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Drohnen über Russland, Kämpfe um Kostjantyniwka: Ukraine widerspricht Putins Siegesmeldung

Die Ukraine weist russische Angaben über die Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Kostjantyniwka entschieden zurück und meldet gleichzeitig massive Drohnenangriffe auf russisches Gebiet.

Der Krieg in der Ukraine wird zunehmend auch zum Krieg der Wahrnehmungen. Während der Kreml die vollständige Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Kostjantyniwka im Osten der Ukraine verkündet, widerspricht Kiew vehement und spricht von einer bewussten Desinformation Moskaus. Gleichzeitig erreichte der Krieg mit massiven ukrainischen Drohnenangriffen auf russisches Kernland eine neue Eskalationsstufe.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte ungewöhnlich scharf auf die russischen Behauptungen. Der russische Präsident Wladimir Putin habe "beschlossen, die Welt zu belügen", erklärte Selenskyj in Onlinediensten. "Natürlich ist das nicht wahr. Es ist nur eine weitere russische Lüge."

Selenskyj ging sogar noch einen Schritt weiter und forderte Putin provokativ zu einem Treffen direkt in der umkämpften Stadt auf. "Wenn Kostjantyniwka unter russischer Kontrolle wäre, dann hätte Putin vielleicht kein Problem damit, mich dort zu treffen, um einen diplomatischen Weg zu finden, diesen Krieg endlich zu beenden", erklärte der ukrainische Präsident.

Nach Angaben der ukrainischen Streitkräfte halten die Verteidigungslinien in der Stadt weiterhin stand. Armeesprecher Andrij Kowaljow sprach von einer schwierigen, aber kontrollierten Lage. Zwar seien kleine russische Infanteriegruppen tief in die ukrainischen Stellungen vorgedrungen, diese würden jedoch im Rahmen laufender Anti-Sabotage-Operationen aufgespürt und ausgeschaltet.

Noch am Freitag, dem Tag der russischen Siegesmeldung, hätten russische Truppen elf erfolglose Angriffsversuche auf die Stadt unternommen, teilte die ukrainische Armee mit.

Moskau hält dagegen unbeirrt an seiner Darstellung fest. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, die Stadt befinde sich vollständig unter russischer Kontrolle. Im russischen Staatsfernsehen wurde Wladimir Putin in Militäruniform gezeigt, wie er Soldaten zur angeblichen Einnahme der Stadt gratulierte und deren strategische Bedeutung hervorhob. Auch das russische Verteidigungsministerium bekräftigte die Darstellung und sprach von einer "Befreiung" der Stadt.

Kostjantyniwka gilt als Schlüsselstellung im Osten der Ukraine. Die Stadt bildet eine der letzten Verteidigungslinien auf dem Weg zu den bedeutenden Städten Kramatorsk und Slowjansk, die weiterhin unter ukrainischer Kontrolle stehen. Vor dem russischen Angriffskrieg lebten dort rund 78.000 Menschen.

Parallel dazu verlagerte die Ukraine den Krieg erneut tief ins russische Hinterland. Nach Angaben aus Moskau wurden zwischen Freitagabend und Samstagmittag nahezu 400 Drohnen gegen mehr als ein Dutzend russische Regionen eingesetzt.

Allein im Raum Moskau fing die russische Luftabwehr laut Bürgermeister Sergej Sobjanin 62 Drohnen ab. In den Regionen Brjansk sowie auf der annektierten Halbinsel Krim kamen nach russischen Angaben jeweils Menschen ums Leben. In Belgorod wurden Infrastruktur und Versorgungseinrichtungen beschädigt, wodurch teilweise die Strom- und Wasserversorgung ausfiel.

Besonders brisant war ein Angriff auf die Millionenstadt St. Petersburg. Dort wurde nach Angaben des Gouverneurs Alexander Beglow ein Erdölterminal im Bezirk Kirowski getroffen. Die technischen Schäden seien inzwischen beseitigt worden, Verletzte habe es nicht gegeben.

Auch nahe des weltberühmten Schloss- und Parkkomplexes Peterhof ging eine Drohne nieder. Zudem wurden Einschläge in der Hafenregion Wyssozk nahe der finnischen Grenze gemeldet.

Präsident Selenskyj bestätigte Angriffe auf die russische Energie- und Hafeninfrastruktur ausdrücklich. Diese Anlagen würden erhebliche Einnahmen für den russischen Krieg generieren und seien daher legitime militärische Ziele. Auch der Angriff auf Kronstadt, einen bedeutenden Marinestützpunkt bei St. Petersburg, sei erfolgreich verlaufen.

Die ukrainischen Angriffe erfolgten nur wenige Tage nach einem schweren russischen Luftangriff auf Kiew, bei dem nach ukrainischen Angaben 30 Menschen getötet wurden. Weitere vier Menschen starben bei einem Angriff auf das Zentrum der Stadt Sumy, mehr als 30 weitere wurden verletzt.

OZD/AFP

OZD-Kommentar – Der Krieg der Schlagzeilen wird gefährlicher

Der Krieg in der Ukraine wird längst nicht mehr nur mit Raketen, Drohnen und Artillerie geführt. Er wird zunehmend auch mit Bildern, Symbolen und politischen Botschaften ausgetragen. Die angebliche Einnahme Kostjantyniwkas zeigt exemplarisch, wie wichtig mediale Siege für Moskau geworden sind.

Sollte sich die russische Darstellung als falsch herausstellen, wäre dies ein weiterer schwerer Glaubwürdigkeitsverlust für den Kreml. Doch auch die Ukraine steht unter Druck, militärische Erfolge präsentieren zu müssen, um die Unterstützung des Westens aufrechtzuerhalten.

Besonders alarmierend ist die zunehmende Ausweitung der Kampfhandlungen tief auf russisches Territorium. Der Krieg erreicht immer stärker die Zentren Russlands und erhöht das Risiko einer unkontrollierbaren Eskalation erheblich.

Die kommenden Monate könnten entscheidend werden. Entweder entstehen neue diplomatische Initiativen oder beide Seiten treiben Europa weiter in eine Phase permanenter Unsicherheit.

Historischer Hintergrund

Kostjantyniwka gehört zur ukrainischen Region Donezk und spielt seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 eine zentrale Rolle im Kampf um die Kontrolle des Donbass.

Die Stadt liegt zwischen den strategisch bedeutenden Zentren Kramatorsk und Slowjansk, die als wichtigste ukrainische Verteidigungsstellungen in der Region gelten.

St. Petersburg wiederum besitzt für Russland enorme wirtschaftliche und militärische Bedeutung. Der Hafen sowie die dort stationierte Marine sind zentrale Bestandteile der russischen Sicherheitsarchitektur.

Zukunftsprognose

Die Kämpfe um Kostjantyniwka dürften sich weiter intensivieren. Sollte Russland die Stadt tatsächlich einnehmen, würde der Druck auf Kramatorsk und Slowjansk erheblich steigen.

Gleichzeitig werden ukrainische Angriffe auf Energie- und Hafeninfrastruktur in Russland voraussichtlich zunehmen. Die Strategie Kiews zielt darauf ab, die wirtschaftlichen Kosten des Krieges für Moskau deutlich zu erhöhen.

Europa und die NATO dürften dadurch erneut vor schwierigen Entscheidungen hinsichtlich militärischer Unterstützung und möglicher Sicherheitsgarantien stehen.

Gewinnspiel

Wie viele Menschen lebten vor Kriegsbeginn ungefähr in Kostjantyniwka?

A) 25.000
B) 50.000
C) 78.000
D) 120.000

https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen

Mini-Infobox

Kostjantyniwka liegt in der Region Donezk.

Vor Kriegsbeginn lebten dort rund 78.000 Menschen.

Russland meldete fast 400 ukrainische Drohnenangriffe.

St. Petersburg wurde erneut Ziel ukrainischer Angriffe.

Kronstadt gilt als wichtiger russischer Marinestandort.

OZD-Analyse

Strategische Bedeutung Kostjantyniwkas
– Die Stadt ist Schlüssel zur weiteren Kontrolle des Donbass.

Neue Phase des Drohnenkriegs
– a) Angriffe auf russische Infrastruktur nehmen zu.
– b) Russische Luftabwehr wird zunehmend belastet.
– c) Wirtschaftliche Ziele rücken stärker in den Fokus.

Geopolitische Folgen
– Die Eskalationsgefahr zwischen Russland und dem Westen steigt weiter.

Erklärungen

Wer ist Wolodymyr Selenskyj?
Der ukrainische Präsident führt das Land seit 2019 und ist seit Beginn des russischen Angriffskrieges die zentrale politische Figur des ukrainischen Widerstands.

Was ist Kostjantyniwka?
Die Stadt in der Region Donezk zählt zu den wichtigsten ukrainischen Verteidigungsstellungen im Osten des Landes.

OZD-Extras

Mit den Angriffen auf St. Petersburg erreicht der Krieg inzwischen Regionen Russlands, die über zwei Jahre lang weitgehend von direkten Kampfhandlungen verschont geblieben waren.

Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.