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Schattenflotte, Sabotage, Cyberangriffe: Deutschlands Außenminister schlägt Alarm

Zerstörte Kabel, dubiose Tanker und Millionen Cyberattacken: Außenminister Johann Wadephul fordert angesichts hybrider russischer Angriffe im Ostseeraum mehr Zusammenarbeit und entschlossene Abschreckung.

Angesichts wachsender Bedrohungen im Ostseeraum hat Bundesaußenminister Johann Wadephul eine deutlich engere länderübergreifende Zusammenarbeit gefordert. Die Region werde zunehmend Ziel hybrider Angriffe aus Russland, etwa durch beschädigte Unterseekabel, Schiffe der sogenannten Schattenflotte oder Angriffe auf Offshore-Windparks, sagte der CDU-Politiker bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seiner lettischen Amtskollegin Baiba Braze in Riga. Der Ostseeraum brauche dringend besseren Austausch und abgestimmte Reaktionen zwischen den Anrainerstaaten.

Besonders offen sei bislang die Frage der Zuständigkeiten in internationalen Gewässern. Wer dort im Ernstfall Verantwortung trage, sei eine große gemeinsame Aufgabe, für die man sich nun schnell an die Arbeit machen müsse. Wadephul forderte zudem eine stärkere Überwachung und den Ausbau von Abschreckungsmaßnahmen, um potenzielle Angreifer frühzeitig zu erkennen und abzuschrecken.

Zwar seien zahlreiche Schiffe der russischen Schattenflotte und deren Hintermänner bereits auf EU-Sanktionslisten erfasst, doch dies reiche nicht aus. Deutschland wolle auch gegen Schiffe vorgehen, deren Flaggenstatus unklar sei. Mit veralteten Öltankern umgehe Russland nicht nur bestehende Sanktionen, sondern gefährde zugleich die Sicherheit der Ostseeanrainer. Im Falle einer Havarie drohten massive ökologische Schäden. Wadephul forderte deshalb, alle Möglichkeiten des Seerechts zu nutzen und dieses gegebenenfalls weiterzuentwickeln, um solche Schiffe stoppen zu können.

Mit Blick auf die wachsende Zahl hybrider Angriffe richtete der Außenminister seinen Appell nicht nur an die Politik, sondern auch an die Gesellschaft. Innerhalb eines Jahres habe Deutschland rund zwei Milliarden Angriffe auf IT-Systeme verzeichnet. Russland werde weiterhin versuchen, westliche Staaten zu destabilisieren. Umso wichtiger seien Aufmerksamkeit, Vorsicht und aktives Mitwirken der gesamten Bevölkerung.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine vor fast vier Jahren wurden in der Ostsee wiederholt Telekommunikations- und Stromkabel beschädigt. Fachleute gehen davon aus, dass es sich um gezielte hybride Angriffe im Auftrag Russlands handelt. Als mutmaßlicher Verursacher gilt die Schattenflotte, mit der Moskau das Öl-Embargo umgeht. Die NATO hat ihre Patrouillen in der Region deshalb bereits verstärkt.

OZD 

OZD-Kommentar – Hybrider Krieg kennt keine Frontlinien

Was Wadephul beschreibt, ist längst Realität: Russland führt keinen klassischen Krieg, sondern einen Angriff im Graubereich. Kabel werden beschädigt, Tanker provozieren Umweltkatastrophen, IT-Systeme werden millionenfach attackiert. Wer das noch als Einzelereignisse abtut, verkennt das Muster. Die Ostsee ist kein Randgebiet mehr, sondern ein geopolitischer Brennpunkt. Abschreckung bedeutet heute nicht nur Panzer und Soldaten, sondern Recht, Technik und gesellschaftliche Wachsamkeit. Europa muss lernen, schneller, härter und geschlossener zu reagieren – sonst wird der hybride Krieg zur neuen Normalität.

Historischer Hintergrund

Die Ostsee gewann nach dem Ende des Kalten Krieges zunächst an sicherheitspolitischer Bedeutungslosigkeit. Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine kehrte sie jedoch schlagartig ins Zentrum strategischer Überlegungen zurück. Energie-, Daten- und Kommunikationsinfrastruktur verlaufen heute größtenteils unter Wasser. Gleichzeitig nutzt Russland zivile Mittel wie Handelsschiffe, Energieexporte und Cyberangriffe, um politische Ziele durchzusetzen. Diese Form hybrider Kriegsführung erschwert klare Schuldzuweisungen und verzögert Gegenmaßnahmen – ein strategischer Vorteil für Moskau.

Zukunftsprognose

Die Spannungen im Ostseeraum dürften weiter zunehmen. Mit wachsendem militärischem und wirtschaftlichem Druck auf Russland ist davon auszugehen, dass hybride Angriffe gezielt ausgeweitet werden. Die NATO-Staaten werden ihre maritime Überwachung intensivieren und neue rechtliche Instrumente entwickeln müssen. Gleichzeitig wächst der Handlungsdruck auf Gesellschaft und Wirtschaft, ihre digitale und infrastrukturelle Resilienz zu stärken. Die Ostsee bleibt auf absehbare Zeit ein Testfeld europäischer Sicherheitsfähigkeit.


Gewinnspiel

Welche Art von Angriffen stehen laut Johann Wadephul besonders im Fokus der Bedrohung im Ostseeraum?

A) Konventionelle Militärmanöver
B) Hybride Angriffe
C) Wirtschaftssanktionen
D) Diplomatische Blockaden

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Wissen

Mini-Infobox

– Zunehmende hybride Angriffe im Ostseeraum
– Beschädigte Unterseekabel und IT-Angriffe
– Russische Schattenflotte als Risiko
– Forderung nach besserer Zusammenarbeit
– NATO verstärkt Patrouillen


OZD-Analyse

1. Sicherheitslage
a) Hohe Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur
b) Schwierige Zuordnung hybrider Angriffe
c) Steigende Eskalationsgefahr

2. Politische Dimension
a) Druck auf EU und NATO zur Koordination
b) Seerecht als sicherheitspolitisches Instrument
c) Bedeutung gesellschaftlicher Resilienz

3. Strategische Folgen
a) Dauerhafte Militarisierung des Ostseeraums
b) Höhere Investitionen in Überwachung
c) Langfristige Belastung der Beziehungen zu Russland


Was ist hybride Kriegsführung?

Hybride Kriegsführung bezeichnet eine Strategie, bei der staatliche Akteure militärische, wirtschaftliche, technische und informationelle Mittel kombinieren, ohne offiziell Krieg zu erklären. Ziel ist Destabilisierung bei gleichzeitiger Vermeidung klarer Verantwortlichkeit.

Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.

OZD-Extras
Ein Großteil europäischer Internet- und Energieverbindungen verläuft unter Wasser – ein kaum sichtbares, aber hochsensibles Ziel moderner Konflikte.