Zum Inhalt springen
OZD.news - News und Nachrichten zum Nachschlagen
QR-Code zu www.online-zeitung-deutschland.de
Diesen Artikel teilen

Tödliche Luftangriffe auf Afghanistan: UN bestätigt zehn zivile Opfer in Helmand und Kunar

Pakistan hat Ziele in den afghanischen Provinzen Helmand und Kunar angegriffen. Die UN bestätigt mindestens zehn tote Zivilisten, die meisten von ihnen Kinder.

Fakten im Überblick

Mindestens zehn Zivilisten wurden nach Angaben der UN bei Luftangriffen in Helmand und Kunar getötet, neun weitere Menschen verletzt.

Pakistan bestätigt die Angriffe und erklärt, gezielt Stellungen von Kämpfern angegriffen und 22 von ihnen getötet zu haben.

UNAMA hat allein 2026 bereits mehr als 1.100 Tote und Verletzte durch grenzüberschreitende Gewalt in Afghanistan dokumentiert.

Mindestens zehn Zivilisten sind nach Angaben der Vereinten Nationen bei pakistanischen Luftangriffen auf Afghanistan getötet worden, die meisten von ihnen Kinder. Neun weitere Menschen wurden verletzt. Die Angriffe trafen die südafghanische Provinz Helmand sowie die östliche Provinz Kunar an der Grenze zu Pakistan und markieren eine erneute Verschärfung des seit Monaten schwelenden Konflikts zwischen den beiden Nachbarstaaten. Pakistan bestätigte die Angriffe und bezeichnete sie als „geplante und abgestimmte“ Operation gegen mutmaßliche Terrorstellungen. Auf Grundlage „glaubwürdiger Geheimdienstinformationen“ seien „Terroristencamps und Verstecke“ an zwei Standorten gezielt angegriffen worden, erklärte das Informationsministerium in Islamabad. Nach pakistanischer Darstellung wurden dabei 22 Kämpfer getötet sowie Waffen und Munition zerstört. Die Angaben beider Seiten über die jeweiligen Ziele und Opfer lassen sich unabhängig nur eingeschränkt überprüfen.

Aus den betroffenen afghanischen Gebieten kommen jedoch Berichte über zerstörte Wohnhäuser und getötete Familien. Die Taliban-Regierung in Kabul hatte zunächst neun zivile Todesopfer gemeldet und die Zahl später auf zehn erhöht. Bewohner von Helmand berichteten von mehreren Luftangriffen auf ihr Dorf. „Es waren Zivilisten, Kinder, Frauen. Sie haben sie getötet. Es gibt hier kein Militär oder irgendetwas anderes“, sagte der 32-jährige Kudrat Ullah. Auch in der abgelegenen Chugam-Schlucht in der Provinz Kunar wurden Wohnhäuser getroffen. In den Trümmern zerstörter Steinhäuser suchten Bewohner nach Verschütteten. Der Bauer Mohammad Hashim berichtete, er habe nach dem Angriff bei der Bergung geholfen. Unter den Trümmern seien ein Mann und vier getötete Kinder gefunden worden. Die UN-Mission in Afghanistan bestätigte mindestens zehn zivile Todesopfer und neun Verletzte und forderte erneut eine Deeskalation, Dialog sowie die Einhaltung des internationalen Rechts. Bereits am 21. September hatte UNAMA nach einem weiteren Luftangriff in Kunar mindestens drei getötete und vier verletzte Zivilisten bestätigt.

Hinter der zunehmenden Gewalt steht ein seit Jahren ungelöster Konflikt um die Tehreek-e-Taliban Pakistan, kurz TTP. Islamabad wirft der Taliban-Regierung in Kabul vor, Kämpfern der pakistanischen Taliban auf afghanischem Boden Rückzugsräume zu gewähren, von denen aus Anschläge in Pakistan vorbereitet würden. Die Taliban weisen diese Anschuldigungen zurück und erklären, die Sicherheitsprobleme Pakistans seien eine innere Angelegenheit des Nachbarstaates. Gleichzeitig beschuldigt Kabul Pakistan, mit seinen Luftangriffen die afghanische Souveränität zu verletzen und immer wieder Zivilisten zu töten. Das Verhältnis ist damit weit entfernt von den Erwartungen nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan im August 2021. Pakistan hatte über Jahrzehnte erheblichen Einfluss auf die afghanischen Taliban und galt lange als einer ihrer wichtigsten regionalen Ansprechpartner. Seit der erneuten Machtübernahme in Kabul haben sich die Interessen jedoch zunehmend auseinanderentwickelt.

Die Spannungen eskalierten insbesondere seit Oktober 2025. Damals kam es entlang der rund 2.600 Kilometer langen Grenze zu schweren Gefechten, Luftangriffen und Artilleriebeschuss. Mehrere Vermittlungsversuche und Waffenruhen brachten keine dauerhafte Lösung. Auch 2026 setzte sich die Gewalt fort. Im Februar und März kam es erneut zu schweren grenzüberschreitenden Kämpfen, im Juni bestätigten die Vereinten Nationen bei pakistanischen Luftangriffen in den Provinzen Paktya, Paktika und Kunar mindestens 28 getötete und 49 verletzte Zivilisten. Nach aktuellen Angaben von UNAMA wurden seit Beginn dieses Jahres insgesamt bereits mehr als 1.100 zivile Tote und Verletzte in Afghanistan infolge grenzüberschreitender bewaffneter Gewalt dokumentiert. Damit wird der Konflikt zunehmend zu einer Belastung für die Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze.

Die jüngsten Angriffe zeigen zugleich, wie schwer eine politische Lösung geworden ist. Pakistan sieht sich mit einer hohen Zahl militanter Anschläge konfrontiert und fordert von Kabul ein entschlosseneres Vorgehen gegen die TTP. Die Taliban-Regierung wiederum betrachtet pakistanische Militäraktionen auf afghanischem Territorium als Verletzung ihrer staatlichen Souveränität. Zwischen beiden Positionen liegt eine gefährliche Spirale: Auf Anschläge in Pakistan folgen Vorwürfe gegen Afghanistan und militärische Gegenmaßnahmen, während Kabul wiederum mit Drohungen und teilweise eigenen militärischen Aktionen reagiert. Die Vereinten Nationen drängen deshalb beide Seiten auf Dialog. Ohne eine politische Verständigung über den Umgang mit bewaffneten Gruppen und die Sicherheit der gemeinsamen Grenze drohen weitere Angriffe – und damit weitere zivile Opfer.

OZD/AFP

OZD-Kommentar – Die Zivilbevölkerung zahlt den Preis

Pakistan hat ein reales Sicherheitsproblem. Die TTP hat in den vergangenen Jahren zahlreiche schwere Anschläge verübt, und Islamabad verlangt seit Langem von der Taliban-Regierung in Kabul, gegen militante Gruppen auf afghanischem Boden vorzugehen. Kabul weist die Vorwürfe zurück. Genau dieser ungelöste Konflikt ist inzwischen zu einem gefährlichen Kreislauf aus Anschlägen, Luftangriffen und gegenseitigen Beschuldigungen geworden.

Doch unabhängig davon, wie berechtigt Sicherheitsinteressen sind, bleibt der Schutz der Zivilbevölkerung eine zentrale Verpflichtung. Wenn Wohnhäuser getroffen werden und Kinder unter den Trümmern sterben, muss geklärt werden, wie Ziele ausgewählt wurden und ob die erforderlichen Schutzmaßnahmen eingehalten wurden.

Besonders problematisch ist, dass beide Länder trotz mehrfacher Vermittlungsversuche immer wieder zur militärischen Eskalation zurückkehren. Die vergangenen Monate zeigen, dass Luftangriffe das grundlegende Problem nicht lösen. Solange Pakistan und Afghanistan keine belastbare Vereinbarung über Grenzsicherheit und militante Gruppen erreichen, dürfte die Gefahr neuer Zusammenstöße hoch bleiben.

Historischer Hintergrund

Die Beziehungen zwischen Afghanistan und Pakistan sind seit Jahrzehnten kompliziert. Ein zentraler Streitpunkt ist die sogenannte Durand-Linie, die Ende des 19. Jahrhunderts als Grenze zwischen dem damaligen Britisch-Indien und Afghanistan festgelegt wurde und heute Afghanistan von Pakistan trennt. Sie verläuft durch paschtunische Siedlungsgebiete und wird in Afghanistan politisch bis heute kontrovers betrachtet.

Pakistan unterstützte über Jahre die afghanischen Taliban und besaß erheblichen Einfluss auf deren Führung. Nach der erneuten Machtübernahme der Taliban in Kabul im August 2021 hoffte Islamabad deshalb zunächst auf eine stabilere Sicherheitslage.

Das Gegenteil trat ein. Besonders die Tehreek-e-Taliban Pakistan gewann erneut an Bedeutung. Die TTP ist organisatorisch von den afghanischen Taliban getrennt, steht ihnen ideologisch jedoch nahe und verfügt über historische Verbindungen zu ihnen. Pakistan macht die Gruppe für zahlreiche Anschläge verantwortlich.

Seit Oktober 2025 haben sich die Spannungen zwischen Islamabad und Kabul massiv verschärft. Luftangriffe, Grenzgefechte und gegenseitige Anschuldigungen prägen inzwischen das Verhältnis der beiden Nachbarstaaten.

Zukunftsprognose

Die unmittelbare Gefahr weiterer militärischer Auseinandersetzungen bleibt bestehen. Pakistan dürfte seinen Druck auf die Taliban-Regierung erhöhen, gegen mutmaßliche TTP-Strukturen vorzugehen. Kabul wiederum dürfte weitere Luftangriffe auf afghanisches Gebiet nicht widerspruchslos hinnehmen.

Eine größere militärische Eskalation hätte erhebliche humanitäre Folgen. Besonders betroffen wären die Grenzregionen im Osten und Süden Afghanistans, die ohnehin unter Armut, Vertreibung und einer angespannten Versorgungslage leiden.

Auch regional hätte eine weitere Verschärfung Folgen. Afghanistan grenzt neben Pakistan unter anderem an Iran und China, während Pakistan eine Atommacht und ein zentraler Akteur in Südasien ist. Eine dauerhafte Destabilisierung der Grenze hätte deshalb Auswirkungen weit über Helmand und Kunar hinaus.

Was ist die TTP?

Die Tehreek-e-Taliban Pakistan wurde 2007 als Zusammenschluss verschiedener islamistischer Gruppen gegründet. Sie wird häufig als pakistanische Taliban bezeichnet, ist aber organisatorisch von den afghanischen Taliban getrennt.

Die TTP kämpft gegen den pakistanischen Staat und wird für zahlreiche Anschläge auf Sicherheitskräfte, staatliche Einrichtungen und Zivilisten verantwortlich gemacht. Islamabad wirft der Gruppe vor, Rückzugsräume in Afghanistan zu nutzen.

Was ist UNAMA?

UNAMA ist die Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan. Sie wurde 2002 durch den UN-Sicherheitsrat eingerichtet.

Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem die Beobachtung der Menschenrechtslage und die Dokumentation ziviler Opfer. Auch nach der erneuten Machtübernahme der Taliban arbeitet UNAMA weiterhin in Afghanistan.

Warum sind Pakistan und die Taliban zerstritten?

Pakistan unterhielt über Jahrzehnte enge Verbindungen zu den afghanischen Taliban. Seit deren Rückkehr an die Macht hat sich das Verhältnis jedoch deutlich verschlechtert.

Der wichtigste Streitpunkt ist die TTP. Islamabad fordert von Kabul ein konsequentes Vorgehen gegen deren Kämpfer. Die Taliban-Regierung weist die pakistanischen Anschuldigungen zurück und wirft Islamabad ihrerseits Grenzverletzungen und Angriffe auf Zivilisten vor.

OZD-Extra – Mehr als 1.100 zivile Opfer allein 2026

Die aktuellen zehn Todesopfer sind Teil einer wesentlich größeren Entwicklung. Nach Angaben von UNAMA wurden allein im Jahr 2026 bereits mehr als 1.100 Zivilisten in Afghanistan durch grenzüberschreitende bewaffnete Gewalt getötet oder verletzt.

Besonders betroffen sind Provinzen entlang der pakistanischen Grenze. Bereits Ende Juni bestätigte UNAMA bei Luftangriffen in Paktya, Paktika und Kunar mindestens 28 tote und 49 verletzte Zivilisten. Frauen und Kinder gehörten auch damals zu den Opfern.

Die Zahlen verdeutlichen, dass aus den politischen Spannungen zwischen Islamabad und Kabul inzwischen eine dauerhafte Gefahr für die Bevölkerung in den Grenzregionen geworden ist.

Gewinnspiel

Welche militante Gruppierung steht im Zentrum des Konflikts zwischen Pakistan und der Taliban-Regierung in Afghanistan?

A: TTP

B: NATO

C: Hisbollah

D: FARC

https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen

Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.