Fakten im Überblick
Aleksandar Vucic hat am Sonntag seinen Rücktritt als Präsident Serbiens erklärt und beendet seine zweite Amtszeit vorzeitig.
Am 25. Oktober finden in Serbien vorgezogene Parlamentswahlen statt, bei denen Vucic für das Amt des Regierungschefs kandidieren will.
Parlamentspräsidentin Ana Brnabic übernimmt nach dem Rücktritt kommissarisch die Aufgaben des Staatsoberhaupts; sie ist derzeit Präsidentin der serbischen Nationalversammlung.
Serbien erlebt wenige Wochen vor den vorgezogenen Parlamentswahlen einen politischen Einschnitt: Präsident Aleksandar Vucic ist am Sonntag zurückgetreten und macht damit den Weg für seine Kandidatur für das Amt des Regierungschefs frei. Im Präsidentenpalast in Belgrad unterzeichnete der konservativ-nationalistische Politiker vor Journalisten seine Rücktrittsurkunde. „Morgen früh werde ich meine Amtsgeschäfte an die Parlamentspräsidentin übergeben“, kündigte Vucic an. Vor dem Palast versammelten sich Anhänger und skandierten seinen Namen. Reuters bestätigte den Rücktritt am Sonntag und berichtete, dass Vucic damit seine zweite und letzte Amtszeit rund sieben Monate vor deren regulärem Ende beendet.
Der Schritt ist unmittelbar mit der vorgezogenen Parlamentswahl am 25. Oktober verbunden. Vucic will dort für seine Serbische Fortschrittspartei SNS antreten und strebt anschließend das Amt des Ministerpräsidenten an. Bereits Mitte September hatte er öffentlich angekündigt, bei der Wahl für das Regierungsamt kandidieren zu wollen. „Der Kampf fängt gerade erst an“, sagte Vucic nun nach seinem Rücktritt. Die Wahl war ursprünglich erst für Dezember 2027 vorgesehen.
Bis zur Neubesetzung des Präsidentenamts rückt Parlamentspräsidentin Ana Brnabic ins Zentrum des politischen Geschehens. Die frühere Ministerpräsidentin ist derzeit Präsidentin der serbischen Nationalversammlung und gehört der SNS an.
Hinter der vorgezogenen Wahl steht eine innenpolitische Krise, die Serbien seit fast zwei Jahren beschäftigt. Ausgangspunkt war der Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen. Daraus entwickelte sich eine vor allem von Studierenden getragene Protestbewegung. Die Demonstrationen richteten sich zunächst auf die Aufarbeitung des Unglücks, später rückten Korruptionsvorwürfe und grundsätzliche Kritik an der Regierung stärker in den Mittelpunkt. Reuters beschreibt die Proteste als eine seit nahezu zwei Jahren andauernde, von Studierenden getragene Antikorruptionsbewegung.
Unter diesem politischen Druck löste Vucic Anfang September das Parlament auf und setzte vorgezogene Wahlen an. Schon zuvor hatte sich abgezeichnet, dass er einen Wechsel vom Präsidentenamt zurück an die Spitze der Regierung anstreben könnte. Vucic hat die serbische Politik seit mehr als einem Jahrzehnt entscheidend geprägt und war bereits Ministerpräsident, bevor er 2017 erstmals zum Staatspräsidenten gewählt wurde. 2022 wurde er für eine zweite Amtszeit bestätigt.
Kurz vor seiner Rücktrittserklärung sprach Vucic Begnadigungen für 49 Verurteilte aus, darunter Studierende und Anhänger seiner SNS. 23 Begnadigungen standen seinen Angaben zufolge im Zusammenhang mit den politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der vergangenen eineinhalb Jahre.
Vucics politischer Werdegang ist eng mit den Umbrüchen auf dem Balkan verbunden. In jungen Jahren gehörte er dem radikal-nationalistischen Lager an und war ein politischer Gefolgsmann des früheren serbischen und jugoslawischen Machthabers Slobodan Milosevic. Später veränderte er sein politisches Profil und präsentierte sich zunehmend als Reformer und Befürworter eines serbischen EU-Beitritts.
Gleichzeitig verfolgt Belgrad unter Vucic seit Jahren einen außenpolitischen Balancekurs. Serbien strebt offiziell die Mitgliedschaft in der Europäischen Union an, pflegt jedoch weiterhin enge Beziehungen zu Russland. Gerade seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist dieser Kurs zu einem zentralen Thema in Serbiens Beziehungen zu Brüssel geworden.
Der Rücktritt beendet deshalb nicht automatisch Vucics politische Ära. Vielmehr versucht er, seine politische Rolle zu verändern.
Ob er nach dem 25. Oktober tatsächlich Regierungschef werden kann, hängt vom Wahlergebnis und der anschließenden Regierungsbildung ab. Sein Rücktritt ermöglicht diesen Schritt, entscheidet ihn aber noch nicht.
Für Serbien beginnt damit eine außergewöhnliche Phase: Während Ana Brnabic vorübergehend Aufgaben an der Staatsspitze übernimmt, zieht Vucic in einen Wahlkampf, der nach fast zwei Jahren Protesten auch zu einer Abstimmung über den politischen Kurs des Landes wird.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Vucic wechselt die politische Bühne
Aleksandar Vucics Rücktritt bedeutet keinen Rückzug aus der serbischen Politik. Er ist vielmehr der Übergang in eine neue politische Rolle.
Der bisherige Präsident hatte bereits angekündigt, Ministerpräsident werden zu wollen. Mit seinem Rücktritt schafft er nun die formale Voraussetzung dafür, nach der Parlamentswahl und einer entsprechenden Regierungsbildung an die Regierungsspitze zurückzukehren.
Für die serbischen Wähler verändert das die Bedeutung der Wahl am 25. Oktober. Neben Parteien, Programmen und Kandidaten steht auch die Frage im Mittelpunkt, welche politische Rolle Vucic künftig spielen soll.
Die Opposition und die Protestbewegung verbinden die vorgezogene Wahl mit der Hoffnung auf politische Veränderungen. Vucics SNS wiederum tritt mit einem Politiker an, der Serbiens Politik seit vielen Jahren maßgeblich prägt.
Entscheidend wird deshalb nicht allein die Stärke der einzelnen Parteien sein. Auch mögliche Mehrheiten und Koalitionen nach der Wahl werden bestimmen, ob Vucic sein angekündigtes Ziel erreichen kann.
Eine belastbare Aussage über den Wahlausgang lässt sich daraus nicht ableiten. Fest steht lediglich: Mit dem Rücktritt ist Vucics politische Zukunft nicht beendet – sie wird am 25. Oktober neu zur Abstimmung gestellt.
Historischer Hintergrund
Aleksandar Vucic gehört seit Jahrzehnten zu den einflussreichsten Politikern Serbiens. Seine politische Karriere begann im nationalistischen Lager während der Konflikte im ehemaligen Jugoslawien.
Später änderte Vucic sein politisches Profil. 2008 gehörte er zu den Gründern der Serbischen Fortschrittspartei SNS. Er war unter anderem Verteidigungsminister und von 2014 bis 2017 Ministerpräsident.
2017 wurde Vucic zum Präsidenten Serbiens gewählt, 2022 folgte seine Wiederwahl. Seine zweite Amtszeit wäre regulär erst 2027 ausgelaufen. Mit seinem Rücktritt beendet er sie nun vorzeitig.
Die aktuelle politische Krise entwickelte sich nach dem Unglück am Bahnhof von Novi Sad im November 2024. Der Tod von 16 Menschen löste Proteste aus, die sich zunehmend gegen Korruption und die politische Führung richteten.
Die vorgezogene Parlamentswahl am 25. Oktober ist damit eng mit einer innenpolitischen Auseinandersetzung verbunden, die weit über das ursprüngliche Bahnhofsunglück hinausgeht.
Zukunftsprognose
Politisch beginnt für Serbien eine Phase erhöhter Unsicherheit. Vucics Rücktritt verändert zwar das Präsidentenamt, aber nicht automatisch die politischen Mehrheitsverhältnisse. Darüber entscheidet zunächst die Parlamentswahl am 25. Oktober und anschließend die Regierungsbildung.
Für die Europäische Union ist die Entwicklung von besonderer Bedeutung. Serbien ist EU-Beitrittskandidat und ein zentraler Staat des Westbalkans. Die künftige Regierung wird sich weiterhin mit Reformanforderungen, Rechtsstaatlichkeit und dem Verhältnis zu den europäischen Institutionen auseinandersetzen müssen.
Auch Serbiens Beziehungen zu Russland bleiben international aufmerksam beobachtet. Belgrad versucht seit Jahren, seine europäischen Ambitionen mit traditionellen Beziehungen zu Moskau zu verbinden.
Wirtschaftlich kann eine längere Phase politischer Unsicherheit Investitionsentscheidungen beeinflussen. Unmittelbare belastbare Auswirkungen auf internationale Aktienmärkte, Rohstoffe oder große Währungen lassen sich aus Vucics Rücktritt allein jedoch nicht ableiten.
Für den serbischen Dinar könnten politische Stabilität und der Verlauf der Regierungsbildung relevanter werden, falls die Wahl zu einer längeren institutionellen Unsicherheit führt. Eine konkrete Kursentwicklung lässt sich daraus nicht seriös prognostizieren.
Wer ist Aleksandar Vucic?
Aleksandar Vucic wurde 1970 in Belgrad geboren und gehört seit Jahrzehnten zur politischen Führung Serbiens.
Er war von 2014 bis 2017 Ministerpräsident und anschließend Präsident. 2022 wurde er für eine zweite Amtszeit gewählt. Nun tritt er vorzeitig zurück und will nach der Parlamentswahl erneut Regierungschef werden.
Wer ist Ana Brnabic?
Ana Brnabic ist eine serbische Politikerin der SNS. Sie war von 2017 bis 2024 Ministerpräsidentin und steht inzwischen als Präsidentin an der Spitze der serbischen Nationalversammlung.
Nach Vucics Rücktritt übernimmt sie kommissarisch Aufgaben des Staatsoberhaupts.
Was ist die SNS?
Die Serbische Fortschrittspartei, kurz SNS, wurde 2008 gegründet und prägt die serbische Politik seit vielen Jahren. Aleksandar Vucic ist die zentrale politische Figur des Parteienlagers.
Warum wird in Serbien vorzeitig gewählt?
Eigentlich war die nächste Parlamentswahl erst für Dezember 2027 vorgesehen. Nach anhaltenden Protesten und Forderungen nach Neuwahlen wurde der Termin jedoch vorgezogen. Bereits im August hatte Vucic erklärt, die Wahl solle im Oktober stattfinden.
OZD-Extra – Rücktritt bedeutet für Vucic nicht Abschied von der Macht
Normalerweise klingt der Rücktritt eines Präsidenten nach dem Ende einer politischen Ära.
Bei Aleksandar Vucic ist die Situation anders.
Der 56-Jährige will die serbische Politik weiterhin an führender Stelle prägen – künftig jedoch möglicherweise wieder als Ministerpräsident.
Bereits am 14. September hatte er angekündigt, bei der Wahl am 25. Oktober für das Amt des Regierungschefs antreten zu wollen.
Damit könnte sich für Vucic ein politischer Kreis schließen: Bevor er 2017 Staatspräsident wurde, hatte er bereits mehrere Jahre als Ministerpräsident die Regierung geführt.
Ob er tatsächlich in dieses Amt zurückkehrt, entscheidet sich allerdings nicht allein mit seiner Kandidatur. Dafür sind das Wahlergebnis, die Mehrheitsverhältnisse im Parlament und die anschließende Regierungsbildung ausschlaggebend.
Gewinnspiel
Welches politische Amt strebt Aleksandar Vucic nach seinem Rücktritt als Präsident an?
A: Außenminister
B: Parlamentspräsident
C: Regierungschef
D: Bürgermeister von Belgrad
Zum großen OZD-Gewinnspiel 2026 – Gutscheine gewinnen
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.