Fakten im Überblick
Das Magazin Emma wird nach 50 Jahren und 398 Ausgaben eingestellt.
Alice Schwarzer betont, dass das Ende nicht aus finanziellen Gründen erfolgt.
Das Archiv der Emma geht ab 2029 ins Deutsche Literaturarchiv Marbach über.
Ein halbes Jahrhundert prägte das feministische Magazin "Emma" von Alice Schwarzer die Entwicklung und Debatte in Deutschland. Am Ende dieses Jahres verlässt das Blatt die Bühne. Alice Schwarzer, Gründerin, Herausgeberin und Chefredakteurin, zog am Mittwoch in Köln Bilanz: "Nach 50 Jahren und 398 Ausgaben mit 36.584 Seiten verlässt 'Emma' die Bühne". Sie versicherte, das Ende sei keine Folge wirtschaftlicher Not oder sinkender Käuferzahlen, sondern eine bewusste Entscheidung: "Nein, wir gehen, weil wir meinen: Es reicht!" Der Rückzug nach fünf Dekaden erfolgt also eigenständig, nachdem drei Feministinnen-Generationen und ein sechsköpfiges Team nicht nur allen Moden, sondern auch "Unsinn im Namen des Feminismus" widerstanden hatten. "Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet.", erklärte Schwarzer, während sie zugleich betonte, die Zeitschrift werde "in voller Kraft stehend beenden".
Im Gespräch mit der Zeit erklärte Schwarzer, dass mit der letzten Ausgabe im Dezember ein politischer Bogen gespannt werde, der aus ihrer Sicht nach einem halben Jahrhundert stimmig sei. Bereits zum Start der "Emma" im Januar 1977 war der Spott groß, wie sich die Redaktion erinnert. "Die lieben KollegInnen" hätten dem Magazin höchstens die zweite Ausgabe zugetraut. Dennoch entwickelte sich "Emma" über die Jahre zu einem Schrittmacher gesellschaftlichen Wandels in der Bundesrepublik. Schwarzer erklärt, das Magazin habe das Bewusstsein von Frauen und Männern beeinflusst, ob sie "Emma" gelesen hätten oder nicht. "Sie hat Debatten angestoßen, Gesetze geprägt und Menschen ermutigt. Rebellische Mädchen wurden ab 1977 auf dem Schulhof gerne Emma (oder Alice) genannt."
Die Themenauswahl prägten Tabus und gesellschaftliche Missstände: Männergewalt, Kindesmissbrauch, Islamismus, Pornografie und Brustkrebs wurden angesprochen – statt modischer Rezepte lieferte "Emma" konsequent "Informationen, Analysen, Anregungen und Provokationen". Damit schwamm das Heft oft "gegen den Strom", auch "innerhalb der feministischen Community". Immer wieder ernteten Schwarzer und ihre Zeitschrift Kritik dafür, nicht mehr zeitgemäß zu sein. So etwa wegen der ablehnenden Haltung gegenüber der "gefährlichen Transideologie" und der These, "jeder Mann qua Sprechakt zur Frau erklären" könne. In der Abschiedsnotiz warnte die Redaktion auch, dass jungen Mädchen suggeriert werde, sie müssten nur "Hormone spritzen und sich die Brüste abnehmen lassen, dann wäre das Problem schon geregelt".
Entscheidend für das Ende war laut Schwarzer auch, dass die dienstälteste Redakteurin vor Jahren eine Auszeit machen wollte. "Dann haben die anderen Kolleginnen sie überredet, doch noch die 50 Jahre mit uns vollzumachen. Aber ab da war klar, wir können das nicht ewig fortsetzen." Den Versuch, eine Nachfolgerin für die Chefredaktion und neue Kolleginnen "in unserem Geiste" zu finden, beschreibt die Redaktion im Editorial als schwierig – der Wind sei in etablierten Medien weniger rau. "Denn ernsthaft feministisch engagiert sein – und nicht nur modisch queerfeministisch plaudern –, das wird frau bis heute nicht gedankt." Trotzdem wollen die Macherinnen "Emma" weiterhin lebendig halten. So ist etwa ein Newsletter geplant, und das Archiv der Zeitschrift geht ab 2029 in das Deutsche Literaturarchiv Marbach über. Damit steht ein "halbes Jahrhundert Making Of dieses Abenteuers des Machens eines feministischen Magazins und die sich darin spiegelnde Geschichte der Frauen" zur weiteren Erforschung bereit.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Ein Abgang mit Haltung und Debatte
Der Abschied von "Emma" markiert einen Einschnitt für das feministische und publizistische Leben in Deutschland. Kaum eine Einzelperson hat das Bild von Frauenrechten und gesellschaftlicher Diskussion so geprägt wie Alice Schwarzer. Die Entscheidung, "Emma" nicht aus wirtschaftlicher Not, sondern bewusst und kämpferisch einzustellen, zeigt Rückgrat. Diese klare Haltung hat das Magazin immer ausgezeichnet – auch wenn sie, besonders in späteren Jahren, für harte Kontroversen sorgte. Gerade die kritischen Anmerkungen zur Trans-Debatte polarisieren, lassen aber auch erkennen, wie sehr sich Generationen im Umgang mit Feminismus und gesellschaftlicher Rollenvielfalt unterscheiden. Der Stolz auf Geleistetes, das Bewusstsein für Debatte und Wandel, aber auch das Eingeständnis von Erschöpfung machen diesen Abgang glaubwürdig. Eine Prognose: Mit dem Ende der "Emma" wird die feministische Debatte nicht verstummen, sondern neue Formen finden. Und das Erbe des Magazins wird weiter wirken – inspiriert und umstritten zugleich.
Historischer Hintergrund
Die Zeitschrift Emma wurde am 26. Januar 1977 von Alice Schwarzer gegründet. Sie entstand in einer Zeit, in der Anliegen wie Gleichberechtigung und Aufklärung über Gewalt an Frauen zwar gesellschaftlich heftig debattiert, aber selten in dieser Klarheit thematisiert wurden. Emma begleitete die Entwicklung von Gesetzen, gesellschaftlichen Normen und der feministischen Bewegung in Deutschland. Über fünfzig Jahre blieb sie ihrer Linie treu und war bis zum Schluss unabhängig. Die Redaktion widerstand wiederholt modischen Trends und gesellschaftlichen Verlockungen, blieb dabei häufig unbequem und wurde selbst zu einem Stück Zeitgeschichte.
Zukunftsprognose
Das Ende von "Emma" wird zu einer Lücke in der feministischen Medienlandschaft in Deutschland führen. Es ist absehbar, dass neue digitale Formate entstehen, um den Diskurs fortzuführen. Politisch werden feministische Forderungen weiter präsent bleiben, möglicherweise unter anderen Vorzeichen und mit neuen Sprachrohren. Gesellschaftlich werden Rollendebatten und kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Feminismusströmungen weiterhin Kontroversen auslösen. International dürfte das Archiv von Emma Forschenden und Interessierten neue Einblicke bieten und Impulse für die vergleichende Debatte liefern.
Erklärungen
Was ist die Zeitschrift Emma?
Emma ist eine feministische Zeitschrift, die 1977 von Alice Schwarzer in Köln gegründet wurde. Sie rückte Themen wie Gleichberechtigung, Frauenrechte, Gewalt gegen Frauen und gesellschaftliche Tabus in den Mittelpunkt und prägte über Jahrzehnte sowohl Politik als auch die öffentliche Debatte mit.
Wer ist Alice Schwarzer?
Alice Schwarzer ist eine deutsche Journalistin, Autorin und Frauenrechtlerin. Sie wurde 1942 geboren und gilt als eine der bekanntesten Stimmen des Feminismus in Deutschland. Schwarzer ist Gründerin, Chefredakteurin und Herausgeberin der Zeitschrift Emma und prägte maßgeblich frauenpolitische Diskussionen im Land.
OZD-Extras
Fast vier Jahrzehnte begleitete Emma den gesellschaftlichen Wandel in Deutschland und trug maßgeblich dazu bei, Themen wie Gleichberechtigung und Gewalt gegen Frauen auf die gesellschaftspolitische Agenda zu setzen.
Die geplante Überführung des Archivs ins Deutsche Literaturarchiv Marbach bedeutet eine nachhaltige Sicherung des feministischen Diskurses für Forschung und Öffentlichkeit.
Auswirkungen auf die Medienbranche dürften sich in neuen Publikationsformaten zeigen. Wirtschaftliche Folgen für die Medienlandschaft bleiben voraussichtlich begrenzt, da das Ende nicht aus finanziellen Gründen erfolgt.
Gewinnspiel
Wie viele Ausgaben von Emma erscheinen insgesamt bis zur Einstellung?
A) 398
B) 200
C) 50
D) 812
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.