Dagur Sigurdsson machte aus seiner Wut keinen Hehl. Auf der Pressekonferenz vor dem EM-Halbfinale gegen Deutschland ließ der Trainer der kroatischen Handballer seinem Ärger freien Lauf und bezeichnete die Rahmenbedingungen für sein Team als „inakzeptabel“, einen „Zirkus“ und eine „absolute Schande“. In einem fast dreiminütigen Monolog rechnete der Isländer am Donnerstag in Herning scharf mit der Europäischen Handballföderation ab.
„Das ist die Bestätigung dafür, dass sich die EHF nicht um die Spieler, nicht um die Teams kümmert“, sagte Sigurdsson. „Die sind wie ein Fast-Food-Unternehmen. Die kümmern sich nicht um die Qualität, sie verkaufen nur.“ Die Organisation verhalte sich eher wie eine Eventfirma, „die bestellen ein paar Künstler, machen eine schöne Show, eine nette Pressekonferenz“, kritisierte er weiter und verwies auf die vierstündige Busfahrt seines Teams von Malmö nach Herning am Morgen des Vortags.
In kroatischen Medien kursierten am Donnerstag Bilder, die Spieler zeigen sollen, die während der Anreise auf dem Gang des Mannschaftsbusses liegen. Kroatien und Island hatten nach dem Ende ihrer Hauptrundenspiele in Malmö die rund 340 Kilometer lange Fahrt zum Finalspielort Herning antreten müssen, wo zuvor die andere Hauptrundengruppe mit Deutschland und Dänemark gespielt hatte. Die Ankunft erfolgte laut Sigurdsson erst gegen 14.30 Uhr.
Zusätzlich belastend wirkte sich aus, dass Kroatien und Island ihre letzten beiden Hauptrundenspiele an zwei aufeinanderfolgenden Tagen bestreiten mussten, während Deutschland und Dänemark im Zwei-Tages-Rhythmus spielen konnten. „Jeder, der irgendetwas von Sport versteht, weiß, dass zwei Tage weniger Pause in einem Zeitraum von zwölf Tagen mit sieben Spielen verdammt viel sind“, sagte Sigurdsson. Besonders empört zeigte er sich darüber, dass seine Mannschaft Spiel sechs und sieben innerhalb von nur 22 Stunden absolvieren musste.
Im deutschen Lager wurde die Kritik bereits vor Sigurdssons Auftritt nachvollzogen. DHB-Teammanager Benjamin Chatton sprach von einem „Ungleichgewicht im Turnierbaum“ und räumte ein, dass Deutschland dadurch einen Vorteil habe. „Aus sportlichen Gesichtspunkten sind 24 Stunden bei dieser Schlagzahl schon… Das ist nicht gleich“, sagte Chatton.
Sigurdsson selbst wollte die Pressekonferenz am liebsten frühzeitig beenden. „Ich werde mich sehr freuen, wenn ich gehen kann. Sagen Sie mir einfach Bescheid, wann ich gehen kann“, sagte er. Erst rund 20 Minuten später verließ der 52-Jährige das Podium – ohne Handschlag für die anwesenden EHF-Offiziellen.
OZD / ©SID
OZD-Kommentar – Fairness bleibt auf der Strecke
Sigurdssons Wutausbruch ist mehr als ein emotionaler Ausrutscher, er ist ein Hilferuf aus dem Inneren des Spitzensports. Wer in kurzen Abständen Höchstleistungen verlangt und zugleich lange Reisen sowie ungleiche Regenerationszeiten in Kauf nimmt, riskiert Gesundheit und sportliche Fairness. Die Kritik ist nachvollziehbar und verdient ernsthafte Konsequenzen. Wenn Turniere weiter als reine Showformate geplant werden, droht der Leistungssport selbst zum Verlierer zu werden.
Mini-Infobox:
EM-Halbfinale: Kroatien gegen Deutschland
Busfahrt: rund 340 Kilometer von Malmö nach Herning
Sieben Spiele in zwölf Tagen
Teilweise nur 22 Stunden Pause
OZD-Analyse
Turnierorganisation
a) Ungleiche Spielrhythmen zwischen den Gruppen
b) Lange Anfahrtswege kurz vor K.o.-Spielen
c) Fehlende Rücksicht auf Regeneration
– Belastungssteuerung unzureichend
– sportliche Chancengleichheit gefährdet
– Verletzungsrisiko erhöht
Sportliche Auswirkungen
a) Physische Ermüdung
b) Mentale Belastung
c) Wettbewerbsverzerrung
– Vorteil für besser platzierte Gruppen
– ungleiche Voraussetzungen im Halbfinale
– sinkende Spielqualität
Verantwortung der Verbände
a) Priorisierung von Eventlogik
b) Kommerzielle Interessen
c) Vernachlässigung der Athleten
– Glaubwürdigkeitsverlust
– wachsende Kritik aus den Teams
– Reformdruck steigt
Wer ist Dagur Sigurdsson?
Dagur Sigurdsson ist ein isländischer Handballtrainer und ehemaliger Bundestrainer Deutschlands. Seit 2024 betreut er die kroatische Nationalmannschaft.
Was ist die EHF?
Die Europäische Handballföderation ist der Dachverband des europäischen Handballs und organisiert unter anderem Europa- und Vereinsmeisterschaften.
Historischer Hintergrund:
Kritik an Spielplänen und Belastungssteuerung begleitet große Handballturniere seit Jahren. Mit zunehmender Anzahl an Spielen, Reisen und Vermarktung wächst der Druck auf Spieler und Trainer, während organisatorische Reformen nur schleppend umgesetzt werden.
Prognose:
Die deutlichen Worte Sigurdssons könnten eine neue Debatte über Turnierformate und Spielpläne auslösen. Bleiben strukturelle Änderungen aus, ist mit weiterer öffentlicher Kritik und wachsendem Unmut der Teams zu rechnen. Langfristig droht ein Akzeptanzverlust bei Spielern und Zuschauern.
Gewinnspiel:
Wie viele Kilometer mussten Kroatien und Island von Malmö nach Herning reisen?
A) 180 Kilometer
B) 240 Kilometer
C) 340 Kilometer
D) 420 Kilometer
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
OZD-Extra
Bus statt Regeneration
Die Anreise nach Herning erfolgte für die betroffenen Teams unmittelbar nach der Hauptrunde und ersetzte einen dringend benötigten Regenerationstag.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild SID