Forschende der Universitätsmedizin Göttingen und des Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung haben ein neuartiges KI-Verfahren entwickelt, das aus einem gewöhnlichen Elektrokardiogramm ein sogenanntes „EKG-Alter“ berechnet. Ziel ist es, das biologische Alter des Herzens mit dem tatsächlichen Lebensalter zu vergleichen – und so verborgene Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen frühzeitig aufzudecken.
Das Modell analysiert feine Muster im EKG, die dem menschlichen Auge oft entgehen. Weicht das errechnete Herzalter deutlich vom chronologischen Alter ab, kann dies ein Warnsignal sein. Besonders kritisch: In einer groß angelegten Auswertung zeigte sich, dass Personen mit einem um mehr als acht Jahre „älteren“ EKG ein signifikant erhöhtes Risiko für Herzkrankheiten und eine höhere Sterblichkeit aufwiesen.
Die Ergebnisse beruhen auf Daten der norddeutschen Bevölkerungsstudie SHIP. Geleitet wurde die Analyse von Philip Hempel, Medizininformatiker am Institut für Medizinische Informatik der Universitätsmedizin Göttingen, gemeinsam mit Forschungspartnern aus Schweden und Brasilien. Die Studie gilt als wichtiger Schritt hin zu einer präziseren, individualisierten Herzmedizin.
Die Forschenden sehen großes Potenzial für die Praxis: Künftig könnte das KI-Modell direkt in Routine-EKGs integriert werden – als Frühwarnsystem für Patientinnen und Patienten, die bislang als unauffällig galten. Zugleich mahnt das Team zur Vorsicht. Weitere Validierungsstudien seien notwendig, zudem könne künstliche Intelligenz ärztliche Expertise nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.
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OZD-Kommentar – Das Herz lügt nichtDiese Entwicklung ist mehr als ein technischer Fortschritt – sie ist ein medizinisches Versprechen. Ein einfaches EKG, das plötzlich mehr sagt als Puls und Rhythmus, könnte Leben retten. Doch die Euphorie braucht Maß. KI darf kein Orakel werden, sondern ein Werkzeug. Entscheidend bleibt, wie verantwortungsvoll Medizin und Politik mit solchen Erkenntnissen umgehen.
Historischer HintergrundElektrokardiogramme gehören seit über 100 Jahren zur medizinischen Basisdiagnostik. Während sie bislang vor allem akute Störungen sichtbar machten, eröffnet der Einsatz von KI erstmals die Möglichkeit, langfristige biologische Alterungsprozesse des Herzens quantitativ zu erfassen.
ZukunftsprognoseSollten weitere Studien die Ergebnisse bestätigen, könnte das „EKG-Alter“ in wenigen Jahren Teil der Vorsorgeuntersuchung werden. Die Herzmedizin würde damit einen Schritt in Richtung personalisierte Prävention gehen – mit früheren Interventionen, gezielteren Therapien und möglicherweise sinkender Sterblichkeit.

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Worum geht es beim neuen KI-Verfahren aus Göttingen?
A) Um die Vorhersage von Herzinfarkten per Bluttest
B) Um die Berechnung des biologischen Herzalters aus dem EKG
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– Entwicklung: KI-gestütztes „EKG-Alter“
– Datenbasis: SHIP-Studie
– Kritische Abweichung: über 8 Jahre
– Risiko: erhöhte Herzkrankheit & Sterblichkeit
– Ziel: frühe Prävention
1. Medizinischer Nutzen
a) Frühzeitige Risikoerkennung
b) Objektive Zusatzinformation
c) Niedrige Einstiegshürde durch Routine-EKG
2. Technologische Dimension
a) Mustererkennung jenseits menschlicher Wahrnehmung
b) Datengetriebene Medizin
c) Abhängigkeit von Validierung
3. Gesellschaftliche Relevanz
a) Prävention statt Reparaturmedizin
b) Entlastung des Gesundheitssystems
c) Notwendigkeit ethischer Leitplanken

Was ist das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung?
Das DZHK ist ein bundesweites Forschungsnetzwerk, das klinische und experimentelle Herz-Kreislauf-Forschung bündelt. Ziel ist es, neue Erkenntnisse schneller in die medizinische Versorgung zu überführen.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.
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