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Alarmierende Entwicklung: Sexuelle Gewalt gegen Kinder verlagert sich immer stärker ins Internet

Das neue Bundeslagebild zeichnet ein erschütterndes Bild: Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche nimmt zu – besonders im Internet und durch den Missbrauch von KI.

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17.126 registrierte Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern im Jahr 2025.

Plus 19,9 Prozent bei jugendpornografischen Inhalten.

KI erleichtert die Erstellung manipulierter Missbrauchsdarstellungen.

Cybergrooming und Livestreaming nehmen weiter zu.

Ermittler fordern mehr internationale Zusammenarbeit.

Die sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Deutschland hat im Jahr 2025 erneut zugenommen. Besonders besorgniserregend ist dabei die Entwicklung im digitalen Raum. Das am Dienstag vorgestellte "Bundeslagebild Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen" macht deutlich, dass Täter das Internet und moderne Technologien zunehmend für ihre Straftaten nutzen. Vor allem die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz eröffnet Kriminellen neue Möglichkeiten, Missbrauchsdarstellungen zu erstellen und Minderjährige gezielt auszubeuten. Behörden, Kinderschutzorganisationen und Politiker sprechen deshalb von einer der größten Herausforderungen im Kampf gegen sexualisierte Gewalt.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach bei der Vorstellung des Lagebildes von einer besorgniserregenden Entwicklung. Bei den Zahlen zu Sexualdelikten an Kindern und Jugendlichen gebe es "in Teilen einen dramatischen Anstieg". Die Statistik zeige, dass sich die Kriminalität zunehmend in digitale Räume verlagere und klassische Ermittlungsansätze immer häufiger an ihre Grenzen stießen.

Besonders deutlich fällt der Anstieg bei jugendpornografischen Inhalten aus. Im Vergleich zum Vorjahr registrierten die Ermittlungsbehörden einen Zuwachs von 19,9 Prozent. Während im Jahr 2021 noch rund 5.000 entsprechende Straftaten erfasst wurden, waren es 2025 bereits mehr als 11.500 Fälle. Damit hat sich die Zahl innerhalb von nur vier Jahren mehr als verdoppelt.

Auch insgesamt stieg die Zahl der registrierten Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern weiter an. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes wurden 2025 bundesweit 17.126 Fälle registriert. Das entspricht einem Anstieg von 4,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei Jugendlichen wurden 1.239 Missbrauchsfälle erfasst – ein Plus von 4,0 Prozent. Damit liegen die Fallzahlen erneut über dem Niveau der Jahre zuvor, nachdem es 2024 noch einen leichten Rückgang gegeben hatte. Die Mehrheit der Opfer war weiblich.

BKA-Präsident Holger Münch sieht vor allem die zunehmende Digitalisierung als entscheidenden Faktor. "Die Strafhandlungen würden sich zunehmend in den digitalen Raum verlagern", erklärte er. Dabei spiele insbesondere sogenanntes Cybergrooming eine immer größere Rolle. Täter suchen gezielt über soziale Netzwerke, Messenger-Dienste oder Online-Spiele Kontakt zu Kindern und Jugendlichen, um sie sexuell zu manipulieren oder auszunutzen.

Hinzu kommen neue Formen organisierter Kriminalität. Beim sogenannten Livestreaming verfolgen Täter Missbrauchshandlungen live über das Internet oder bezahlen dafür, dass Kinder vor laufender Kamera missbraucht werden. Als internationalen Brennpunkt dieses Verbrechens nannte Münch insbesondere die Philippinen, wo kriminelle Netzwerke nach Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden seit Jahren aktiv sind.

Zunehmend bereitet den Ermittlern auch der Einsatz künstlicher Intelligenz Sorgen. Moderne KI-Programme ermöglichen es inzwischen, aus harmlosen Fotos oder Videos täuschend echte Missbrauchsdarstellungen zu erzeugen. "Auch ohne großes Wissen aus harmlosen Aufnahmen Kinder- und Jugendpornografische Inhalte erstellt" werden könnten, warnte Münch. Die technische Entwicklung verlaufe deutlich schneller als viele gesetzliche Regelungen.

Bundesinnenminister Dobrindt kündigte deshalb weitere Maßnahmen an. "Da wird deutlich, dass wir es hier mit einem anwachsenden, steigenden Phänomen zu tun haben, dem wir auch in aller Deutlichkeit entgegentreten müssen", sagte er. Nach seiner Auffassung sollen moderne Ermittlungsinstrumente künftig stärker genutzt werden. Dazu zählt insbesondere die geplante Speicherung von IP-Adressen, die den Strafverfolgungsbehörden helfen soll, Täter im Internet schneller zu identifizieren. Eine entsprechende Gesetzesänderung befindet sich bereits im parlamentarischen Verfahren und soll nach den Plänen der Bundesregierung noch im Herbst vom Bundestag beschlossen werden.

Darüber hinaus fordert Dobrindt eine engere internationale Zusammenarbeit. Sexualisierte Gewalt im Internet mache nicht an Landesgrenzen halt. Deshalb sprach sich der Bundesinnenminister für die Einrichtung eines europäischen Missbrauchsbeauftragten aus, der die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten koordinieren könnte.

Auch die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Kerstin Claus, bewertet die Lage als äußerst kritisch. "Digitale sexualisierte Gewalt ist Alltag für Jugendliche - Mädchen wie Jungs", erklärte sie. Nach ihrer Einschätzung bildet das Bundeslagebild das tatsächliche Ausmaß der Gewalt jedoch nur unzureichend ab.

Das Lagebild zeige nicht, "wie sehr Jugendliche Zielscheibe von Tätern insbesondere im Netz sind". Viele Straftaten würden statistisch gar nicht erfasst, weil sie entweder nicht unter das Sexualstrafrecht fielen oder nach aktueller Rechtslage nicht strafbar seien. So ist Cyber-Grooming bislang nur strafbar, wenn sich die Täter gezielt an Kinder wenden. Jugendliche genießen diesen umfassenden strafrechtlichen Schutz bislang nicht.

Nach Angaben der Ermittler handelte es sich bei den Tatverdächtigen überwiegend um allein handelnde Männer. In mehr als der Hälfte aller Fälle bestand bereits vor der Tat eine persönliche Beziehung zwischen Täter und Opfer – etwa innerhalb der Familie, im Bekanntenkreis oder im sozialen Umfeld.

Einen Rückgang verzeichnet das Bundeslagebild lediglich bei Fällen mit kinderpornografischen Inhalten. Dort waren die meisten Tatverdächtigen minderjährig, was Ermittler vor neue Herausforderungen im Bereich Prävention und Medienkompetenz stellt.

Die Gewerkschaft der Polizei sieht deshalb erheblichen Handlungsbedarf. Der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Alexander Poitz fordert eine umfassende Modernisierung von Polizei und Justiz. Angesichts hochprofessioneller Tätergruppen seien zusätzliche IT-Spezialisten, Datenanalysten und digitale Forensiker unverzichtbar, um mit der technischen Entwicklung Schritt halten zu können.

OZD/AFP

OZD-Kommentar – Der Schutz unserer Kinder darf nicht hinter der Technik zurückbleiben

Das Bundeslagebild zeigt in aller Deutlichkeit, dass sich sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche grundlegend verändert hat. Täter agieren längst nicht mehr nur im direkten persönlichen Umfeld, sondern zunehmend anonym über soziale Netzwerke, Messenger-Dienste, Online-Spiele und digitale Plattformen. Künstliche Intelligenz beschleunigt diese Entwicklung zusätzlich und schafft völlig neue Tatmöglichkeiten.

Der Rechtsstaat muss auf diese Realität schneller reagieren. Moderne Ermittlungsinstrumente, gut ausgestattete Spezialabteilungen und internationale Zusammenarbeit sind unverzichtbar. Gleichzeitig braucht es mehr Prävention, Medienbildung und Aufklärung an Schulen sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen Eltern, Bildungseinrichtungen und Plattformbetreibern. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen darf nicht hinter der Geschwindigkeit technischer Innovationen zurückbleiben. Wer digitale Räume sicher machen will, muss entschlossen handeln – national wie international.

Historischer Hintergrund

Mit der zunehmenden Digitalisierung hat sich auch das Tatgeschehen bei sexualisierter Gewalt verändert. Während früher persönliche Kontakte im Vordergrund standen, nutzen Täter heute weltweit soziale Netzwerke, Messenger-Dienste, Gaming-Plattformen und verschlüsselte Kommunikationswege, um Minderjährige anzusprechen oder Missbrauchsdarstellungen zu verbreiten. Internationale Ermittlungen zeigen seit Jahren, dass organisierte Tätergruppen grenzüberschreitend agieren. Gleichzeitig eröffnet der rasante Fortschritt bei künstlicher Intelligenz neue Möglichkeiten zur Erstellung manipulierter Bild- und Videoinhalte, was Ermittlungsbehörden und Gesetzgeber vor zusätzliche Herausforderungen stellt.

Zukunftsprognose

Die Bekämpfung sexualisierter Gewalt im Internet dürfte in den kommenden Jahren zu einem der wichtigsten sicherheits- und gesellschaftspolitischen Themen in Deutschland und der Europäischen Union werden. Mit dem weiteren Ausbau künstlicher Intelligenz werden Ermittlungsbehörden ihre technischen Fähigkeiten kontinuierlich erweitern müssen. Gleichzeitig ist mit schärferen gesetzlichen Regelungen, einer intensiveren internationalen Zusammenarbeit sowie strengeren Anforderungen an Plattformbetreiber zu rechnen. Entscheidend wird sein, technologische Innovationen mit wirksamem Kinder- und Jugendschutz zu verbinden.

Gewinnspiel

Frage: Welches Delikt nimmt laut Bundeslagebild besonders stark zu?

A) Wohnungseinbruch

B) Jugendpornografische Inhalte

C) Autodiebstahl

D) Geldwäsche

https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen


OZD-Analyse

Digitalisierung verändert das Tatgeschehen
– Sexualisierte Gewalt verlagert sich zunehmend auf digitale Plattformen und soziale Netzwerke.

Neue Herausforderungen durch KI
– a) Erstellung künstlich erzeugter Missbrauchsdarstellungen.
– b) Professionalisierung internationaler Tätergruppen.
– c) Höhere Anforderungen an digitale Ermittlungsarbeit.

Folgen
– Polizei, Justiz, Politik und Plattformbetreiber stehen vor der Aufgabe, Gesetze, Technik und Präventionsmaßnahmen schneller an die digitale Realität anzupassen, um Kinder und Jugendliche wirksam zu schützen.

Erklärungen

Was ist Cybergrooming?

Cybergrooming bezeichnet das gezielte Ansprechen von Kindern oder Jugendlichen über das Internet mit dem Ziel, sexuelle Kontakte anzubahnen oder Missbrauch vorzubereiten. Täter nutzen dafür häufig soziale Netzwerke, Messenger-Dienste oder Online-Spiele.

Was ist das Bundeslagebild?

Das Bundeslagebild ist ein jährlich veröffentlichtes Lagepapier des Bundeskriminalamtes. Es analysiert die Entwicklung bestimmter Kriminalitätsbereiche und dient Politik, Polizei und Öffentlichkeit als Grundlage für die Bewertung aktueller Sicherheitslagen.

OZD-Extras

Fachleute gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl betroffener Kinder und Jugendlicher deutlich höher liegt als die polizeilich registrierten Fälle. Viele Taten werden aus Angst, Scham oder mangelnder Beweislage nie angezeigt und erscheinen daher nicht in der offiziellen Kriminalstatistik.

Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.