Litauen will Teil der nuklearen Abschreckungsstrategie der Nato werden und sendet damit wenige Tage vor dem Gipfeltreffen des Bündnisses in Ankara ein unmissverständliches Signal an Moskau. Der Vorstoß markiert eine sicherheitspolitische Zäsur in Europa und verdeutlicht die wachsende Sorge der baltischen Staaten vor einer weiteren Eskalation durch Russland.
Der litauische Präsident Gitanas Nausėda kündigte in Berlin eine Verfassungsänderung an, welche die bisherige Einschränkung hinsichtlich der Stationierung oder Nutzung nuklearer Abschreckungskapazitäten auf litauischem Staatsgebiet aufheben soll. Ziel sei es, künftig aktiv an der atomaren Abschreckungsstrategie der NATO mitzuwirken.
Gemeinsam mit Bundeskanzler Friedrich Merz, dem estnischen Regierungschef Kristen Michal sowie dem lettischen Präsidenten Edgars Rinkēvičs betonte Nausėda in Berlin die zunehmende Bedrohungslage an der Ostflanke der Nato.
"Diese Änderung würde Litauen in die Lage versetzen, Vorkehrungen der Nato für eine kollektive atomare Abschreckung mit zu unterstützen und sich daran zu beteiligen", erklärte Nausėda. Gleichzeitig versuchte er Befürchtungen vor einer Eskalation zu zerstreuen. Die Pläne hätten "nichts mit aggressivem Vorgehen oder der Provokation einer Eskalation zu tun".
Die Diskussion gewinnt zusätzliche Brisanz durch die militärische Situation in der russischen Exklave Kaliningrad. Dort stationierte Russland nach eigenen Angaben atomwaffenfähige Iskander-Raketensysteme, die große Teile Mittel- und Osteuropas erreichen können. Die geografische Nähe sorgt insbesondere in den baltischen Staaten seit Jahren für erhebliche Sicherheitsbedenken.
Bundeskanzler Merz stellte sich demonstrativ hinter die Entscheidung Vilnius'. Er nehme die Pläne Litauens "mit Respekt" zur Kenntnis. Die Verfassungsänderung zeige deutlich, wie ernst die Bedrohung durch Russland in der Region eingeschätzt werde. "Die Sicherheit des Baltikums ist auch die Sicherheit Deutschlands", betonte der Kanzler.
Parallel dazu erhöhten die baltischen Staaten den Druck auf die Nato-Partner, die vereinbarten Verteidigungsausgaben konsequent umzusetzen. Bereits beim Gipfel in Den Haag hatten sich die Mitgliedstaaten darauf verständigt, ihre klassischen Verteidigungsausgaben bis 2035 auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen und weitere 1,5 Prozent für verteidigungsrelevante Infrastruktur bereitzustellen.
Während zahlreiche Nato-Staaten inzwischen Zweifel äußern, diese Marke überhaupt erreichen zu können, haben Estland, Lettland und Litauen die Zielwerte bereits heute überschritten. Estlands Regierungschef Michal mahnte daher, die politischen Zusagen müssten nun endlich in militärische Fähigkeiten umgesetzt werden.
Auch Lettlands Präsident Rinkēvičs verlangte ein klares Bekenntnis aller Bündnispartner. Die Nato müsse geschlossen hinter den vereinbarten Verpflichtungen stehen.
Merz kündigte an, Deutschland werde die Marke von 3,5 Prozent bereits 2029 und damit deutlich früher als ursprünglich vereinbart erreichen.
Die Debatte wird zusätzlich durch die Spannungen mit den Vereinigten Staaten angeheizt. US-Präsident Donald Trump hatte zuletzt erneut scharfe Kritik an den europäischen Nato-Partnern geäußert und ihnen vorgeworfen, sich zu stark auf den militärischen Schutz der USA zu verlassen.
Trump sprach von einer "einseitigen Beziehung" und stellte erneut die amerikanischen Sicherheitsgarantien für Europa infrage. Vor diesem Hintergrund riefen die europäischen Staats- und Regierungschefs zur Geschlossenheit auf.
Nausėda warnte eindringlich: "Der Erhalt der transatlantischen Geschlossenheit sollte unsere höchste Priorität bleiben."
Merz formulierte die strategische Leitlinie Europas in einem Satz: "Wir wollen die Nato europäischer machen, damit sie transatlantisch bleiben kann."
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Europas nukleares Erwachen
Die Ankündigung Litauens markiert weit mehr als eine juristische Verfassungsänderung. Sie ist Ausdruck eines tiefgreifenden Vertrauensverlustes in die bisherige europäische Sicherheitsarchitektur.
Die baltischen Staaten glauben nicht mehr daran, dass Abschreckung allein durch politische Erklärungen funktioniert. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Sicherheitswahrnehmung Osteuropas grundlegend verändert.
Gleichzeitig wächst die Sorge über die Verlässlichkeit der USA unter Donald Trump. Europa beginnt deshalb, seine Verteidigung neu zu denken — schneller, härter und eigenständiger.
Die atomare Abschreckung könnte damit vom Tabuthema zur neuen Normalität in Europa werden.
Historischer Hintergrund
Seit dem Zerfall der Sowjetunion gelten die baltischen Staaten als besonders exponierte Mitglieder der Nato. Die Nähe zur russischen Exklave Kaliningrad und die Stationierung moderner Raketensysteme haben die Sicherheitslage zusätzlich verschärft.
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 verstärkten Nato und EU ihre militärische Präsenz in Osteuropa massiv. Deutschland führt inzwischen die Nato-Kampfbrigade in Litauen an und gehört zu den wichtigsten Sicherheitsgaranten des Landes.
Zukunftsprognose
Sollte Litauen seine Verfassung tatsächlich ändern, könnte dies eine Signalwirkung für weitere osteuropäische Nato-Mitglieder entfalten.
Polen und andere Staaten an der Ostflanke könnten ähnliche Modelle prüfen. Gleichzeitig dürfte Russland mit scharfer Kritik reagieren und seine militärische Präsenz in Kaliningrad weiter ausbauen.
Die Nato steht damit möglicherweise vor ihrer größten strategischen Neuordnung seit dem Ende des Kalten Krieges.
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Wie heißt die russische Exklave zwischen Polen und Litauen?
A) Murmansk
B) Kaliningrad
C) Sotschi
D) Archangelsk
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Mini-Infobox
Litauen grenzt direkt an die russische Exklave Kaliningrad.
Die baltischen Staaten überschreiten bereits heute die Nato-Ausgabenziele.
Deutschland führt die Nato-Brigade in Litauen.
Russland stationierte Iskander-Raketen in Kaliningrad.
Der Nato-Gipfel beginnt kommende Woche in Ankara.
OZD-Analyse
Neue Abschreckungsstrategie
– Litauen will aktiv Teil der nuklearen Nato-Strategie werden.
Veränderte Sicherheitslage
– a) Russische Aufrüstung in Kaliningrad
– b) Ukraine-Krieg verändert Bedrohungsbild
– c) Zweifel an langfristiger US-Unterstützung
Folgen für Europa
– Höhere Verteidigungsausgaben und mögliche Ausweitung der nuklearen Abschreckung innerhalb der Nato.
Erklärungen
Wer ist Gitanas Nausėda?
Der litauische Präsident steht seit 2019 an der Spitze des baltischen EU- und Nato-Mitglieds und gilt als einer der entschiedensten Kritiker der russischen Außenpolitik.
Was ist Kaliningrad?
Die russische Exklave zwischen Polen und Litauen war früher die deutsche Stadt Königsberg und besitzt heute enorme strategische Bedeutung für Russland und die Nato.
OZD-Extras
Litauen war das erste Land der ehemaligen Sowjetunion, das 1990 seine Unabhängigkeit erklärte. Heute gehört das Land zu den entschiedensten Befürwortern einer harten Linie gegenüber Moskau.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.