Fakten im Überblick
Eine russische Drohne traf am Montag die Nationale Akademie der Wissenschaften im historischen Zentrum von Kiew; ukrainische Behörden meldeten Tote und Verletzte.
Präsident Wolodymyr Selenskyj meldete am Abend mehr als 120 eingesetzte Drohnen und landesweit neun Tote sowie mehr als 80 Verletzte.
Nahe dem ukrainisch-polnischen Grenzübergang Jahodyn schlug nach ukrainischen Angaben eine Drohne ein; Polen erklärte, sein Luftraum sei nicht verletzt worden.
Mitten am Arbeitstag ist das historische Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kiew zum Schauplatz eines schweren russischen Drohnenangriffs geworden. Eine Drohne traf am Montag das Gebäude der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine und löste einen Großbrand aus. Erste ukrainische Angaben sprachen von einer getöteten Frau und sechs Verletzten. Am Abend erklärte Präsident Wolodymyr Selenskyj, die Assistentin des hochrangigen Akademievertreters Wolodymyr Horbulin sei bei dem Angriff getötet worden. Horbulin selbst sei verletzt worden. Mehrere Stockwerke des Gebäudes seien zerstört worden.
Videos und Bilder vom Ort des Angriffs zeigten dichten Rauch und Flammen in dem Gebäudekomplex. Menschen versuchten, sich an Fenstern vor Rauch und Feuer in Sicherheit zu bringen, während Einsatzkräfte gegen den Brand kämpften. Vor dem Gebäude brannten Fahrzeuge. Die Akademie liegt in einem besonders sensiblen Teil der ukrainischen Hauptstadt nahe der Nationaloper, staatlichen Einrichtungen und der deutschen Botschaft.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften verurteilte die Attacke als „russischen Terror“ und „Barbarei“. Der Angriff habe sich gegen „friedliche Menschen, die einfach nur an ihren Arbeitsplätzen waren“ sowie „die ukrainische Wissenschaft, Bildung und Kultur“ gerichtet.
Auch das Auswärtige Amt in Berlin reagierte scharf. Russland nehme „erneut zivile Todesopfer und Verletzte in Kauf - auch in unmittelbarer Nähe unserer Botschaft“, erklärte das Ministerium. Die deutsche Botschaft selbst blieb nach vorliegenden Berichten unbeschädigt.
Der Angriff auf die Akademie war Teil einer wesentlich größeren Angriffswelle. Selenskyj erklärte am Abend, Russland habe im Tagesverlauf mehr als 120 Drohnen eingesetzt, darunter nach ukrainischen Angaben rund 90 düsengetriebene Modelle. Landesweit seien zu diesem Zeitpunkt neun Tote und mehr als 80 Verletzte gemeldet worden.
Auch eine medizinische Einrichtung in Kiew wurde getroffen. Die private Klinikkette Dobrobut bestätigte einen Einschlag in einer ihrer Einrichtungen. Weitere Menschen wurden dabei verletzt.
Schwere Angriffe wurden zugleich aus anderen Teilen des Landes gemeldet. In Dnipro gab es Tote und zahlreiche Verletzte. Auch Charkiw, Saporischschja und weitere Städte und Regionen waren betroffen. Unter den Verletzten befanden sich nach ukrainischen Angaben zahlreiche Kinder. Spätere landesweite Meldungen zeigten damit ein noch schwereres Ausmaß der Angriffswelle als die ersten Berichte vom Nachmittag.
Besondere Aufmerksamkeit richtet sich auf die eingesetzten Drohnen. Nach ukrainischen Angaben verwendet Russland zunehmend schnellere, düsengetriebene Drohnen. Diese stellen die ukrainische Luftverteidigung vor zusätzliche Herausforderungen, weil sie schneller fliegen und damit schwieriger abzufangen sind als ältere Modelle. Selenskyj sprach allein am Montag von rund 90 eingesetzten Jet-Drohnen.
Während in Kiew die Rettungskräfte arbeiteten, sorgte ein weiterer Drohnenangriff Hunderte Kilometer weiter westlich für Alarm unmittelbar an der Grenze zur Europäischen Union und zur Nato.
Im ukrainischen Dorf Starowoitowe in der Region Wolhynien schlug nach Angaben des regionalen Gouverneurs Roman Romaniuk eine düsengetriebene Drohne nahe dem internationalen Grenzübergang Jahodyn ein. Die Druckwelle beschädigte das Gebäude der Grenzkontrollstelle am Eingang zum Terminal. Tote oder Verletzte wurden dort zunächst nicht gemeldet.
Auf der anderen Seite der Grenze liegt das polnische Dorohusk. Polens Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz bestätigte den Angriff auf ukrainischem Gebiet und erklärte, der polnische Luftraum sei nicht verletzt worden. Polnische Luftverteidigung und Flugzeuge seien einsatzbereit gewesen. Während der russischen Angriffe auf die Westukraine wurden zudem polnische Militärflugzeuge aktiviert.
Der Vorfall besitzt besondere sicherheitspolitische Brisanz. Polen ist Mitglied der Europäischen Union und der Nato und gehört zu den wichtigsten Unterstützern der Ukraine. Über das Land laufen große Mengen militärischer und humanitärer Hilfe für Kiew.
Russland erklärte zu seiner Angriffswelle, militärisch relevante Ziele angegriffen zu haben. Ukrainische Behörden verweisen dagegen auf die zahlreichen getroffenen zivilen Einrichtungen und die hohe Zahl ziviler Opfer.
Der Angriff auf die Akademie der Wissenschaften erhält dabei eine besondere symbolische Dimension.
Getroffen wurde kein Gebäude an einer abgelegenen Frontlinie, sondern eine zentrale wissenschaftliche Institution im historischen Herzen Kiews.
Und gleichzeitig zeigt der Einschlag nahe Polen, wie nah die Folgen des Krieges weiterhin an das Gebiet der Nato heranreichen.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Wenn der Krieg Wissenschaft, Kliniken und Grenzen erreicht
Der Angriff vom Montag verdeutlicht mehrere Entwicklungen des Krieges gleichzeitig.
Erstens bleibt Kiew trotz seiner umfangreichen Luftverteidigung verwundbar. Besonders neue, schnellere Drohnentypen erhöhen den Druck auf die ukrainischen Abwehrsysteme. Die Ukraine arbeitet deshalb an zusätzlichen Abfangmöglichkeiten.
Zweitens zeigen die Schäden an der Akademie der Wissenschaften und einer medizinischen Einrichtung, dass die Folgen russischer Angriffe weiterhin tief in den zivilen Alltag reichen. Russland erklärt, militärische beziehungsweise kriegsrelevante Ziele anzugreifen; die dokumentierten Schäden an zivilen Einrichtungen und die Opferzahlen führen jedoch regelmäßig zu internationaler Kritik.
Drittens erhält der Einschlag nahe der polnischen Grenze eine zusätzliche internationale Dimension. Nach polnischen Angaben wurde der Nato-Luftraum diesmal nicht verletzt. Gerade deshalb ist eine präzise Unterscheidung wichtig: Ein Angriff nahe der Grenze ist sicherheitspolitisch bedeutsam, aber nicht automatisch ein Angriff auf Polen oder die Nato.
Für Kiew wird entscheidend sein, ob die ukrainische Luftverteidigung an die zunehmende Nutzung schnellerer Drohnen angepasst werden kann. Für Polen und andere östliche Nato-Staaten bleibt parallel die Aufgabe, ihren Luftraum zu überwachen und auf mögliche Grenzverletzungen vorbereitet zu sein.
Die Angriffswelle vom 28. September zeigt damit, wie eng die militärische Entwicklung in der Ukraine inzwischen mit der Sicherheitslage an der östlichen Grenze von EU und Nato verbunden ist.
Historischer Hintergrund
Russlands großangelegter Angriffskrieg gegen die Ukraine begann am 24. Februar 2022. Seitdem wurden nicht nur Frontgebiete, sondern auch Kiew und zahlreiche andere ukrainische Städte wiederholt mit Raketen und Drohnen angegriffen.
Kiew besitzt dabei eine besondere Bedeutung. Die Hauptstadt ist politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der Ukraine. Dort befinden sich die Regierung, das Parlament, diplomatische Vertretungen und bedeutende wissenschaftliche Institutionen.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine gehört zu den wichtigsten Forschungseinrichtungen des Landes. Ein Angriff auf ihren zentralen Gebäudekomplex trifft deshalb nicht nur Infrastruktur, sondern einen symbolisch wichtigen Ort des ukrainischen Wissenschaftslebens.
Gleichzeitig spielt Polen seit Kriegsbeginn eine zentrale Rolle bei der Unterstützung der Ukraine. Das Land nahm Millionen ukrainische Flüchtlinge auf und entwickelte sich zu einem wichtigen Transitstaat für westliche Hilfslieferungen.
Dadurch besitzt jeder militärische Zwischenfall in unmittelbarer Nähe der polnisch-ukrainischen Grenze besondere Bedeutung für die europäische Sicherheitsdebatte.
Zukunftsprognose
Militärisch dürfte der zunehmende Einsatz schnellerer Drohnen den Druck auf die ukrainische Luftverteidigung erhöhen. Nach Selenskyjs Angaben wurden bei der Angriffswelle vom Montag besonders viele düsengetriebene Modelle eingesetzt.
Politisch könnte die Angriffswelle die ukrainischen Forderungen nach zusätzlichen Luftverteidigungssystemen und Abfangmitteln verstärken. Ob daraus neue konkrete Zusagen westlicher Partner entstehen, ist offen.
Für Polen und andere Nato-Staaten an der Ostflanke dürften Überwachung und Luftverteidigungsbereitschaft weiter hohe Priorität besitzen. Beim Angriff nahe Jahodyn wurde der polnische Luftraum nach Angaben Warschaus nicht verletzt.
Wirtschaftlich können anhaltende Angriffe auf ukrainische Infrastruktur Transportwege, Unternehmen, Energieversorgung und Wiederaufbaukosten zusätzlich belasten.
Direkte Auswirkungen des einzelnen Angriffs auf internationale Aktien-, Rohstoff- oder Währungsmärkte lassen sich nicht seriös bestimmen. Eine breitere militärische Eskalation mit Auswirkungen auf Nato-Gebiet könnte dagegen deutlich größere wirtschaftliche Folgen haben.
Was ist die Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine?
Die Nationale Akademie der Wissenschaften ist eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Institutionen der Ukraine.
Ihr Sitz befindet sich in Kiew. Unter ihrem Dach arbeiten zahlreiche Forschungsinstitute aus Natur-, Technik-, Sozial- und Geisteswissenschaften.
Der nun getroffene Gebäudekomplex liegt im historischen Zentrum der ukrainischen Hauptstadt.
Was sind düsengetriebene Drohnen?
Viele klassische Angriffsdrohnen werden von Propellermotoren angetrieben.
Düsengetriebene Modelle erreichen höhere Geschwindigkeiten. Dadurch verkürzt sich für Luftverteidigungssysteme die Zeit, in der eine Drohne entdeckt, verfolgt und abgefangen werden kann.
Nach Angaben Selenskyjs gehörten bei der Angriffswelle vom 28. September rund 90 der mehr als 120 eingesetzten Drohnen zu dieser schnelleren Kategorie.
Warum ist der Grenzübergang Jahodyn-Dorohusk wichtig?
Jahodyn liegt auf ukrainischer Seite der Grenze zu Polen, gegenüber befindet sich Dorohusk.
Der Übergang gehört zu den wichtigen Verkehrsverbindungen zwischen beiden Ländern. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges besitzt die ukrainisch-polnische Grenze zudem besondere Bedeutung für humanitäre, wirtschaftliche und militärische Transporte.
Der Drohneneinschlag erfolgte auf ukrainischem Gebiet. Polen meldete keine Verletzung seines Luftraums.
Was würde eine russische Drohne über Polen bedeuten?
Polen gehört seit 1999 zur Nato.
Eine Verletzung des polnischen Luftraums durch eine russische Drohne wäre deshalb ein sicherheitspolitisch ernster Vorfall. Sie würde jedoch nicht automatisch bedeuten, dass der Nato-Bündnisfall nach Artikel 5 ausgelöst wird. Entscheidend wären unter anderem die konkreten Umstände, die Bewertung des Vorfalls und die Reaktion der Bündnispartner.
Beim aktuellen Angriff erklärte Warschau ausdrücklich, dass es keine Verletzung des polnischen Luftraums gegeben habe.
OZD-Extra – Warum der Angriff auf die Akademie weit über Kiew hinaus Bedeutung hat
Die Nationale Akademie der Wissenschaften liegt in einem Teil Kiews, der normalerweise besonders gut geschützt ist.
In unmittelbarer Umgebung befinden sich bedeutende staatliche und kulturelle Einrichtungen sowie diplomatische Vertretungen. Auch die deutsche Botschaft liegt in der Nähe.
Dass eine Angriffsdrohne bis in diesen Bereich vordringen und schwere Schäden verursachen konnte, rückt die Leistungsfähigkeit und Belastung der ukrainischen Luftverteidigung erneut in den Mittelpunkt.
Hinzu kommt der Zeitpunkt: Das Gebäude wurde an einem Arbeitstag getroffen, als sich zahlreiche Menschen darin befanden. Die Akademie sprach deshalb von einem Angriff auf Menschen an ihren Arbeitsplätzen und auf „die ukrainische Wissenschaft, Bildung und Kultur“.
Gleichzeitig schlug eine weitere Drohne weit im Westen des Landes unmittelbar nahe der polnischen Grenze ein.
Diese Kombination macht den 28. September zu einem besonders bemerkenswerten Tag des Krieges: Angriffe erreichten sowohl das wissenschaftliche und politische Herz der ukrainischen Hauptstadt als auch einen Grenzübergang unmittelbar zur Europäischen Union und zur Nato.
Gewinnspiel
Welche ukrainische Institution wurde bei dem Drohnenangriff im Zentrum von Kiew getroffen?
A: Die Nationale Akademie der Wissenschaften
B: Die Nationalbank der Ukraine
C: Das Olympische Komitee
D: Die Zentralbibliothek
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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.