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Historischer Volksentscheid: 70 Prozent sagen Nein zu schärferen Neutralitätsregeln

Die Schweiz hat entschieden: Die Neutralitätsinitiative ist deutlich gescheitert. Damit bleibt Bern bei seiner flexibleren Neutralitätspolitik und kann weiterhin Sanktionen übernehmen.

Fakten im Überblick

Die Neutralitätsinitiative wurde am 27. September mit 70,15 Prozent Nein- gegen 29,85 Prozent Ja-Stimmen verworfen.

Die Initiative wollte eine „immerwährende und bewaffnete“ Neutralität stärker in der Schweizer Bundesverfassung festschreiben und den Spielraum bei Sanktionen deutlich begrenzen.

Kein einziger Kanton stimmte der Initiative zu, die landesweite Stimmbeteiligung lag bei 47,06 Prozent.

Die Schweiz hat in einer grundlegenden außenpolitischen Frage ein deutliches Signal gesetzt. Die Stimmberechtigten lehnten die Volksinitiative „Wahrung der schweizerischen Neutralität“ am Sonntag klar ab. Nach dem vorläufigen amtlichen Endresultat stimmten 70,15 Prozent gegen die Vorlage, lediglich 29,85 Prozent dafür. 1.854.767 Nein-Stimmen standen 789.130 Ja-Stimmen gegenüber. Die Beteiligung lag bei 47,06 Prozent. Damit bleibt die bisherige Ausgestaltung der Schweizer Neutralität bestehen.

Das Ergebnis fiel sogar deutlicher aus, als es die jüngsten Umfragen erwarten ließen. Rund zehn Tage vor der Abstimmung hatten in der zweiten SRG-Befragung 63 Prozent ein Nein angekündigt, 34 Prozent wollten zustimmen, drei Prozent waren noch unentschlossen. Bereits damals hatte sich die Stimmung während des Abstimmungskampfes zunehmend gegen die Initiative entwickelt.

Im Zentrum des Konflikts stand die Frage, wie strikt die traditionell neutrale Schweiz ihre außenpolitische Rolle künftig definieren sollte. Die Neutralität ist bereits seit 1848 in der Bundesverfassung verankert. Die Initiative wollte darüber hinaus ausdrücklich festschreiben, dass die Schweiz eine immerwährende und bewaffnete Neutralität verfolgt. Besonders folgenreich wären die vorgesehenen Einschränkungen bei Sanktionen gewesen.

Auslöser für die politische Debatte war insbesondere die Schweizer Reaktion auf Russlands Angriff auf die Ukraine. Bern hatte die Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland weitgehend übernommen. Die Befürworter der Initiative sahen darin eine Abkehr von einer konsequenten Neutralitätspolitik. Die Schweizer Regierung argumentierte dagegen, dass Neutralität und die Übernahme von Sanktionen miteinander vereinbar seien und die Schweiz damit die internationale Ordnung unterstützen könne.

Mit einer Annahme wäre der Handlungsspielraum der Schweizer Regierung deutlich kleiner geworden. Nichtmilitärische Zwangsmaßnahmen gegen kriegführende Staaten wären weitgehend ausgeschlossen worden, soweit sie nicht auf Verpflichtungen gegenüber den Vereinten Nationen beruhten. Gerade diese Konsequenz machte die Abstimmung auch international bedeutsam.

Die Schweizer Stimmberechtigten entschieden sich nun deutlich gegen diese strengere Festlegung. Bemerkenswert ist dabei die geografische Breite des Ergebnisses: Kein Kanton nahm die Initiative an. Sämtliche Stände lehnten sie ab. Selbst im Kanton Schwyz, wo die Zustimmung mit 42,14 Prozent vergleichsweise hoch ausfiel, blieb die Initiative ohne Mehrheit. In Zürich stimmten 74,47 Prozent dagegen, in Basel-Stadt sogar 79,91 Prozent.

Auch zwischen den Sprachregionen zeigte sich keine grundlegende Spaltung. In der Deutschschweiz erreichte das Nein 71,07 Prozent, in der französischsprachigen Schweiz 70,55 Prozent. Deutlich knapper war die Entscheidung in der italienischsprachigen Schweiz, wo 51,61 Prozent gegen die Initiative und 48,39 Prozent dafür stimmten.

Damit bleibt Bern außenpolitisch flexibler. Die Schweiz kann weiterhin mit anderen Staaten sicherheitspolitisch zusammenarbeiten und grundsätzlich Sanktionen übernehmen, sofern die Regierung dies mit ihrer Neutralitätspolitik vereinbar sieht. Der Bund hatte vor der Abstimmung ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Neutralität unabhängig vom Ausgang des Volksentscheids bestehen bleibt. Zur Entscheidung stand nicht die Neutralität selbst, sondern ihre konkrete Ausgestaltung.

Die Abstimmung zeigt zugleich, wie stark Russlands Krieg gegen die Ukraine die jahrhundertealte Schweizer Neutralitätsdebatte verändert hat. Eine außenpolitische Tradition, die lange als feststehender Bestandteil der nationalen Identität galt, wird zunehmend daraufhin geprüft, was Neutralität in einer Welt wirtschaftlicher Sanktionen, internationaler Sicherheitskooperation und enger europäischer Verflechtung konkret bedeutet.

Das deutliche Nein beendet diese Diskussion deshalb nicht. Es beantwortet zunächst eine spezifische Frage: Die Schweizer Bevölkerung will den außenpolitischen Handlungsspielraum der Regierung nicht in der von der Initiative verlangten Weise einschränken.

OZD/AFP

OZD-Kommentar – Die Schweiz bestätigt ihre Neutralität, aber nicht deren Verschärfung

Das Abstimmungsergebnis lässt sich nicht als Entscheidung gegen die Schweizer Neutralität lesen. Über deren Fortbestand wurde gar nicht abgestimmt. Die eigentliche Frage lautete, wie eng der außenpolitische Handlungsspielraum künftig verfassungsrechtlich begrenzt werden sollte.

Mit 70,15 Prozent Nein-Stimmen fällt die Antwort deutlich aus. Die Stimmberechtigten haben sich gegen eine strengere Definition entschieden, die insbesondere die Übernahme von Sanktionen erschwert hätte.

Befürworter der Initiative wollten verhindern, dass sich die Neutralität abhängig von internationalen Krisen immer weiter verändert. Gegner hielten dagegen, dass gerade ein kleiner, international stark verflochtener Staat außenpolitische Flexibilität benötigt.

Das Ergebnis entscheidet diesen grundsätzlichen Streit nicht dauerhaft. Neue Kriege, Sanktionen oder sicherheitspolitische Kooperationen werden die Frage erneut aufwerfen, wie weit Neutralität im 21. Jahrhundert reichen soll.

Die realistische Prognose lautet deshalb: Die Initiative ist klar gescheitert, die Schweizer Neutralitätsdebatte wird bleiben.

Historischer Hintergrund

Die Schweizer Neutralität reicht historisch weit zurück. Eine entscheidende internationale Anerkennung erfolgte nach den napoleonischen Kriegen auf dem Wiener Kongress 1815.

Seit 1848 ist die Neutralität zudem in der schweizerischen Verfassungsordnung verankert. Sie entwickelte sich zu einem wichtigen Bestandteil der Außen- und Sicherheitspolitik sowie des nationalen Selbstverständnisses.

Neutralität bedeutet dabei nicht, dass sich die Schweiz vollständig aus internationalen Beziehungen heraushält. Das Land arbeitet mit anderen Staaten und internationalen Organisationen zusammen und bietet traditionell sogenannte gute Dienste an, etwa diplomatische Vermittlungsmöglichkeiten.

Neue Spannungen entstanden nach Russlands Angriff auf die Ukraine. Die Schweiz übernahm die Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland weitgehend. Genau daran entzündete sich ein wesentlicher Teil der aktuellen politischen Auseinandersetzung.

Zukunftsprognose

Politisch stärkt das Ergebnis zunächst den bestehenden außenpolitischen Kurs des Bundesrates. Die Regierung behält größeren Spielraum, bei internationalen Konflikten über Sanktionen und Kooperationen zu entscheiden.

Wirtschaftlich ist dies relevant, weil die Schweiz ein bedeutender internationaler Finanz- und Handelsplatz ist. Sanktionen können Banken, Rohstoffhandel, Vermögensverwaltung und international tätige Unternehmen unmittelbar betreffen. Das Nein verhindert jedoch keine zukünftigen Sanktionen – es belässt die bestehenden politischen Möglichkeiten.

Gesellschaftlich dürfte die Abstimmung die Diskussion über die Bedeutung der Neutralität weiter antreiben. Besonders auffällig ist, dass die Initiative in keiner einzigen Region auf Kantonsebene eine Mehrheit erreichte.

International bedeutet das Ergebnis, dass die Schweiz ihre bisherige Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit Partnerstaaten und zur Übernahme von Sanktionen behält. Damit bleibt Bern außenpolitisch beweglicher, als es die Initiative vorgesehen hatte.

An den Börsen, beim Schweizer Franken oder an den Rohstoffmärkten sind allein aufgrund des Abstimmungsergebnisses keine zwingenden größeren Bewegungen abzuleiten. Für einzelne Unternehmen und Finanzinstitute bleibt jedoch entscheidend, welche konkreten Sanktionen die Schweiz künftig übernimmt.

Was ist die Schweizer Neutralität?

Die Schweiz beteiligt sich grundsätzlich nicht militärisch an Kriegen zwischen anderen Staaten. Ihre Neutralität ist international anerkannt und ein zentraler Bestandteil der schweizerischen Außen- und Sicherheitspolitik.

Was wollte die Neutralitätsinitiative?

Die Initiative wollte eine strengere Neutralitätspraxis in der Bundesverfassung verankern. Dazu gehörte eine ausdrückliche Festlegung auf eine immerwährende und bewaffnete Neutralität sowie eine starke Einschränkung eigenständiger Sanktionen gegen kriegführende Staaten.

Warum spielte Russland eine wichtige Rolle?

Die Schweiz übernahm nach dem russischen Angriff auf die Ukraine die Sanktionen der Europäischen Union weitgehend. Befürworter der Initiative sahen darin eine problematische Abkehr von ihrem Neutralitätsverständnis.

Wie funktionieren Schweizer Volksinitiativen?

Für eine Verfassungsänderung durch eine Volksinitiative reicht eine einfache Mehrheit der Abstimmenden nicht aus. Erforderlich sind sowohl das Volksmehr als auch das Ständemehr. Die Neutralitätsinitiative verfehlte beides deutlich.

OZD-Extra – Kein einziger Kanton sagte Ja

Die landesweiten 70,15 Prozent Nein-Stimmen sind bereits eindeutig. Noch bemerkenswerter ist die kantonale Karte.

Kein einziger Schweizer Kanton nahm die Neutralitätsinitiative an.

Dabei waren die Unterschiede durchaus erheblich. Basel-Stadt lehnte die Initiative mit 79,91 Prozent besonders deutlich ab. Im Kanton Schwyz erreichte das Ja-Lager dagegen 42,14 Prozent – blieb aber ebenfalls klar unter der notwendigen Mehrheit.

Die italienischsprachige Schweiz war insgesamt am stärksten gespalten: Dort standen 48,39 Prozent Ja-Stimmen 51,61 Prozent Nein-Stimmen gegenüber. In der deutschen und französischen Schweiz lag das Nein jeweils bei mehr als 70 Prozent.

Damit fiel das Ergebnis nicht nur landesweit klar aus. Die Initiative scheiterte auch geografisch auf breiter Front.

Gewinnspiel

Wie hoch war der Nein-Anteil bei der Schweizer Neutralitätsinitiative?

A: 51,15 Prozent

B: 60,15 Prozent

C: 70,15 Prozent

D: 80,15 Prozent

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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.