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„Nicht beliebt – aber notwendig“: Dulger treibt Debatte um spätere Rente voran

Die Debatte um die Rente mit 70 eskaliert: Arbeitgeberpräsident Dulger fordert längeres Arbeiten und warnt vor der „Teilzeitrepublik“.

Die Diskussion um die Zukunft der deutschen Rente wird immer explosiver. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger fordert offen eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters und verteidigt längere Lebensarbeitszeiten als unausweichlich. Zwar sei ein späterer Renteneintritt „nicht beliebt – aber notwendig“, sagte Dulger den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Länder wie Dänemark würden zeigen, dass ein solches Modell funktionieren könne.

Damit gießt der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände mitten in die ohnehin aufgeheizte Rentendebatte zusätzlich Öl ins Feuer. Besonders brisant: Dulger sprach sich nicht nur gegen Frühverrentungsmodelle aus, sondern stellte auch die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte infrage – die sogenannte Rente mit 63.

„Mit der Abschaffung der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte - der sogenannten Rente ab 63 - und einer Kopplung der Regelaltersgrenze an die Entwicklung der Lebenserwartung hätten wir die Debatte vom Tisch“, erklärte Dulger.

Die Aussagen kommen zu einem politisch heiklen Zeitpunkt. Eigentlich soll die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission ihre Vorschläge erst Ende Juni präsentieren. Doch bereits jetzt sorgen Berichte über mögliche Empfehlungen für massive Unruhe. Die „Bild“ hatte berichtet, das Gremium plane eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre. Mitglieder der Kommission wiesen dies zwar umgehend zurück, doch die Diskussion ist längst entfacht.

Dulger machte deutlich, dass er das bestehende Rentensystem für nicht mehr tragfähig hält. Deutschland müsse sein Rentensystem „strukturell“ stabilisieren. Dafür brauche es „eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters, den Abbau von Frühverrentungsanreizen und eine stärkere kapitalgedeckte Vorsorge“.

Besonders die jüngere Generation dürfe nicht weiter durch steigende Beiträge belastet werden. Arbeitgeber und Arbeitnehmer könnten nicht dauerhaft höhere Rentenkosten schultern, warnte Dulger.

Darüber hinaus forderte der Arbeitgeberpräsident einen grundlegenden Umbau des Arbeitsmarkts. Deutschland müsse mehr arbeiten, nicht weniger. „Wir müssen das Arbeitsvolumen erhöhen. Mit einer Teilzeitrepublik werden wir die demografischen Herausforderungen nicht bewältigen“, sagte er.

Auch das bestehende Arbeitszeitgesetz hält Dulger für überholt. Der klassische Acht-Stunden-Tag passe nicht mehr zu einer globalisierten und digitalen Wirtschaftswelt. Sorgen vor extrem langen Arbeitstagen wies er zurück: „Niemand wird zu 13-Stunden-Tagen gezwungen.“

Die Debatte über längere Arbeitszeiten und spätere Renteneintritte dürfte in den kommenden Wochen weiter eskalieren. Gewerkschaften und Sozialverbände warnen bereits vor einer sozialen Spaltung und einer massiven Belastung für Beschäftigte in körperlich anstrengenden Berufen.

OZD/AFP

OZD-Kommentar – Die Rente wird zum sozialen Sprengsatz

Die Politik und die Arbeitgeber wissen seit Jahrzehnten, dass das deutsche Rentensystem auf eine demografische Wand zurast. Doch statt rechtzeitig tragfähige Reformen umzusetzen, wird nun immer offensiver die Rechnung an die Arbeitnehmer weitergereicht.

Die Forderung nach längerer Lebensarbeitszeit klingt in Chefetagen rational – für Millionen Beschäftigte in Pflege, Handwerk, Industrie oder Logistik wirkt sie dagegen wie blanker Zynismus. Wer jahrzehntelang körperlich arbeitet, erlebt die Debatte um die Rente mit 70 nicht als Reform, sondern als Drohung.

Besonders brisant ist dabei die politische Doppelmoral: Einerseits wird über Fachkräftemangel geklagt, andererseits scheitern viele ältere Beschäftigte schon heute daran, überhaupt gesund bis 67 arbeiten zu können. Gleichzeitig steigen psychische Belastungen, Burnout-Zahlen und Krankheitsausfälle.

Die Wahrheit ist unbequem: Deutschland hat das Problem nicht gelöst, sondern jahrelang vertagt. Jetzt droht eine soziale Zerreißprobe zwischen jüngeren Beitragszahlern und älteren Arbeitnehmern. Die Rentendebatte wird zur politischen Dauerkrise.

Historischer Hintergrund

Das deutsche Rentensystem basiert traditionell auf dem Umlageverfahren: Die arbeitende Generation finanziert die Renten der älteren Generation. Dieses Modell funktionierte über Jahrzehnte stabil, gerät jedoch durch den demografischen Wandel zunehmend unter Druck.

Immer weniger Beitragszahler müssen immer mehr Rentner finanzieren. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung in Deutschland kontinuierlich. Bereits in den vergangenen Jahren wurde das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre angehoben.

Die sogenannte „Rente mit 63“ wurde eingeführt, um besonders langjährig Versicherte früher abschlagsfrei in den Ruhestand gehen zu lassen. Kritiker sehen darin jedoch einen zusätzlichen finanziellen Belastungsfaktor für das Rentensystem.

Zukunftsprognose

Die Wahrscheinlichkeit weiterer Rentenreformen steigt massiv. Experten rechnen damit, dass Deutschland langfristig entweder das Renteneintrittsalter weiter erhöhen oder das Rentenniveau senken muss.

Zugleich wächst der politische Druck, private Altersvorsorge stärker auszubauen. Auch flexiblere Arbeitsmodelle für ältere Beschäftigte könnten an Bedeutung gewinnen.

Die gesellschaftlichen Konflikte dürften jedoch schärfer werden. Besonders Beschäftigte mit niedrigen Einkommen oder körperlich belastenden Berufen könnten sich von der Politik zunehmend abgehängt fühlen. Die Rentenfrage entwickelt sich damit zu einer der größten sozialen Herausforderungen Deutschlands.

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Mini-Infobox

Rainer Dulger ist Präsident der Arbeitgeberverbände

Die Rentenkommission legt Ende Juni Empfehlungen vor

Die Rente mit 63 steht erneut in der Kritik

Dänemark gilt als Vorbild für spätere Renteneintritte

Die Debatte um die Rente mit 70 sorgt bundesweit für Streit

OZD-Analyse

Demografischer Druck wächst
– Deutschlands Rentensystem gerät durch Alterung massiv unter Belastung.

Arbeitgeber fordern tiefgreifende Reformen
– a) Höheres Renteneintrittsalter
– b) Weniger Frühverrentung
– c) Mehr private Altersvorsorge

Gesellschaftliche Folgen
– Die Gefahr sozialer Spannungen und wachsender Altersarmut nimmt zu.

Erklärungen – Was ist die Rente mit 63?

Die sogenannte Rente mit 63 ermöglicht besonders langjährig Versicherten einen früheren Renteneintritt ohne Abschläge. Voraussetzung sind in der Regel mindestens 45 Beitragsjahre.

OZD-Extras

Dänemark koppelt das Renteneintrittsalter bereits automatisch an die steigende Lebenserwartung. Dort könnte die Regelaltersgrenze langfristig sogar über 70 Jahre steigen.