Fakten im Überblick
Zwei von ukrainischen Streitkräften gefangene nordkoreanische Soldaten kamen Mitte September in Südkorea an.
Die Männer waren im Januar 2025 in der russischen Region Kursk gefangen genommen worden und wollten nach Südkorea übersiedeln.
Nach Selenskyjs öffentlicher Bekanntgabe der Übergabe verlangt Seoul von Kiew eine Erklärung und Entschuldigung.
Zwei nordkoreanische Soldaten, die auf russischer Seite im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt und von ukrainischen Streitkräften gefangen genommen worden waren, sind Mitte September in Südkorea angekommen. Das bestätigte der südkoreanische Abgeordnete Youn Kun Young unter Berufung auf den Nationalen Nachrichtendienst NIS. „Auch wenn ich das genaue Datum ihrer Ankunft in Südkorea nicht nennen kann, so kann ich doch bestätigen, dass die beiden Mitte September eingetroffen sind“, erklärte Youn. Die Männer seien „bei allgemein guter Gesundheit und ohne größere gesundheitliche Probleme“. Ihre „Bereitschaft der beiden, nach Südkorea zu kommen, sei mehrfach bestätigt worden“. Die Soldaten waren im Januar 2025 in der russischen Grenzregion Kursk von ukrainischen Streitkräften gefangen genommen worden. Dort kämpften nordkoreanische Truppen an der Seite Russlands gegen die Ukraine.
Brisant ist weniger die Ankunft selbst als der diplomatische Streit um ihre Bekanntgabe. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am 23. September vor der UN-Generalversammlung in New York öffentlich erklärt, die Ukraine habe die beiden Gefangenen nach Südkorea überstellt. Seoul reagierte verärgert. Nach Darstellung des südkoreanischen Außenministeriums bestand zwischen beiden Seiten ein klares Verständnis darüber, die Angelegenheit wegen der Sicherheit der Männer und ihrer Familien vertraulich zu behandeln. Der Abgeordnete Yoo Yeong Ha erklärte nach einer Unterrichtung durch den Geheimdienst, es habe zwar keine entsprechende Vereinbarung zwischen den Präsidenten beider Staaten gegeben, wohl aber eine Verständigung auf diplomatischer Ebene. Nach Angaben des NIS soll ausgerechnet die ukrainische Seite ursprünglich auf strikte Vertraulichkeit gedrängt haben, weil eine Veröffentlichung künftige Gefangenenaustausche mit Russland erschweren könnte. Die Ukraine bestreitet hingegen, dass eine formelle Geheimhaltungsvereinbarung bestanden habe.
Der Konflikt berührt ein ohnehin schwieriges Dreiecksverhältnis zwischen Seoul, Kiew und Pjöngjang. Südkorea hat der Ukraine bislang keine tödlichen Waffen geliefert, während Nordkorea Russland mit Soldaten und Rüstungsgütern unterstützt. Nach Angaben des südkoreanischen Geheimdienstes könnte Selenskyj die Übergabe öffentlich gemacht haben, um in Südkorea Unterstützung für weitergehende Hilfe an die Ukraine zu mobilisieren. Das ist eine Einschätzung des NIS und kein bestätigtes Motiv des ukrainischen Präsidenten. Seoul hatte nach der Veröffentlichung eine Erklärung und Entschuldigung verlangt. Für die beiden ehemaligen Soldaten beginnt unterdessen ein völlig neuer Lebensabschnitt: Nach südkoreanischer Rechtsauffassung werden Nordkoreaner grundsätzlich als südkoreanische Staatsangehörige betrachtet. Bevor eine dauerhafte Eingliederung erfolgt, müssen die Männer Sicherheitsüberprüfungen und Befragungen durchlaufen.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Zwei Soldaten werden zum diplomatischen Problem
Der Fall zeigt, wie weit der Krieg gegen die Ukraine inzwischen über Europa hinausreicht. Zwei nordkoreanische Soldaten, die Tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt für Russland kämpften, befinden sich nun in Südkorea – und ihre Geschichte berührt gleichzeitig die Beziehungen zwischen Moskau, Pjöngjang, Seoul und Kiew. Dass die Veröffentlichung ihrer Überstellung einen diplomatischen Streit auslöst, zeigt zudem, wie sensibel der Umgang mit Kriegsgefangenen ist. Wenn Vertraulichkeit zum Schutz der Betroffenen und ihrer Familien vereinbart wurde, besitzt sie erhebliches Gewicht. Zugleich besteht zwischen Seoul und Kiew offenbar Streit darüber, welchen formalen Charakter diese Verständigung tatsächlich hatte.
Die politische Wirkung könnte über diesen Einzelfall hinausgehen. Seoul muss seine Unterstützung für die Ukraine mit seiner eigenen Sicherheitslage auf der koreanischen Halbinsel abwägen, während Kiew auf internationale Unterstützung gegen Russland angewiesen bleibt. Die wahrscheinlichste Entwicklung ist deshalb eine diplomatische Aufarbeitung des Vorfalls, während die sicherheitspolitische Zusammenarbeit beider Länder weiterhin von Nordkoreas militärischer Unterstützung für Russland beeinflusst werden dürfte.
Historischer Hintergrund
Nordkoreas direkte militärische Beteiligung an Russlands Krieg gegen die Ukraine wurde 2024 international bekannt. Pjöngjang entsandte Soldaten nach Russland, die insbesondere in der Grenzregion Kursk eingesetzt wurden. Russland und Nordkorea bestätigten 2025 öffentlich die Beteiligung nordkoreanischer Soldaten an den Kämpfen. Südkoreas Geheimdienst schätzte im April 2025, dass seit Oktober 2024 etwa 15.000 nordkoreanische Soldaten nach Russland geschickt worden seien und rund 2.000 von ihnen ums Leben gekommen seien. Die genaue Zahl der eingesetzten und getöteten Soldaten lässt sich unabhängig nur schwer überprüfen.
Für Seoul besitzt der Fall eine zusätzliche historische und rechtliche Dimension. Die Teilung Koreas geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs und den Koreakrieg von 1950 bis 1953 zurück. Die südkoreanische Verfassung beansprucht die gesamte koreanische Halbinsel als Staatsgebiet. Daraus leitet Seoul grundsätzlich ab, dass auch Nordkoreaner südkoreanische Staatsangehörige sind. Nordkoreanische Überläufer können deshalb nach ihrer Ankunft und nach entsprechenden Überprüfungen in Südkorea aufgenommen werden.
Zukunftsprognose
Politisch dürfte der Streit die Beziehungen zwischen Südkorea und der Ukraine zunächst belasten, ohne zwangsläufig zu einem grundlegenden Bruch zu führen. Besonders sensibel bleibt die Frage möglicher südkoreanischer Waffenlieferungen an Kiew. Südkorea ist ein bedeutender Rüstungsproduzent, hat der Ukraine bislang aber keine tödlichen Waffen direkt geliefert. Nordkoreas Unterstützung für Russland erhöht gleichzeitig den sicherheitspolitischen Druck auf Seoul.
International könnte der Fall die Aufmerksamkeit stärker auf die militärische Zusammenarbeit zwischen Russland und Nordkorea lenken. Für Pjöngjang ist besonders heikel, dass eigene Soldaten in Gefangenschaft geraten und sich für ein Leben in Südkorea entscheiden. Sollten künftig weitere nordkoreanische Soldaten gefangen genommen werden, könnten Fragen nach ihrem Aufenthaltsort, ihrem freien Willen und möglichen Gefangenenaustauschen erneut zu einem diplomatischen Problem zwischen mehreren Staaten werden.
Warum kämpfen nordkoreanische Soldaten für Russland?
Nordkorea und Russland haben ihre militärische Zusammenarbeit seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine erheblich ausgebaut. Pjöngjang unterstützt Moskau nach Erkenntnissen Südkoreas und westlicher Staaten unter anderem mit Munition und Soldaten. Russland und Nordkorea haben den Einsatz nordkoreanischer Soldaten inzwischen grundsätzlich bestätigt.
Was ist die Region Kursk?
Kursk liegt im Westen Russlands unmittelbar an der Grenze zur Ukraine. Nach dem ukrainischen Vorstoß auf russisches Gebiet 2024 wurde die Region zu einem wichtigen Schauplatz des Krieges. Dort kamen auch nordkoreanische Soldaten zum Einsatz.
Warum können Nordkoreaner nach Südkorea übersiedeln?
Nach der südkoreanischen Verfassungsordnung wird die gesamte koreanische Halbinsel als Staatsgebiet betrachtet. Seoul behandelt Menschen aus Nordkorea deshalb grundsätzlich als südkoreanische Staatsangehörige. Bei Überläufern folgen dennoch umfangreiche Befragungen, Sicherheitsprüfungen und Eingliederungsverfahren.
OZD-Extra – Ein Gefangener wurde mit 17 Jahren Soldat
Einer der beiden Männer berichtete südkoreanischen Medien, bereits im Alter von 17 Jahren zum Militär eingezogen worden zu sein und später in einer Aufklärungseinheit gedient zu haben. Der Fall gibt damit einen seltenen Einblick in die Lebenswege nordkoreanischer Soldaten, die schließlich Tausende Kilometer von der koreanischen Halbinsel entfernt in einen europäischen Krieg geschickt wurden.
Wirtschaftlich stehen weniger unmittelbare Börsenbewegungen als mögliche langfristige Auswirkungen auf die Rüstungsindustrie im Mittelpunkt. Südkorea gehört international zu den bedeutenden Waffenexporteuren. Eine Veränderung der bisherigen Politik gegenüber der Ukraine könnte deshalb Unternehmen aus dem südkoreanischen Verteidigungssektor stärker in den Fokus rücken. Auswirkungen auf Aktien, Währungen oder Rohstoffe lassen sich aus dem aktuellen diplomatischen Streit allein jedoch nicht seriös ableiten.
Gewinnspiel
In welcher russischen Region wurden die beiden nordkoreanischen Soldaten von ukrainischen Streitkräften gefangen genommen?
A: Sibirien
B: Kursk
C: Kaliningrad
D: Kamtschatka
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.