Fakten im Überblick
Island stimmt über die Wiederaufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen ab.
Umfragen sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Befürwortern und Gegnern.
Ein Ja würde zunächst neue Verhandlungen mit der Europäischen Union ermöglichen – nicht den sofortigen EU-Beitritt.
Im Inselstaat Island haben die Bürgerinnen und Bürger am Samstag über die Wiederaufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union abgestimmt. Die Volksabstimmung gilt als eine der wichtigsten politischen Entscheidungen des Landes seit Jahren und könnte den außenpolitischen Kurs des nordatlantischen Staates nachhaltig verändern.
Rund 273.000 Wahlberechtigte waren aufgerufen, über die Frage abzustimmen: "Soll Island die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wieder aufnehmen?" Mit ersten Ergebnissen wurde in der Nacht zum Sonntag gerechnet.
Die Ausgangslage war äußerst spannend. Umfragen hatten beiden Lagern nahezu gleiche Chancen eingeräumt. Befürworter und Gegner der EU-Annäherung lagen zuletzt jeweils bei etwa 50 Prozent.
Island hatte nach der schweren Finanzkrise im Jahr 2009 einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Europäischen Union gestellt. Vier Jahre später wurden die Gespräche jedoch nach einem Regierungswechsel gestoppt, als eine EU-kritische Regierung die Verhandlungen beendete.
Inzwischen hat sich die geopolitische Lage deutlich verändert. Vor allem die wiederholten Forderungen von US-Präsident Donald Trump nach einer Übernahme des autonomen dänischen Gebiets Grönland sowie seine mehrfachen Verwechslungen zwischen Grönland und Island haben in Reykjavík die sicherheitspolitische Debatte neu entfacht. Die Regierung rückte deshalb das Thema einer engeren Anbindung an die Europäische Union erneut auf die politische Agenda.
Außenministerin Thorgerdur Katrin Gunnarsdottir zeigte sich unmittelbar vor der Abstimmung zuversichtlich.
"Es ist ein enges Rennen, aber ich bin stets optimistisch", sagte sie der Nachrichtenagentur AFP. "Entschieden ist es erst, wenn es entschieden ist."
Trotz der aktuellen Diskussion lehnen viele Isländer einen EU-Beitritt weiterhin ab. Island gehört bereits dem Europäischen Wirtschaftsraum an und verfügt dadurch über weitgehenden Zugang zum europäischen Binnenmarkt.
"Wir brauchen Brüssel nicht, um uns zu regieren. Das können wir selbst", sagte Unternehmer Elias Theodorsson. "Noch vor hundert Jahren waren wir eines der ärmsten Länder Europas. Und heute sind wir eines der reichsten. Das haben wir aus eigener Kraft geschafft."
Andere Wähler verweisen dagegen auf wirtschaftliche Vorteile einer stärkeren europäischen Integration. Besonders hohe Hypothekenzinsen und die anhaltende Inflation belasten viele Haushalte.
"Für meinen Haushalt würde das enorm viel bedeuten", erklärte die Universitätsangestellte Alexandra Yr mit Blick auf die niedrigeren Zinsen innerhalb der Europäischen Union.
Selbst ein Erfolg der Befürworter würde allerdings keinen sofortigen EU-Beitritt bedeuten. Zunächst müssten neue Beitrittsverhandlungen mit Brüssel aufgenommen werden. Erst nach Abschluss dieser Gespräche würde die Bevölkerung in einem weiteren Referendum über einen möglichen Beitritt zur Europäischen Union entscheiden.
Als größter Streitpunkt gilt weiterhin die Fischerei. Der für Islands Wirtschaft traditionell bedeutende Sektor befürchtet weitreichende Einschränkungen durch die europäische Fischereipolitik und zählt deshalb zu den entschiedensten Gegnern eines EU-Beitritts.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Island entscheidet weit mehr als nur über Europa
Dieses Referendum ist weit mehr als eine Abstimmung über Beitrittsgespräche. Es spiegelt die tiefgreifenden Veränderungen der geopolitischen Lage im Nordatlantik wider. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die sicherheitspolitischen Spannungen in der Arktis und die wiederholten Gebietsansprüche Donald Trumps gegenüber Grönland haben das Sicherheitsgefühl vieler Isländer verändert. Gleichzeitig steht die Sorge um die nationale Souveränität einer engeren europäischen Zusammenarbeit gegenüber. Unabhängig vom Ergebnis dürfte Island seine außenpolitische Position künftig neu definieren müssen.
Historischer Hintergrund
Island erhielt 1944 seine vollständige Unabhängigkeit von Dänemark. Nach der Finanzkrise 2008 beantragte das Land 2009 den Beitritt zur Europäischen Union. Die Verhandlungen wurden 2013 gestoppt. Trotz der Nichtmitgliedschaft gehört Island über den Europäischen Wirtschaftsraum zum europäischen Binnenmarkt und arbeitet in zahlreichen Bereichen eng mit der EU zusammen. Die strategische Lage zwischen Europa, Nordamerika und der Arktis verleiht dem Land zudem eine hohe sicherheitspolitische Bedeutung innerhalb der NATO.
Zukunftsprognose
Ein Ja im Referendum würde zunächst lediglich neue Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union ermöglichen. Die eigentliche Entscheidung über einen EU-Beitritt müsste später erneut in einer Volksabstimmung getroffen werden. Sollte Island langfristig Mitglied der EU werden, könnte dies die wirtschaftliche Integration Europas stärken und die geopolitische Position der Europäischen Union im Nordatlantik ausbauen. Ein Nein würde dagegen den bisherigen Sonderweg Islands bestätigen und die Eigenständigkeit insbesondere in der Fischerei- und Ressourcenpolitik sichern.
Erklärungen
Was ist der Europäische Wirtschaftsraum (EWR)?
Der Europäische Wirtschaftsraum verbindet die Mitgliedstaaten der Europäischen Union mit Island, Norwegen und Liechtenstein. Dadurch haben diese Länder Zugang zum europäischen Binnenmarkt, ohne selbst Mitglieder der Europäischen Union zu sein.
Warum ist die Fischerei für Island so wichtig?
Die Fischerei zählt seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Islands und ist ein bedeutender Exportfaktor. Viele Isländer befürchten, dass europäische Fangquoten und gemeinsame Fischereiregeln ihre nationale Kontrolle über die reichen Fischbestände im Nordatlantik einschränken könnten.
OZD-Extras
Island verfügt über eine der höchsten Lebensqualitäten weltweit und erzeugt nahezu seinen gesamten Strom aus erneuerbaren Energien – vor allem durch Geothermie und Wasserkraft. Trotz des hohen Wohlstands belasten Inflation und hohe Baufinanzierungszinsen derzeit viele Haushalte.
Ein möglicher EU-Beitritt Islands hätte keine unmittelbaren Auswirkungen auf die internationalen Börsen. Mittel- bis langfristig könnten Banken, Investoren sowie Unternehmen aus den Bereichen Energie, Fischerei und Tourismus von größerer Planungssicherheit und einer engeren wirtschaftlichen Integration profitieren.
Gewinnspiel
Worüber haben die Bürgerinnen und Bürger Islands im Referendum abgestimmt?
A) Den sofortigen Beitritt zur Europäischen Union
B) Die Einführung des Euro
C) Die Wiederaufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union
D) Den Austritt aus dem Europäischen Wirtschaftsraum
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.