Fakten im Überblick
Das IW Köln erwartet durch die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag kaum Veränderungen.
Die Kosten der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall stiegen auf rund 86 Milliarden Euro.
Experten sehen mehrere Ursachen für den hohen Krankenstand – nicht nur häufigere Erkrankungen.
Die geplante Einführung einer Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag wird nach Einschätzung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW Köln) kaum spürbare Auswirkungen auf den Krankenstand in Deutschland haben. Zwar hat sich die Bundesregierung auf die Neuregelung verständigt, doch aus Sicht der Wirtschaftsforscher verändert sich die rechtliche Lage nur geringfügig.
IW-Ökonom Jochen Pimpertz verweist darauf, dass Arbeitgeber bereits heute berechtigt seien, ein ärztliches Attest ab dem ersten Krankheitstag zu verlangen. Viele Unternehmen verzichteten jedoch bewusst darauf, weil der zusätzliche Verwaltungsaufwand häufig in keinem Verhältnis zum möglichen Nutzen stehe.
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte die geplante Regelung unter anderem mit dem hohen Krankenstand in Deutschland begründet. Ob die neue Pflicht tatsächlich zu weniger Krankmeldungen führen werde, sei jedoch keineswegs sicher.
"Ob der Krankenstand damit sinkt, bleibt offen", erklärte Pimpertz.
Nach einer aktuellen Studie des IW Köln beliefen sich die Kosten der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zuletzt auf rund 86 Milliarden Euro und erreichten damit einen neuen Höchststand. Nach Einschätzung der Experten sei dieser Rekord allerdings auch eine Folge gestiegener Löhne sowie einer höheren Zahl von Beschäftigten.
Ob tatsächlich mehr Menschen krank sind als früher, lasse sich ebenfalls nicht eindeutig belegen. Seit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung im Jahr 2022 werde ein deutlich höherer Krankenstand registriert. Dies könne jedoch auch darauf zurückzuführen sein, dass Krankmeldungen heute vollständiger erfasst würden.
"Ob dahinter auch mehr tatsächliche Fehlzeiten im Betrieb stehen oder nur eine vollständigere Erfassung, ist nicht abschließend geklärt", erklärten die IW-Experten.
Hinzu kommen langfristige Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt. Nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher spielt der demografische Wandel eine immer größere Rolle. Ältere Beschäftigte seien häufiger von Muskel- und Skeletterkrankungen betroffen, die oftmals längere Ausfallzeiten verursachen.
Auch psychische Erkrankungen gewinnen an Bedeutung. Obwohl sie weniger als fünf Prozent aller Krankheitsfälle ausmachen, verursachen sie inzwischen rund 13 Prozent aller Fehltage.
Die Debatte um die Attestpflicht dürfte deshalb auch nach dem geplanten Inkrafttreten weitergehen. Ob die neue Regelung tatsächlich zu einer Entlastung der Unternehmen führt oder lediglich den bürokratischen Aufwand erhöht, bleibt vorerst offen.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Symbolpolitik ersetzt keine Gesundheitsreform
Die Diskussion um die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag zeigt ein bekanntes Muster: Politische Maßnahmen sollen schnelle Lösungen vermitteln, obwohl ihre tatsächliche Wirkung unklar ist. Wenn Arbeitgeber bereits heute ein Attest verlangen können, stellt sich die Frage, welchen praktischen Mehrwert eine gesetzliche Verpflichtung bringt. Die eigentlichen Herausforderungen liegen tiefer – beim demografischen Wandel, der Zunahme psychischer Erkrankungen und einer überlasteten Gesundheitsversorgung. Ohne strukturelle Reformen dürfte die Attestpflicht vor allem mehr Bürokratie erzeugen, nicht aber den Krankenstand nachhaltig senken.
Historischer Hintergrund
Deutschland gehört zu den Ländern mit einem umfangreichen gesetzlichen Schutz bei Arbeitsunfähigkeit. Während der Corona-Pandemie und insbesondere seit Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung im Jahr 2022 stieg der offiziell erfasste Krankenstand deutlich an. Gleichzeitig verschärfen Fachkräftemangel und die alternde Bevölkerung den Druck auf Unternehmen und das Gesundheitssystem.
Zukunftsprognose
Sollte die Attestpflicht wie geplant eingeführt werden, dürfte sie kurzfristig vor allem Arztpraxen und Arbeitgeber organisatorisch stärker belasten. Ob dadurch tatsächlich weniger Krankmeldungen erfolgen, bleibt fraglich. Langfristig werden Themen wie Prävention, betriebliche Gesundheitsförderung und eine effizientere medizinische Versorgung deutlich wichtiger sein als reine Nachweispflichten. Wirtschaftlich könnten anhaltend hohe Fehlzeiten die Produktivität bremsen und den Fachkräftemangel zusätzlich verschärfen.
Erklärungen
Was ist die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag?
Die Attestpflicht verpflichtet Arbeitnehmer, bereits am ersten Tag einer krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit eine ärztliche Bescheinigung vorzulegen. Arbeitgeber können dies bereits nach geltendem Recht verlangen. Die geplante gesetzliche Regelung soll diese Praxis vereinheitlichen.
Was ist das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW Köln)?
Das Institut der Deutschen Wirtschaft mit Sitz in Köln ist eines der bedeutendsten wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute Deutschlands. Es analysiert wirtschafts- und arbeitsmarktpolitische Entwicklungen und veröffentlicht regelmäßig Studien zu Unternehmen, Beschäftigung und Sozialpolitik.
OZD-Extras
Die Rekordsumme von 86 Milliarden Euro für die Lohnfortzahlung spiegelt nicht automatisch eine höhere Zahl tatsächlicher Erkrankungen wider. Auch steigende Gehälter, mehr Beschäftigte und die vollständigere digitale Erfassung von Krankmeldungen tragen erheblich zu diesem Höchstwert bei.
Direkte Auswirkungen auf die Börsen sind durch die Attestpflicht nicht zu erwarten. Unternehmen mit besonders personalintensiven Geschäftsmodellen beobachten jedoch den Krankenstand genau, da hohe Fehlzeiten die Produktivität und die Kostenentwicklung beeinflussen können.
Gewinnspiel
Welche Institution erwartet durch die geplante Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag nur geringe Auswirkungen?
A) Bundesagentur für Arbeit
B) Institut der Deutschen Wirtschaft (IW Köln)
C) Deutsche Bundesbank
D) Deutscher Gewerkschaftsbund
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.