Israel hat seine Angriffe auf mutmaßliche Stellungen der Hisbollah-Miliz im Süden des Libanon erneut intensiviert und damit die ohnehin fragile Sicherheitslage weiter verschärft. Nach einer offiziellen Evakuierungsanordnung für zahlreiche Ortschaften rund um die Stadt Nabatije kam es am Samstag zu neuen Luftangriffen und Artilleriebeschuss. Die israelische Armee begründete ihr Vorgehen mit Sicherheitsinteressen und dem Kampf gegen bewaffnete Strukturen der proiranischen Hisbollah.
Zuvor hatte Israels Armeesprecher Avichay Adraee die Bewohner von 24 Orten eindringlich aufgefordert, ihre Häuser unverzüglich zu verlassen. "Für Ihre Sicherheit sollten Sie sich in das Gebiet nördlich des Sahrani-Flusses begeben", erklärte der Militärsprecher. Die israelische Armee werde "mit aller Härte vorgehen".
Wenig später wurden nach Angaben der libanesischen Armee sowie lokaler Medien mehrere Gebiete bombardiert. Besonders betroffen waren demnach die Ortschaften Rihan und Sudschud. Nach Berichten der staatlichen Nachrichtenagentur NNA kam in Rihan mindestens ein Mensch ums Leben. Ein AFP-Reporter schilderte die Lage in Nabatije als gespenstisch: Die Stadt sei nahezu verlassen, während in der Umgebung weiterhin Explosionen und Artilleriefeuer zu hören seien.
Israel hatte zuvor gemeldet, ein "feindliches Fluggerät" abgefangen zu haben, das aus dem Libanon kommend in den Norden Israels eingedrungen sei. Bereits am Vortag waren mehrere ähnliche Vorfälle registriert worden. Die Hisbollah wiederum erklärte, ihre Kämpfer hätten israelische Militärfahrzeuge mit Drohnen angegriffen und sich Gefechte mit vorrückenden israelischen Truppen geliefert.
Besonders brisant ist die Entwicklung, weil offiziell seit dem 17. April eine Waffenruhe gilt. Trotz dieser Vereinbarung liefern sich Israel und die Hisbollah nahezu täglich Gefechte. Anfang Juni hatten Israel und der Libanon sogar eine gemeinsame Initiative zur Umsetzung der Feuerpause vereinbart. Die Hisbollah lehnte diesen Vorstoß jedoch kategorisch ab und setzt ihren bewaffneten Widerstand fort.
Der Konflikt ist inzwischen eng mit dem Iran-Krieg verknüpft. Nachdem der Libanon Anfang März in die Auseinandersetzung hineingezogen wurde, feuert die Hisbollah regelmäßig Raketen auf Israel. Israel reagiert mit Luftangriffen auf Ziele im Libanon und militärischen Operationen entlang der Grenze. Nach libanesischen Angaben wurden seit Beginn der jüngsten Eskalationsphase mehr als 3700 Menschen getötet.
Zusätzliche politische Brisanz erhält die Lage durch laufende Verhandlungen zwischen Washington und Teheran. Nach Angaben eines hochrangigen US-Beamten könnte ein künftiges Abkommen zur Beendigung des Konflikts in der Golfregion auch den Libanon einschließen. Damit würde die Zukunft des Landes unmittelbar Teil eines größeren regionalen Machtpokers zwischen den USA, Israel und dem Iran werden.
Der libanesische Präsident Joseph Aoun warnte am Samstag vor einer historischen Bewährungsprobe für sein Land. Die Bürger müssten sich "um einen souveränen Staat zu scharen, der das Waffenmonopol innehat", damit der Libanon nicht länger "Geisel der Logik der Milizen" bleibe. Die Hisbollah hält dagegen an ihrem Kurs fest. Parlamentsabgeordneter Ali Fajad erklärte, eine Friedenslösung sei zwar wünschenswert, der Libanon dürfe jedoch nicht der "Politik der Unterordnung gegenüber den Israelis und des Gehorchens gegenüber den Amerikanern" folgen.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Die Illusion vom Frieden
Die erneuten Angriffe zeigen schonungslos, wie wenig die bisherigen Waffenruhe-Abkommen tatsächlich wert sind. Während Diplomaten in Washington über Friedenspläne sprechen, werden im Süden des Libanon weiterhin Menschen evakuiert, Häuser zerstört und Raketen abgefeuert.
Besonders problematisch ist, dass die Hisbollah als zentrale Konfliktpartei viele Vereinbarungen gar nicht anerkennt. Solange bewaffnete Milizen unabhängig vom libanesischen Staat handeln, bleibt jede Waffenruhe fragil. Gleichzeitig verfolgt Israel konsequent seine Sicherheitsinteressen und reagiert auf jede Bedrohung mit militärischer Härte.
Die größte Gefahr besteht darin, dass der Libanon endgültig zum Schauplatz eines regionalen Stellvertreterkrieges zwischen Iran, Israel und internationalen Akteuren wird. Ohne eine politische Lösung droht die derzeitige Feuerpause endgültig zu kollabieren.
Historischer Hintergrund
Der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah reicht bis in die 1980er Jahre zurück. Die schiitische Miliz entstand während des libanesischen Bürgerkriegs mit Unterstützung des Iran und entwickelte sich zu einer der schlagkräftigsten nichtstaatlichen Streitkräfte der Welt.
Der Süden des Libanon, insbesondere die Regionen um Nabatije, Tyrus und die israelische Grenze, ist seit Jahrzehnten Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen. Nach dem Libanonkrieg 2006 wurde zwar eine internationale Pufferzone eingerichtet, doch die Spannungen blieben bestehen.
Mit dem jüngsten Iran-Krieg hat sich die Lage erneut verschärft. Der Libanon gerät zunehmend zwischen die geopolitischen Interessen Teherans, Jerusalems und Washingtons.
Zukunftsprognose
Die Wahrscheinlichkeit weiterer militärischer Eskalationen bleibt hoch. Sollte die Hisbollah ihre Angriffe fortsetzen und Israel seine Luftoffensive ausweiten, könnten größere Bodenoperationen folgen.
Gleichzeitig wächst der internationale Druck auf alle Konfliktparteien, da eine Ausweitung des Krieges erhebliche Folgen für den gesamten Nahen Osten hätte. Besonders betroffen wären der Libanon, Israel, Syrien sowie die Golfstaaten.
Die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran könnten zum entscheidenden Faktor werden. Scheitern sie, droht eine neue Eskalationsspirale mit weitreichenden wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen.
Gewinnspiel
Frage: Seit wann gilt offiziell die aktuelle Waffenruhe im Libanon?
A) 17. April
B) 1. Mai
C) 15. März
D) 8. Juni
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Mini-Infobox
Israel ordnete die Evakuierung von 24 Ortschaften an.
Nabatije gehört zu den besonders betroffenen Regionen.
Offiziell gilt seit dem 17. April eine Waffenruhe.
Die Hisbollah lehnt neue Vereinbarungen bislang ab.
Der Konflikt ist eng mit dem Iran-Krieg verbunden.
OZD-Analyse
Militärische Eskalation
– Israel intensiviert seine Angriffe trotz bestehender Waffenruhe.
Rolle der Hisbollah
– a) Fortgesetzte Raketen- und Drohnenangriffe
– b) Ablehnung neuer Waffenruhe-Initiativen
– c) Enge Bindung an den Iran
Regionale Auswirkungen
– Folgen: Gefahr einer Ausweitung auf weitere Staaten des Nahen Ostens, Belastung der Friedensverhandlungen und zunehmende Instabilität in der Region.
Erklärungen
Wer ist Joseph Aoun?
Joseph Aoun ist Präsident des Libanon und ehemaliger Oberbefehlshaber der libanesischen Streitkräfte. Er gilt als Befürworter eines starken Staates und einer Begrenzung des Einflusses bewaffneter Milizen.
Was ist die Hisbollah?
Die Hisbollah ist eine schiitische Organisation im Libanon, die sowohl als politische Partei als auch als bewaffnete Miliz agiert. Sie wird vom Iran unterstützt und gilt für viele westliche Staaten als Terrororganisation.
OZD-Extras
Die Region Nabatije zählt seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Hochburgen der Hisbollah. Viele der aktuellen Kampfgebiete waren bereits während des Libanonkriegs 2006 Schauplatz schwerer Gefechte.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.