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Mercedes-Krimmi: Grüner Daumen - Die spannende Fortsetzung von "Eiskalter Engel"

In der Pathologie wohnt eine Eisfee, ein Eisgeist, ein Eis‑Elementarwesen – was auch immer. Jedes Mal, wenn Mercedes in Ausübung ihrer Pflicht als Gerichtsmedizinerin zu den Leichenkühlzellen geht und sie öffnet, grinst sie ein bekanntes Gesicht an.

Was einst eine Leiche auf ihrem Seziertisch war, ist nun ein ständiger Begleiter bei ihrer Arbeit. Wenn man ganz ehrlich ist, hat Mercedes weder eine Ahnung, was das Wesen hier macht, da es nicht spricht und auch nicht zu verschwinden scheint, noch weiß sie, warum es an ihr klebt – geschweige denn, was es genau ist.

Eine Schönheit, bedeckt mit Eiskristallen und nichts anderem am unterkühlten Leib, was Mercedes zuerst ganz schön ins Schwitzen gebracht hat. Es ist verdammt schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, wenn eine nackte, blasse und betörend schöne Frau einem über die Schulter guckt und man selbst keine festen Regeln setzt, welchem Geschlecht man seine Aufmerksamkeit schenkt. Nun ist ein wenig Zeit vergangen, seit sie zum ersten Mal aufgetaucht ist, und Mercedes hat sich bereits an sie gewöhnt. Verschwindet sie doch auch stets in einem feinen Nebelhauch, wenn jemand vom Polizeirevier oder andere Mitarbeitende in das kleine Reich der beiden Frauen eindringen – so, als solle ihre traute Zweisamkeit nicht gestört werden.

Das tut nichts an der betörenden Wirkung des Wesens, aber längst hat sie bereits aufgegeben, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, woher ein übersinnliches Wesen kommt, wenn sie doch vorher nie etwas in der Art zu Gesicht bekommen und auch nicht daran geglaubt hat. Nun muss sie wohl notgedrungen glauben, wenn es ihr doch glockenhell über die Schulter kichert. Praktisch ist so eine Fee ja: Einige Kosten für die Kühlung der Leichen konnte Mercedes bereits einsparen, ist ihre Haut und die umgebende Aura doch immer angenehm kühl, und ihr Lieblingsplatz sind die Kühlzellen. Sobald sie sich bei Mercedes über die Schulter lehnt, muss diese auch ihren geliebten Regenbogenschal ein wenig enger um sich wickeln, aber Winter war schon immer die Lieblingsjahreszeit der Medizinerin und so kann sie sich von der kühlenden Aura des Wesens kaum stören lassen.

Viel schlimmer ist die brütende Hitze, in die Mercedes nun aufgrund eines neuen Falls gerufen wird. Im Normalfall bevorzugt sie ihre Pathologie: Es ist ruhig und kühl und man hat seine Ruhe. Aber manchmal ist ein Kriminalfall derart ungewöhnlich oder schwerwiegend, dass sie doch an den Tatort gerufen wird. Das sind die Fälle, in denen Bilder, welche die Spurensicherung aufnimmt, nicht all den Schrecken festhalten können, den ein Tatort zu bieten hat.

So findet sie sich im Tropenhaus des städtischen botanischen Gartens wieder. Ja, die Erbauer haben wirklich alle Arbeit geleistet: Es fühlt sich an wie im Dschungel, die Kleidung klebt geradezu an Mercedes und man kann kaum atmen dank einer irre hohen Luftfeuchtigkeit. Tropische Vögel kreischen im Blätterdach und die Medizinerin wünscht sich ihre Eisfee her, um wieder ein wenig zu akklimatisieren. Aber da wird sie wohl noch warten müssen, denn am Ort des Geschehens angekommen, sieht sie die Arbeit bereits schon von Weitem auf sich zukommen.

Es herrscht ein wahres Chaos im Tropenhaus: Überall sind Polizisten unterwegs, führen Befragungen durch und reden mit den Kollegen der Spurensuche. Gelbes Flatterband ist um einige Bäume gelegt, sodass keiner den Tatort durch unaufmerksames Verhalten verunreinigen kann. Als einer der Polizisten aufschaut und Mercedes nahen sieht, winkt er sie herüber und führt sie hinter dem Flatterband ein wenig weiter ins tropische Unterholz. Da sieht sie dann auch den Grund, weshalb sie ausgerechnet zu diesem Tatort mit antanzen musste und nicht bequem in ihrem Reich darauf warten konnte, dass die Leiche zu ihr kommt.

Erstens: Es ist keine Leiche, sondern Leichen. Plural. Zweitens: Sie hängen in einem Baum, fein säuberlich aufgereiht an mehreren Lianen, wie makabre Versionen von Christbaumkugeln. Hier muss ein Psycho unterwegs gewesen sein – wer kommt auf die Idee, mehrere Männer in ein Tropenhaus zu hängen? Und wer hat die Kraft dazu? Das muss sie sich genauer ansehen.

Am Anfang fällt Mercedes auf, dass jeder einzelne der Männer im Blaumann und mit einem Helm einer Gärtnerfirma dieser Stadt ausgestattet ist. Soweit keine Seltenheit, dass Gärtner im botanischen Garten unterwegs sind. Einige Fässer chemischer Pflanzendünger stehen um den Stamm jenes Baumes, der die Leichen trägt. Auch nicht weiter ungewöhnlich, dass Gärtner Düngemittel einsetzen, um tropischen Pflanzen die Nährstoffe zu geben, die sie in dieser Umgebung nicht bekommen, aber von ihrer Heimat her brauchen.

Also kommt Mercedes mit Hilfe einer von der Polizei gestellten Hebebühne zu den Leichen und damit zu ihrer eigentlichen Arbeit. Schweres Gerät kann aufgrund der nah beieinander stehenden Gewächse nicht benutzt werden, deswegen sind die Polizisten heute ein wenig spartanisch unterwegs. Die Medizinerin hört auch auf ihrem Weg in luftige Höhen das Schimpfen mehrerer Männer, deren Stiefel im matschigen Boden stecken, denen Insekten verschiedenster Art über die Kleidung krabbeln oder das tropische Geflügel, welches hier residiert, ihre Jacken verdreckt hat. Mercedes muss lächeln: Trotz der angespannten Situation haben die Männer von der Polizei echt noch Zeit, sich über solche Dinge zu beschweren? Kurios.

Oben angekommen, widmet sie sich dann allerdings voll und ganz ihrer Arbeit. Nichts kann sie noch ablenken, wenn sie sich einmal auf einen Toten konzentriert und versucht zu verstehen, was ihm passiert ist. Also, Gärtnerausrüstung, soweit waren wir schon. Ranken einer Liane liegen bei jedem einzelnen um den Hals gewickelt, darunter erkennt Mercedes bereits ohne große Schwierigkeit die typischen Striemen einer Strangulation. Das wird sie natürlich in der Pathologie prüfen müssen, aber die roten und blauen Quetschungen zeichnen sich bereits jetzt überdeutlich an den Hälsen ab.

Vorsichtig und mit Handschuhen an ihren Händen öffnet sie bei der nächstmöglichen Leiche die Augenlider. Japp, eindeutig Strangulation, die roten Einblutungen durch Luftmangel sind deutlich zu erkennen. Also sind die armen Männer wohl von diesen Lianen erwürgt worden. Sollte sich in den Wunden Pflanzensaft finden, wäre das der Beweis.

Aber etwas stimmt ganz und gar nicht mit diesem Bild. Wie konnte der Täter die Lianen um die Hälse einer Truppe von Männern gleichzeitig wickeln, ohne ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken? Hätte nicht wenigstens einer fliehen können, um Hilfe zu holen? Wurden sie vergiftet? Betäubt? Das muss sie in der Pathologie prüfen. Das nächste, was ihr durch den Kopf geht, ist die Tatsache, wie unheimlich stark der Täter gewesen sein muss: Einige der Männer sind nicht gerade klein, und an einem Abend solch eine Menge an Körper in hohe Baumwipfel zu zerren, übersteigt die Fähigkeiten der meisten Menschen. Das ist ein wahres Rätsel.

Noch während Mercedes nachdenkt, kann sie ein leises Kichern vernehmen. Oh nein! Nicht schon wieder! Verwirrt sieht sie sich um und sieht nur noch aus dem Augenwinkel, wie das zarte Gesicht einer Frau im Baum verschwindet. Nicht hinter den Baum – in den Baum. Ein wenig niederträchtig grinst das Gesicht sie an und ist im nächsten Moment komplett verschwunden.

Wird sie langsam verrückt? Sieht sie jetzt schon überall seltsame Gestalten? Erst die Dame in ihrer Kühlzelle und nun wieder so etwas? Warum sie? Und warum auf einmal? Sie hat doch vorher nie solche Wesen gesehen, was ist los mit ihr? Vielleicht wirklich zu viel Äther? Aber das Problem ist halt, dass zumindest ihre Eisdame real ist, das weiß Mercedes.

Zurück in ihrem eigenen Reich, der Pathologie, wird sie zuerst freudig von ihrem Eiswesen begrüßt – durch einen leichten Kuss auf die Wange. Dann macht sie sich an die Arbeit und tatsächlich stellt sich nach kürzester Zeit heraus, dass sich Pflanzensaft in den deutlichen Würgemalen befindet. Erstickt durch Lianen bei der Arbeit – keine schöne Sache.

Während sie sich die Körper der armen Seelen weiter ansieht, fällt ihr aber auch noch mehr auf. Sie scheinen von einer Art Sporen bedeckt zu sein; eine Anfrage durch die Datenbank kann allerdings keinerlei Ergebnisse liefern. Diese Art der Sporen ist vollkommen unbekannt. Sehr seltsam das alles.

Aber wenn sie tatsächlich gesehen hat, was sie denkt gesehen zu haben, wäre es nicht verwunderlich, dass die Datenbank die Sporen nicht kennt. Übernatürliche Sporen führen die wenigsten Polizeicomputer. Als dann die Eisfee Mercedes über die Schulter sieht und neugierig prüft, was sie bearbeitet, ist Mercedes ein wenig gespannt, ob Übernatürliches auf Übernatürliches reagiert. Sie hält die Petrischale mit den gesammelten Sporen ein wenig höher und in die Richtung ihrer Schulter, auf der sie das kühle Gewicht der Eisdame spürt.

Diese riskiert einen kurzen Blick und schüttelt sich dann angewidert. Kurz streckt sie die Zunge raus und verschwindet dann in den Kühlzellen. Bumms, Tür zu. Okay, das scheint sie nicht zu mögen, check. Es hilft nichts, Mercedes muss noch einmal in das Tropenhaus und mit dem Gesicht reden – auch wenn sie die Befürchtung hat, langsam verrückt zu werden.

Es stellt sich heraus: Sie ist nicht verrückt. Als Mitglied der Polizeikräfte darf sie glücklicherweise jederzeit zu einem Tatort zurückkehren, um sich noch einmal genauer umzusehen, sodass der botanische Garten auch kein Problem darstellt. Kaum betritt sie die Flatterband‑Fläche, kommt eine zierliche Frau hinter jenem Baum hervor.

Ihre Haut ist blattgrün, ihre Haare stehen wirr und kraus in alle Richtungen ab, einer dunkelgrünen Afrofrisur gleich, nur dass Blätter und winzige Ästchen an einigen Stellen hervorstehen. Außer einem Rock und einem Bikinioberteil, komplett aus Blättern bestehend, hat sie nichts an; ihre nackten Füße streichen bei jedem Schritt durch das Unterholz. Einige blühende Pflanzenranken schlängeln sich ihre Arme und Beine hinunter und wieder grinst dieses Wesen sie frech und ein wenig herausfordernd an.

„Guten Abend, Frau Doktor. Wer war es denn wohl? Ich platze vor Neugier!“ Schallend lacht sie, und Mercedes tut ihr Möglichstes, ihr starr in die Augen zu sehen, Blickkontakt zu halten. „Ich denke, du weißt genau, wer der Täter ist! Die Frage ist nur: warum? Sie haben nur ihren Dienst getan! Du kannst nicht einfach Leute töten!“

Die Augen der Baumfrau werden dunkel vor Zorn. „Ihren Dienst? Dass ich nicht lache! Ich kam hierher, weil dieser Baum krank war, es ist die Aufgabe einer Dryade, Pflanzen zu umsorgen und zu heilen, und kaum war die Krankheit ausgetrieben, kamen diese männlichen Heuschrecken hierher mit ihrer chemischen Giftmischung und wollten meinen Baum und meine Insekten besprühen. Alles nur, damit die kosmetische Schönheit gewahrt wird! Aber gerade das war doch die Krankheit, die ich bekämpfen musste! Ein Baum braucht Natur und nicht so einen Schabernack aus deren Giftküche! Versteht ihr Menschen das denn nicht? Dann müsst ihr eure Lektion eben so lernen! Durch Gewalt! Meine Sporen haben sie angelockt wie der Honig die Bienen und meine Ranken haben sie sich geschnappt, ganz einfach war das.“

Okay, okay, sie hat einen Punkt, auch wenn es natürlich nicht geht, dass sie Leute tötet. „Leider wissen Menschen nicht immer, wie sie richtig mit etwas umgehen, das muss erlernt werden. Menschen sind nicht alle böse, glaub mir das, und die Männer haben nur getan, was ihnen gesagt wurde. Das musst du verstehen, bitte. Du kannst nicht wahllos töten.“

Die Dryade studiert aufmerksam Mercedes’ Gesicht, als suche sie dort nach Antworten. Fast kann man die Gedanken hinter ihrer Stirn arbeiten sehen. „Ich bin eine Dryade, für mich wird immer die Natur zuerst kommen. Aber ich werde mich zurückziehen und den nächsten Baum suchen, der meine Hilfe braucht. Benutzen diese Scheusale noch einmal diese Giftbrühe, werde ich wiederkehren und dann gibt es keine Ausreden mehr.“ Damit tritt sie ein wenig in den Schatten des Baumes und ist im nächsten Moment komplett verschwunden.

Wunderbar. Wieder ein übernatürlicher Täter, für den sich Mercedes etwas in ihren Fallakten einfallen lassen kann. Wie soll sie das jemals erklären? Das wird sie wohl den Rest der Nacht kosten, sich darüber Gedanken zu machen.

Zurück in ihrer geistigen und körperlichen Zuflucht, ihrer Pathologie, hängt sie den Mantel weg und holt sich erstmal einen Kaffee von ihrem Automaten. Schließlich hat sie noch Papiere zu erledigen und es wird eine lange Nacht werden. Aufgeregt wedelt ihre Eisfee mit ihren Ärmchen und schwebt um sie herum, doch Mercedes schiebt sie nur sanft zur Seite: erst Kaffee, dann Katastrophen.

Als sie dann an ihren Schreibtisch kommt, sieht sie, weshalb ihre Eisdame so aufgeregt ist: Die traurig aussehende Entschuldigung, die einmal ein Gummibaum war und neben ihrem Schreibtisch in einem großen Topf auf dem Boden steht, grinst sie an. Nein, vielmehr grinst sie ein Gesicht in dem Bäumchen an. „Du solltest dich wirklich besser um deine Pflanzen kümmern, meine Liebe, sonst bekommen sie noch Parasiten.“ Schallendes Gelächter ertönt, und Mercedes weiß: Das kann eine wirklich lange Nacht werden.

Cara Viola 

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