Fakten im Überblick
Deutschlands Gasspeicher sind derzeit zu knapp 52 Prozent gefüllt.
Wirtschaftsweise Veronika Grimm hält staatliche Sofortmaßnahmen aktuell nicht für notwendig.
Sie fordert langfristig mehr Lieferverträge und weniger Abhängigkeit vom LNG-Spotmarkt.
Die vergleichsweise niedrigen Füllstände der deutschen Gasspeicher sorgen wenige Monate vor Beginn der Heizsaison für Diskussionen. Trotz wachsender Sorgen über mögliche Preissteigerungen sieht die Wirtschaftsweise Veronika Grimm derzeit jedoch keinen Anlass für überstürzte Maßnahmen.
"Ich halte es für sinnvoll, jetzt noch abzuwarten", sagte Grimm den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland.
Nach aktuellen Daten sind die deutschen Gasspeicher im Durchschnitt lediglich zu rund 52 Prozent gefüllt. Das liegt deutlich unter früheren Jahren und weckt Erinnerungen an die Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine.
Grimm verweist allerdings darauf, dass die Politik die gesetzlichen Mindestfüllstände bewusst gesenkt habe. Hohe Speicherpflichten hätten in der Vergangenheit selbst zu steigenden Preisen beigetragen.
"Es muss klar sein, dass hohe Mindestfüllstände genau wegen der hohen Preise abgeschafft wurden, die daraus resultieren."
Während der Energiekrise im Jahr 2022 hatte die Bundesregierung umfangreiche Vorgaben für Speicherbetreiber eingeführt. Seit 2025 gelten niedrigere Zielwerte. Für die meisten Speicher müssen zum 1. November mindestens 80 Prozent erreicht werden.
Inzwischen erscheint dieses Ziel bei zahlreichen Speichern allerdings nur noch schwer erreichbar. Sollte die vorgeschriebene Befüllung ausbleiben, könnte der Staat eingreifen und selbst zusätzliche Gasmengen einkaufen.
Genau davor warnen einige Experten. Es besteht die Sorge, dass Händler auf einen staatlichen Einkauf spekulieren könnten, weil der Staat im Ernstfall unabhängig vom Preis handeln müsste.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche lehnt einen solchen Eingriff derzeit ab. Das Wirtschaftsministerium setzt weiterhin darauf, dass der Markt die Speicher eigenständig füllt.
"Das ist die Aufgabe des Marktes", erklärte eine Ministeriumssprecherin. "Das hat auch immer so funktioniert."
Grimm sieht die eigentlichen Herausforderungen ohnehin an anderer Stelle. Deutschland müsse seine Energieversorgung widerstandsfähiger gestalten und sich weniger auf kurzfristige Beschaffung am internationalen Spotmarkt verlassen.
"In der öffentlichen Diskussion geht es viel um die kurzfristigen Maßnahmen. Die langfristigen Maßnahmen schiebt man gerne vor sich her."
Besonders kritisch bewertet sie die starke Abhängigkeit Deutschlands von kurzfristigen Flüssigerdgas-Lieferungen (LNG), vor allem aus den Vereinigten Staaten.
"Wir müssten wirklich etwas tun, um uns mittelfristig resilienter aufzustellen – sonst sind wir dauernd im Krisenmodus."
Die Ökonomin spricht sich deshalb für eine breitere Vertragsstruktur mit langfristigen Liefervereinbarungen aus, um Preisschwankungen künftig besser abzufedern und die Versorgungssicherheit dauerhaft zu stärken.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Deutschlands Energiepolitik bleibt ein Balanceakt
Die vergleichsweise niedrigen Speicherstände wirken auf den ersten Blick alarmierend. Dennoch weist Veronika Grimm auf einen wichtigen Zusammenhang hin: Staatliche Eingriffe können selbst Preisspiralen auslösen. Langfristig entscheidet nicht der Füllstand eines einzelnen Herbstes über die Versorgungssicherheit, sondern die Frage, wie vielfältig Deutschlands Energiequellen künftig aufgestellt sind. Genau dort besteht weiterhin erheblicher Nachholbedarf.
Historischer Hintergrund
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 musste Deutschland seine Gasversorgung innerhalb kurzer Zeit vollständig neu organisieren. Russische Lieferungen wurden weitgehend ersetzt, unter anderem durch Flüssigerdgas (LNG) aus den USA und anderen Staaten. Gleichzeitig führte die Bundesregierung verpflichtende Speicherfüllstände ein, um Engpässe im Winter zu vermeiden.
Zukunftsprognose
Sollten die Speicher bis November deutlich voller werden, dürfte sich die aktuelle Diskussion beruhigen. Bleiben die Füllstände niedrig und steigen gleichzeitig die Weltmarktpreise, könnte der politische Druck auf die Bundesregierung jedoch zunehmen. Langfristig dürfte Deutschland verstärkt auf diversifizierte Lieferverträge, zusätzliche LNG-Infrastruktur und alternative Energiequellen setzen.
An den Börsen reagieren insbesondere Energieunternehmen, Gasimporteure und Industrieunternehmen sensibel auf Entwicklungen bei Speicherständen und Gaspreisen. Sinkende Versorgungssorgen wirken häufig preisdämpfend, während Unsicherheiten die Energiemärkte schnell bewegen können.
Erklärungen
Wer ist Veronika Grimm?
Veronika Grimm ist Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – den sogenannten Wirtschaftsweisen. Sie berät die Bundesregierung in wirtschaftspolitischen Fragen.
Was ist der Spotmarkt?
Am Spotmarkt werden Energieträger wie Erdgas kurzfristig gehandelt. Die Preise reagieren dort besonders stark auf Angebot, Nachfrage und geopolitische Ereignisse. Langfristige Lieferverträge gelten dagegen häufig als stabiler und kalkulierbarer.
OZD-Extras
Deutschland verfügt über die größten Erdgasspeicher Europas. Sie dienen als Reserve für den Winter und spielen eine zentrale Rolle für die Versorgungssicherheit von Haushalten und Industrie.
Für die Börsen bleiben Energiepreise ein entscheidender Faktor. Steigende Gaspreise belasten insbesondere energieintensive Unternehmen aus Chemie, Stahl und Industrie, während Energieversorger und LNG-Unternehmen von höheren Preisen profitieren können.
Gewinnspiel
Wie hoch sind die deutschen Gasspeicher derzeit im Durchschnitt gefüllt?
A) Rund 30 Prozent
B) Rund 52 Prozent
C) Rund 80 Prozent
D) Rund 95 Prozent
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.