Der britische Premierminister Keir Starmer hat einen Rücktritt trotz massiver Kritik im Zusammenhang mit neuen Enthüllungen im Fall des US-Sexualstraftäters Jeffrey Epstein ausgeschlossen. "Ich beabsichtige, diese wichtige Arbeit für unser Land weiterzuführen", sagte Starmer am Donnerstag bei einer Rede im südenglischen Hastings. Zugleich entschuldigte sich der Regierungschef öffentlich bei den Opfern Epsteins für die Ernennung des Labour-Politikers Peter Mandelson zum britischen Botschafter in den USA.
"Es tut mir leid, was Ihnen angetan wurde, es tut mir leid, dass so viele Menschen mit Macht Sie im Stich gelassen haben", sagte Starmer. Er fügte hinzu: "Es tut mir leid, dass ich Mandelsons Lügen geglaubt und ihn ernannt habe." Die Opfer hätten ein Trauma erlebt, "das die meisten von uns kaum nachvollziehen können".
Mandelson war wegen seiner engen Beziehungen zu Epstein in den Fokus geraten. Starmer hatte ihn Anfang vergangenen Jahres zum britischen Botschafter in Washington ernannt, ihn jedoch im September nach ersten neuen Epstein-Enthüllungen wieder abberufen. In diesem Zusammenhang waren mehrere E-Mails Mandelsons an Epstein öffentlich geworden.
In der vergangenen Woche hatte das US-Justizministerium weitere Dokumente zu Epstein veröffentlicht, der über Jahre hinweg Minderjährige und junge Frauen missbraucht hatte und in höchste politische und wirtschaftliche Kreise vernetzt war. Aus den Unterlagen geht hervor, dass Mandelson Anfang der 2000er-Jahre mehrfach Geld von Epstein erhalten haben soll. Weitere Dokumente deuten auf Überweisungen an Mandelsons Lebenspartner Reinaldo Avila da Silva hin. Mandelson war über Jahre Minister in Labour-Regierungen sowie EU-Handelskommissar.
Starmer räumte am Mittwoch ein, gewusst zu haben, dass Mandelson auch nach Epsteins erster Verurteilung im Jahr 2008 weiterhin Kontakt zu ihm hatte. Über das tatsächliche Ausmaß der Beziehungen sei er jedoch nicht informiert gewesen. Mandelson habe mehrfach gelogen, um seine Position in Washington zu sichern, sagte der Premier weiter.
Innerhalb der Labour-Partei lösten Starmers Aussagen scharfe Reaktionen aus. Bei einer Parlamentssitzung stimmten Abgeordnete am Mittwoch dafür, sämtliche Dokumente zur Ernennung Mandelsons einem überparteilichen Untersuchungsgremium vorzulegen. Die Stimmung im Regierungslager sei extrem angespannt. "So wütend habe ich das Parlament in 16 Jahren noch nicht erlebt", sagte der Labour-Abgeordnete Karl Turner am Donnerstag dem Sender Times Radio. "Wir können nicht so tun, als wäre das keine Krise."
Auch aus der Opposition kam heftige Kritik. Dort wurde Starmer aufgefordert, seinen Stabschef Morgan McSweeney zu entlassen. McSweeney gilt als enger Vertrauter Mandelsons und soll sich stark für dessen Entsendung nach Washington eingesetzt haben. Starmer stellte sich jedoch demonstrativ hinter seinen Stabschef.
Nach den jüngsten Enthüllungen ordnete der Premierminister eine Untersuchung an. Mandelson gab inzwischen seinen Sitz im britischen Oberhaus auf und trat aus der Labour-Partei aus. Zudem wird gegen den 72-Jährigen wegen möglicher Amtsvergehen ermittelt.
Die Affäre trifft eine ohnehin geschwächte Regierung. Die Labour-Partei leidet unter schlechten Umfragewerten, bei den anstehenden Kommunalwahlen im Mai werden deutliche Verluste erwartet. Seit dem Amtsantritt Starmers im Juli 2024 wurde seine Regierung von mehreren Skandalen erschüttert. In der Bevölkerung gilt der Premier als unpopulär, parteiintern wird ihm zunehmend mangelnde Führungsstärke vorgeworfen.
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OZD-Kommentar – Entschuldigung reicht nicht:
Keir Starmer versucht, die Krise mit Worten zu überstehen. Doch die Epstein-Enthüllungen sind kein Randthema, sondern berühren das Fundament politischer Glaubwürdigkeit. Wer zentrale Posten an Personen vergibt, die offenkundig belastet sind, trägt Verantwortung – auch dann, wenn er angeblich nicht alles wusste. Der Verweis auf Täuschung wirkt defensiv und schwächt die Autorität des Premiers weiter. Bleibt Starmer im Amt, ohne die strukturellen Fehler offen aufzuarbeiten, droht aus dieser Affäre ein dauerhafter Vertrauensschaden für Labour und die britische Politik insgesamt zu werden.
Mini-Infobox:
– Starmer lehnt Rücktritt ab
– Entschuldigung bei Epstein-Opfern
– Mandelson verliert Parteimitgliedschaft und Oberhaussitz
– Untersuchung angeordnet
– Wachsende Kritik innerhalb von Labour
OZD-Analyse
Die Epstein-Affäre entfaltet politische Sprengkraft auf mehreren Ebenen.
Politische Verantwortung
a) Ernennung eines belasteten Politikers
b) Fehlende Transparenz bei Sicherheitsprüfungen
c) Vertrauensverlust in die Führung
Parteidynamik
a) Wachsende Rebellion im Regierungslager
b) Forderungen nach interner Aufklärung
c) Angst vor Wahlniederlagen
Öffentliche Wirkung
– Verknüpfung von Macht, Netzwerken und Missbrauch
– Verstärkte Skepsis gegenüber politischen Eliten
– Gefahr einer langfristigen Glaubwürdigkeitskrise
Wer ist Keir Starmer?
Keir Starmer ist seit Juli 2024 Premierminister des Vereinigten Königreichs und Vorsitzender der Labour-Partei. Zuvor war er Chefankläger Englands und Oppositionsführer.
Wer ist Peter Mandelson?
Peter Mandelson ist ein langjähriger Labour-Politiker, ehemaliger Minister und früherer EU-Handelskommissar. Zuletzt war er kurzzeitig britischer Botschafter in den USA.
Was ist der Epstein-Komplex?
Der Epstein-Komplex bezeichnet die strafrechtlichen Ermittlungen und Enthüllungen rund um den US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, der über Jahre ein Netzwerk aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nutzte, um Minderjährige zu missbrauchen.
Historischer Hintergrund:
Nach neuen Enthüllungen im Epstein-Komplex wächst der Druck auf
Premier Starmer. Trotz Entschuldigung bei den Opfern schließt er einen
Rücktritt aus.
Jeffrey Epstein wurde 2008 erstmals verurteilt. Trotz dieser Verurteilung pflegte er weiterhin Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten. Nach seinem Tod 2019 kamen schrittweise weitere Details über sein Netzwerk ans Licht, die bis heute politische Folgen haben.
Prognose:
Kurzfristig dürfte Starmer im Amt bleiben, doch der Druck aus Partei und Öffentlichkeit wird weiter steigen. Sollten weitere belastende Dokumente bekannt werden oder die Untersuchung neue Erkenntnisse liefern, könnte die Führung der Labour-Partei vor einer offenen Machtprobe stehen – mit ungewissem Ausgang für den Premier.
Gewinnspiel:
Warum steht Keir Starmer aktuell unter starkem Druck?
A) Wegen eines Haushaltsdefizits
B) Wegen neuer Epstein-Enthüllungen und der Ernennung Mandelsons
C) Wegen außenpolitischer Fehlentscheidungen
D) Wegen eines verlorenen Referendums
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
OZD-Extra
Peter Mandelson galt lange als einer der einflussreichsten Strippenzieher der Labour-Partei – sein Sturz markiert einen historischen Einschnitt.
Gesellschaft
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.