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Der Mercedes Krimi Teil 6 : "Schlangennest mal anders" von Cara Viola

Mercedes konnte sich die Einladung nicht erklären die eines morgens auf ihrem Schreibtisch lag. Nach einer überschwänglichen Begrüßung durch ihre Eisfee ...

... mit mehr Wangenküsschen und Umarmungen als sie zählen konnte, schlurfte sie noch ein wenig müde an die einzige Stelle in ihrer Pathologie die man als „Büro“ bezeichnen konnte und dort lag neben den neuesten Berichtsheften und Aufzeichnungen welche Leichen sie sich noch anzusehen hatte auch ein Brief. Keine Adresse, kein Absender drauf… Sehr verdächtig. Wollte jemand sie loswerden? Ist es eine Briefbombe? Ein Säureangriff oder eine Biowaffe mit Milzbrandsporen wie es schon öfter bei hochrangigen Beamten die Runde macht wenn jemand unzufrieden mit ihrem Führungsstil ist? Vielleicht hat ihre jahrelange Arbeit mit der Polizei sie aber auch nur paranoid gemacht. Sie ist schließlich nicht  hochrangig genug um so einen verseuchten Brief zu erhalten. Aber vielleicht hatte sie in ihrer Arbeit irgendwo einen Fehler gemacht und jemand war ihr negativ gesinnt? Erst als ihre Dryade müde aus ihrem Gummibaum glitt und sich geschmeidig wie eine Wildkatze auf die Kante ihres Schreibtisches setzte, begann Mercedes´ Gedankenkarussell langsam zu bremsen. „Nun mach doch schon auf, es war deine Schlange die den vorbeigebracht hat. Ach und Honig, pronto. Meine Haare sind schon völlig glanzlos. Ich schwöre, du lässt mich ganz verkommen!“ Mit einem Schmollmund zog sie ihre Haare, bestehend aus Rankpflanzen und Blättern, über ihre Schultern und sah sie mitleidig an. Mercedes musste still lächeln, sicher ihre Dryade bekommt nur den teuersten Honig aus dem Reformhaus, ihr Gummibaum sieht gesünder aus als an dem Tag an dem sie ihn erstanden hat weil Kommissar Toben meinte ihrem Arbeitsplatz könnte wenigstens irgend etwas Lebendiges gut tun und die Dryade selbst strahlt auch in einem gesundheitlich bei ihr vollkommen unbedenklichen blattgrün und ihr Haar ist voller winziger weißer Blüten vor lauter Lebensfreude, aber sicher, Mercedes lässt sie jämmerlich vergehen. 

Seufzend machte sie die Schublade ihres Schreibtisches auf und zog ein Glas Honig heraus. Gefühlt war dieses Glas kostbarer als der Rest ihrer Pathologie, weswegen sie sehr behutsam den Deckel abnahm und in eine flache Petrischale einige Teelöffel des teuren Gutes schaufelte. Dann gab sie es mit einem Lächeln an ihre Dryade weiter. „Bitte meine Teuerste, Quellwasser kriegst du auch noch und dann müsstest du doch erstmal überleben oder?“ „Na es wird wohl gerade so reichen, kannst von Glück reden das du mir sympathisch bist, sonst würde ich diese Unverfrorenheit nicht auf sich beruhen lassen.“ Also bereitete Mercedes auch noch eine Schale mit feinstem Quellwasser, extra aus dem nächstgelegenen Gebirge bestellt, zu und stellte es ihr noch mit hin. Ihrer Eisfee konnte sie leider nichts anbieten, da sie nie etwas zu sich nahm außer Kälte die sie zum Überleben braucht. Diese kam dafür herangeschwebt und legte sich wie eine kühle Decke über Mercedes´ Rücken zum ankuscheln, während die Pathologin ihren regenbogenfarbenen Schal ein wenig enger um ihren Hals schlang und sich dann endgültig um ihren Brief kümmerte. Von Hunter kam er also, dann konnte es ja nichts Schlimmes sein, sie wusste ja das der Schlangenmann ihr nie etwas tun würde. Sie konnte sich nur nicht erklären wie er jedes Mal einen Weg in ihre Pathologie fand, schon vorher als er den Geschenkkorb als Dankeschön dagelassen hatte. Sehr mysteriös, genau wie die Frage warum die Paranorms seit Neustem ständig etwas von ihr wollen oder warum zum Geier sie jene Wesen überhaupt angefangen hat zu sehen. Fragen über Fragen… Naja, zurück zum Brief. Es war tatsächlich eine Einladung. Hunter wollte sie zu sich nach Hause einladen, auf Wunsch seiner Mutter. Mercedes wusste nicht so recht was sie davon halten sollte. Könnte es eine Falle sein? Nein das ist Blödsinn, Hunter ist ein guter Freund und würde ihr nichts Böses wollen. Aber in ein Haus der Schlangenwesen? Was sie da wohl erwartet?

Tatsächlich erwartet sie etwas gänzlich anderes als das was ihr Kopf ihr vorgegaukelt hat. Es ist ein nettes, mittelmäßig großes Familienhaus mit kleinem Garten und einer Menge Kinderspielzeug das draußen wild verstreut herum liegt. Mercedes prüft noch einmal die Daten auf ihrem Handy, die ihr Hunter geschickt hatte nachdem sie ihn angefunkt hat. Doch, Adresse stimmt. Sie weiß nicht so ganz was sie erwartet hat von dem „Bau“ der Schlangenwesen… Vielleicht ein dunkles Schloss? Eine Hobbithöhle im Boden? Wo wohnen schon Schlangen? Auf jeden Fall dachte sie nicht an ein normales, gepflegtes Familienhaus mitten in der Stadt. Ein wenig schämt sie sich schon für ihre Gedanken, kommen sie ihr doch beim 2ten Nachdenken recht rassistisch vor. Sie öffnet mit einem leichten Quietschen das Gartentörchen und schließt es auch sorgsam wieder hinter sich. Mercedes hat keine Ahnung weswegen sie geladen worden ist aber sie will sich sicher keine Fehler erlauben. Duftende Lavendelbüsche sind als Minihecke am Zaun Richtung Straße gepflanzt und duften durch den ganzen Garten. Viele Insekten summen fröhlich von einer winzigen Blüte zur anderen. Kurz bevor sie die Haustür erreicht öffnet sich diese bereits und eine wirklich schöne, mit Schürze und einem bunten Sommerkleid voller Blüten auf gelben Hintergrund darunter, bekleidete Dame öffnet die Tür. Sie hat schöne weibliche Rundungen, ist nicht zu schlank und nicht zu dick und ihre Beine ziehen sich unglaublich lang dahin. Sicher könnte sie dem ein oder anderen Model Konkurrenz machen. Ihr Gesicht ist warm und zärtlich, zwar sind ihre Gesichtszüge scharf geschnitten aber durch das liebevolle Lächeln wird das sofort abgemildert. Von weitem kann Mercedes auch schon ihre Fangzähne funkeln sehen. Hinter ihr ertönen polternde Schritte und dann schießt mit der Geschwindigkeit einer Gewehrkugel ein halb so hohes Wesen wie die Frau auf Mercedes zu und schlingt die Ärmchen um sie. Zurückhaltung gleich null. Große dunkle Kulleraugen sehen zu der Pathologin auf, ein Zöpfchen das aufrecht steht wie eine Palme auf dem Kopf wackelt bei jeder Bewegung. Wie ein Wasserfall beginnt das kleine Schlangenwesen:“ Hey ich bin Hernia! Ich bin eine Kobra, ich habe eine Mama und einen Papa, ich habe viele Geschwister und du bist die Patl… Parll… Paffll… Die Merci die meinem Bruder geholfen hat, du bist toll, ich mag dich, du isst heute mit uns, ich zeig dir Wuschel, wir….“ Eine sanfte Hand kommt von hinten und hält den Wasserfall kurzzeitig an. „Tut mir Leid Mercedes, sie ist ein Wildfang. Mein Name ist Lyra und ich war es die dich eingeladen hat. Bitte komm doch erstmal rein.“ 

Die Schlangendame macht eine weit ausholende Handbewegung Richtung Tür und Mercedes nickt und folgt ihr. Kaum durch die Schwelle getreten grinst sie ein ihr äußerst bekanntes Gesicht an, auch hier glitzern die Fangzähne im Licht. Freudig hält Hunter die Arme weit offen und Mercedes akzeptiert die Umarmung sofort und ohne zu Zögern. „Sorry wegen Hernia, sie ist ein wenig wild. Aber willkommen im Schlangennest Süße! Ich freu mich das du gekommen bist. Mama wollte sich unbedingt bei dir bedanken für deine Hilfe wegen Annes Fall.“ Mit Flüsterton an Mercedes´ Ohr fügt er noch hinzu: “Und sicher wollte sie mal sehen mit wem ich so abhänge. Sie ist ein wenig empfindlich seit ich zur Polizei musste, sie hat Angst das ich wegkomme oder Paranorms um ihr geheimes Leben bangen und andere Paranorms loswerden wollen die zu öffentlich leben. Mamas halt…“ Er verdreht die Augen theatralisch und Mercedes nickt. „Meinst du denn das ist möglich? Das du zur Zielscheibe wirst? Ich will dich ungern verlieren du Spinner…“ Hunters Grinsen wird noch breiter. „Naja, ich hab es ja dir zu verdanken das es nicht ZU öffentlich geworden ist. Also denke ich mal das ich nochmal davonkomme. Kann dich ja schlecht alleine lassen Süße.“ Die Pathologin muss lächeln und stupst Hunter leicht in die Seite. Wohlige Wärme füllt ihr Inneres, ist es doch so unsagbar wohltuend mal jemanden an seiner Seite zu wissen der hinter einem steht. Dann hört sie Lyras Stimme aus einem der Räume rufen: „Nun hört auf im Flur rumzuflüstern und kommt erstmal rein. Hunter du hast gar keine Manieren! Essen ist gleich fertig.“ Mercedes muss leise prusten und wackelt gespielt verärgert mit dem erhobenen Zeigefinger vor Hunters Nase rum. Betont tief seufzt dieser, nimmt Mercedes die Jacke ab und macht einen extrem tiefen Knicks in Richtung des Raumes den die Pathologin für das Wohn- und Esszimmer hält. Dort angekommen staunt sie nicht schlecht wie drei weitere kleine Schlangenwesen in ungefähr dem selben Alter auf einer kunterbunten Kinderdecke am Boden sitzen und miteinander Bauklötze stapeln. Kurz schauen sie von ihrer Baukunst auf als Mercedes eintritt, doch dann sind sie wieder konzentriert an der Städteplanung. Wie Hunter hinter ihrem Rücken erscheint schaut sie ihn über die Schulter hinweg an. „Du hast aber eine Menge Geschwister.“ Liebevoll lächelt ihr großer Bruder die Minikobras in menschenähnlicher Gestalt am Boden an. „Jupp, Mama und Papa haben sich verdammt lieb. Wir haben auch noch einen älteren Bruder, aber der ist im Ausland. Also sind wir im Normalfall zu sechst. Das sind die Drillinge Halftan, Henryk und Hazel. Und Hernia kennst du ja bereits. Meine Eltern haben ein Ding für Namen mit H. Fällt sicher auf.“ Sein Grinsen wird wieder breiter, die Fangzähne sind deutlich zu sehen und Mercedes muss einfach mitlächeln, es geht gar nicht anders. Lyra kommt aus einem anderen Zimmer, wo Mercedes die Küche vermutet und stellt einen Stapel Teller auf den Tisch, liebevoll lächelt sie ihre Kinder am Boden an und schaut dann zu Hunter. „Verteilst du eben Großer? Und Mercedes meine Liebe, setz dich doch schonmal, such dir einfach einen Platz aus. Mein Mann ist leider heute noch spät arbeiten aber ich bin gleich bei euch und dann Essen wir schön zusammen, ja?“ Sie schenkt Mercedes ein so warmes, mütterliches Lächeln das es dieser in der Herzrichtung zieht. Dieses Haus ist angenehm, die Leute sind lieb und außer den Fangzähnen und einem Schwänzchen das bei einem der Drillinge kurz erscheint und dann wieder verschwindet als dieser Aufhickst erinnert nichts an die sprichwörtliche Schlangengrube oder das Schlangennest. Kaum sitzt Mercedes auf einem der Stühle an dem großen Esstisch nähern sich wieder kleine polternde Schritte, die eine Treppe hinunter zu kommen scheinen. 


In einem Highspeed das ein Formel Eins Wagen blass aussehen lassen würde kommt Hernia mit fliegender Haarpalme zielsicher auf sie zugeschossen, ein Buch unter dem einen Arm und ein Plüschtier in Form einer ziemlich zerschmusten grünen Schlange unter dem anderen. Mit Effet schmeißt sie sich an Mercedes und diese denkt einen kurzen, ganz kurzen Moment darüber nach ob wohl an der Stelle Organe liegen die anfällig für eine Ruptur sein könnten. Große Murmelaugen starren ihr in die Seele als Hernia den Kopf hebt. „Liest du mir vooohooorr?????“ Eigentlich ist sie ja zum Essen eingeladen worden, aber wie könnte sie das schon abschlagen. Mercedes schaut zu Hunter hinüber der fleißig Geschirr auf dem Tisch verteilt und auch einiges aus der Küche heranträgt. „Darf ich sie anheben?“ Hunters Augen werden groß und etwas übereifrig nickt er. „Sicher, sicher… Aber wenn sie dir zu viel wird kannst du das auch sagen. Sie ist gerne ein wenig anhänglich.“ „Nein, ist schon gut. Ich wollte sie nur nicht unerlaubt anfassen.“ Also zieht sich die Pathologin die kleine Kobra auf den Schoss und beginnt aus dem Buch zu lesen das diese mitgebracht hat. Sie sucht einen recht kurzen Abschnitt, sollte es ja gleich Essen geben. Vertrauensvoll schmust sich Hernia an sie heran und kuschelt an ihrem Plüschtier. Als dann Lyra mit dem Essen aus der Küche kommt schaut sie mit runden Augen erst Mercedes und dann ihren Sohn an. „Ist das in Ordnung? Liebes du kannst auch nein sagen.“ Mercedes lächelt Lyra an. „Das ist okay, ihr wart ja noch beschäftigt. Hunter hat auch gerade schon gefragt. Alles in Ordnung. Ich wollte es gerne, es erinnert mich daran das mir nie jemand vorgelesen hat. Ich bin von meinen Eltern im Heim abgegeben worden weil ich nicht richtig für sie war, dort hatten die Betreuer kaum Zeit. Es gab zu viel zu tun. Ich merke gerade wie schön es ist jemanden etwas vorzulesen, das tut gut.“ Lyras Stirn legt sich in Runzeln und ihr Blick hat etwas von Trauer. „Dann fühl dich bitte wohl bei uns Liebes. Ich wollte den Tag heute eigentlich nutzen um mich einmal richtig bei dir bedanken zu können. Du hast uns so sehr geholfen als du Hunter entlastet hast. Da bin ich dir so unendlich dankbar für, mein Sohn ist nicht schlecht und er würde niemanden weh tun, er konnte es einfach nicht gewesen sein. Anne hat sich auch immer sehr wohl bei uns gefühlt, auch als Hunter ihr sagte was wir in Wahrheit sind. Es hat uns schwer getroffen, aber du hast gesehen was die anderen nicht sehen wollten und dafür bin ich dir ewig dankbar. Wann immer du dich einsam fühlst oder eine Zuflucht brauchst wird das Schlangennest für dich offen stehen, das verspreche ich dir.“ Verzweifelt wischt Mercedes mit ihren Ärmeln an ihren feuchten Augen entlang, doch es bringt nichts, Tränen kullern ihr über das Gesicht angesichts so liebvoller Worte. „Ich habe nur meine Arbeit gemacht, es war klar das Hunter nicht der Täter war.“ 

Entschieden schüttelt Lyra den Kopf. „Nein, du hast ihm Vertrauen geschenkt und das ist so viel wichtiger. Du hast meinen Jungen beschützt. Und jetzt esst los, sonst wird alles kalt.“ Hunter kommt mit einer Serviette und tupft Mercedes vorsichtig über das Gesicht, hält ihr grinsend das Tuch an die Nase das sie mit einem kurzen Lachen wegschiebt. Sicher schnaubt sie jetzt nicht in seine Hand, Spinner! Lyra fordert indes Hernia auf sich auf einen eigenen Stuhl zu setzen, doch diese denkt gar nicht daran. Tief seufzend legt sich die Schlangenmutter die Hand gegen die Stirn und murmelt nur ein „Dieses Kind…“ und schaut Mercedes fragend an. Diese zuckt mit den Schultern. „Meinetwegen kann sie sitzen bleiben, aber ich will mich da nicht einmischen.“ Also bekommt die Pathologin einen kleinen Extrateller für Hernia hingestellt und diese fängt fast sofort an das Essen in sich hinein zu schaufeln. Irgendwoher muss sie ja ihre Energie beziehen denkt Mercedes schmunzelnd bei sich. Leichte Brühe als Vorsuppe mit einem Stückchen Brot, danach ein Gulasch mit selbstgemachten Nudeln und zum Schluss noch ein Vanillleeis mit Sahne und Kirschen… Die Pathologin denkt ernsthaft darüber nach wie viel Volumen so ein Magen noch mal genau hatte? Irgendwo stand das in ihren Aufzeichnungen…. Aber es ist auch so köstlich das sie sich nicht zügeln kann. Bei netten Gesprächen, lieben Leuten und einem guten Essen verweilt man nun einmal gerne ein wenig länger. Nachdem sie dann abends leicht beschwipst durch den zu späterer Stunde dargereichten Likör nach Hause geht kann sie nur immer wieder darüber schmunzeln wie seltsam das Wort Schlangennest auf einmal auf sie wirkt.    


Text Cara Viola, Bild OZD