgewonnen und einen russischen Durchbruch in Richtung der wichtigen Donbass-Städte Slowjansk und Kramatorsk verhindert. Dabei handelt es sich um Angaben der ukrainischen Seite. Während an der Front weiter um Gelände gekämpft wird, gewinnt damit erneut eine zweite Ebene des Krieges an Bedeutung: die Fähigkeit der Ukraine, Millionen Menschen auch während eines weiteren Kriegswinters zuverlässig mit Strom, Wasser und Wärme zu versorgen.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Der Winter wird erneut zum strategischen Faktor
Die Angriffe zeigen, dass Energieversorgung längst ein zentraler Bestandteil dieses Krieges ist. Beschädigte Kraftwerke und Stromnetze haben nicht nur militärische oder wirtschaftliche Folgen, sondern können unmittelbar Millionen Haushalte, Krankenhäuser, Wasserversorgung und öffentliche Infrastruktur treffen. Russland erklärt, militärisch relevante Energieanlagen anzugreifen; die Ukraine sieht darin eine gezielte Kampagne gegen ihre Widerstandsfähigkeit im Winter. Entscheidend für die kommenden Monate wird deshalb sein, wie schnell beschädigte Anlagen repariert werden können und ob die ukrainische Flugabwehr ausreichend Schutz bietet. Für die europäischen Unterstützer Kiews dürfte damit neben Waffen und Munition erneut die Lieferung von Luftverteidigung, Generatoren, Transformatoren und anderer Energieausrüstung an Bedeutung gewinnen.
Historischer Hintergrund
Seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 ist die Energieinfrastruktur regelmäßig Ziel großangelegter Angriffswellen. Besonders während der Wintermonate wurden Kraftwerke, Umspannwerke und Stromleitungen attackiert. Russland begründet Angriffe auf bestimmte Energieanlagen mit deren Bedeutung für die ukrainischen Streitkräfte und die Rüstungsproduktion. Die Ukraine wirft Moskau dagegen vor, mit den Angriffen auch die Zivilbevölkerung unter Druck setzen zu wollen. Das ukrainische Stromnetz wurde trotz erheblicher Schäden immer wieder repariert und zudem stärker mit dem europäischen Energiesystem verbunden. Mit jedem weiteren Kriegswinter wächst jedoch die Belastung für Kraftwerke, Netze, Reparaturteams und vorhandene Ersatzteile.
Zukunftsprognose
Mit sinkenden Temperaturen dürfte die Energieversorgung erneut zu einem entscheidenden Faktor des Krieges werden. Weitere russische Angriffswellen auf Kraftwerke und Netze sind angesichts der bisherigen Strategie möglich, während die Ukraine versuchen wird, ihre Luftverteidigung auszubauen und kritische Infrastruktur dezentral abzusichern. Wirtschaftlich könnten längere Stromausfälle Produktion, Handel und Verkehr beeinträchtigen. Gesellschaftlich wären besonders ältere Menschen, Familien und andere vulnerable Gruppen betroffen. International erhöht die Entwicklung den Druck auf europäische Staaten und die USA, neben militärischer Unterstützung auch Ersatzteile, Generatoren und Luftverteidigung bereitzustellen. Wie schwer der Winter tatsächlich wird, hängt wesentlich vom Umfang weiterer Angriffe, den Temperaturen und der Geschwindigkeit ukrainischer Reparaturen ab.
Warum ist die ukrainische Energieversorgung so wichtig?
Das Stromnetz versorgt nicht nur Privathaushalte. Elektrizität wird auch für Wasserversorgung, Krankenhäuser, Telekommunikation, Verkehr, Industrie und zahlreiche Heizsysteme benötigt. Größere Ausfälle können deshalb gleichzeitig mehrere Bereiche des öffentlichen Lebens beeinträchtigen.
Was ist DTEK?
DTEK ist der größte private Energiekonzern der Ukraine und betreibt unter anderem Kraftwerke, Stromnetze und weitere Energieanlagen. Die Infrastruktur des Unternehmens wurde während des Krieges wiederholt durch russische Angriffe beschädigt.
Warum ist Lyman strategisch wichtig?
Lyman liegt in der ostukrainischen Region Donezk und befindet sich in der Nähe wichtiger Verkehrs- und Versorgungsachsen. Die Gegend ist auch deshalb militärisch bedeutsam, weil sie im weiteren Umfeld der von der Ukraine kontrollierten Städte Slowjansk und Kramatorsk liegt, die für die Verteidigung des Donbass eine wichtige Rolle spielen.
OZD-Extra – Neue Drohnen erhöhen den Druck auf die Flugabwehr
Eine zusätzliche Herausforderung sind schnellere strahlgetriebene Angriffsdrohnen. Nach aktuellen Berichten setzte Russland bei der jüngsten Angriffswelle zahlreiche dieser Systeme ein. Sie fliegen erheblich schneller als viele bisher verwendete Angriffsdrohnen und erschweren damit den Einsatz kostengünstiger Abfangsysteme. Für die Ukraine entsteht daraus ein wirtschaftliches und militärisches Problem: Je schwieriger billige Drohnen abzufangen sind, desto stärker steigt der Bedarf an leistungsfähigen und häufig deutlich teureren Luftverteidigungssystemen.
Gewinnspiel
Welcher Bereich stand bei der jüngsten russischen Angriffswelle besonders im Mittelpunkt?
A: Tourismus
B: Energieinfrastruktur
C: Landwirtschaft
D: Universitäten
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.