Die deutsche Automobilindustrie steht vor einem historischen Wendepunkt. Nach Volkswagen erwägt nun auch Mercedes-Benz einen Einstieg in den boomenden Verteidigungssektor. Konzernchef Ola Källenius machte deutlich, dass sich Europas Sicherheitslage dramatisch verändert habe – und dass Mercedes bereit sei, davon wirtschaftlich zu profitieren.
„Die Welt sei unvorhersehbarer geworden“, sagte Källenius dem „Wall Street Journal“. Europa müsse deshalb sein „Verteidigungsprofil“ ausbauen. „Sollten wir dabei eine positive Rolle spielen können, sind wir bereit dazu“, erklärte der Mercedes-Chef.
Die Aussagen markieren einen bemerkenswerten Strategiewechsel für einen Konzern, der jahrzehntelang für Luxusfahrzeuge, Premiumtechnik und globale Exporterfolge stand. Doch die Krise der deutschen Industrie, die schwächelnde Weltkonjunktur und der zunehmende Druck aus China treiben die Autobauer zu neuen Geschäftsmodellen.
Vor allem der Rüstungssektor gilt inzwischen als milliardenschwerer Wachstumsmarkt. Källenius verwies darauf, dass Autohersteller „außerordentlich gut“ darin seien, „Präzisionsmaschinen in hoher Qualität“ herzustellen. Zwar werde die Verteidigungsproduktion bei Mercedes nur eine kleinere Rolle spielen, dennoch könne sie „eine wachsende Nische“ werden, „die zu unserem Konzernergebnis beiträgt“.
Gegenüber AFP erklärte Mercedes-Benz, „Frieden, Sicherheit und Freiheit“ seien „die Grundlagen unserer Gesellschaft“. Diese zu schützen sei eine gemeinsame Aufgabe. Schon heute liefert der Konzern Fahrzeuge und Fahrgestelle für militärische Anwendungen. Besonders die G-Klasse wird seit Jahrzehnten weltweit auch als Militärfahrzeug eingesetzt.
Zudem beliefert Mercedes spezialisierte Unternehmen, die die Fahrzeuge eigenständig für militärische Zwecke umbauen. Alle Lieferungen erfolgten laut Konzern „im Einklang mit Sanktions- und Exportkontrollvorschriften“.
Mercedes folgt damit einem Trend, der sich zunehmend durch die deutsche Industrie zieht. Volkswagen hatte bereits erklärt, Gespräche mit Unternehmen aus der Verteidigungsbranche zu führen. Besonders der VW-Standort Osnabrück könnte künftig eine zentrale Rolle spielen.
Laut einem Bericht der „Wirtschaftswoche“ rückt dort eine Zusammenarbeit mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael näher. In Osnabrück könnten künftig Teile für das Flugabwehrsystem Iron Dome produziert werden – ein zentrales Element europäischer Luftverteidigung.
VW-Chef Oliver Blume hatte bereits im Frühjahr erklärt, man denke über militärische Transportfahrzeuge nach. Gleichzeitig betonte er: „Wir reden nicht von Panzern.“
Die Entwicklung zeigt, wie tiefgreifend sich Deutschlands Industrie derzeit verändert. Ausgerechnet die traditionsreiche Automobilbranche entdeckt nun die Verteidigungsindustrie als mögliches Zukunftsgeschäft.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Deutschlands Industrie rüstet auf
Noch vor wenigen Jahren wäre die Vorstellung absurd gewesen: Mercedes-Benz und Volkswagen als Profiteure eines neuen europäischen Aufrüstungsbooms. Doch genau diese Entwicklung zeichnet sich nun ab – und sie zeigt, wie massiv sich die geopolitische Lage verändert hat.
Die deutsche Autoindustrie steckt in ihrer größten Krise seit Jahrzehnten. China dominiert zunehmend den Markt für Elektroautos, die Energiepreise in Europa bleiben hoch und viele Hersteller kämpfen mit sinkenden Margen. Gleichzeitig explodieren weltweit die Verteidigungsausgaben. Für viele Konzerne entsteht damit ein neuer Milliardenmarkt.
Besonders brisant ist dabei die politische Dimension. Europa militarisiert sich zunehmend – ausgelöst durch den Ukraine-Krieg, Spannungen mit Russland und wachsende Unsicherheit im Nahen Osten. Unternehmen wie Mercedes oder VW positionieren sich frühzeitig, um an dieser Entwicklung wirtschaftlich teilzuhaben.
Doch die Debatte ist heikel. Wenn zivile Industriekonzerne immer stärker in den Verteidigungssektor drängen, verändert sich auch das Selbstverständnis der deutschen Wirtschaft. Aus „Made in Germany“ für Wohlstand könnte schrittweise „Made in Germany“ für militärische Sicherheit werden.
Die Politik dürfte diese Entwicklung fördern. Denn Europas Staaten brauchen dringend industrielle Kapazitäten für Verteidigung, Logistik und Luftabwehr. Deutschlands Autobauer könnten dabei zu strategisch wichtigen Partnern werden.
Historischer Hintergrund
Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang zurückhaltend bei militärischer Produktion und Aufrüstung. Die Bundesrepublik setzte vor allem auf Exportwirtschaft, Automobilindustrie und industrielle Innovationen.
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 begann jedoch eine sicherheitspolitische Zeitenwende in Europa. Deutschland erhöhte massiv seine Verteidigungsausgaben, Nato-Staaten investieren seither Milliarden in Luftabwehr, Drohnen, Logistik und militärische Infrastruktur.
Parallel gerät die deutsche Autoindustrie zunehmend unter Druck. Besonders chinesische Hersteller wie BYD oder Geely greifen europäische Märkte aggressiv an. Viele deutsche Werke arbeiten inzwischen unter hoher Auslastungsunsicherheit.
Schon heute spielen deutsche Unternehmen im Verteidigungssektor eine wichtige Rolle – etwa Rheinmetall, Hensoldt oder Diehl Defence. Nun könnten auch klassische Autobauer stärker in diese Industrie einsteigen.
Zukunftsprognose
Der Verteidigungssektor dürfte in Europa in den kommenden Jahren massiv wachsen. Besonders Bereiche wie Raketenabwehr, Militärlogistik, gepanzerte Transportfahrzeuge und digitale Sicherheit gelten als Zukunftsmärkte.
Für Mercedes und Volkswagen eröffnet sich damit ein neues Geschäftsfeld, das langfristig Milliardenumsätze bringen könnte. Vor allem Produktionskapazitäten, Ingenieurswissen und industrielle Skalierung machen Autobauer für Rüstungsprojekte attraktiv.
Gleichzeitig dürfte die gesellschaftliche Debatte schärfer werden. Kritiker warnen bereits vor einer schleichenden Militarisierung der deutschen Industrie. Befürworter argumentieren dagegen, Europa müsse sicherheitspolitisch unabhängiger werden.
Geopolitisch könnte Deutschland dadurch zu einem noch wichtigeren Zentrum europäischer Verteidigungsproduktion aufsteigen – insbesondere gemeinsam mit Partnern aus Israel, Frankreich und den USA.
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Mini-Infobox
Mercedes prüft Einstieg in Verteidigungssektor
VW spricht bereits mit Rüstungsunternehmen
G-Klasse wird weltweit militärisch genutzt
Osnabrück könnte Standort für Iron-Dome-Produktion werden
Europas Verteidigungsausgaben steigen massiv
OZD-Analyse
Autobranche sucht neue Märkte
– Die Krise der klassischen Autoindustrie zwingt Konzerne zu strategischen Neuausrichtungen.
Verteidigungssektor als Wachstumsfeld
– a) Steigende Nato-Ausgaben
– b) Europäische Aufrüstung
– c) Hoher Bedarf an Militärlogistik und Luftabwehr
Folgen für Deutschland
– Die deutsche Industrie könnte sich langfristig stärker auf Sicherheits- und Verteidigungstechnologien ausrichten.
Erklärungen
Wer ist Ola Källenius?
Ola Källenius ist Vorstandsvorsitzender von Mercedes-Benz und einer der einflussreichsten Manager der europäischen Automobilindustrie. Der Schwede führt den Konzern seit 2019 durch die Transformation hin zur Elektromobilität und neuen Geschäftsfeldern.
Was ist Iron Dome?
Iron Dome ist ein israelisches Luftabwehrsystem zur Abwehr von Raketen und Kurzstreckenangriffen. Entwickelt wurde das System vom israelischen Rüstungskonzern Rafael. Es gilt als eines der modernsten Verteidigungssysteme weltweit.
OZD-Extras
Bemerkenswert: Die Mercedes G-Klasse wurde ursprünglich in den 1970er-Jahren auch für militärische Zwecke entwickelt und ist bis heute in zahlreichen Armeen weltweit im Einsatz.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.