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Russland setzt Europa unter Druck

Die EU sieht eine wachsende Welle hybrider Angriffe aus Russland – und will sich trotz Drohungen nicht von der Unterstützung der Ukraine abbringen lassen.

Kleine Übersicht

EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas warnt vor zunehmenden hybriden Angriffen Russlands

Deutschland sieht sich nach dem Drohnenvorfall in Leipzig stärker im Visier

Berlin will Erkenntnisse zu dem Anschlagsversuch und mögliche Strafmaßnahmen vorstellen



Die Europäische Union verschärft ihren Ton gegenüber Russland. EU-Außenkommissarin Kaja Kallas hat am Dienstag deutlich gemacht, dass die EU trotz einer zunehmenden Zahl sogenannter hybrider Angriffe ihre Unterstützung für die Ukraine fortsetzen will. Bei einem Treffen der EU-Verteidigungsminister im irischen Wicklow sagte Kallas, Moskau wolle mit "einer Welle zunehmend kinetischer hybrider Angriffe" erreichen, dass Europa Angst bekomme und seine Unterstützung für die Ukraine einstelle. "Das wird ihnen nicht gelingen", fügte sie hinzu.

Die Aussagen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem in mehreren europäischen Staaten die Sorge vor russischen Einfluss- und Sabotageaktionen wächst. Besonders Deutschland steht dabei im Mittelpunkt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte mit Blick auf den Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig erklärt, Deutschland sei "stärker ins Fadenkreuz hybrider Angreifer gerückt". Zugleich hatte er Konsequenzen angekündigt.

Im Zentrum steht der Vorfall am Leipziger Flughafen. Dort war eine mit Sprengstoff beladene Drohne entdeckt worden. In der Nähe befanden sich ukrainische Frachtflugzeuge. Der Flughafen Leipzig/Halle gilt als wichtiger Umschlagplatz für militärische Hilfslieferungen an die Ukraine.

Berichten zufolge geht die Bundesregierung inzwischen davon aus, dass ein russischer Geheimdienst hinter dem versuchten Anschlag stehen könnte. Noch hatte Berlin Russland zuvor nicht offiziell als Urheber benannt. Das sollte sich nach den angekündigten Beratungen und einer Pressekonferenz von Bundesaußenminister Johann Wadephul und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt ändern.

Der Fall Leipzig ist deshalb politisch besonders brisant. Sollte sich der Verdacht einer russischen Urheberschaft bestätigen, wäre dies nicht lediglich ein weiterer Zwischenfall im Schatten des Ukraine-Krieges. Es wäre ein Hinweis darauf, dass der Konflikt zunehmend auch auf deutschem Boden ausgetragen werden könnte – nicht mit klassischen militärischen Angriffen, sondern mit Sabotage, Drohnen, Cyberattacken, Desinformation oder anderen verdeckten Operationen.

Kallas versucht gleichzeitig, einen anderen Effekt zu verhindern: Angst. Genau diese sei nach ihrer Darstellung ein Ziel Moskaus. Wenn europäische Staaten aus Sorge vor weiteren Angriffen ihre Unterstützung für die Ukraine reduzieren würden, hätte Russland sein strategisches Ziel erreicht.

Die EU-Chefdiplomatin setzt deshalb bewusst auf Härte. Ihre Botschaft lautet: Hybride Angriffe sollen nicht zu einem Rückzug Europas führen, sondern zu einer stärkeren gemeinsamen Reaktion.

Für Deutschland ist das eine schwierige Situation. Berlin muss einerseits mögliche russische Aktivitäten ernst nehmen und die kritische Infrastruktur besser schützen. Andererseits darf die Regierung keine unbelegten Anschuldigungen als Tatsachen darstellen. Gerade bei verdeckten Operationen ist die Beweislage häufig kompliziert.

Der Fall Leipzig könnte deshalb zu einem wichtigen Test für die deutsche Sicherheits- und Außenpolitik werden. Sollte die Bundesregierung belastbare Erkenntnisse vorlegen, dürfte der politische Druck auf Russland erheblich steigen.

OZD/AFP


OZD-Kommentar – Russland testet Europas Nerven

Russland muss Europa nicht mit Panzern angreifen, um Unruhe zu erzeugen. Wenn Sabotage, Drohnen oder andere verdeckte Aktionen tatsächlich gezielt eingesetzt werden, reicht bereits die permanente Unsicherheit.

Genau darin liegt die Stärke hybrider Kriegsführung: Sie bleibt häufig unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Angriffs und zwingt den Gegner trotzdem dazu, enorme Ressourcen für Schutz, Ermittlungen und Abwehr aufzuwenden.

Kallas hat deshalb mit ihrer Warnung einen entscheidenden Punkt getroffen. Europa darf sich nicht durch Angst politisch lähmen lassen.

Aber Härte allein reicht nicht. Die EU braucht bessere gemeinsame Nachrichtendienste, schnellere Reaktionsmechanismen und einen wesentlich stärkeren Schutz kritischer Infrastruktur. Flughäfen, Energieanlagen, Kommunikationsnetze und Logistikzentren sind längst Teil der europäischen Sicherheitsarchitektur.

Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass Europa sich an solche Vorfälle gewöhnt.

Die Prognose der OZD: Die Zahl der öffentlich bekannt werdenden Fälle hybrider Einflussnahme dürfte weiter steigen. Deutschland wird seine Sicherheitsmaßnahmen verschärfen und enger mit EU und Nato zusammenarbeiten. Gleichzeitig wird Moskau vermutlich versuchen, möglichst lange unterhalb der Schwelle eines eindeutig militärischen Angriffs zu bleiben.


Der historischer Hintergrund

Der Begriff hybride Kriegsführung beschreibt eine Mischung aus klassischen und nichtmilitärischen Methoden. Dazu können Cyberangriffe, Sabotage, Desinformation, Spionage, Einflussoperationen und verdeckte Operationen gehören.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 betrachten viele europäische Regierungen solche Aktivitäten mit besonderer Sorge. Russland weist Vorwürfe westlicher Staaten regelmäßig zurück.

Deutschland ist aufgrund seiner zentralen Lage in Europa und seiner wichtigen Infrastruktur ein besonders bedeutendes Ziel für mögliche Einfluss- oder Sabotageoperationen. Flughäfen wie Leipzig/Halle haben zusätzlich eine strategische Bedeutung, weil über sie Hilfsgüter und militärische Unterstützung für die Ukraine transportiert werden.

Die EU versucht deshalb zunehmend, ihre Abwehr gegen hybride Bedrohungen gemeinsam zu organisieren. Gleichzeitig bleibt die Unterstützung der Ukraine ein zentraler Bestandteil der europäischen Russlandpolitik.


Die Zukunftsprognose der OZD

Die Auseinandersetzung zwischen Russland und Europa wird wahrscheinlich zunehmend auch im sogenannten Graubereich stattfinden.

Das bedeutet: weniger sichtbare militärische Konfrontation, dafür mehr Cyberangriffe, Sabotageverdacht, Spionage, Desinformation und mögliche Angriffe auf kritische Infrastruktur.

Für Deutschland bedeutet das steigende Sicherheitskosten. Flughäfen, Bahnhöfe, Energieversorgung, Telekommunikation und Logistik müssen stärker geschützt werden.

Geopolitisch dürfte die Zusammenarbeit zwischen Deutschland, der EU und der Nato enger werden. Gleichzeitig steigt aber das Risiko einer weiteren Eskalationsspirale zwischen Russland und dem Westen.

Für die Ukraine ist die Entwicklung unmittelbar relevant: Je stärker Europa hybride Angriffe als Teil des russischen Vorgehens interpretiert, desto größer dürfte die Bereitschaft sein, die Unterstützung für Kiew aufrechtzuerhalten oder sogar auszubauen.


Die Erklärungen zum Text

Wer ist Kaja Kallas?

Kaja Kallas ist eine estnische Politikerin und eine der wichtigsten außenpolitischen Vertreterinnen der Europäischen Union. Als EU-Außenbeauftragte steht sie für eine besonders entschlossene Haltung gegenüber Russland.

Was bedeutet „hybrider Angriff“?

Ein hybrider Angriff verbindet unterschiedliche Methoden. Dazu können beispielsweise Sabotage, Cyberangriffe, Spionage, Desinformation oder verdeckte Operationen gehören. Ziel ist häufig, einen Staat zu destabilisieren, ohne einen offenen Krieg zu beginnen.

Was bedeutet „kinetisch“?

„Kinetisch“ bezeichnet in diesem Zusammenhang physische Aktionen. Ein kinetischer Angriff kann beispielsweise eine Sabotagehandlung oder einen tatsächlichen Angriff auf eine Infrastruktur darstellen.

Was ist der Flughafen Leipzig/Halle?

Der Flughafen Leipzig/Halle liegt in Sachsen und ist ein bedeutendes europäisches Fracht- und Logistikzentrum. Seine Bedeutung ist im Zusammenhang mit der Unterstützung der Ukraine besonders relevant.

Gibt es eine Interpretation?

Ja. Der entscheidende Kampf findet möglicherweise nicht nur auf dem Schlachtfeld in der Ukraine statt, sondern auch um die politische Widerstandskraft Europas.

Wenn Russland tatsächlich versucht, durch Sabotage oder andere hybride Aktionen Unsicherheit in Deutschland und anderen EU-Staaten zu erzeugen, könnte das Ziel weniger die unmittelbare Zerstörung einer Infrastruktur sein. Entscheidend wäre dann der psychologische Effekt: Angst, Misstrauen und politischer Druck.

Kallas setzt genau hier an. Ihre Botschaft „Das wird ihnen nicht gelingen“ ist deshalb nicht nur eine außenpolitische Erklärung, sondern auch ein Signal an die europäische Bevölkerung.

Europa soll nicht den Eindruck bekommen, dass Unterstützung für die Ukraine automatisch bedeutet, selbst zum direkten Kriegsziel zu werden.


OZD-Extras

Ein bemerkenswerter Aspekt ist die geografische Dimension: Der Krieg in der Ukraine findet militärisch vor allem in Osteuropa statt, seine sicherheitspolitischen Auswirkungen reichen jedoch bis nach Deutschland, Frankreich, Belgien und andere EU-Staaten.

Damit verschwimmt zunehmend die klassische Grenze zwischen „Krieg“ und „Frieden“.

Wie wirkt sich das auf die Börsen aus – oder hat es das schon?

Direkte starke Börsenbewegungen sind durch Kallas' Aussagen allein eher nicht zu erwarten. Für die Finanzmärkte wird entscheidend sein, ob aus einzelnen Vorfällen eine breitere Eskalation entsteht.

Sollten Sabotageakte oder andere hybride Angriffe häufiger werden, könnten vor allem Unternehmen aus den Bereichen Cybersicherheit, Verteidigung, Überwachung und kritische Infrastruktur stärker in den Fokus der Anleger rücken.

Für die Gesamtwirtschaft wäre eine zunehmende geopolitische Unsicherheit dagegen eher belastend. Unternehmen könnten höhere Ausgaben für Sicherheit und Versicherungen haben. Zusätzlich könnten Investitionen zurückgestellt werden, wenn die politische Lage unberechenbarer wird.

Sollten Deutschland und die EU ihre Verteidigungsausgaben weiter erhöhen, könnte dies langfristig allerdings auch zusätzliche Aufträge für europäische Rüstungs-, Technologie- und Sicherheitsunternehmen bedeuten.

Der wichtigste Börsenfaktor bleibt deshalb die Eskalationsfrage: Bleibt es bei verdeckten und begrenzten Aktionen – oder kommt es zu einer größeren direkten Konfrontation zwischen Russland und dem Westen?


Unser Gewinnspiel

Frage: Was versteht man unter einem hybriden Angriff?

A) Eine Kombination verschiedener politischer, digitaler und physischer Methoden

B) Ausschließlich einen klassischen Panzerangriff

C) Nur einen Cyberangriff

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Titelbild AFP. Alle Angaben ohne Gewähr.