Fakten im Überblick
Der THW Kiel und die SG Flensburg-Handewitt trennen sich im Bundesliga-Nordderby nach dramatischer Schlussphase 31:31.
Julian Köster erzielt mit dem letzten Kieler Angriff vermeintlich den Siegtreffer, doch die Schiedsrichter erkennen das Tor nach minutenlangem Videostudium wegen eines offenbar gesehenen Schrittfehlers nicht an.
Flensburg bleibt Tabellenführer vor Kiel, während Meister SC Magdeburg durch einen 33:24-Sieg gegen Bietigheim näher an das Spitzenduo heranrückt.
Minutenlang warteten Spieler und Zuschauer auf die Entscheidung. Julian Köster hatte den Ball im Tor untergebracht, der THW Kiel schien das dramatische Nordderby gegen die SG Flensburg-Handewitt tatsächlich noch gewonnen zu haben. Doch dann studierten die Schiedsrichter die Videoaufnahmen – und nahmen den vermeintlichen Siegtreffer zurück. Offenbar hatten sie einen Schrittfehler erkannt. Statt Kieler Jubel endete eines der traditionsreichsten Duelle des deutschen Handballs mit einem 31:31 (18:14). Für beide Mannschaften war es nach jeweils fünf Siegen der erste Punktverlust der neuen Bundesliga-Saison.
Die Entscheidung sorgte unmittelbar für Diskussionen. Selbst Flensburgs Simon Pytlick konnte den Ärger des Gegners nachvollziehen. „Das ist eine wirklich harte Entscheidung, so etwas passiert im Spiel ständig. Für uns ist es gut, aber ich verstehe den Frust der Kieler total“, sagte der dänische Weltmeister bei Dyn. Kiels Hendrik Pekeler sah die Situation erwartungsgemäß anders. „Sehr unglücklich für uns“, sagte er über die finale Szene: „Ich sehe da nichts, weshalb die Schiedsrichter zum Videobeweis gehen müssen.“
Dass die Partie überhaupt noch in eine derart dramatische Schlussphase geraten konnte, hatte sich zur Pause kaum angedeutet. Nach einem zunächst offenen Beginn übernahm Kiel zunehmend die Kontrolle. Der THW setzte sich gegen Ende der ersten Halbzeit zeitweise auf fünf Treffer ab und führte beim Stand von 17:12 erstmals deutlich. Mit einem 18:14 ging das Team von Trainer Börge Lund schließlich in die Kabine.
Vor allem die neu zusammengestellte Kieler Mannschaft zeigte, warum sie nach schwierigen Jahren wieder ganz oben angreifen will. Die beiden prominenten Neuzugänge Julian Köster und Domen Makuc überzeugten sowohl defensiv als auch offensiv. Makuc entwickelte sich mit neun Treffern sogar zum besten Kieler Torschützen.
Dazu hatte der THW mit Andreas Wolff einen starken Rückhalt im Tor. Kiel kontrollierte über weite Strecken das Tempo, ließ sich bei seinen Angriffen Zeit und verteidigte seinen Vorsprung lange geschickt.
Doch Flensburg gab das Derby nicht verloren. Die Gäste arbeiteten sich Stück für Stück zurück in die Begegnung. Pytlick und der französische Nationalspieler Aymeric Minne übernahmen dabei besonders viel Verantwortung und erzielten jeweils sieben Treffer.
Je näher die Schlusssirene rückte, desto kleiner wurde der Kieler Vorsprung. Aus einer scheinbar komfortablen Ausgangslage entwickelte sich der erwartete Derby-Krimi.
Mit seinem letzten Angriff gelang Flensburg tatsächlich noch der Ausgleich zum 31:31. Kiel bekam anschließend eine letzte Gelegenheit – und Köster schien sie genutzt zu haben.
Dann kam der Videobeweis.
Nach minutenlanger Überprüfung entschieden die Schiedsrichter gegen das Tor. Der Jubel in Kiel verstummte, während Flensburg einen kaum noch erwarteten Punkt mitnahm.
Für die Tabelle besitzt die Szene unmittelbare Bedeutung. Der THW verpasste durch das Remis den Sprung an die Spitze. Flensburg bleibt Tabellenführer, Kiel folgt auf Rang zwei. Beide Mannschaften hatten zuvor ihre ersten fünf Saisonspiele gewonnen.
Einen Gewinner gab es an diesem Abend dennoch: den SC Magdeburg. Der deutsche Meister setzte sich gegen die SG BBM Bietigheim deutlich mit 33:24 (16:11) durch und verkürzte mit nun 10:2 Punkten den Abstand auf das Spitzenduo auf einen Punkt.
Und schon am Mittwoch wartet das nächste Spitzenspiel. Um 19.00 Uhr empfängt Magdeburg den THW Kiel. Nach dem emotionalen Derby muss Lunds Mannschaft die Enttäuschung über den verpassten Sieg deshalb schnell verarbeiten.
Auch die Füchse Berlin bleiben in unmittelbarer Nähe zur Spitze. Der Pokalsieger steht bei 8:2 Punkten, ist derzeit allerdings bei der Klub-WM im Einsatz. European-League-Sieger MT Melsungen musste dagegen einen Rückschlag hinnehmen und verlor bei den Rhein-Neckar Löwen mit 28:30 (11:12).
Für Kiel und Flensburg besitzt das direkte Duell noch aus einem anderen Grund besondere Bedeutung. Beide erfolgsverwöhnten Vereine beendeten die vergangene Saison ohne Titel.
Besonders hart traf es den THW. Kiel verpasste sogar die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb und erlebt erstmals seit 33 Jahren eine Saison ohne internationalen Handball. Die Konsequenzen waren erheblich: Vereinsikone Filip Jicha musste im Sommer seinen Trainerposten räumen.
Börge Lund soll nun eine neue Ära einleiten und den Rekordmeister nach drei Jahren ohne Meisterschaft zurück an die Spitze führen. Der Kader wurde dafür prominent verstärkt. Köster und Makuc gehören zu den zentralen Bausteinen des Neuaufbaus.
Gegen Flensburg zeigte Kiel über lange Phasen, welches Potenzial in dieser Mannschaft steckt. Doch der Abend offenbarte gleichzeitig, wie schmal die Grenze zwischen Sieg und Punktverlust in einem Spitzenspiel sein kann.
Am Ende entschieden Sekunden, ein Videobeweis und eine umstrittene Schiedsrichterentscheidung darüber, dass der THW nicht als Tabellenführer aus diesem Nordderby hervorging.
OZD/SID
OZD-Kommentar – Ein Derby, über das noch lange gesprochen wird
31:31, ein vermeintlicher Siegtreffer und anschließend minutenlanges Warten vor dem Bildschirm: Mehr Drama kann ein Nordderby kaum liefern.
Dass selbst Flensburgs Simon Pytlick die Entscheidung als „wirklich hart“ bezeichnet und den Kieler Frust ausdrücklich nachvollziehen kann, zeigt, wie knapp die finale Situation war.
Für den THW ist das Ergebnis doppelt bitter. Die Mannschaft hatte das Spiel über weite Strecken kontrolliert, führte mit fünf Toren und besaß mit Andreas Wolff einen starken Torhüter. Trotzdem ließ Kiel Flensburg zurückkommen.
Darauf sollte sich die sportliche Analyse konzentrieren. Eine Schiedsrichterentscheidung lässt sich nachträglich nicht ändern. Einen komfortablen Vorsprung bis zur Schlusssirene zu verteidigen, liegt dagegen in der eigenen Hand.
Für Börge Lund liefert dieses Derby deshalb beides: einen Beleg für das große Potenzial seines neu formierten Teams und genügend Material für die weitere Arbeit.
Die nächste Prüfung folgt sofort. In Magdeburg wird sich zeigen, wie schnell Kiel den bitteren Ausgang dieses Derbys verarbeitet.
Historischer Hintergrund
Der THW Kiel und die SG Flensburg-Handewitt verbindet eine der intensivsten Rivalitäten des deutschen Handballs. Das Schleswig-Holstein-Derby gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Begegnungen der Bundesliga.
Beide Vereine haben deutsche Meisterschaften, Pokalwettbewerbe und internationale Titel gewonnen und den deutschen Handball über lange Phasen geprägt.
Die jüngere Vergangenheit verlief für beide allerdings schwieriger. Sowohl Kiel als auch Flensburg blieben in der vergangenen Saison ohne Titel.
Beim THW hatte das besonders weitreichende Konsequenzen. Weil Kiel sogar einen Europapokalplatz verpasste, erlebt der Verein erstmals seit 33 Jahren eine Saison ohne internationalen Wettbewerb.
Im Sommer endete zudem die Amtszeit von Filip Jicha. Sein Nachfolger Börge Lund erhielt die Aufgabe, den THW nach drei Jahren ohne Meistertitel neu aufzubauen.
Zukunftsprognose
Der Kampf um die deutsche Meisterschaft deutet bereits früh in der Saison auf große Spannung hin. Flensburg und Kiel bleiben nach dem Remis an der Spitze, doch Magdeburg hat den Abstand deutlich verkürzt.
Schon das direkte Duell zwischen Magdeburg und Kiel am Mittwoch kann die Konstellation erneut verändern. Der THW muss dabei zeigen, dass die dramatische Schlussphase gegen Flensburg keine mentalen Spuren hinterlassen hat.
Auch die Füchse Berlin befinden sich trotz ihrer Teilnahme an der Klub-WM in aussichtsreicher Position. Damit zeichnet sich ein enges Rennen zwischen mehreren deutschen Spitzenmannschaften ab.
Für Kiel könnte der fehlende internationale Wettbewerb langfristig sogar einen sportlichen Nebeneffekt haben. Lunds Mannschaft muss während der Saison weniger zusätzliche Reisen und Europapokalspiele bewältigen und kann sich stärker auf Bundesliga und nationale Wettbewerbe konzentrieren.
Ob daraus tatsächlich ein Vorteil im Meisterschaftskampf entsteht, wird sich erst im weiteren Saisonverlauf zeigen.
Wer ist Börge Lund?
Börge Lund ist der neue Trainer des THW Kiel. Er folgte im Sommer auf Filip Jicha und soll den deutschen Rekordmeister nach drei Jahren ohne Meisterschaft wieder an die nationale Spitze führen.
Wer ist Julian Köster?
Julian Köster ist deutscher Nationalspieler und gehört zu den wichtigsten Neuzugängen des THW Kiel. Gegen Flensburg erzielte er mit dem letzten Angriff vermeintlich den Siegtreffer, der nach Videobeweis nicht anerkannt wurde.
Wer ist Domen Makuc?
Domen Makuc ist einer der prominenten Kieler Neuzugänge. Gegen Flensburg war er mit neun Treffern der erfolgreichste Torschütze des THW.
Warum ist das Nordderby so bedeutend?
Kiel und Flensburg sind die beiden großen Handballvereine Schleswig-Holsteins und gehören seit Jahrzehnten zur deutschen Spitze. Ihre direkten Duelle werden deshalb weit über die Region hinaus mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt.
OZD-Extra – Ein Remis macht plötzlich Magdeburg zum Gewinner
Kiel und Flensburg teilten sich die Punkte – und mehrere hundert Kilometer entfernt dürfte man das Ergebnis aufmerksam registriert haben.
Der SC Magdeburg erledigte seine eigene Aufgabe gegen Bietigheim souverän und gewann mit 33:24.
Damit steht der Meister bei 10:2 Punkten und ist bis auf einen Punkt an das Spitzenduo herangerückt.
Noch interessanter wird die Situation am Mittwoch.
Dann empfängt Magdeburg ausgerechnet Kiel zum nächsten Topspiel.
Der THW bekommt damit nur wenige Tage nach dem dramatischen Derby die Chance auf eine sportliche Antwort – diesmal gegen den amtierenden Meister.
Aus einem verlorenen Punkt gegen Flensburg könnte deshalb sehr schnell ein noch bedeutenderes Kapitel im frühen Meisterschaftskampf werden.
Gewinnspiel
Wie endete das Bundesliga-Nordderby zwischen dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt?
A: 30:29
B: 31:31
C: 32:30
D: 34:34
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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.