Fakten im Überblick
Sportökonom Wolfgang Maennig fordert bei einer erfolgreichen deutschen Olympiabewerbung grundlegende Veränderungen im Spitzensport.
Berlin, KölnRheinRuhr und München konkurrieren um die deutsche Bewerbung für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044.
Der DOSB entscheidet am 26. September 2026 bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung in Baden-Baden über den deutschen Kandidaten.
Deutschland diskutiert über Olympische Spiele – und Wolfgang Maennig sieht darin weit mehr als die Chance auf ein gigantisches Sportfest. Der Olympiasieger und Sportökonom fordert für den Fall einer erfolgreichen deutschen Bewerbung einen grundlegenden Umbau des Spitzensports und neue Wege bei Planung, Organisation und Sportförderung.
"Holen wir die Spiele, werden wir uns für unseren Spitzensport etwas Neues ausdenken müssen, viel konsequenter als bisher", sagte Maennig im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst.
Der 66-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, was olympischer Erfolg bedeutet. Bei den Sommerspielen 1988 in Seoul gewann Maennig mit dem Deutschland-Achter die Goldmedaille.
Heute beschäftigt er sich wissenschaftlich mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen großer Sportveranstaltungen.
Eine deutsche Olympiabewerbung betrachtet er deshalb nicht ausschließlich aus sportlicher Perspektive.
Maennig hofft zunächst, dass Sommerspiele im eigenen Land den deutschen Leistungssport nachhaltig verändern könnten.
"Gastgeber von Olympischen Spielen haben teilweise ihre Medaillenzahl verdreifacht. Die Olympischen Spiele in den Gastgeberländern haben immer zu massiven Strukturverbesserungen im Leistungssport beigetragen", sagte er.
Als internationale Beispiele nennt Maennig Programme wie das australische "Go for Gold" oder das kanadische "Own the Podium".
Solche Modelle konzentrieren finanzielle Mittel, wissenschaftliche Unterstützung und sportliche Förderung gezielt auf internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Dass entsprechende Veränderungen Konflikte auslösen können, räumt Maennig ein.
Die Maßnahmen würden "nicht allen gefallen", könnten seiner Einschätzung nach aber "medaillenträchtig" sein.
Das sei "gut für unsere Sportler, aber auch gut für unsere internationale Wahrnehmung".
Maennig verweist dabei auf die Geschichte des deutschen Sports.
Vor den Olympischen Sommerspielen 1972 in München stand die damalige Bundesrepublik Deutschland auch im sportlichen Wettbewerb mit der DDR.
Daraus entstand erheblicher politischer und organisatorischer Druck, den westdeutschen Spitzensport weiterzuentwickeln.
Davor "hatte der Westen Angst, dass die DDR viel erfolgreicher sein würde. Daher wurden beispielsweise die Sporthilfe, die Sportwissenschaften an den Universitäten und die Glücksspirale eingeführt. All das gibt es noch immer", sagte Maennig.
Mehr als fünf Jahrzehnte später sieht er erneut die Gelegenheit für strukturelle Veränderungen.
Diesmal geht es jedoch nicht um den Systemwettbewerb zwischen Bundesrepublik und DDR.
Maennig verbindet eine mögliche Olympia-Ausrichtung vielmehr mit der Frage, wie Deutschland seinen Spitzensport modernisieren und gleichzeitig große Projekte schneller planen und umsetzen kann.
"Olympia bringt den notwendigen Handlungsdruck mit sich", sagte er.
Der Zeitrahmen sei dabei keineswegs so großzügig, wie die Jahreszahlen zunächst erscheinen könnten.
"2036 oder auch 2040 ist nicht mehr weit weg. Eine erfolgreiche Ausrichtung wird mit unserer bisherigen Herangehensweise an Konzeptionierung, Planung und Durchführung nicht funktionieren. Wir brauchen andere Ideen, und da können wir sicher auch von anderen Ländern lernen, die schneller sind."
Maennig spricht sich deshalb für eine "Sonderplanungszone" aus.
Die Idee dahinter: Für ein Großprojekt wie Olympische Spiele könnten Planungs- und Entscheidungsprozesse stärker gebündelt und beschleunigt werden.
Wie eine solche Sonderplanungszone rechtlich und organisatorisch konkret ausgestaltet werden könnte, müsste allerdings detailliert geklärt werden. Planungsrecht, Umweltrecht, Bürgerbeteiligung und Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Kommunen würden dabei weiterhin eine zentrale Rolle spielen.
Maennig sieht in Olympia dennoch die Möglichkeit eines Modellprojekts, von dessen Erfahrungen später auch andere Infrastrukturvorhaben profitieren könnten.
"Von einem möglichen Aha-Effekt" könne ganz Deutschland profitieren.
Seine Diagnose geht dabei deutlich über den Sport hinaus.
"Es fehlt diesem Land eine Vision."
Olympische Spiele könnten aus seiner Sicht ein gemeinsames Ziel schaffen.
Es wäre gut, "wenn wir ein gemeinsames Projekt hätten, auf das wir hinarbeiten: Von den Bundes- zu den Landesbeamten zu den Sportfunktionären und so weiter, um der Welt ein tolles Ergebnis zu einem bestimmt Zeitpunkt zu präsentieren. Diese Gesellschaft braucht ein konkretes Ziel. Olympia könnte eines sein."
Ob Deutschland diesen Weg tatsächlich einschlägt, entscheidet sich in mehreren Etappen.
Zunächst muss feststehen, welche deutsche Stadt oder Region international antreten soll.
Am 26. September kommen die Delegierten des Deutschen Olympischen Sportbundes zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Kurhaus von Baden-Baden zusammen.
Drei Konzepte stehen zur Auswahl: Berlin, KölnRheinRuhr und München.
Berlin setzt dabei auf ein Konzept, das die Hauptstadt mit mehreren Partnerregionen verbindet.
KölnRheinRuhr möchte die bestehende Sportstättenlandschaft Nordrhein-Westfalens nutzen und die Spiele in einer der größten europäischen Metropolregionen verankern.
München wiederum knüpft ausdrücklich an die olympische Geschichte von 1972 an und setzt unter anderem auf vorhandene Sportstätten, kurze Wege und den Olympiapark.
Hamburg gehörte zunächst ebenfalls zum deutschen Bewerbungsverfahren. Bei einem Referendum am 31. Mai 2026 stimmten jedoch 54,9 Prozent gegen eine Bewerbung. Die Hansestadt schied daraufhin aus dem Verfahren aus.
Der DOSB richtet seine Bewerbung auf die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 aus.
Welche Ausgabe Deutschland am Ende tatsächlich anstreben kann, hängt auch vom internationalen Vergabeverfahren des Internationalen Olympischen Komitees ab.
Damit steht am 26. September in Baden-Baden zunächst eine nationale Richtungsentscheidung an.
Für Maennig wäre ein deutscher Erfolg im internationalen Verfahren anschließend nicht das Ende einer Bewerbung, sondern der Anfang einer viel größeren Aufgabe.
Olympia soll nach seiner Vorstellung nicht einfach nach Deutschland kommen.
Olympia soll Deutschland verändern.
OZD/SID
OZD-Kommentar – Olympia als Beschleuniger, nicht als Selbstzweck
Wolfgang Maennig beschreibt eine Idee, die weit über Medaillen und Sportstätten hinausgeht: Ein olympisches Großprojekt könnte zum Anlass werden, Strukturen zu überprüfen, Zuständigkeiten zu bündeln und langfristige Ziele für den deutschen Spitzensport zu definieren.
Die historischen Erfahrungen zeigen tatsächlich, dass Gastgeberländer vor Olympischen Spielen häufig erheblich in Sportförderung, Infrastruktur und Organisation investieren.
Daraus folgt allerdings nicht automatisch, dass jede Investition dauerhaft erfolgreich ist.
Großveranstaltungen können Modernisierung beschleunigen. Sie können aber ebenso hohe Kosten, Fehlplanungen oder Infrastruktur hinterlassen, deren langfristiger Nutzen geringer ausfällt als erwartet.
Genau deshalb ist Maennigs Forderung nach neuen Strukturen interessant: Entscheidend wäre nicht allein, mehr Geld auszugeben, sondern Förderung, Planung und Verantwortung nachvollziehbar zu organisieren.
Besonders sensibel ist die Idee einer "Sonderplanungszone". Schnellere Verfahren können Großprojekte erleichtern. Gleichzeitig müssen rechtsstaatliche Prüfungen, Umweltstandards und Beteiligungsmöglichkeiten erhalten bleiben.
Die realistische Prognose: Sollte Deutschland international tatsächlich den Zuschlag für Olympische und Paralympische Spiele erhalten, würde dies erheblichen Reformdruck auf Sportförderung, Infrastrukturplanung und Verwaltung auslösen. Ob daraus dauerhaft bessere Strukturen entstehen, hinge davon ab, welche Reformen über das Großereignis hinaus Bestand haben.
Historischer Hintergrund
Deutschland war bislang zweimal Gastgeber Olympischer Sommerspiele.
1936 fanden die Spiele in Berlin unter der nationalsozialistischen Diktatur statt und wurden vom NS-Regime propagandistisch instrumentalisiert.
1972 richtete München die Sommerspiele aus.
Die Münchner Spiele sollten ein anderes, demokratisches und weltoffenes Deutschland präsentieren. Überschattet wurden sie vom Terroranschlag auf die israelische Mannschaft, bei dem elf israelische Teammitglieder und ein deutscher Polizist getötet wurden.
Sportpolitisch hinterließen die Spiele zugleich dauerhafte Strukturen.
Der Münchner Olympiapark gehört bis heute zu den bekanntesten Sport- und Veranstaltungsarealen Deutschlands.
Maennig verweist außerdem auf die Entwicklung der Sportförderung im Vorfeld der Spiele und den damaligen Wettbewerb zwischen Bundesrepublik und DDR.
Seit München 1972 hat Deutschland keine Olympischen Sommerspiele mehr ausgerichtet.
Mehrere spätere Bewerbungsprojekte scheiterten oder wurden nicht bis zur internationalen Vergabe weitergeführt.
Der aktuelle DOSB-Prozess soll deshalb gesellschaftliche Zustimmung, finanzielle Tragfähigkeit, Nachhaltigkeit und internationale Wettbewerbsfähigkeit frühzeitig berücksichtigen.
Zukunftsprognose
Sportlich könnte eine erfolgreiche Olympiabewerbung zusätzliche Investitionen in Trainingszentren, Trainer, Sportwissenschaft, Nachwuchsförderung und Athletenunterstützung auslösen.
Wirtschaftlich wären die Auswirkungen erheblich komplexer.
Olympische Spiele erzeugen hohe Organisations- und Sicherheitskosten. Gleichzeitig können Investitionen in Verkehr, Sportstätten, Stadtentwicklung und digitale Infrastruktur langfristigen Nutzen bringen, wenn sie ohnehin benötigt werden und dauerhaft verwendet werden.
Für Berlin, München oder die Rhein-Ruhr-Region könnten sich unterschiedliche Schwerpunkte ergeben.
München verfügt mit dem Olympiapark über ein historisch gewachsenes olympisches Zentrum.
Berlin besitzt zahlreiche große Sportstätten und internationale Infrastruktur.
KölnRheinRuhr könnte auf die hohe Bevölkerungsdichte und eine Vielzahl bestehender Arenen und Stadien in Nordrhein-Westfalen zurückgreifen.
Gesellschaftlich würde eine erfolgreiche Bewerbung über Jahre öffentliche Diskussionen über Kosten, Nachhaltigkeit, Sicherheit und Prioritäten auslösen.
International müsste Deutschland das IOC davon überzeugen, dass sein Konzept nicht nur sportlich attraktiv, sondern auch finanziell tragfähig, nachhaltig und organisatorisch belastbar ist.
Wer ist Wolfgang Maennig?
Wolfgang Maennig ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sportökonom und ehemaliger Ruderer.
1988 gewann er bei den Olympischen Spielen in Seoul mit dem Deutschland-Achter die Goldmedaille.
Später beschäftigte er sich wissenschaftlich intensiv mit Sportökonomie, Olympischen Spielen und den wirtschaftlichen Auswirkungen großer Sportveranstaltungen.
Was bedeutet „Own the Podium“?
"Own the Podium" ist ein kanadisches Spitzensportprogramm.
Es wurde insbesondere im Zusammenhang mit den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver bekannt und zielte darauf, kanadische Athletinnen und Athleten systematisch auf internationale Medaillenerfolge vorzubereiten.
Dazu wurden finanzielle Förderung, sportwissenschaftliche Erkenntnisse und Leistungsanalysen stärker gebündelt.
Was meint Maennig mit einer „Sonderplanungszone“?
Maennig schlägt vor, rund um eine mögliche Olympia-Ausrichtung neue Wege bei Planung und Genehmigung großer Projekte zu erproben.
Das Ziel wären schnellere und besser koordinierte Verfahren.
Wie ein solches Modell konkret ausgestaltet würde, ist damit noch nicht festgelegt.
Wer bewirbt sich in Deutschland um Olympia?
Im nationalen Auswahlverfahren stehen noch drei Konzepte: Berlin, KölnRheinRuhr und München.
Hamburg war zunächst ebenfalls dabei, zog sich nach dem negativen Ergebnis des Referendums Ende Mai 2026 aus dem weiteren Verfahren zurück.
Am 26. September entscheidet der DOSB in Baden-Baden, welches Konzept Deutschland international vertreten soll.
Um welche Olympischen Spiele bewirbt sich Deutschland?
Der DOSB verfolgt eine Bewerbung um Olympische und Paralympische Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044.
Die endgültige internationale Vergabe liegt beim Internationalen Olympischen Komitee.
OZD-Extra – Olympia könnte Milliardeninvestitionen auslösen
Eine deutsche Olympiabewerbung wäre nicht nur ein Sportprojekt.
Verkehrswege, Bahnhöfe, digitale Infrastruktur, Unterkünfte, Sicherheitskonzepte und Sportstätten könnten Investitionen auslösen oder bestehende Projekte beschleunigen.
Für Baukonzerne, Infrastrukturunternehmen, Verkehrstechnik, Sicherheitsanbieter, Telekommunikation und Veranstaltungswirtschaft könnte eine tatsächliche Vergabe langfristig zusätzliche Aufträge bedeuten.
An der Börse wäre eine deutsche Olympiaentscheidung allein jedoch kein verlässlicher Kurstreiber. Welche Unternehmen tatsächlich profitieren, hinge von späteren Ausschreibungen, Standorten, Finanzierung und konkreten Investitionsprogrammen ab.
Für den Euro oder internationale Rohstoffmärkte wäre selbst eine erfolgreiche deutsche Bewerbung voraussichtlich kein bedeutender unmittelbarer Faktor.
Spannender ist die langfristige volkswirtschaftliche Frage: Können Investitionen so geplant werden, dass sie auch Jahrzehnte nach den Spielen genutzt werden?
Paris 2024 und die Reformen des IOC haben den Fokus stärker auf vorhandene Anlagen, Nachhaltigkeit und langfristige Nutzung gelegt. Genau daran müsste sich auch ein deutsches Konzept messen lassen.
Für Maennig liegt die vielleicht wichtigste Wirkung ohnehin an anderer Stelle.
Nicht das olympische Feuer allein soll etwas verändern.
Der feste Termin soll Deutschland dazu bringen, Entscheidungen zu treffen.
Gewinnspiel
In welcher Stadt entscheidet der DOSB am 26. September 2026 über den deutschen Olympia-Kandidaten?
A: Frankfurt am Main
B: Berlin
C: Baden-Baden
D: München
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.