Fakten im Überblick
Außenminister Johann Wadephul bezeichnet die EU-Erweiterung auf dem Westbalkan als „Nagelprobe für Europa“.
Montenegro führt den Beitrittsprozess an und hat alle 33 Verhandlungskapitel geöffnet, 18 davon sind inzwischen vorläufig abgeschlossen.
Deutschland betrachtet eine engere Bindung des Westbalkans an die EU auch als strategische Frage von Sicherheit und geopolitischem Einfluss.
Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) drängt auf eine schnellere Annäherung der sechs Westbalkan-Staaten an die Europäische Union und verbindet die Erweiterungsfrage ausdrücklich mit Europas geopolitischer Stellung. Vor seiner Reise nach Montenegro erklärte der Außenminister: „Die EU (Europäische Union)-Erweiterung auf dem Westlichen Balkan ist eine Nagelprobe für Europa. Sie entscheidet, welchen Einfluss die EU (Europäische Union) in den nächsten Jahrzehnten haben wird. Nur wenn wir den Westbalkanstaaten eine glaubwürdige EU (Europäische Union)-Perspektive bieten und sie enger an uns binden, sichern wir uns dauerhaft geopolitischen Spielraum.“ Dabei gehe es „gegenüber geopolitischen Kontrahenten und Rivalen“ um europäische „Kerninteressen“ wie Sicherheit, Einfluss und Handlungsfähigkeit. Wadephul fordert deshalb mehr Geschwindigkeit im Beitrittsprozess und weniger Konzentration auf aus seiner Sicht kleinteilige Hürden. Das ändert allerdings nichts daran, dass die Aufnahme neuer Mitglieder nach den EU-Regeln weiterhin an konkrete Voraussetzungen gebunden bleibt. Rechtsstaatlichkeit, demokratische Institutionen, wirtschaftliche Reformen und die Übernahme des europäischen Rechtsbestands gehören zu den zentralen Kriterien.
Im Mittelpunkt von Wadephuls Besuch steht Montenegro. In der Hauptstadt Podgorica trifft er europäische Außenminister im Rahmen des Berlin-Prozesses, den Deutschland 2014 ins Leben gerufen hatte, um die regionale Zusammenarbeit und die Annäherung des Westbalkans an die Europäische Union voranzubringen. Montenegro gilt derzeit auch nach Einschätzung des Rates der EU als Spitzenreiter des Erweiterungsprozesses. Das Land beantragte 2008 die EU-Mitgliedschaft, erhielt 2010 den Kandidatenstatus und führt seit 2012 Beitrittsverhandlungen. Inzwischen sind alle 33 Verhandlungskapitel geöffnet und 18 davon vorläufig abgeschlossen. Allein 2026 konnten mehrere weitere Bereiche abgeschlossen werden, darunter Arbeitnehmerfreizügigkeit, Verbraucher- und Gesundheitsschutz, Wettbewerbspolitik und Zollunion. Im April setzte die EU zudem eine Arbeitsgruppe zur Vorbereitung eines möglichen Beitrittsvertrags mit Montenegro ein. Ein Beitrittstermin ergibt sich daraus jedoch noch nicht: Vorläufig geschlossene Kapitel können überprüft werden, und sämtliche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, bevor ein Beitrittsvertrag abgeschlossen werden kann.
Zum Westbalkan zählen in der EU-Erweiterungspolitik Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien. Ihre Annäherung an Brüssel verläuft mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und wird zunehmend auch als geopolitische Frage betrachtet. Deutschland und andere EU-Staaten wollen verhindern, dass politische und wirtschaftliche Einflussmöglichkeiten anderer Akteure in Südosteuropa wachsen, während die europäische Integration stagniert. Nach seinem Aufenthalt in Podgorica reist Wadephul am Donnerstag weiter nach Rom, wo Gespräche mit Italiens Außenminister Antonio Tajani geplant sind. Dabei soll auch die Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland eine Rolle spielen. Am Freitag besucht Wadephul den Vatikan und reist anschließend zum Antrittsbesuch nach Slowenien. Das EU- und Nato-Mitglied bezeichnete er als „wichtige Brücke zwischen Mittel- und Südosteuropa“. Damit verbindet seine Reise mehrere zentrale außenpolitische Themen: die Erweiterung der EU, die Stabilität Südosteuropas und die europäische Reaktion auf Russlands Krieg gegen die Ukraine.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Mehr Tempo allein reicht nicht
Wadephuls Forderung beschreibt einen strategischen Zielkonflikt der Europäischen Union: Ein jahrelang stockender Beitrittsprozess kann die Glaubwürdigkeit der europäischen Perspektive auf dem Westbalkan schwächen, während eine politische Beschleunigung ohne erfüllte Voraussetzungen die Glaubwürdigkeit der EU-Regeln beeinträchtigen könnte. Montenegro zeigt, dass Fortschritte möglich sind – 18 von 33 Kapiteln sind inzwischen vorläufig abgeschlossen. Gleichzeitig basiert das Erweiterungsverfahren ausdrücklich auf überprüfbaren Reformen. Für die EU wird deshalb entscheidend sein, Geschwindigkeit und Bedingungen miteinander zu verbinden: Kandidaten, die nachweislich Reformen umsetzen, können schneller vorankommen, während Anforderungen an Rechtsstaatlichkeit, demokratische Institutionen und europäische Standards bestehen bleiben.
Historischer Hintergrund
Nach den Kriegen und dem Zerfall Jugoslawiens in den 1990er-Jahren wurde die europäische Integration zu einem zentralen politischen Ziel vieler Staaten Südosteuropas. Slowenien trat 2004 der EU bei, Kroatien folgte 2013. Für die übrigen Staaten des Westbalkans entwickelte Brüssel den Stabilisierungs- und Assoziierungsprozess als Rahmen für die schrittweise Annäherung. Deutschland ergänzte diese Politik 2014 durch den Berlin-Prozess, der regionale Zusammenarbeit, wirtschaftliche Verbindungen und die Vorbereitung auf eine mögliche EU-Mitgliedschaft stärken soll. In den vergangenen Jahren hat die Erweiterungspolitik zusätzlich geopolitische Bedeutung gewonnen, insbesondere vor dem Hintergrund des russischen Krieges gegen die Ukraine und des internationalen Wettbewerbs um politischen und wirtschaftlichen Einfluss in Südosteuropa.
Zukunftsprognose
Montenegro besitzt derzeit die weitest fortgeschrittenen Beitrittsverhandlungen unter den Westbalkan-Staaten. Die Einrichtung einer EU-Arbeitsgruppe für einen möglichen Beitrittsvertrag zeigt, dass die technischen Vorbereitungen weiter voranschreiten. Dennoch gibt es keinen automatischen oder bereits garantierten Aufnahmetermin. Jeder weitere Fortschritt hängt von der Erfüllung der vereinbarten Kriterien und letztlich auch von der Zustimmung der EU-Mitgliedstaaten ab. Für die gesamte Region könnte ein erfolgreicher montenegrinischer Beitrittsprozess eine politische Signalwirkung entfalten. Gleichzeitig dürften Reformtempo, Rechtsstaatlichkeit und außenpolitische Ausrichtung der Kandidaten darüber entscheiden, wie schnell die übrigen Westbalkan-Staaten folgen können.
Was ist der Westbalkan?
Mit dem politischen Begriff Westbalkan bezeichnet die EU Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien. Die Region liegt im Südosten Europas und ist geografisch weitgehend von EU-Mitgliedstaaten umgeben.
Was ist der Berlin-Prozess?
Der Berlin-Prozess wurde 2014 auf Initiative Deutschlands gestartet. Er soll die Zusammenarbeit der Westbalkan-Staaten untereinander verbessern und ihre Annäherung an die Europäische Union unterstützen. Dabei geht es unter anderem um Wirtschaft, Infrastruktur, regionale Zusammenarbeit, gesellschaftlichen Austausch und europäische Integration.
Wie weit ist Montenegro beim EU-Beitritt?
Montenegro verhandelt seit 2012 mit der Europäischen Union. Alle 33 Verhandlungskapitel sind geöffnet, 18 davon waren mit Stand Oktober 2026 vorläufig abgeschlossen. Damit liegt Montenegro im aktuellen EU-Beitrittsprozess weit vorn. Ein vorläufig abgeschlossenes Kapitel bedeutet jedoch noch nicht, dass der gesamte Beitrittsprozess abgeschlossen ist.
OZD-Extra – Warum der Westbalkan geopolitisch so wichtig ist
Die Region verbindet Mittel-, Süd- und Südosteuropa und liegt vollständig innerhalb beziehungsweise unmittelbar an den Außengrenzen des EU-Raums. Für Brüssel geht es deshalb nicht nur um neue Mitglieder, sondern auch um Verkehrswege, Energieversorgung, Migration, Sicherheit und politischen Einfluss. Eine stärkere Integration könnte den europäischen Binnenmarkt langfristig erweitern und Investitionen fördern. Zugleich entstehen durch einen EU-Beitritt auch finanzielle Verpflichtungen, etwa über Struktur- und Agrarfonds. Für Unternehmen können sich neue Märkte und Investitionsmöglichkeiten ergeben; an den Börsen oder beim Euro sind durch einzelne Fortschritte im Erweiterungsprozess dagegen normalerweise keine unmittelbaren großen Kursbewegungen zu erwarten.
Gewinnspiel
Welches Land gilt derzeit als Spitzenreiter im EU-Beitrittsprozess auf dem Westbalkan?
A: Serbien
B: Bosnien und Herzegowina
C: Montenegro
D: Nordmazedonien
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.