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Sanktionen, Inflation, Defizite: Putin gesteht Schwächen ein und verweigert Treffen mit Selenskyj

Putin gibt wirtschaftliche Probleme in Russland zu – lehnt aber Gespräche mit Selenskyj ab und beharrt auf Kriegszielen.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat beim internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg überraschend offen wirtschaftliche Schwierigkeiten in Russland eingeräumt. Zugleich wies der Kremlchef westliche Einschätzungen über einen drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruch scharf zurück. Während Russland unter Inflation, Haushaltsdefiziten und hohen Zinsen leidet, machte Putin erneut deutlich, dass Moskau im Ukraine-Krieg nicht von seinen Maximalforderungen abrücken will.

„Ja, die wirtschaftliche Dynamik ist derzeit verhalten“, sagte Putin bei seiner Rede auf dem sogenannten „russischen Davos“, dem St. Petersburg International Economic Forum (SPIEF). Gleichzeitig erklärte er, Russland werde trotz aller Schwierigkeiten weiter gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Mit einem Seitenhieb gegen die Europäische Union erklärte der Kremlchef, Russland sei inzwischen „auf das gleiche Niveau gesunken“, auf dem sich die Länder der Eurozone seit Jahren befänden. Die Aussage galt Beobachtern als Versuch, die wirtschaftlichen Probleme Russlands zu relativieren und gleichzeitig westliche Staaten anzugreifen.

Tatsächlich steht die russische Wirtschaft massiv unter Druck. Der Krieg gegen die Ukraine, westliche Sanktionen und steigende Militärausgaben belasten die Staatsfinanzen erheblich. Nach offiziellen Zahlen schrumpfte die russische Wirtschaft im ersten Quartal des laufenden Jahres um 0,2 Prozent – der erste Rückgang seit drei Jahren.

Hinzu kommen drastisch gestiegene Preise, hohe Kreditkosten und Steuererhöhungen. Das Haushaltsdefizit der russischen Regierung belief sich in den ersten vier Monaten des Jahres bereits auf umgerechnet 78 Milliarden Euro. Damit wurde der ursprünglich für das Gesamtjahr kalkulierte Fehlbetrag bereits deutlich überschritten.

Der Wirtschaftsexperte Alexander Koljandr warnte vor einer schleichenden wirtschaftlichen Erosion. Russland steuere „auf eine Stagnation zu - bei hohen Zinsen und starkem Inflationsdruck“. Zugleich sagte er: „Es ist eher ein schleichender Verfall von allem.“

Trotz der schwierigen Lage betonte Putin, Russland stärke weiterhin seine wirtschaftliche und politische Souveränität. Besonders hob er dabei die Zusammenarbeit mit Staaten des sogenannten globalen Südens hervor. Vor allem China und Saudi-Arabien gelten inzwischen als zentrale Partner Moskaus, nachdem sich westliche Investoren und Unternehmen weitgehend aus Russland zurückgezogen haben.

Auch beim Thema Ukraine zeigte sich der Kremlchef kompromisslos. Putin erklärte erneut, dass die Kampfhandlungen erst enden würden, wenn Russland seine Ziele erreicht habe. Dazu gehört weiterhin die Forderung, dass die Ukraine die gesamte Donbass-Region an Russland abtreten soll – eine Bedingung, die Kiew strikt ablehnt.

Ein direktes Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj lehnte Putin klar ab. „Lassen Sie die Experten arbeiten und Lösungen erarbeiten, und dann können wir uns treffen“, erklärte er. Zuvor hatte Selenskyj in einem offenen Brief persönliche Gespräche vorgeschlagen.

Das diesjährige Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg stand ohnehin unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Kurz vor Beginn hatte die Ukraine nach eigenen Angaben Energie- und Militäranlagen in der Region mit Drohnen angegriffen. Ziel sei es gewesen, die für Russland symbolisch wichtige Wirtschaftskonferenz zu stören.

Die ukrainischen Angriffe auf Raffinerien, Exportterminals und Ölanlagen treffen Russland empfindlich, weil Energieexporte weiterhin die wichtigste Einnahmequelle des Landes darstellen. Gleichzeitig wächst der Druck auf die russische Bevölkerung, die zunehmend unter den wirtschaftlichen Folgen des Krieges leidet.

Das SPIEF galt früher als prestigeträchtige Plattform für internationale Investoren. Zahlreiche westliche Spitzenpolitiker wie Angela Merkel und Emmanuel Macron nahmen in der Vergangenheit an der Veranstaltung teil.

Heute hat sich das Forum stark verändert. AFP-Reporter berichteten von Messehallen mit humanoiden Robotern russischer Produktion und Werbeständen für Investitionen in annektierte ukrainische Gebiete. Besucher kamen überwiegend aus China, Saudi-Arabien und anderen Staaten außerhalb Europas und Nordamerikas. Vertreter aus den USA und der Europäischen Union waren kaum präsent.

Für zusätzliche Diskussionen sorgte die Teilnahme einzelner deutscher Unternehmer. Laut Berichten nahmen unter anderem der Globus-Gesellschafter Thomas Bruch sowie der Unternehmer Stefan Dürr an dem Forum teil, was innerhalb der Berliner Regierungskoalition auf deutliche Kritik stieß.

OZD/AFP

OZD-Kommentar – Putins Wirtschaftssystem gerät sichtbar ins Wanken

Der Auftritt von Wladimir Putin in St. Petersburg zeigt vor allem eines: Der wirtschaftliche Druck auf Russland wächst schneller, als der Kreml öffentlich eingestehen möchte. Dass Putin inzwischen selbst von einer „verhaltenen“ Dynamik spricht, ist bemerkenswert – denn jahrelang dominierte die Erzählung wirtschaftlicher Stabilität trotz Sanktionen.

Die Realität sieht inzwischen anders aus. Hohe Inflation, steigende Staatsausgaben und sinkende Wachstumszahlen treffen vor allem die russische Mittelschicht. Gleichzeitig verschlingt der Krieg immense Ressourcen. Dass Putin dennoch kompromisslos an seinen Kriegszielen festhält, verdeutlicht die strategische Sackgasse Moskaus.

Besonders problematisch wird für Russland die zunehmende Abhängigkeit von China und einzelnen Staaten des globalen Südens. Der Kreml verkauft dies als neue multipolare Weltordnung – tatsächlich verliert Russland jedoch wirtschaftlich und geopolitisch massiv an Handlungsspielraum.

Die kommenden Monate dürften entscheidend werden: Hält der wirtschaftliche Druck an und intensiviert die Ukraine ihre Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur, könnte Moskau zunehmend gezwungen sein, zwischen Kriegsfinanzierung und wirtschaftlicher Stabilität abzuwägen.

Historischer Hintergrund

Das St. Petersburg International Economic Forum wurde 1997 gegründet und galt lange als wichtigste russische Plattform für internationale Investoren und westliche Unternehmen.

Vor dem Ukraine-Krieg besuchten regelmäßig hochrangige Politiker aus Europa und den USA das Forum. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 hat sich die geopolitische Lage jedoch grundlegend verändert. Westliche Konzerne verließen Russland, Sanktionen wurden verschärft und Moskau orientierte sich zunehmend Richtung China, Nahost und globaler Süden.

Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges treffen Russland trotz hoher Energieeinnahmen zunehmend. Besonders problematisch sind technologische Isolation, Kapitalabfluss und steigende Staatsausgaben für Militär und Sicherheit.

Zukunftsprognose

Russland dürfte seine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China, Indien, Saudi-Arabien und anderen BRICS-Staaten weiter ausbauen. Gleichzeitig werden westliche Sanktionen die russische Wirtschaft weiterhin belasten.

Sollte die Ukraine ihre Angriffe auf Energieanlagen intensivieren, könnten Russlands Exporterlöse weiter sinken. Dadurch drohen neue Haushaltsprobleme und steigender Druck auf den Rubel.

Politisch bleibt eine schnelle Friedenslösung unwahrscheinlich. Die kompromisslose Haltung des Kremls deutet darauf hin, dass der Ukraine-Krieg noch über Jahre die geopolitische Lage in Europa bestimmen könnte.

Gewinnspiel

Frage: In welcher russischen Stadt fand das Wirtschaftsforum SPIEF statt?

A) Moskau
B) Kasan
C) Sankt Petersburg
D) Sotschi

Teilnahme: https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen

Mini-Infobox

Russlands Wirtschaft schrumpfte zuletzt um 0,2 Prozent

Haushaltsdefizit: rund 78 Milliarden Euro

Putin lehnt Treffen mit Selenskyj ab

Ukraine greift Energieanlagen verstärkt an

China und Saudi-Arabien werden für Moskau wichtiger

OZD-Analyse

Russlands Wirtschaft gerät unter Druck
– Sanktionen und Kriegskosten belasten Moskau massiv

Finanzielle Belastungen
– a) steigende Inflation
– b) hohe Kreditkosten
– c) wachsendes Haushaltsdefizit

Geopolitische Veränderungen
– stärkere Abhängigkeit von China
– Rückzug westlicher Investoren
– Ausbau globaler Süd-Allianzen

Folgen
– wirtschaftliche Stagnation
– zunehmender Druck auf Bevölkerung
– langfristige Schwächung Russlands

Erklärungen

Wer ist Wladimir Putin?
Wladimir Putin führt Russland seit mehr als zwei Jahrzehnten und verantwortet den Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Wer ist Wolodymyr Selenskyj?
Wolodymyr Selenskyj ist seit 2019 Präsident der Ukraine und international eine der zentralen Figuren des Ukraine-Krieges.

Was ist das SPIEF?
St. Petersburg International Economic Forum gilt als wichtigste russische Wirtschaftskonferenz und wird oft als „russisches Davos“ bezeichnet.

OZD-Extras

Während westliche Unternehmen Russland verlassen haben, werben auf dem SPIEF inzwischen Firmen aus China, dem Nahen Osten und Zentralasien offensiv um neue Geschäfte – ein sichtbares Zeichen für die geopolitische Neuordnung der russischen Wirtschaft.

Pflichtsatz:
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.