Zum Inhalt springen
OZD.news - News und Nachrichten zum Nachschlagen
QR-Code zu www.online-zeitung-deutschland.de
Diesen Artikel teilen

Deutsche Olympia-Chancen: Experte sieht Flexibilität und Rückhalt als wichtige Trümpfe

Deutschland will Olympische Spiele zurückholen. Experte Stephan Wassong sieht gesellschaftlichen Rückhalt und ein anpassungsfähiges Finanzkonzept als wichtige Faktor

Fakten im Überblick

Am Samstag entscheidet der DOSB in Baden-Baden zwischen Berlin+, München und KölnRheinRuhr über den deutschen Olympia-Bewerber.

Deutschland strebt Olympische und Paralympische Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 an.

München erhielt in der DOSB-Evaluierung 87,03 Punkte, KölnRheinRuhr 85,02 und Berlin+ 74,64 Punkte; die Abstimmung der Delegierten bleibt davon unabhängig.

Deutschland steht vor einer richtungsweisenden Entscheidung auf dem langen Weg zurück auf die olympische Bühne. Am Samstag, 26. September, entscheidet eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes im Kurhaus von Baden-Baden, welches Konzept Deutschland im internationalen Bewerbungsverfahren für Olympische und Paralympische Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 vertreten soll. Im Rennen sind Berlin+, München und KölnRheinRuhr. Für Sportwissenschaftler und Olympia-Historiker Stephan Wassong besitzt Deutschland dabei Argumente, die im späteren internationalen Verfahren Gewicht bekommen könnten.

„Ich glaube, dass man in Deutschland vortragen muss, dass man über ein sehr solides finanzielles Konzept verfügt, das auch angepasst werden kann an sich ändernde wirtschaftliche Bedingungen, an politische Bedingungen, das heißt: Man ist in der Lage, flexibel zu reagieren“, sagte der Leiter des Instituts für Sportgeschichte an der Deutschen Sporthochschule Köln im SID-Interview. Wassong sieht damit nicht allein spektakuläre Sportstätten als entscheidend an. Eine deutsche Bewerbung müsse auch zeigen, dass Kosten, Infrastruktur und Organisation auf Veränderungen reagieren können.

Ebenso wichtig ist für Wassong die gesellschaftliche Unterstützung. „Man sollte ganz klar hervorheben, dass die Spiele eine demokratische Verankerung haben, dass sie getragen werden von der Gesellschaft“, sagte er. München und KölnRheinRuhr können dabei auf positive Bürgerentscheide mit jeweils klaren Zwei-Drittel-Mehrheiten verweisen. In Berlin gibt es statt eines Referendums einen mit Zwei-Drittel-Mehrheit gefassten Beschluss des Abgeordnetenhauses. Nach Angaben des DOSB sprechen sich zudem bundesweit 70 Prozent der Befragten in repräsentativen Umfragen für Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland aus.

Die nationale Konkurrenz ist eng. Die DOSB-Evaluierungskommission bewertete München mit 87,03 von 100 Punkten und KölnRheinRuhr mit 85,02 Punkten jeweils als „sehr gut“. Berlin+ erreichte 74,64 Punkte und wurde als „gut“ eingestuft. Bewertet wurden die Kategorien „Sportfachliche & operative Eignung“ sowie „Internationale Strahlkraft & Nationale Akzeptanz“. Die Punktzahlen sind eine fachliche Bewertung der Konzepte; welcher Bewerber tatsächlich ausgewählt wird, entscheiden am Samstag die stimmberechtigten Delegierten.

Wassong richtet den Blick bereits über Baden-Baden hinaus. International sieht er ein „interessantes Feld an internationalen Mitbewerbern“, das „selten so wirtschaftlich, politisch und geografisch ausdifferenziert war“. Als bedeutende Interessenten nennt er Ahmedabad in Indien, Doha in Katar, Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad sowie Istanbul. Die türkische Metropole könne mit ihrer Lage zwischen Europa und Asien und damit der Verbindung „zwei Kontinente“ argumentieren. Die internationale Konkurrenz macht deutlich, dass die nationale Auswahl lediglich der Auftakt für ein wesentlich komplexeres Verfahren ist.

Deutschland könne nach Wassongs Einschätzung insbesondere dann ein eigenes Profil entwickeln, wenn Olympia nicht als isoliertes Prestigeprojekt einer einzelnen Stadt oder Region präsentiert werde. Es gehe darum, „zu betonen, dass - egal ob es eine Region oder eine Stadt wird - man das nicht als ein Exklusivprojekt sieht, das nur für die Region da ist und das nur für die Stadt da ist. Es geht darum, die Ausstrahlung zu schaffen auf das gesamte Land, das ein Interesse an dem olympischen Sport hat, was zu dieser gesellschaftlichen Verankerung im Sport führt, was zu einer Weiterentwicklung von Breitensport und Leistungssport führt.“

Der DOSB verfolgt einen ähnlichen bundesweiten Ansatz. Die Bewerbung soll nach Darstellung des Verbandes unabhängig vom ausgewählten Austragungsort positive und nachhaltige Wirkungen für Sport und Gesellschaft in Deutschland entfalten. Schon während des Bewerbungsprozesses wurden in den Regionen Projekte zu Sportstätten, Breiten- und Schulsport sowie zur Förderung des Spitzensports angestoßen.

Nach Baden-Baden bleibt für den deutschen Kandidaten ein anspruchsvoller internationaler Weg. Wassong bezeichnet die Zeitschiene für sämtliche Interessenten als Herausforderung. Nach seinen Angaben endet im März 2027 der kontinuierliche Dialog mit dem Internationalen Olympischen Komitee. Anschließend soll sich das Feld im strategischen Dialog verkleinern. Das IOC hat sein künftiges Vorgehen unter Präsidentin Kirsty Coventry zuletzt neu ausgerichtet; der DOSB geht nach aktueller Planung davon aus, dass die Vergabe 2029 erfolgen soll.

OZD/SID

OZD-Kommentar – Deutschlands Olympia-Bewerbung tritt in die internationale Bewährungsprobe

Die Entscheidung in Baden-Baden beantwortet zunächst nur eine Frage: Welches deutsche Konzept geht ins internationale Verfahren? Die Bewertung der drei Bewerbungen liefert dafür eine fachliche Grundlage, entscheidet die Abstimmung aber nicht vorweg. München, KölnRheinRuhr und Berlin+ haben jeweils unterschiedliche räumliche, infrastrukturelle und gesellschaftliche Ansätze entwickelt.

International werden weitere Kriterien entscheidend sein. Wassong hebt Finanzierung, Flexibilität und gesellschaftliche Verankerung hervor. Hinzu kommen Sportstätten, Nachhaltigkeit, Verkehr, Unterbringung, Sicherheitskonzepte und die langfristige Nutzung der olympischen Infrastruktur.

Die positiven Bürgerentscheide in München und KölnRheinRuhr sowie die parlamentarische Unterstützung in Berlin können im internationalen Dialog als Nachweise politischer beziehungsweise gesellschaftlicher Unterstützung eingebracht werden. Welche Bedeutung das IOC diesen Faktoren im Vergleich zu den Konzepten anderer Interessenten beimisst, wird sich erst im weiteren Verfahren zeigen.

Historischer Hintergrund

Deutschland hat eine lange und politisch komplexe Olympia-Geschichte. Berlin war 1936 Austragungsort der Sommerspiele unter der nationalsozialistischen Diktatur. München richtete 1972 die Sommerspiele in der Bundesrepublik aus. Die Spiele wurden vom Terroranschlag auf die israelische Olympiamannschaft überschattet.

Seitdem gab es mehrere deutsche Anläufe für eine erneute Austragung. Leipzig bewarb sich für die Sommerspiele 2012, schaffte es aber nicht in die entscheidende internationale Auswahl. Hamburg plante eine Bewerbung für 2024, die Bevölkerung lehnte diese jedoch 2015 in einem Referendum ab.

Auch im aktuellen Verfahren spielte die öffentliche Zustimmung eine zentrale Rolle. Hamburg zog seine Bewerbung nach einem negativen Referendum zurück. Damit verblieben Berlin+, KölnRheinRuhr und München.

Zukunftsprognose

Am 26. September fällt zunächst die nationale Entscheidung. Danach muss der ausgewählte deutsche Kandidat sein Konzept gegenüber dem IOC weiterentwickeln und international positionieren. Dabei werden Finanzierbarkeit, Nachhaltigkeit, bestehende Sportstätten, gesellschaftliche Unterstützung und langfristiger Nutzen wichtige Themen bleiben.

Wirtschaftlich könnte eine erfolgreiche Olympia-Bewerbung Investitionen in Verkehr, Sportstätten, Stadtentwicklung, Tourismus und Veranstaltungsinfrastruktur auslösen. Gleichzeitig entstehen erhebliche Kosten für Planung, Organisation, Sicherheit und mögliche Neubauten. Eine belastbare wirtschaftliche Gesamtbilanz ist erst möglich, wenn Austragungsjahr, endgültiges Konzept, Finanzierung und Investitionsvolumen feststehen.

Direkte Auswirkungen der deutschen Kandidatenwahl auf Aktien, Euro oder Rohstoffe sind nicht zu erwarten. Im weiteren Verlauf könnten jedoch Baukonzerne, Verkehrsunternehmen, Tourismuswirtschaft, Sportartikelhersteller, Medienunternehmen und Sponsoren von konkreten Investitions- und Vergabeentscheidungen betroffen sein.

Wer ist Stephan Wassong?

Stephan Wassong ist Sportwissenschaftler und Sporthistoriker. Er leitet das Institut für Sportgeschichte an der Deutschen Sporthochschule Köln und beschäftigt sich wissenschaftlich intensiv mit der olympischen Bewegung und ihrer Geschichte.

Welche deutschen Olympia-Kandidaten stehen zur Wahl?

Zur Auswahl stehen Berlin+, KölnRheinRuhr und München. Hamburg war zunächst ebenfalls beteiligt, zog seine Bewerbung nach einem negativen Referendum jedoch zurück.

Für welche Olympischen Spiele bewirbt sich Deutschland?

Der DOSB hat die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 im Blick. Die nächsten bereits vergebenen Sommerspiele finden 2028 in Los Angeles und 2032 in Brisbane statt.

Wer entscheidet über den deutschen Bewerber?

Die Entscheidung fällt bei der außerordentlichen DOSB-Mitgliederversammlung in Baden-Baden. Stimmberechtigt sind unter anderem die 42 olympischen Spitzenverbände mit jeweils drei Stimmen sowie Mitglieder des DOSB-Präsidiums und persönliche Mitglieder.

OZD-Extra – München und KölnRheinRuhr liegen in der Evaluierung dicht beieinander

Nur 2,01 Punkte trennen München und KölnRheinRuhr in der jüngsten DOSB-Evaluierung. München erreichte 87,03 Punkte, KölnRheinRuhr 85,02. Berlin+ kam auf 74,64 Punkte. München und KölnRheinRuhr erhielten damit das Prädikat „sehr gut“, Berlin+ wurde als „gut“ bewertet.

Auch beim Segeln unterscheiden sich die Konzepte geografisch: München setzt auf Kiel-Schilksee in Schleswig-Holstein. KölnRheinRuhr und Berlin+ planen ihre Segelwettbewerbe in Rostock-Warnemünde in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Bewertung liefert den Delegierten zusätzliche Informationen für Baden-Baden. Sie ist jedoch keine Prognose darüber, welcher Bewerber bei der Abstimmung ausgewählt wird.

Gewinnspiel

Welche drei deutschen Olympia-Konzepte stehen am Samstag in Baden-Baden zur Wahl?

A: Berlin+, München und KölnRheinRuhr
B: Hamburg, München und Frankfurt
C: Berlin, Leipzig und Stuttgart
D: München, Hamburg und Düsseldorf

Zum großen OZD-Gewinnspiel 2026 – Gutscheine gewinnen

Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.