Fakten im Überblick
Der Angstindex der R+V-Langzeitstudie liegt 2026 bei 38 Prozent und damit nahe seinem historischen Tiefstand.
59 Prozent der Befragten fürchten weiter steigende Lebenshaltungskosten – sieben Prozentpunkte mehr als 2025.
Die Angst vor einer schlechteren Wirtschaftslage steigt um zehn Prozentpunkte auf 51 Prozent und damit stärker als jede andere abgefragte Sorge.
Die Deutschen haben insgesamt weniger Angst – doch wenn es ums eigene Portemonnaie geht, wächst die Unsicherheit deutlich. Das zeigt die neue R+V-Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen 2026“. Der durchschnittliche Angstindex liegt demnach bei 38 Prozent und damit nur zwei Prozentpunkte über dem bislang niedrigsten Wert aus dem Jahr 2021. Zum Vergleich: 2016 hatte der Index mit 52 Prozent seinen bisherigen Höchststand erreicht. Hinter dem vergleichsweise niedrigen Gesamtwert verbirgt sich allerdings eine deutliche Verschiebung der Sorgen. Wirtschaftliche und finanzielle Themen bestimmen inzwischen besonders stark den Blick vieler Menschen auf ihre Zukunft.
An der Spitze steht erneut die Angst vor weiter steigenden Lebenshaltungskosten. 59 Prozent der Befragten fürchten, dass ihr Geld dauerhaft nicht zum Leben reicht. Im vergangenen Jahr waren es noch 52 Prozent. Damit steht dieses Thema bereits zum 16. Mal auf Platz eins der R+V-Studie. Die Studienautoren verweisen insbesondere auf die Entwicklung der Kosten für Energie, Wohnen und Lebensmittel. Steigen diese grundlegenden Ausgaben, bleibt vielen Haushalten weniger finanzieller Spielraum für Freizeit, Urlaub oder größere Anschaffungen. Auffällig sind regionale Unterschiede: In Westdeutschland fürchten 60 Prozent steigende Lebenshaltungskosten, in Ostdeutschland sind es 53 Prozent.
Auf Platz zwei folgt die Angst vor höheren Steuern oder Kürzungen staatlicher Leistungen. 53 Prozent der Befragten machen sich darüber Sorgen, vier Prozentpunkte mehr als im vergangenen Jahr. Dahinter liegt mit 52 Prozent die Sorge, der Staat könne durch die Zahl der Geflüchteten überfordert werden. Damit konzentrieren sich mehrere der größten Ängste auf die Frage, wie belastbar Staat, Wirtschaft und die persönlichen Finanzen in den kommenden Jahren bleiben.
Besonders deutlich hat sich der Blick auf die deutsche Wirtschaft verschlechtert. 51 Prozent sorgen sich vor einer schlechteren Wirtschaftslage beziehungsweise einer Rezession. Innerhalb nur eines Jahres ist dieser Wert um zehn Prozentpunkte gestiegen – stärker als jede andere Sorge der Studie. 2025 lag das Thema mit 41 Prozent noch auf Platz zehn, nun erreicht es Platz vier. Studienberaterin Isabelle Borucki von der Philipps-Universität Marburg sieht darin ein wichtiges Signal für einen Vertrauensverlust in die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands.
Auch bezahlbares Wohnen bleibt ein großes Thema. Jeder zweite Befragte fürchtet, dass Wohnraum unbezahlbar wird. Hohe Mieten, knappe Angebote und große Konkurrenz auf angespannten Wohnungsmärkten sorgen damit weiterhin für erhebliche Unsicherheit.
Parallel dazu zeigt die Untersuchung eine wachsende Skepsis gegenüber der Politik. 48 Prozent fürchten, dass Politikerinnen und Politiker von ihren Aufgaben überfordert sind. Das sind sechs Prozentpunkte mehr als 2025. In der Bewertung von Regierung und Opposition vergeben die Befragten im Durchschnitt die Schulnote 4,1. Die politische Unzufriedenheit steht damit neben den wirtschaftlichen Sorgen weit oben auf der Liste der Themen, die viele Menschen beschäftigen.
Überraschend ist dagegen, welche Ängste deutlich zurückgehen. Trotz großer Hitze, Niedrigwasser, Ernteausfällen und Waldbränden fällt die Angst vor dem Klimawandel auf 30 Prozent und erreicht damit Platz 20. Die Furcht vor Naturkatastrophen sinkt sogar um neun Prozentpunkte auf 27 Prozent. Das ist der stärkste Rückgang innerhalb der aktuellen Untersuchung. Borucki interpretiert diese Entwicklung nicht zwangsläufig als Entwarnung: „Angesichts der scheinbar unaufhaltsamen Veränderungen wird das Gefühl der Angst offenbar durch Resignation überlagert.“
Auch bei anderen Themen sinkt das Angstniveau. Nur noch 20 Prozent der Erwerbstätigen fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren – der niedrigste Wert seit Beginn dieser Abfrage im Jahr 1992. Die Angst vor Straftaten erreicht mit 19 Prozent ebenfalls einen Tiefststand und bildet aktuell sogar das Schlusslicht unter den untersuchten Sorgen.
Das Gesamtbild der Studie wirkt deshalb zunächst widersprüchlich: Deutschland befindet sich in einer Zeit wirtschaftlicher, geopolitischer und gesellschaftlicher Herausforderungen, doch das allgemeine Angstniveau ist vergleichsweise niedrig. Gleichzeitig konzentrieren sich die Sorgen stärker auf einige wenige Bereiche, die den Alltag unmittelbar betreffen. Vor allem die Frage, ob Einkommen und finanzielle Absicherung mit steigenden Preisen Schritt halten können, rückt in den Mittelpunkt.
Für die repräsentative Untersuchung wurden vom 11. Mai bis zum 29. Juli 2026 rund 2.400 Menschen der deutschsprachigen Wohnbevölkerung ab 14 Jahren persönlich befragt. Die R+V Versicherung führt die Langzeitstudie seit 1992 durch. 2026 fand sie zum 35. Mal statt. Dadurch lassen sich nicht nur aktuelle Stimmungen erfassen, sondern auch langfristige Veränderungen in den Sorgen der Bevölkerung beobachten.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Weniger Angst bedeutet nicht automatisch mehr Zuversicht
38 Prozent Angstindex – das klingt zunächst nach einer überraschend entspannten Gesellschaft. Doch der Durchschnitt allein erzählt nicht die ganze Geschichte. Denn ausgerechnet dort, wo Menschen täglich unmittelbar betroffen sind, steigen die Sorgen: beim Geld, beim Wohnen, bei der Wirtschaft und bei der Frage, welche finanziellen Belastungen noch kommen.
Bemerkenswert ist gleichzeitig der Rückgang anderer Ängste. Klimawandel, Krieg oder Naturkatastrophen verschwinden nicht, nur weil weniger Menschen sie als große persönliche Angst angeben. Die Studienautoren verweisen selbst auf mögliche Gewöhnungs- und Resignationseffekte.
Die Ergebnisse zeigen deshalb vor allem eine Verschiebung. Abstrakte oder langfristige Bedrohungen treten hinter sehr konkrete Alltagssorgen zurück. Wenn Lebensmittel, Energie und Wohnen mehr vom verfügbaren Einkommen beanspruchen, wird die Frage nach dem eigenen finanziellen Spielraum unmittelbar.
Für Politik und Wirtschaft liegt darin eine Herausforderung: Ein niedriger Angstindex darf nicht mit hohem Vertrauen verwechselt werden. Die deutlich gewachsene Sorge um die wirtschaftliche Entwicklung und die kritischere Bewertung der Politik zeigen, dass das gesellschaftliche Sicherheitsgefühl an entscheidenden Stellen unter Druck steht.
Historischer Hintergrund
Die R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen“ wird seit 1992 durchgeführt und gehört damit zu den langfristig angelegten Untersuchungen über Sorgen und gesellschaftliche Stimmungen in Deutschland.
Über die Jahrzehnte veränderten sich die Schwerpunkte immer wieder. Wirtschaftliche Krisen, internationale Konflikte, Migration, Umweltfragen oder persönliche finanzielle Unsicherheit rückten je nach gesellschaftlicher Lage nach vorne.
Den bislang höchsten durchschnittlichen Angstindex ermittelte die Studie 2016 mit 52 Prozent. Den Tiefpunkt erreichte sie 2021 mit 36 Prozent. Mit aktuell 38 Prozent liegt das allgemeine Angstniveau nur knapp darüber.
Zukunftsprognose
Die weitere Entwicklung dürfte stark davon abhängen, wie sich Preise, Wirtschaft und Arbeitsmarkt entwickeln. Gerade die um zehn Prozentpunkte gestiegene Rezessionsangst zeigt, wie sensibel die Bevölkerung auf wirtschaftliche Unsicherheit reagiert.
Sollten sich Lebenshaltungskosten und Wohnkosten weiter erhöhen, könnten finanzielle Ängste auch im kommenden Jahr dominieren. Eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage könnte dagegen dazu beitragen, diese Sorgen wieder zu reduzieren.
Ob die derzeit niedrigen Werte bei Klima-, Kriegs- oder Katastrophenängsten dauerhaft Bestand haben, lässt sich aus der Studie nicht ableiten. Internationale Ereignisse oder konkrete Naturkatastrophen können Wahrnehmungen innerhalb kurzer Zeit verändern.
Was ist der Angstindex?
Der Angstindex der R+V-Studie fasst die abgefragten Sorgen zu einem durchschnittlichen Angstniveau zusammen. Dadurch lässt sich vergleichen, wie stark Ängste insgesamt in unterschiedlichen Jahren ausgeprägt sind. 2026 liegt dieser Wert bei 38 Prozent.
Was ist die Studie „Die Ängste der Deutschen“?
Die R+V Versicherung befragt seit 1992 jährlich Menschen in Deutschland zu ihren größten Sorgen aus Bereichen wie Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Umwelt und Gesundheit. 2026 nahmen rund 2.400 Menschen ab 14 Jahren an der repräsentativen Untersuchung teil.
OZD-Extra – Die Angst vor Arbeitslosigkeit fällt auf Rekordtief
Während die Sorge vor einer schwachen Wirtschaft stark wächst, zeigt sich beim eigenen Arbeitsplatz das genaue Gegenteil. Nur 20 Prozent der Erwerbstätigen fürchten, arbeitslos zu werden. Seit diese Frage 1992 erstmals gestellt wurde, lag der Wert noch nie so niedrig. Damit zeigt sich ein interessantes Spannungsfeld: Viele Menschen beurteilen die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung pessimistisch, sehen den eigenen Arbeitsplatz aber deutlich weniger bedroht.
Gewinnspiel
Was ist laut R+V-Studie 2026 die größte Angst der Menschen in Deutschland?
A: Arbeitslosigkeit
B: Naturkatastrophen
C: Steigende Lebenshaltungskosten
D: Künstliche Intelligenz
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.