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Nach Wahlsieg in Berlin: Linke wegen Clan-Kontakten und Antisemitismus-Vorwürfen unter Druck

Nach ihrem Wahlsieg gerät die Berliner Linke unter Druck. Kontakte ins Remmo-Umfeld und Antisemitismus-Vorwürfe belasten mögliche Koalitionsgespräche.

Fakten im Überblick

Die Linke gewann die Berliner Abgeordnetenhauswahl mit vorläufig 25,7 Prozent der Zweitstimmen und wurde stärkste Partei.

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Ferat Kocak räumte einen Chatkontakt zu einem Mitglied der Remmo-Familie ein und lässt vorerst Parlamentsfunktionen ruhen.

SPD und Grüne kommen als mögliche Partner für eine Linke-geführte Koalition infrage; zugleich belasten Debatten über Antisemitismus und organisierte Kriminalität die Gespräche.

Nur wenige Tage nach ihrem historischen Wahlerfolg steht die Berliner Linke vor einer schwierigen politischen Bewährungsprobe. Mit vorläufig 25,7 Prozent der Zweitstimmen gewann sie die Wahl zum Abgeordnetenhaus deutlich vor CDU mit 18,8 Prozent, AfD mit 16,3 Prozent, Grünen mit 14,3 Prozent und SPD mit 12,1 Prozent. Spitzenkandidatin Elif Eralp gewann zudem ihren Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg 1 mit 50,5 Prozent der Erststimmen. Während die Partei damit Anspruch auf die Führung einer neuen Landesregierung erhebt, überschatten Kontakte aus ihrem Umfeld zur Remmo-Familie sowie erneut erhobene Antisemitismusvorwürfe die beginnenden Gespräche über eine Regierungsbildung.

Auslöser der aktuellen Clan-Debatte war das Auftauchen eines führenden Mitglieds der Remmo-Familie auf einer Wahlparty der Linken in Berlin-Neukölln. Die Partei erklärte anschließend, der Mann sei nicht eingeladen gewesen und habe nicht auf der Anmeldeliste gestanden. Es gebe „weder politische noch persönliche Beziehungen“ zu ihm. Eralp erklärte im ZDF: „Er war nicht eingeladen und wurde wieder rausgeschickt.“ Weiter sagte sie: „Mit organisierter Kriminalität haben wir nichts zu tun, die bekämpfen wir.“ Nach Angaben der Neuköllner Linken handelte es sich allerdings um eine öffentliche Veranstaltung, zu der grundsätzlich auch nicht angemeldete Personen Zugang hatten.

Zusätzlichen Druck erzeugten bekannt gewordene Chatnachrichten des Linken-Bundestagsabgeordneten Ferat Kocak mit einem weiteren Mitglied der Remmo-Familie. Kocak schrieb darin unter anderem „Grüße mit Respekt zurück an deinen Vater“ und bat darum, eine seiner Reden weiterzuverbreiten. Kocak erklärte anschließend, er kommuniziere jede Woche mit Hunderten Menschen aus Neukölln. Zunächst habe er nicht gewusst, mit wem er es zu tun gehabt habe. „Kontakte von Mandatsträgern zu Personen, die der organisierten Kriminalität zugerechnet werden, sind durch nichts zu rechtfertigen“, erklärte er später. Er bezeichnete sein weiteres Kommunikationsverhalten als Fehler und kündigte „volle Transparenz“ an.

Die Linken-Bundestagsfraktion zog zunächst organisatorische Konsequenzen. Ko-Fraktionschef Sören Pellmann erklärte, Kocak werde sich zurückziehen, „bis volle Transparenz hergestellt ist“. Bis auf Weiteres werde er auch nicht an Sitzungen des Innenausschusses des Bundestages teilnehmen. Kocak selbst kündigte an, sein Kommunikationsverhalten aufzuarbeiten. Eine abschließende Entscheidung über weitere Konsequenzen hat die Fraktion bislang nicht bekanntgegeben.

Die Remmo-Familie steht seit Jahren im Fokus deutscher Ermittlungsbehörden. Einzelne Familienmitglieder wurden wegen schwerer Straftaten verurteilt. Dazu gehören Fälle im Zusammenhang mit dem Diebstahl der rund 100 Kilogramm schweren Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Berliner Bode-Museum 2017 und dem Einbruch in das Grüne Gewölbe in Dresden 2019. Die strafrechtliche Verantwortung einzelner Personen darf dabei nicht pauschal auf sämtliche Angehörige einer Großfamilie übertragen werden.

Parallel verschärft sich die Debatte über Antisemitismusvorwürfe gegen Teile der Berliner Linken. Diese Vorwürfe könnten nach Einschätzung von Reuters zu einem zentralen Konfliktpunkt bei Gesprächen mit SPD und Grünen werden. Grünen-Chef Felix Banaszak hatte bereits nach der Wahl deutlich gemacht, dass entsprechende Fragen vor einer Zusammenarbeit geklärt werden müssten. Eralp wiederum erklärte, Sicherheit müsse für alle Bevölkerungsgruppen in Berlin gewährleistet sein, und distanzierte sich von der Verherrlichung von Gewalt. Die Vorwürfe gegen Teile der Partei sind politisch umstritten; eine aktuelle Berliner Antisemitismusforscherin bezeichnete die Debatte nach Angaben der Tagesschau zugleich als überzogen.

Aus Union und CSU kommen besonders scharfe Angriffe. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann warf SPD und Grünen vor, mögliche „Steigbügelhalter“ für einen „linksradikalen antisemitischen Rand“ zu sein. CSU-Chef Markus Söder stellte ebenfalls die Regierungsfähigkeit der Linken infrage. Diese Bezeichnungen sind politische Wertungen der Unionspolitiker und keine neutrale Einstufung der gesamten Partei. Für SPD und Grüne stellt sich nun die Frage, welche konkreten Bedingungen sie für Koalitionsgespräche formulieren. Rechnerisch bestehen nach dem Wahlergebnis mehrere Mehrheitsoptionen ohne AfD.

OZD/AFP

OZD-Kommentar – Zwischen Wahlsieg, Aufklärung und Koalitionsfähigkeit

Die Berliner Linke hat bei der Wahl einen klaren politischen Erfolg erzielt. Mit 25,7 Prozent wurde sie stärkste Kraft, während CDU, SPD und Grüne teilweise deutliche Verluste hinnehmen mussten. Dieses Wahlergebnis und die aktuellen Vorwürfe sind zwei unterschiedliche Sachverhalte: Der Wahlsieg gibt der Partei politisches Gewicht, beantwortet aber nicht die Fragen, die nun zu einzelnen Kontakten und zum Umgang mit Antisemitismusvorwürfen gestellt werden.

Beim Fall Kocak ist eine präzise Betrachtung besonders wichtig. Ein dokumentierter Chatkontakt ist belegt, Kocak hat ihn eingeräumt und als Fehler bezeichnet. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine organisatorische oder kriminelle Verbindung zwischen der Linkspartei und der Remmo-Familie. Auch das Auftauchen eines Remmo-Familienmitglieds bei einer öffentlichen Wahlparty beweist eine solche Verbindung nicht; die Neuköllner Linke bestreitet politische und persönliche Beziehungen ausdrücklich.

Ähnlich differenziert muss die Antisemitismusdebatte geführt werden. Es gibt konkrete Vorwürfe gegen Personen und Strömungen innerhalb der Partei sowie entsprechende Kritik möglicher Koalitionspartner. Gleichzeitig wird die pauschale Übertragung solcher Vorwürfe auf die gesamte Berliner Linke von Fachleuten und Parteivertretern bestritten. Entscheidend für mögliche Koalitionsverhandlungen wird daher sein, welche konkreten Positionen, Personen und Vorfälle SPD, Grüne und Linke zum Gegenstand ihrer Gespräche machen.

Historischer Hintergrund

Berlin hat eine lange Geschichte wechselnder Regierungsbündnisse zwischen SPD, CDU, Grünen und Linken. Die Linkspartei beziehungsweise ihre Vorgängerpartei PDS war bereits mehrfach an Berliner Landesregierungen beteiligt. Von 2002 bis 2011 regierten SPD und Linkspartei gemeinsam, von 2016 bis 2023 bestand eine Koalition aus SPD, Grünen und Linken.

Seit 2023 wurde Berlin von CDU und SPD regiert. Bei der Wahl am 20. September 2026 veränderten sich die Kräfteverhältnisse deutlich: Die Linke legte gegenüber der vorherigen Wahl um 13,4 Prozentpunkte zu und erreichte 25,7 Prozent. Die CDU verlor 9,5 Punkte und kam auf 18,8 Prozent. Die SPD fiel auf 12,1 Prozent, während die Grünen 14,3 Prozent erreichten. Die AfD kam auf 16,3 Prozent.

Die Auseinandersetzung über Antisemitismus hat in Berlin wegen der großen jüdischen Gemeinschaft, der deutschen Geschichte und der zahlreichen Konflikte rund um den Nahostkrieg besondere politische Bedeutung. Seit den Terrorangriffen der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem folgenden Krieg im Gazastreifen haben Demonstrationen, Hochschulproteste und Auseinandersetzungen über Israel und Palästina die Berliner Politik intensiv beschäftigt.

Zukunftsprognose

Für die Regierungsbildung werden zunächst Gespräche zwischen den Parteien entscheidend sein. Rechnerisch sind mehrere Bündnisse denkbar. Ob daraus eine Koalition unter Führung der Linken entsteht, hängt von den Verhandlungen über Inhalte und personelle beziehungsweise politische Bedingungen ab; eine Vorhersage über deren Ausgang wäre derzeit nicht belastbar.

Die Vorgänge um Ferat Kocak dürften kurzfristig vor allem innerhalb der Bundestagsfraktion aufgearbeitet werden. Seine vorläufige Nichtteilnahme am Innenausschuss schafft Zeit für diese Prüfung, nimmt aber den politischen Druck nicht vollständig aus der Debatte.

Wirtschaftlich steht vor allem die Wohnungspolitik im Fokus. Eralp und die Berliner Linke wollen große private Wohnungskonzerne vergesellschaften. Reuters zufolge geht es um rund 220.000 Wohnungen; aus der SPD wurden mögliche Kosten von etwa 20 Milliarden Euro genannt. Die konkrete Ausgestaltung wäre für Immobilienunternehmen, Investoren und den Berliner Haushalt relevant.

Für Rohstoffe oder Währungen sind aus der Berliner Regierungsbildung keine unmittelbaren Auswirkungen zu erwarten. Bei börsennotierten Wohnungskonzernen wie Deutsche Wohnen beziehungsweise Vonovia könnte die politische Debatte über Vergesellschaftung dagegen von Investoren beobachtet werden. Daraus lässt sich jedoch keine verlässliche Kursentwicklung ableiten.

Wer ist Elif Eralp?

Elif Eralp ist Spitzenkandidatin der Berliner Linken und gewann bei der Abgeordnetenhauswahl 2026 ihr Direktmandat in Friedrichshain-Kreuzberg 1. Dort erreichte sie nach dem vorläufigen Ergebnis 50,5 Prozent der Erststimmen.

Wer ist Ferat Kocak?

Ferat Kocak ist Bundestagsabgeordneter der Linken aus Berlin-Neukölln. Er gehörte zuvor dem Berliner Abgeordnetenhaus an und gewann 2025 ein Bundestagsdirektmandat in Neukölln. Nach Bekanntwerden seiner Kommunikation mit einem Mitglied der Remmo-Familie kündigte er an, vorerst Parlamentsfunktionen ruhen zu lassen und Transparenz über seine Kontakte herzustellen.

Was ist die Remmo-Familie?

Die Remmo-Familie ist eine Berliner Großfamilie, deren Angehörige seit Jahren im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität in den Schlagzeilen stehen. Einzelne Mitglieder wurden wegen schwerer Straftaten verurteilt. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen nachgewiesenen Straftaten einzelner Personen und einer pauschalen Bewertung sämtlicher Familienangehöriger.

Was bedeutet der Antisemitismus-Vorwurf gegen die Linke?

Kritiker werfen einzelnen Mitgliedern und Strukturen der Partei vor, bei Aussagen zu Israel Grenzen zwischen legitimer Kritik an israelischer Regierungspolitik und antisemitischen Positionen zu überschreiten. Die Berliner Linke weist pauschale Antisemitismusvorwürfe zurück und betont ihren Schutz jüdischen Lebens. Auch innerhalb der wissenschaftlichen Debatte gibt es unterschiedliche Bewertungen über Reichweite und Angemessenheit der Vorwürfe.

OZD-Extra – Warum der Wahlsieg allein noch keine Regierung bedeutet

Mit 25,7 Prozent ist die Linke zwar stärkste Kraft im neuen Berliner Abgeordnetenhaus, verfügt aber nicht über eine eigene Mehrheit. Für eine Regierungsbildung benötigt sie Partner. SPD und Grüne sind deshalb für eine mögliche Linke-geführte Dreierkoalition von zentraler Bedeutung.

Damit bekommen politische Differenzen über Israel, Antisemitismus, innere Sicherheit und Wohnungspolitik besonderes Gewicht. Gerade die Forderung nach Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände könnte neben den aktuellen Kontroversen zu einem entscheidenden Sachthema der Gespräche werden.

Die kommenden Gespräche werden daher zeigen, welche Positionen tatsächlich miteinander vereinbar sind und welche Bedingungen die beteiligten Parteien formulieren. Das Wahlergebnis legt die Mehrheitsverhältnisse fest – über die konkrete Regierung entscheiden anschließend politische Verhandlungen.

Gewinnspiel

Wie hoch war der Zweitstimmenanteil der Linken bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026 nach dem vorläufigen Ergebnis?

A: 12,1 Prozent
B: 18,8 Prozent
C: 25,7 Prozent
D: 34,2 Prozent

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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.