Zwei Tage nach der verheerenden Brandkatastrophe im Schweizer Skiort Crans-Montana sind erstmals Todesopfer offiziell identifiziert und an ihre Familien übergeben worden. Wie die Kantonspolizei Wallis am Samstag mitteilte, handelt es sich um die sterblichen Überreste von zwei jungen Frauen und zwei jungen Männern im Alter zwischen 16 und 21 Jahren – alle aus der Schweiz. Für viele Angehörige bedeutet diese Nachricht schmerzhafte Gewissheit, während andere Familien weiterhin zwischen Hoffnung und Verzweiflung ausharren: Ihre Kinder gelten noch immer als vermisst.
Das Feuer war in der Silvesternacht während einer Party in der Bar „Le Constellation“ ausgebrochen. In der Nacht zum Donnerstag kam es dort, als zahlreiche junge Menschen feierten, zu einem Inferno. Insgesamt starben 40 Menschen, 119 weitere wurden verletzt – viele von ihnen schwerst, mit lebensbedrohlichen Verbrennungen.
Im Ortszentrum von Crans-Montana ist die Trauer allgegenwärtig. In der Nähe des Unglücksortes wächst ein Meer aus Blumen, Kerzen und kleinen Plüschtieren. Auf Zetteln und Karten stehen Botschaften wie „Wir denken an Dich“ oder „Mögen sie in Frieden ruhen“. Zwischen stiller Anteilnahme und Fassungslosigkeit suchen Menschen Halt – und klammern sich an jede Information.
Die Identifizierungsarbeiten gehen unterdessen weiter. Bis Freitag konnten nach Behördenangaben 113 der 119 Verletzten identifiziert werden. Auch international werden weiterhin Vermisste registriert: Das französische Außenministerium erklärte, 16 Franzosen seien verletzt worden, neun weitere würden vermisst.
Besonders eindringlich ist das Schicksal von Eltern wie Laetitia Brodard, die seit Stunden auf ein Lebenszeichen wartet. Die letzte Nachricht ihres Sohnes Arthur lautete: „Mama, frohes neues Jahr, ich hab Dich lieb.“ Seitdem fehlt jede Spur. Solche Fälle machen deutlich, wie groß die Unsicherheit für viele Familien weiterhin ist.
Die Behörden rechnen damit, dass die Identifikation der Todesopfer und Vermissten mehrere Tage dauern kann. In Zusammenarbeit mit mehreren Ländern – darunter Belgien, Frankreich, Italien und die Türkei – wurden sogenannte Ante-Mortem-Akten für Vermisste angelegt, um die Zuordnung zu beschleunigen. Hinweise auf deutsche Todesopfer gibt es weiterhin nicht.
Parallel läuft die Versorgung der Schwerverletzten. Viele Betroffene werden nicht nur wegen äußerer Verbrennungen behandelt, sondern auch wegen lebensgefährlicher Schäden an den Atemwegen. Die Behandlung ist nach Einschätzung von Medizinern äußerst komplex. Zusätzlich kamen bei der Flucht in Panik offenbar auch Sturzverletzungen und Knochenbrüche vor. Ärzte gehen davon aus, dass ein Teil der Opfer möglicherweise durch Rauch und Sauerstoffmangel erstickte oder in der Enge erdrückt wurde.
Mehrere Länder unterstützen die Schweiz bei der Behandlung. Deutschland nahm nach Angaben des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) bislang neun Schwerverletzte auf. Weitere Verlegungen werden geprüft und vorbereitet. Insgesamt wurden nach EU-Angaben bis Freitag 24 Schwerbrandverletzte in Kliniken in Deutschland, Frankreich, Belgien und Italien gebracht.
Im Kanton Wallis sind mehrere Gedenkveranstaltungen und Gottesdienste geplant, darunter ein Gottesdienst am Samstagabend in Crans-Montana.
Erklärungen:
Die Identifikation von Brandopfern und Schwerverletzten ist oft langwierig, weil Hitze, Rauch und Verletzungsmuster klassische Erkennungsmerkmale zerstören können. Bei Schwerbrandverletzten erschweren Verbände, Intubation und intensive medizinische Maßnahmen eine direkte Identifizierung zusätzlich. Deshalb arbeiten Ermittler häufig mit Ante-Mortem-Daten (z. B. Zahndaten, DNA, medizinische Merkmale, persönliche Gegenstände) und gleichen diese mit Befunden ab.
Kommentar:
Mit der Identifikation der ersten vier Opfer beginnt für einige Familien ein Trauerprozess, der kaum in Worte zu fassen ist. Für andere ist die Ungewissheit weiterhin unerträglich: Vermisst zu werden, bedeutet für Angehörige ein Leben zwischen Hoffnung und Angst, Stunde um Stunde. Diese Katastrophe zeigt erneut, wie schnell aus einer ausgelassenen Feier ein Albtraum werden kann – und wie tief die Narben reichen, die ein solches Ereignis in einer Gemeinschaft hinterlässt. Jetzt braucht es neben lückenloser Aufklärung vor allem eines: Zeit, Schutzräume für Betroffene und konkrete Unterstützung für Familien, die um ihre Kinder bangen.
OZD
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Bild: AFP