Die Vorstandsvorsitzende der Deutsche Bahn für den Fernverkehr, Evelyn Palla, erwartet auch im kommenden Jahr keine spürbare Entspannung bei der Pünktlichkeit. „2026 wird noch mal ein schwieriges Jahr bei der Pünktlichkeit“, sagte Palla der Wochenzeitung Die Zeit. Vorrangiges Ziel sei es zunächst, die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen.
Im laufenden Jahr gehe es „erst einmal darum, dass es nicht noch schlimmer wird, dass wir uns auf diesem Niveau stabilisieren“, so Palla. Eine Aussage, die die Dimension der Krise verdeutlicht: Im vergangenen Jahr erreichten lediglich rund 60 Prozent aller Fernzüge ihr Ziel mit weniger als sechs Minuten Verspätung.
Palla kündigte an, dass künftig alle Führungskräfte im Konzern konsequent an der Pünktlichkeit gemessen werden sollen. Die strukturellen Probleme seien jedoch gravierend. Weichen, Oberleitungen und Stellwerke hätten vielerorts ihre Lebensdauer überschritten und fielen plötzlich aus. Hinzu kämen wetterbedingte Störungen wie Schneechaos und Winterstürme.
Als größter Belastungsfaktor gelten
jedoch die rund 28.000 Baustellen, die in diesem Jahr im Netz der
Deutschen Bahn erwartet werden. Die notwendige Sanierung des
Schienennetzes gleiche einem „täglichen Wettlauf“, sagte Palla. Die Bahn
kämpfe darum, dass die Infrastruktur nicht schneller verfalle, als sie
repariert und erneuert werden könne.
OZD
OZD-Kommentar – Ehrlich, aber ernüchternd
Die Worte der Bahn-Chefin sind bemerkenswert offen – und zugleich alarmierend. Wenn Stabilisierung bereits als Erfolg gilt, ist das ein Armutszeugnis für eines der wichtigsten Verkehrssysteme des Landes. Die jahrelange Vernachlässigung der Infrastruktur rächt sich nun brutal. Vertrauen gewinnt die Bahn so kaum zurück. Ohne spürbare Verbesserungen droht der Fernverkehr dauerhaft an Akzeptanz zu verlieren.
Historischer Hintergrund
Die Probleme der Deutschen Bahn sind nicht neu. Seit den 1990er-Jahren wurde das Schienennetz schrittweise auf Effizienz und Kostensenkung getrimmt, während Investitionen in Wartung und Erneuerung vielfach verschoben wurden. Die Folge ist ein hoch belastetes Netz mit veralteter Technik. Erst in den vergangenen Jahren begann eine umfassendere Kehrtwende mit groß angelegten Sanierungsprogrammen – deren Folgen den Betrieb nun massiv beeinträchtigen.

Zukunftsprognose
Kurzfristig ist kaum mit einer deutlichen Verbesserung zu rechnen. Die Vielzahl an Baustellen wird den Verkehr weiter belasten. Mittel- bis langfristig könnten die Sanierungen jedoch zu einem stabileren Netz führen. Entscheidend wird sein, ob es der Bahn gelingt, Bauplanung, Technikmodernisierung und Fahrgastinformation besser zu verzahnen. Andernfalls drohen auch über 2026 hinaus anhaltende Pünktlichkeitsprobleme.
Wer ist Evelyn Palla?
Evelyn Palla wurde 1975 in Südtirol geboren und wuchs in einer italienisch‑österreichischen Familie auf. Nach dem Schulabschluss studierte sie Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien und absolvierte ein Gastsemester an der Universität zu Köln. Ihre berufliche Laufbahn begann sie im Controlling bei Siemens in Großbritannien, wo sie erste internationale Managementerfahrung sammelte. Anschließend wechselte sie in die Energiebranche und übernahm verschiedene Führungspositionen im Bereich Finanzen und Unternehmenssteuerung.
Im Jahr 2019 trat sie in den Vorstand der ÖBB ein und verantwortete dort unter anderem den Regionalverkehr. In dieser Zeit machte sie sich einen Namen als Managerin, die komplexe Strukturen modernisieren und große Verkehrsprojekte effizient steuern kann. 2024 erwarb sie zusätzlich eine Lokführerlizenz, um den Bahnbetrieb aus praktischer Perspektive besser zu verstehen – ein Schritt, der in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erhielt.
2025 wurde Evelyn Palla zur Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG berufen. Sie gilt als strategisch denkende Führungskraft mit internationaler Erfahrung und starkem Fokus auf Digitalisierung, Kundenorientierung und operative Stabilität. Ihr beruflicher Weg verbindet wirtschaftliche Expertise, praktische Bahnerfahrung und langjährige Tätigkeit in großen Infrastrukturunternehmen.

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Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP