Eine Bewerbung als Bundestrainer lehnt er ab – fordert stattdessen jedoch umfassende Reformen im deutschen Fußball.
Der mögliche Nachfolger wollte von einer Trainerdiskussion nichts wissen. Nach dem dramatischen WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale gegen Paraguay hat Jürgen Klopp eine klare Absage an Spekulationen über seine Zukunft als Bundestrainer erteilt. Der TV-Experte zeigte sich tief enttäuscht über das erneute Scheitern der DFB-Auswahl, wollte sich selbst aber nicht in den Mittelpunkt stellen.
"Ich verstehe, dass mein Name genannt wird, aber das ist nicht der Moment, darüber zu sprechen – und vor allem nicht mit mir", erklärte Klopp nach der 3:4-Niederlage im Elfmeterschießen in Foxborough.
Der frühere Erfolgstrainer analysierte das Ausscheiden mit deutlichen Worten. "Es gab nur ein Ziel, einen Traum, der ist geplatzt. Es war dramatisch. Wir haben nicht funktioniert", sagte Klopp. Zwar gebe es "500.000 Wege, ein Fußballspiel zu gewinnen", doch Deutschland habe keinen davon gefunden.
Vor allem die Offensivleistung der DFB-Auswahl kritisierte Klopp. Die Mannschaft habe zu wenig Kreativität entwickelt und kaum Lösungen gegen die kompakte Defensive Paraguays gefunden. "Du musst über die Flügel kommen. Es gibt keine Alternative. Wir wissen alle, wie gut die Jungs spielen können, aber das haben sie nicht auf den Platz bekommen."
Gleichzeitig nahm Klopp die jungen Leistungsträger in Schutz. Florian Wirtz und Jamal Musiala würden schon in wenigen Monaten wieder für ihre außergewöhnlichen Qualitäten gefeiert werden. Das ändere jedoch nichts daran, dass sie im entscheidenden WM-Spiel ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen konnten.
Auch die mentale Belastung spielte nach Klopps Ansicht eine entscheidende Rolle. Während Paraguay befreit aufspielen konnte, habe Deutschland den enormen Erwartungsdruck gespürt. Die DFB-Elf habe das Spiel nicht konsequent genug an sich gerissen und den Gegner immer wieder zurück ins Spiel kommen lassen.
Unverständnis zeigte Klopp zudem über die aberkannte Führung durch Jonathan Tah in der Verlängerung. Der Treffer wurde wegen einer Torhüterbehinderung zurückgenommen. "Wenn dieses Tor irregulär ist, wird Arsenal nicht englischer Meister. Wir gewinnen das Spiel, wenn der Ball drin ist", sagte Klopp.
Über die Niederlage hinaus richtete der Fußballchef des Red-Bull-Konzerns den Blick auf die grundsätzliche Entwicklung des deutschen Fußballs. Es müsse strukturelle Veränderungen geben. "Wir können über den DFB reden. Wir müssen hundertprozentig ein paar Dinge verändern. Da können wir bei der U10 anfangen und ein paar Jahre warten, was oben rauskommt."
Mit seiner Analyse machte Klopp deutlich, dass das WM-Aus für ihn nicht allein auf die Leistung eines einzelnen Spiels zurückzuführen ist, sondern Ausdruck tiefer liegender Probleme im deutschen Fußball sein könnte. OZD / ©AFP
OZD-Kommentar
Jürgen Klopp hat sich der emotionalen Trainerdebatte bewusst entzogen und stattdessen den Blick auf die eigentlichen Baustellen gelenkt. Seine Aussagen zeigen, dass das Scheitern für ihn nicht an einzelnen Spielern oder dem Bundestrainer allein festzumachen ist. Wenn selbst ein Trainer von Klopps Erfahrung strukturelle Defizite bis in den Nachwuchsbereich erkennt, sollte der DFB diese Warnung sehr ernst nehmen. Personalwechsel können kurzfristig Schlagzeilen erzeugen – nachhaltiger Erfolg entsteht jedoch nur durch konsequente Reformen in Ausbildung, Talentförderung und Spielphilosophie. Das WM-Aus könnte deshalb zum Wendepunkt werden – vorausgesetzt, der Verband zieht die richtigen Konsequenzen.
Historischer Hintergrund
Jürgen Klopp wurde mit Borussia Dortmund zweimal deutscher Meister und gewann 2019 mit dem FC Liverpool die UEFA Champions League sowie 2020 die englische Meisterschaft. Seit seinem Wechsel in eine leitende Rolle im Red-Bull-Fußballnetzwerk gilt er regelmäßig als Wunschkandidat für das Amt des Bundestrainers. Nach mehreren enttäuschenden Turnieren steht der DFB erneut vor einer Grundsatzdiskussion über die sportliche Ausrichtung.
Zukunftsprognose
Die Debatte über Julian Nagelsmanns Zukunft dürfte trotz der Rückendeckung durch Rudi Völler weiter an Fahrt gewinnen. Gleichzeitig wird der Name Klopp so lange im Gespräch bleiben, wie der DFB keine endgültige Entscheidung trifft. Unabhängig von der Trainerfrage dürfte der Verband nun unter Druck geraten, strukturelle Reformen im Nachwuchsbereich und bei der sportlichen Ausrichtung einzuleiten.
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Frage: Gegen wen schied Deutschland im Sechzehntelfinale der WM aus?
A) Ecuador
B) Paraguay
C) Spanien
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Mini-Infobox
Klopps Kernaussagen
Keine Bewerbung als Bundestrainer
Kritik an fehlender Kreativität
Zweifel an der Aberkennung des Tah-Tores
Forderung nach Reformen im Nachwuchsfußball
Vertrauen in Wirtz und Musiala bleibt bestehen
Wer ist Jürgen Klopp?
Jürgen Klopp zählt zu den erfolgreichsten deutschen Fußballtrainern der vergangenen Jahrzehnte. Nach seinen Stationen beim 1. FSV Mainz 05 und Borussia Dortmund führte er den FC Liverpool zu zahlreichen internationalen Titeln, darunter die Champions League und die englische Meisterschaft. Heute verantwortet er die globale Fußballstrategie des Red-Bull-Konzerns und gilt weiterhin als einer der angesehensten Fußballfachleute Europas.
Was ist der DFB?
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist mit mehr als sieben Millionen Mitgliedern der größte nationale Sportfachverband der Welt. Er organisiert den Amateur- und Profifußball in Deutschland, verantwortet die Nationalmannschaften sowie den DFB-Pokal und ist für die Nachwuchsförderung und Trainerausbildung zuständig.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.