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Pflege wird zum Luxus: Eigenanteile explodieren, Reformdruck wächst

Mehr als 3200 Euro im Monat für einen Pflegeheimplatz: Die Kosten explodieren weiter. Sozialverbände schlagen Alarm – und warnen vor einer neuen sozialen Spaltung im Alter.

Angesichts weiter stark gestiegener Eigenanteile bei den Pflegekosten wächst der Druck auf die Politik. Sozialverbände und Patientenschützer fordern dringend einen grundlegenden Kurswechsel. „Für immer mehr Menschen wird Pflegebedürftigkeit zur Armutsfalle“, erklärte Paritätischer Gesamtverband-Hauptgeschäftsführer Joachim Rock. Statt einer solidarischen Pflegevollversicherung setzten Bund und Länder bislang „auf Stückwerk und halbgare Ankündigungen“. Nötig sei ein „Neustart“ mit einem „überfälligen Systemwechsel in der Pflege“.

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert klare Grenzen. Vorstand Eugen Brysch verlangte, „die reinen Pflegekosten auf 1000 Euro zu deckeln“. Zudem dürften sich die Bundesländer „bei ihrer Finanzierungspflicht nicht länger aus der Verantwortung stehlen“. Ausbildungs- und Investitionskosten müssten vollständig übernommen werden. Für Unterkunft, Verpflegung und besonderen Komfort solle hingegen weiterhin selbst gezahlt werden.

In dieselbe Richtung argumentiert der Verbraucherzentrale Bundesverband. Die bisherigen Vorschläge der Bund-Länder-Kommission seien „zu unkonkret“, erklärte Pflegeexpertin Mara Schläfke. Pflege sei Teil der staatlichen Daseinsvorsorge und dürfe nicht automatisch ein Armutsrisiko bedeuten.

Widerspruch kommt vom Arbeitgeberverband Pflege. Präsident Thomas Greiner lehnt sowohl eine Deckelung als auch eine Pflegevollversicherung ab. Diese würden das Grundproblem nicht lösen, sondern Kosten lediglich zwischen Kassen, Kommunen und Bund verschieben. Stattdessen fordert er mehr Effizienz und Kostentransparenz. Ohne tiefgreifende Reform drohe der Pflegeplatz „bald unbezahlbar“ zu werden.

Wie dramatisch die Lage bereits ist, zeigen neue Zahlen des Verband der Ersatzkassen. Demnach zahlen Pflegebedürftige im ersten Heimjahr seit Januar 2026 bundesweit durchschnittlich 3245 Euro monatlich – ein Anstieg um 261 Euro oder neun Prozent binnen eines Jahres. Haupttreiber sind steigende Personalkosten. VDEK-Chefin Ulrike Elsner betonte, gute Bezahlung sei richtig, dürfe aber nicht fast vollständig auf Pflegebedürftige abgewälzt werden. Auch sie fordert eine stärkere Beteiligung der Länder an Investitions- und Ausbildungskosten. ozd



OZD-Kommentar – Pflege darf kein Armutsurteil sein

Was hier sichtbar wird, ist ein politisches Versäumnis mit Ansage. Seit Jahren steigen die Eigenanteile – und dennoch fehlt der Mut zum Systemwechsel. Pflege ist kein individuelles Lebensrisiko, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Wer weiter zuschaut, wie Rentner ihre Ersparnisse verlieren oder auf Sozialhilfe angewiesen sind, nimmt soziale Verwerfungen billigend in Kauf. Die Frage ist nicht mehr, ob reformiert werden muss – sondern warum es immer noch nicht passiert ist.

Historischer Hintergrund

Die Pflegeversicherung wurde 1995 als Teilkaskosystem eingeführt. Schon damals war klar: Sie deckt nur einen Teil der tatsächlichen Kosten. Über Jahrzehnte stiegen Personal-, Investitions- und Ausbildungskosten, während Länder ihre gesetzlich vorgesehene Mitfinanzierung zunehmend zurückfuhren. Die Folge: Immer höhere Eigenanteile für Pflegebedürftige – ein Trend, der sich seit etwa 2018 massiv beschleunigt hat.

Zukunftsprognose

Ohne grundlegende Reform dürfte der durchschnittliche Eigenanteil in den kommenden Jahren weiter steigen. Experten rechnen mit monatlichen Belastungen von deutlich über 3500 Euro. Politisch wächst der Druck, spätestens nach der nächsten Bundestagswahl eine große Pflegereform anzugehen. Ob diese zu einer Deckelung, einer Vollversicherung oder einem neuen Mischmodell führt, bleibt offen. Klar ist jedoch: Untätigkeit ist keine Option mehr.



OZD-Leserfrage (Gewinnspiel)

Wie hoch ist laut aktueller Auswertung der durchschnittliche monatliche Eigenanteil für Pflegebedürftige im ersten Heimjahr?

a) 1.950 Euro
b) 2.480 Euro
c) 3.245 Euro
d) 3.980 Euro

Teilnehmen unter: https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen


Wissensblock 

OZD-Analyse

Kostenstruktur der Pflege
– Pflegepersonalkosten als Haupttreiber
– Investitions- und Ausbildungskosten belasten Bewohner

Politische Verantwortung
a) Länder kommen ihrer Finanzierungspflicht nur unzureichend nach
b) Bund scheut bislang den Systemwechsel
c) Reformen werden vertagt statt umgesetzt

Gesellschaftliche Folgen
– Zunehmende Altersarmut
– Mehr Pflegebedürftige auf Sozialhilfe angewiesen


Mini-Lernbox

– Eigenanteil: Teil der Pflegekosten, den Betroffene selbst zahlen
– Teilkaskosystem: Versicherung deckt nur einen Teil der Ausgaben
– Pflegevollversicherung: Modell, bei dem Pflegekosten vollständig abgesichert wären


OZD-Extra

Seit Einführung der Pflegeversicherung haben sich die durchschnittlichen Eigenanteile in Pflegeheimen mehr als verdoppelt.

Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.