Fakten im Überblick
Vor 65 Jahren wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen geschlossen.
Fast 900.000 türkische Arbeitnehmer kamen bis Ende des Abkommens nach Deutschland.
Friedrich Merz würdigt die Beiträge und warnt vor wachsendem Fremdenhass.
Zum 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens hat Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin die Lebensleistung der türkischen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter hervorgehoben. Er erinnerte daran, wie bedeutend die Arbeitsmigration für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft war. Merz unterstrich: "Türkische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter haben die industrielle Substanz unseres Landes mitaufgebaut". Die Menschen, die damals aus der Türkei kamen, hätten "die Infrastruktur des Wohlstandes geschaffen, in der wir heute leben" und "das kulturelle Gesicht der Bundesrepublik Deutschland tiefgreifend mitgestaltet".
Bundeskanzler Merz machte in seiner Rede deutlich, dass Integration für ihn "eine Aufgabe jeder modernen pluralistischen Gesellschaft" bleibt. Nur wenn man miteinander und voneinander lernt, so Merz, sei gesellschaftlicher Fortschritt möglich. Dabei verwies er auf die historische Begegnung der deutschen und türkischen Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten: "Es ist eine Grundaufgabe unserer modernen Gesellschaft, dass wir miteinander und voneinander lernen. Deutsche und Türken sind in den 1960ern und 70ern und 80ern in der Begegnung miteinander modern geworden, weltoffen und tolerant."
Doch auch auf schwierige und schmerzhafte Kapitel der Einwanderungsgeschichte ging Merz ein. Er sprach die „Angst vor dem Fremden“ an, die "ideologisch aufgeladen und in furchtbaren Gewalttaten entladen hat". Der Bundeskanzler erinnerte an die Anschläge in Mölln und Solingen sowie an die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds. "Die Angst vor dem Fremden ist Gift jeder freiheitlichen Gesellschaft", betonte er und mahnte, "unsere Wachsamkeit zu schärfen". Fortschritt könne verloren gehen, "wenn er nicht aktiv und tätig verteidigt wird."
Besorgt zeigte sich Merz über aktuelle Entwicklungen: "Die Angst vor dem Fremden nehme derzeit eher zu als ab" und "sie wird erneut ideologisch aufgeladen und ausgebeutet." Mit Blick auf das "Unwort" Remigration warnte er: "Dahinter steckt ein Angriff auf das moderne Deutschland, das wir uns in den vergangenen 65 Jahren miteinander aufgebaut haben." Das Anwerbeabkommen von 1961, das wegen des starken Wachstums der deutschen Wirtschaft geschlossen wurde, gilt heute als Grundstein für das dauerhafte Zusammenleben von rund drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland. Bis zum Ende des Abkommens im Jahr 1973 kamen fast 900.000 türkische Arbeitnehmer in die Bundesrepublik.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Lebensleistung verdient Respekt
Die Würdigung der türkischen Gastarbeiter durch den Bundeskanzler ist mehr als eine Geste – sie ist eine überfällige Anerkennung von Lebensleistungen, die oft zu wenig beachtet wurden. Ohne ihren Einsatz sähe die Erfolgsgeschichte der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft anders aus. Gerade jetzt, wo gesellschaftlicher Zusammenhalt unter Druck gerät und populistische Parolen an Zulauf gewinnen, ist ein klares Signal der Wertschätzung und ein Bekenntnis gegen jede Form von Ausgrenzung und Diskriminierung dringend notwendig. Die aktuellen Warnungen vor wachsendem Fremdenhass sollten alle politischen und gesellschaftlichen Akteure aufhorchen lassen. Deutschlands Weg zur modernen, vielfältigen Gesellschaft bleibt anspruchsvoll – Rückschritte sind möglich, wenn Gleichberechtigung und Toleranz nicht aktiv verteidigt werden. Es spricht vieles dafür, dass die offene gesellschaftliche Debatte über Migration und Integration in naher Zukunft noch an Bedeutung gewinnen wird.
Historischer Hintergrund
Das deutsch-türkische Anwerbeabkommen wurde am 30. Oktober 1961 unterzeichnet, um dem Arbeitskräftemangel in der damals stark wachsenden deutschen Wirtschaft zu begegnen. Die damalige Bundesregierung wollte mit der Türkei eine Vereinbarung treffen, damit türkische Arbeitnehmer für befristete Zeit in Deutschland arbeiten konnten. Bis zum Ende des Abkommens 1973 kamen fast 900.000 Menschen, die im Produktionssektor, in Fabriken und im Bauwesen eine zentrale Rolle übernahmen. Ihr Beitrag bildete die Basis für den wirtschaftlichen Aufstieg Westdeutschlands nach dem Krieg und beeinflusst bis heute das gesellschaftliche Zusammenleben.
Zukunftsprognose
Experten halten es für möglich, dass die Bedeutung von Migration und Integration in Deutschland weiter ansteigt. Politisch könnten Konflikte um Zuwanderung erneut wie bisher gesellschaftliche Debatten prägen und auch wirtschaftlich sind qualifizierte Zuwanderer weiterhin gefragt. Die Themen Identität, kulturelle Vielfalt und Erinnerungskultur dürften langfristig eine wichtige Rolle spielen. Sollte der gesellschaftliche Zusammenhalt erodieren oder Ausgrenzung zunehmen, könnten neue Herausforderungen für Demokratie und Wohlstand entstehen. Viele Fachleute hoffen jedoch auf eine weiterhin offene Gesellschaft, die Vielfalt als Stärke erkennt.
Erklärungen
Was ist das deutsch-türkische Anwerbeabkommen?
Das deutsch-türkische Anwerbeabkommen ist eine Vereinbarung aus dem Jahr 1961, die es der Türkei ermöglichte, Arbeitnehmer nach Deutschland zu entsenden. Ziel war es, den Arbeitskräftemangel der deutschen Wirtschaft auszugleichen.
OZD-Extras
Rund drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln leben heute dauerhaft in Deutschland. Die Migration beeinflusste nicht nur die Industrie, sondern auch Musik, Literatur und kulinarische Kultur prägend.
Das deutsch-türkische Anwerbeabkommen und ähnliche Vereinbarungen mit Italien, Griechenland und anderen Ländern wurden nach dem Zweiten Weltkrieg geschlossen, um den wirtschaftlichen Aufschwung zu stützen.
Börsen und Währungen werden nach Einschätzung von Fachleuten von gesellschaftspolitischen Diskussionen zur Zuwanderung und Integration mittelfristig meist kaum beeinflusst. Konkrete finanzielle Auswirkungen treten meist erst durch Folgemaßnahmen oder geänderte Wirtschaftspolitik zutage.
Gewinnspiel
Wann wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet?
A) 1949
B) 1961
C) 1975
D) 1987
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.