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Chinas Exportboom alarmiert Europas Unternehmen: EU-Handelskammer nennt Kurs „nicht tragbar“

Chinas schwacher Konsum trifft auf eine gewaltige Industrieproduktion. Europas Unternehmen warnen vor einem Exportboom, der den Handelskonflikt verschärft.

Fakten im Überblick

China verzeichnete im vergangenen Jahr einen Exportüberschuss von rund 1,2 Billionen Dollar.

Nach Angaben der EU-Handelskammer entfielen 37 Prozent der weltweiten Containerexporte auf China.

Die EU-Handelskammer sieht mittelfristig „keinerlei Anzeichen“ für eine grundlegende Korrektur des Ungleichgewichts.

Chinas anhaltender Exportboom entwickelt sich aus Sicht europäischer Unternehmen zu einem immer größeren Problem für die Weltwirtschaft. „Der derzeitige Kurs ist nicht tragbar“, sagte Jens Eskelund, Präsident der Europäischen Handelskammer in China, am Dienstag in Peking. Gleichzeitig sehe er „keinerlei Anzeichen“ dafür, dass sich das massive Ungleichgewicht mittelfristig grundlegend verändern werde. Die Kammer vertritt mehr als 1600 europäische Unternehmen, die in der Volksrepublik tätig sind.

Die Dimensionen sind erheblich. Nach dem neuen Jahresbericht der EU-Handelskammer entfielen im vergangenen Jahr rund 37 Prozent der weltweiten Containerexporte auf China. Gleichzeitig verzeichnete die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt einen Exportüberschuss von etwa 1,2 Billionen Dollar. Auch Europas Handelsbilanz mit China bleibt stark unausgeglichen: Nach chinesischen Angaben erreichte das EU-Handelsdefizit gegenüber der Volksrepublik bis Ende August rund 242 Milliarden Euro.

Hinter dieser Entwicklung steht nach Einschätzung der Handelskammer nicht allein die starke internationale Nachfrage nach chinesischen Waren. Entscheidend sei „weitgehend“ das Missverhältnis zwischen dem rasanten Ausbau industrieller Produktionskapazitäten und einem deutlich schwächeren Wachstum des chinesischen Binnenkonsums. Seit dem Ende der Corona-Pandemie hat sich die Konsumnachfrage in China weniger dynamisch entwickelt, während die industrielle Produktion weiter ausgebaut wurde. Können Unternehmen ihre Produkte nicht ausreichend im eigenen Land verkaufen, steigt der Druck, zusätzliche Mengen auf internationalen Märkten abzusetzen.

Für europäische Unternehmen entsteht dadurch ein doppeltes Problem. Sie konkurrieren auf dem chinesischen Markt mit leistungsfähigen heimischen Herstellern und treffen gleichzeitig in Europa und auf Drittmärkten auf wachsende chinesische Exporte. Besonders intensiv wird über Branchen diskutiert, in denen China in kurzer Zeit große Produktionskapazitäten aufgebaut hat – darunter Elektroautos, Batterien, Solartechnik, Stahl, Maschinenbau und weitere industrielle Güter.

In Brüssel wächst deshalb die Sorge über die Folgen für europäische Hersteller. Die Europäische Kommission kritisiert unter anderem staatliche Subventionen und andere Wettbewerbsbedingungen in China, die sie als verzerrend betrachtet. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte zuletzt an, „alle verfügbaren Instrumente“ nutzen zu wollen, um gegen problematische Handelspraktiken und strukturelle Ungleichgewichte vorzugehen. Für die EU stellt sich dabei die schwierige Frage, wie sie europäische Unternehmen vor unfairen Wettbewerbsbedingungen schützen kann, ohne einen umfassenden Handelskonflikt mit einem ihrer wichtigsten Wirtschaftspartner auszulösen.

Die Kritik europäischer Unternehmen richtet sich allerdings nicht nur gegen Exportmengen und Industriepolitik. Die EU-Handelskammer berichtet erneut von bürokratischen Hindernissen für ausländische Firmen in China. Nach Einschätzung der Kammer könnten zahlreiche dieser Probleme von der Regierung in Peking vergleichsweise unkompliziert beseitigt werden. Europäische Unternehmen fordern seit Jahren bessere Marktzugänge, transparentere Regeln und gleiche Wettbewerbsbedingungen gegenüber chinesischen Konkurrenten.

Die Spannungen sind inzwischen auch ein zentrales Thema der deutsch-chinesischen Diplomatie. Bundesaußenminister Johann Wadephul telefonierte am Montag mit Chinas Außenminister Wang Yi. „Handelsbeziehungen müssen auf fairen Regeln und wirklich gleichen Wettbewerbsbedingungen beruhen“, erklärte das Auswärtige Amt anschließend. Wang warnte seinerseits nach Angaben der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua davor, dass Deutschland sich „für einen Handelskrieg herzugeben“. Er äußerte die Hoffnung, Berlin werde innerhalb der EU für freien Handel und gegen Protektionismus eintreten.

Damit treffen zwei unterschiedliche Sichtweisen aufeinander. Die europäische Seite fordert faire Wettbewerbsbedingungen und verweist auf strukturelle Verzerrungen, während Peking europäische Schutzmaßnahmen zunehmend als Protektionismus kritisiert. Für Deutschland ist diese Auseinandersetzung besonders relevant: Die exportorientierte deutsche Industrie ist eng mit China verflochten und zugleich in mehreren Schlüsselbranchen direkter Konkurrent chinesischer Unternehmen. Wie Europa auf Chinas Produktions- und Exportstärke reagiert, wird deshalb weit über Brüssel und Peking hinaus wirtschaftliche Folgen haben.

OZD/AFP

OZD-Kommentar – Europas schwieriger Balanceakt mit China

Die Zahlen zeigen, warum die Handelsbeziehungen zwischen der EU und China zunehmend unter Druck geraten. Ein chinesischer Exportüberschuss von 1,2 Billionen Dollar und ein wachsendes europäisches Handelsdefizit sind wirtschaftliche Größenordnungen, die politische Reaktionen nahezu zwangsläufig auslösen.

Dabei ist die Ursache komplexer als eine einfache Geschichte von China gegen Europa. Ein Teil der chinesischen Exportstärke beruht auf wettbewerbsfähigen Unternehmen, effizienten Lieferketten und internationaler Nachfrage. Die EU wiederum kritisiert staatliche Förderung und andere Rahmenbedingungen, die nach ihrer Auffassung den Wettbewerb verzerren.

Für Europa besteht die Herausforderung darin, zwischen legitimer Handelspolitik und einer Eskalation gegenseitiger Handelsbarrieren abzuwägen. Maßnahmen gegen nachgewiesene Wettbewerbsverzerrungen können europäische Unternehmen schützen. Breiter Protektionismus könnte dagegen Lieferketten verteuern und Gegenmaßnahmen aus Peking auslösen.

Deutschland steht besonders stark in diesem Spannungsfeld. Deutsche Unternehmen brauchen den chinesischen Markt, konkurrieren aber zugleich immer häufiger mit chinesischen Konzernen. Diese widersprüchlichen Interessen dürften die europäische China-Politik auch in den kommenden Jahren prägen.

Historischer Hintergrund

China entwickelte sich seit den Wirtschaftsreformen ab Ende der 1970er-Jahre schrittweise zu einem der wichtigsten Produktionsstandorte der Welt. Der Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2001 beschleunigte die Integration des Landes in globale Lieferketten erheblich.

Über Jahrzehnte profitierten europäische und insbesondere deutsche Unternehmen von Chinas Wachstum. Maschinenbauer, Chemiekonzerne und Autohersteller erschlossen einen riesigen Absatzmarkt. Gleichzeitig wurde China zum zentralen Lieferanten zahlreicher Konsum- und Industriegüter.

Inzwischen hat sich das Verhältnis verändert. Chinesische Unternehmen sind technologisch aufgestiegen und konkurrieren in Bereichen wie Elektromobilität, Batterien, Solartechnik und Maschinenbau unmittelbar mit europäischen Herstellern. Die frühere Rollenverteilung zwischen europäischer Hochtechnologie und chinesischer Massenproduktion entspricht deshalb immer weniger der wirtschaftlichen Realität.

Seit dem Ende der Corona-Pandemie kommt eine weitere Entwicklung hinzu: Chinas Immobilienprobleme, zurückhaltende Verbraucher und andere wirtschaftliche Unsicherheiten belasten die Binnennachfrage. Gleichzeitig verfügt das Land über enorme industrielle Kapazitäten. Dadurch gewinnt der Export als Wachstumsmotor zusätzlich an Bedeutung.

Zukunftsprognose

Kurzfristig spricht nach Einschätzung der EU-Handelskammer wenig für ein Ende des chinesischen Exportdrucks. Sollte der Binnenkonsum schwach bleiben und die Industrieproduktion gleichzeitig hoch bleiben, werden chinesische Unternehmen weiterhin starke Anreize haben, ihre Waren im Ausland abzusetzen.

Für Europa könnte dies zusätzliche handelspolitische Untersuchungen und Schutzmaßnahmen bedeuten. Gleichzeitig muss Brüssel berücksichtigen, dass China ein bedeutender Absatzmarkt und ein zentraler Bestandteil vieler europäischer Lieferketten bleibt.

An den Börsen könnten vor allem Unternehmen aus Automobilindustrie, Maschinenbau, Stahl, Chemie, Batterietechnik und erneuerbaren Energien sensibel auf neue Handelsmaßnahmen reagieren. Unternehmen mit hoher China-Abhängigkeit wären zudem von möglichen chinesischen Gegenmaßnahmen betroffen.

Bei Rohstoffen besitzt die Entwicklung ebenfalls Bedeutung. China verarbeitet große Mengen strategisch wichtiger Materialien und kontrolliert zentrale Teile verschiedener Lieferketten. Eine Verschärfung des Handelskonflikts könnte deshalb Preise und Verfügbarkeit einzelner Industriemetalle und kritischer Rohstoffe beeinflussen.

Auch die Währungen könnten bei einer erheblichen Eskalation reagieren. Ein Handelskonflikt zwischen zwei der größten Wirtschaftsräume der Welt wäre für Euro und Yuan relevant. Richtung und Ausmaß möglicher Kursbewegungen hängen jedoch von zahlreichen Faktoren ab und lassen sich aus der aktuellen Auseinandersetzung nicht seriös ableiten.

Was ist die EU-Handelskammer in China?

Die Europäische Handelskammer in China vertritt mehr als 1600 europäische Unternehmen, die in der Volksrepublik tätig sind. Sie analysiert wirtschaftliche Rahmenbedingungen und setzt sich unter anderem für besseren Marktzugang und gleiche Wettbewerbsbedingungen ein.

Was bedeutet Exportüberschuss?

Ein Exportüberschuss entsteht, wenn ein Land Waren im höheren Wert exportiert, als es importiert. Ein dauerhaft sehr hoher Überschuss kann Ausdruck großer internationaler Wettbewerbsfähigkeit sein, aber auch wirtschaftliche Ungleichgewichte widerspiegeln.

Warum ist Chinas schwacher Konsum wichtig?

Wenn private Haushalte im Inland vergleichsweise wenig konsumieren, während Unternehmen gleichzeitig immer mehr produzieren, entsteht ein Absatzproblem. Ein Teil dieser zusätzlichen Produktion kann dann auf ausländische Märkte gelenkt werden.

Warum ist China für Deutschland so wichtig?

China ist sowohl wichtiger Absatzmarkt als auch Lieferant und Wettbewerber der deutschen Industrie. Besonders eng sind die Beziehungen in Bereichen wie Automobilbau, Maschinenbau, Chemie, Elektronik und industriellen Lieferketten.

OZD-Extra – 37 Prozent der weltweiten Containerexporte kommen aus China

Eine Zahl aus dem Bericht der EU-Handelskammer verdeutlicht Chinas außergewöhnliche Stellung im Welthandel: 37 Prozent der weltweiten Containerexporte entfielen im vergangenen Jahr auf die Volksrepublik.

Diese Größenordnung zeigt, wie schwierig eine wirtschaftliche Entkopplung wäre. China ist tief in globale Produktions- und Lieferketten integriert. Veränderungen der chinesischen Industrie- und Handelspolitik wirken deshalb nicht nur auf Europa, sondern auf Märkte von Südostasien über Afrika bis Nord- und Südamerika.

Für europäische Unternehmen bedeutet das zugleich, dass sie chinesischen Konkurrenten längst nicht mehr ausschließlich in China oder Europa begegnen. Der Wettbewerb findet zunehmend auf Drittmärkten weltweit statt.

Gewinnspiel

Wie hoch war Chinas Exportüberschuss im vergangenen Jahr laut EU-Handelskammer?

A: Rund 120 Milliarden Dollar
B: Rund 450 Milliarden Dollar
C: Rund 1,2 Billionen Dollar
D: Rund 3,7 Billionen Dollar

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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.