Venezuela erlebt eine der schwersten Naturkatastrophen seiner jüngeren Geschichte. Innerhalb von nur 39 Sekunden erschütterten am Mittwochabend zwei massive Erdbeben das südamerikanische Land und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Nach bisherigen Angaben kamen mindestens 32 Menschen ums Leben, mehr als 700 weitere wurden verletzt. Zahlreiche Gebäude stürzten ein oder wurden schwer beschädigt. In der Nacht suchten Rettungskräfte unter schwierigsten Bedingungen weiter nach Überlebenden und Vermissten.
Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez rief angesichts des Ausmaßes der Katastrophe den landesweiten Ausnahmezustand für die betroffenen Regionen aus. Gleichzeitig warnte sie vor weiteren Gefahren durch Nachbeben, die die ohnehin bereits beschädigte Infrastruktur zusätzlich bedrohen könnten.
Nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS ereigneten sich die beiden schweren Erdstöße der Stärke 7,2 und 7,5 in der Region La Guaira westlich der Hauptstadt Caracas. Zwischen den beiden Beben lagen lediglich 39 Sekunden. Laut Rodríguez folgten anschließend mindestens 20 Nachbeben, die die Bevölkerung zusätzlich in Angst und Schrecken versetzten.
In vielen Städten rannten Menschen panisch auf die Straßen und verbrachten die Nacht unter freiem Himmel. Die Sorge vor weiteren Erschütterungen war allgegenwärtig.
"Die Treppe brach weg, die ganze Wand bekam Risse, Dinge fielen von der Decke", schilderte die 54-jährige Bankangestellte Odalis Escalona aus Caracas die dramatischen Momente während des Bebens. "Es war einfach schrecklich."
Besonders schwer betroffen wurde die Region La Guaira nahe dem Epizentrum der Erdstöße. Dort wurden ganze Straßenzüge zerstört, Häuser stürzten ein oder wurden unbewohnbar. Zahlreiche Menschen suchten in völliger Dunkelheit mit bloßen Händen nach Angehörigen und Nachbarn in den Trümmern, nachdem großflächige Stromausfälle die Region lahmgelegt hatten.
Auch in der Hauptstadt Caracas sind die Schäden erheblich. Ein AFP-Reporter beobachtete den vollständigen Einsturz eines 22-stöckigen Hochhauses im Stadtteil Altamira. Vor den Trümmern spielten sich dramatische Szenen ab. Angehörige riefen verzweifelt nach Vermissten und hofften auf Lebenszeichen aus den eingestürzten Gebäuden.
Die Infrastruktur des Landes wurde massiv getroffen. Der internationale Flughafen von Caracas musste seinen Betrieb nach schweren Beschädigungen vollständig einstellen. Gleichzeitig wurde in mehreren Regionen die Gasversorgung vorsorglich abgeschaltet, um Brände und Explosionen durch beschädigte Leitungen zu verhindern.
Innenminister Diosdado Cabello appellierte an die Bevölkerung, beschädigte Gebäude vorerst nicht zu betreten und sichere Sammelpunkte aufzusuchen.
Die internationale Gemeinschaft reagierte schnell auf die Katastrophe. Die Vereinigten Staaten kündigten die sofortige Entsendung von Rettungsteams und Hilfslieferungen an. Deutschland erklärte ebenfalls seine Unterstützung. Nach Angaben von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius stehen sechs Transportflugzeuge vom Typ A400M bereit, um Hilfsgüter und Einsatzkräfte nach Venezuela zu bringen.
Auch die Europäische Union sagte zusätzliche Hilfe zu. Das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernicus wurde aktiviert, um mittels Satellitendaten die Lage in den Katastrophengebieten schnell und präzise zu erfassen. Darüber hinaus boten Indien, China und zahlreiche Staaten Lateinamerikas ihre Unterstützung an.
Die Auswirkungen des Bebens waren weit über Venezuela hinaus spürbar. Selbst in der mehr als 1000 Kilometer entfernten kolumbianischen Hauptstadt Bogotá wurden die Erdstöße registriert. Sirenen heulten auf, zahlreiche Menschen verließen aus Sicherheitsgründen ihre Wohnungen und Büros. Die kolumbianische Erdbebenwarte erhielt nach eigenen Angaben mehr als 200 Meldungen aus der Bevölkerung.
Nach Einschätzung der USGS handelt es sich beim zweiten Beben der Stärke 7,5 um den schwersten Erdstoß in Venezuela seit mehr als einem Jahrhundert. Zuletzt hatte im Oktober 1900 ein Erdbeben der Stärke 7,7 schwere Verwüstungen im Land verursacht.
Obwohl rund 80 Prozent der venezolanischen Bevölkerung in erdbebengefährdeten Gebieten leben, sind schwere Erdbeben in dem Land vergleichsweise selten. Umso größer ist nun die Sorge, dass die Zahl der Opfer in den kommenden Stunden und Tagen weiter steigen könnte.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Eine Katastrophe trifft ein ohnehin geschwächtes Land
Naturkatastrophen treffen arme und politisch instabile Staaten besonders hart. Genau dies zeigt sich nun erneut in Venezuela. Jahrzehntelange wirtschaftliche Probleme und eine vielfach marode Infrastruktur erschweren die Rettungsarbeiten erheblich.
Während moderne Industriestaaten auf ausgebaute Katastrophenschutzsysteme zurückgreifen können, kämpfen viele Regionen Venezuelas bereits im Alltag mit Stromausfällen, Versorgungsengpässen und mangelhafter Infrastruktur. Die eigentliche Tragödie könnte daher erst noch bevorstehen.
Entscheidend wird sein, wie schnell internationale Hilfe tatsächlich bei den Betroffenen ankommt. Jede Stunde zählt. Die kommenden Tage werden darüber entscheiden, wie hoch die endgültige Opferzahl ausfallen wird.
Historischer Hintergrund
Venezuela liegt im Norden Südamerikas an der Grenze mehrerer tektonischer Platten und zählt zu den erdbebengefährdeten Staaten der Region. Besonders die Küstenregionen rund um Caracas und La Guaira gelten als seismisch aktiv.
Das bislang schwerste bekannte Erdbeben der jüngeren Geschichte ereignete sich im Jahr 1900 und erreichte eine Stärke von 7,7. Auch 1976 und 1997 kam es zu schweren Erdstößen mit zahlreichen Todesopfern und erheblichen Schäden.
Die hohe Bevölkerungsdichte in den Ballungsräumen Caracas, La Guaira und Maracay erhöht das Risiko schwerer humanitärer Folgen bei starken Erdbeben erheblich.
Zukunftsprognose
Experten rechnen in den kommenden Tagen mit weiteren Nachbeben. Diese könnten bereits beschädigte Gebäude endgültig zum Einsturz bringen und die Rettungsarbeiten zusätzlich erschweren.
Kurzfristig stehen die Versorgung der Verletzten und die Unterbringung tausender Menschen im Mittelpunkt. Mittelfristig dürfte Venezuela internationale Unterstützung beim Wiederaufbau benötigen.
Die wirtschaftlichen Schäden könnten Milliardenhöhe erreichen. Besonders die Infrastruktur, der Luftverkehr und die Energieversorgung dürften noch über Monate beeinträchtigt bleiben.
Gewinnspiel
Frage: Welche Stärke erreichte das zweite und stärkere Erdbeben laut USGS?
A) 6,4
B) 6,9
C) 7,5
D) 8,1
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Mini-Infobox
Mindestens 32 Todesopfer
Mehr als 700 Verletzte
Zwei Erdbeben innerhalb von 39 Sekunden
Stärke 7,2 und 7,5
Ausnahmezustand ausgerufen
OZD-Analyse
Schwerstes Beben seit über 120 Jahren
– Venezuela erlebt die heftigsten Erdstöße seit dem Jahr 1900.
Besonders betroffene Bereiche
– a) Wohngebäude und Hochhäuser
– b) Flughafen- und Verkehrsinfrastruktur
– c) Strom- und Gasversorgung
Folgen
– Hohe Opferzahlen, massive wirtschaftliche Schäden und ein langwieriger Wiederaufbau erscheinen wahrscheinlich.
Erklärungen
Wer ist Delcy Rodríguez?
Delcy Rodríguez führt derzeit die venezolanische Regierung und koordinierte unmittelbar nach den Erdbeben die nationalen Hilfsmaßnahmen.
Was ist die USGS?
Die United States Geological Survey gehört zu den weltweit wichtigsten Einrichtungen zur Überwachung von Erdbeben und Naturgefahren.
OZD-Extras
Die Erdstöße waren noch in der mehr als 1000 Kilometer entfernten kolumbianischen Hauptstadt Bogotá spürbar. Dies verdeutlicht die enorme Energie, die bei den beiden Beben freigesetzt wurde.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.