Zum Inhalt springen
OZD.news - News und Nachrichten zum Nachschlagen
QR-Code zu www.online-zeitung-deutschland.de
Diesen Artikel teilen

Entführt, gefoltert, tot aufgefunden: Historisches Urteil im Fall Giulio Regeni – Mordvorwurf fällt

Zehn Jahre nach dem Tod von Giulio Regeni verurteilt ein Gericht in Rom drei ägyptische Sicherheitsbeamte wegen seiner Entführung zu je zehn Jahren Haft.

Fakten im Überblick

Drei ägyptische Sicherheitsbeamte wurden in Rom in Abwesenheit wegen der schweren Entführung Giulio Regenis zu jeweils zehn Jahren Haft verurteilt.

Vom Mordvorwurf wurden die Angeklagten nicht verurteilt; ein vierter Beschuldigter wurde vollständig freigesprochen.

Giulio Regeni verschwand am 25. Januar 2016 in Kairo und wurde neun Tage später tot aufgefunden; sein Körper wies schwere Folterspuren auf.

Mehr als zehn Jahre nach der Entführung und Tötung des italienischen Studenten Giulio Regeni in Ägypten hat die italienische Justiz ein wegweisendes Urteil gefällt. Die erste Schwurgerichtskammer in Rom verurteilte drei ägyptische Sicherheitsbeamte wegen der schweren Entführung des damals 28-Jährigen zu jeweils zehn Jahren Haft. Die Angeklagten waren nicht anwesend.

Verurteilt wurden Major Magdi Ibrahim Abdelal Sharif sowie die Obersten Uhsam Helmi und Athar Kamel Mohamed Ibrahim. Der vierte Angeklagte, General Tariq Sabir, wurde freigesprochen.

Das Urteil zieht damit eine klare Grenze: Das Gericht sah die Beteiligung der drei Verurteilten an Regenis Entführung als erwiesen an. Eine strafrechtliche Verurteilung wegen seiner Tötung erfolgte dagegen nicht. Für Sharif hatte die Staatsanwaltschaft ursprünglich eine lebenslange Freiheitsstrafe verlangt.

Regeni verschwand am 25. Januar 2016 in der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Der Doktorand der britischen Universität Cambridge forschte damals zu ägyptischen Gewerkschaften und Arbeitsverhältnissen, insbesondere im Umfeld von Straßenhändlern.

Neun Tage nach seinem Verschwinden wurde sein Leichnam am Stadtrand von Kairo gefunden.

Die Verletzungen waren schwer. Untersuchungen ergaben, dass Regeni vor seinem Tod massiv gefoltert worden war. Der Fall entwickelte sich in Italien deshalb weit über ein gewöhnliches Strafverfahren hinaus zu einer jahrelangen Suche nach Verantwortlichen.

Nach Auffassung italienischer Ermittler geriet Regeni wegen seiner wissenschaftlichen Arbeit ins Visier ägyptischer Sicherheitsbehörden. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass er verdächtigt wurde, für einen ausländischen Geheimdienst zu arbeiten. Ägypten hat eine staatliche Verantwortung für seinen Tod stets zurückgewiesen.

Der nun abgeschlossene Prozess war von erheblichen juristischen und diplomatischen Schwierigkeiten geprägt.

Ein erster Prozess gegen die vier ägyptischen Sicherheitsbeamten wurde 2021 bereits am ersten Verhandlungstag gestoppt. Hintergrund war die Frage, ob ein Verfahren in Abwesenheit rechtmäßig geführt werden konnte, obwohl nicht nachgewiesen werden konnte, dass die Angeklagten offiziell über das Verfahren informiert worden waren.

2023 beseitigte Italiens Verfassungsgericht ein entscheidendes Hindernis. Das Verfahren konnte anschließend fortgesetzt werden, obwohl die Beschuldigten nicht vor dem Gericht erschienen. Nach Auffassung der italienischen Justiz durfte mangelnde Kooperation bei der Zustellung das Verfahren nicht dauerhaft blockieren.

Der Prozess entwickelte sich damit auch zu einer grundsätzlichen Frage: Kann ein Staat die strafrechtliche Aufarbeitung eines schweren Verbrechens verhindern, indem die Beschuldigten für die Justiz des anderen Landes nicht erreichbar sind?

Nun liegt erstmals ein Urteil vor.

Die Familie Regenis nahm die Entscheidung nach einem mehr als zehnjährigen Kampf um Aufklärung entgegen. Ihre Anwältin Alessandra Ballerini ging unmittelbar danach noch einen erheblichen Schritt weiter und forderte politische Konsequenzen.

Die italienische Regierung müsse die diplomatischen Beziehungen zu Ägypten abbrechen, erklärte sie. Die dortigen Behörden „foltern und töten selbst Bürger befreundeter Staaten“.

Diese Forderung ist die Position der Anwältin der Familie und nicht Bestandteil des Gerichtsurteils.

Italien und Ägypten unterhalten trotz der jahrelangen Spannungen im Fall Regeni weiterhin enge politische und wirtschaftliche Beziehungen.

Erst Anfang September war Italiens Außenminister Antonio Tajani nach Kairo gereist, um unter anderem über die bilateralen Beziehungen zu sprechen.

Die ägyptische Justiz hatte ihrerseits bereits im Dezember 2020 erklärt, dass es keine ausreichenden Beweise gegen die vier von Italien beschuldigten Sicherheitsbeamten gebe, und das Verfahren eingestellt. Damit stehen sich die juristischen Bewertungen beider Länder seit Jahren gegenüber.

Auch nach dem Urteil in Rom bleibt eine zentrale praktische Frage offen.

Die drei Verurteilten befinden sich nicht in italienischem Gewahrsam. Eine Auslieferung aus Ägypten gilt als unwahrscheinlich. Die italienischen Behörden kennen nach Angaben aus dem Verfahren nicht einmal den aktuellen Aufenthaltsort der Männer.

Das Urteil besitzt deshalb zunächst vor allem juristische und politische Bedeutung.

Es hält erstmals gerichtlich fest, dass drei Angehörige ägyptischer Sicherheitsstrukturen strafrechtlich für Regenis Entführung verantwortlich sind.

Die Frage, wer strafrechtlich für seine Folter und seinen Tod verantwortlich gemacht werden kann, bleibt dagegen nach diesem Urteil weiter offen.

OZD/AFP

OZD-Kommentar – Ein Urteil mit offenen Fragen

Das Urteil von Rom ist ein wichtiger juristischer Einschnitt in einem Fall, der Italien und Ägypten seit mehr als einem Jahrzehnt beschäftigt.

Gleichzeitig ist entscheidend, genau festzuhalten, was das Gericht entschieden hat – und was nicht.

Drei ägyptische Sicherheitsbeamte wurden wegen Regenis Entführung verurteilt. Eine Verurteilung wegen seiner Tötung erfolgte nicht. Ein vierter Angeklagter wurde freigesprochen.

Damit liefert das Urteil eine strafrechtliche Antwort auf einen Teil des Geschehens, lässt aber die zentrale Frage nach der individuellen Verantwortung für Folter und Tod weiterhin offen.

Auch die diplomatische Dimension bleibt kompliziert.

Die Forderung der Familienanwältin, Italien solle seine Beziehungen zu Ägypten abbrechen, ist eine politische Forderung der Opfervertretung. Die italienische Regierung muss unabhängig davon ihre Beziehungen zu Kairo unter außen-, sicherheits- und wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten bestimmen.

Ägypten wiederum bestreitet eine staatliche Verantwortung und hat die Ermittlungen gegen die vier Beschuldigten bereits 2020 eingestellt.

Der Fall zeigt damit, wie schwierig grenzüberschreitende Strafverfahren werden können, wenn Staaten bei Ermittlungen und Auslieferungen unterschiedliche Positionen vertreten.

Das Urteil beendet den Fall Regeni deshalb nicht. Es markiert vielmehr einen juristischen Meilenstein in einer weiterhin unvollständigen Aufarbeitung.

Historischer Hintergrund

Giulio Regeni wurde 1988 in Triest geboren und studierte und forschte später in Großbritannien.

Als Doktorand der Universität Cambridge hielt er sich für seine wissenschaftliche Arbeit in Ägypten auf. Dort untersuchte er unter anderem Gewerkschaften und die Arbeitsbedingungen von Straßenhändlern – ein politisch sensibles Forschungsfeld.

Am 25. Januar 2016 verschwand Regeni in Kairo.

Das Datum hatte in Ägypten besondere Bedeutung: Es war der fünfte Jahrestag des Beginns der Massenproteste von 2011, die zum Sturz des langjährigen Präsidenten Hosni Mubarak geführt hatten.

Am 3. Februar 2016 wurde Regenis Leiche an einer Straße außerhalb Kairos entdeckt. Der Körper zeigte schwere Spuren von Misshandlungen und Folter.

Italienische und ägyptische Ermittler arbeiteten zunächst gemeinsam an dem Fall. Später gingen ihre Einschätzungen zunehmend auseinander.

Ägyptische Behörden präsentierten zwischenzeitlich unterschiedliche Erklärungen und verwiesen unter anderem auf eine kriminelle Bande. Italienische Ermittler konzentrierten sich dagegen auf Angehörige ägyptischer Sicherheitsbehörden.

2021 begann schließlich in Rom ein Prozess gegen vier ägyptische Sicherheitsbeamte. Er wurde wegen der ungeklärten Zustellung an die abwesenden Angeklagten gestoppt.

Nach weiteren höchstrichterlichen Entscheidungen konnte das Verfahren fortgesetzt werden.

Am 28. September 2026 folgte schließlich das Urteil: drei Verurteilungen wegen Entführung, ein vollständiger Freispruch und keine Verurteilung wegen Mordes.

Zukunftsprognose

Juristisch dürfte das Verfahren mit dem erstinstanzlichen Urteil noch nicht zwingend abgeschlossen sein. Weitere Rechtsmittel und die schriftliche Urteilsbegründung können für die weitere Bewertung entscheidend werden.

Praktisch bleibt die Vollstreckung der Haftstrafen schwierig. Solange sich die Verurteilten in Ägypten befinden und nicht ausgeliefert werden, können die italienischen Freiheitsstrafen dort nicht ohne Weiteres vollstreckt werden.

Diplomatisch dürfte der Fall weiterhin ein Belastungsfaktor zwischen Rom und Kairo bleiben. Gleichzeitig bestehen zwischen Italien und Ägypten umfangreiche wirtschaftliche, energiepolitische und sicherheitspolitische Beziehungen.

Die italienische Regierung steht deshalb vor mehreren parallelen Interessen: der Unterstützung der strafrechtlichen Aufarbeitung, dem Schutz italienischer Staatsbürger und den Beziehungen zu einem wichtigen Staat im Mittelmeerraum und Nahen Osten.

Direkte Auswirkungen des Urteils auf Börsen, den Euro oder Rohstoffpreise sind nicht zu erwarten.

Sollten sich die diplomatischen Beziehungen zwischen Italien und Ägypten infolge des Verfahrens deutlich verschlechtern, könnten wirtschaftliche Fragen stärker in den Mittelpunkt rücken. Derzeit lässt sich eine solche Entwicklung jedoch nicht belastbar vorhersagen.

Wer war Giulio Regeni?

Giulio Regeni war ein italienischer Doktorand an der Universität Cambridge.

Der 28-Jährige forschte in Kairo über Gewerkschaften und Arbeitsverhältnisse in Ägypten.

Am 25. Januar 2016 verschwand er. Neun Tage später wurde sein Leichnam mit schweren Folterspuren gefunden.

Sein Tod entwickelte sich in Italien zu einem der bekanntesten internationalen Menschenrechts- und Justizfälle der vergangenen Jahre.

Wer wurde verurteilt?

Das Gericht in Rom verurteilte Magdi Ibrahim Abdelal Sharif, Uhsam Helmi und Athar Kamel Mohamed Ibrahim zu jeweils zehn Jahren Haft.

Die Verurteilungen beziehen sich auf die schwere Entführung Regenis.

Der vierte Angeklagte, Tariq Sabir, wurde freigesprochen.

Warum fand der Prozess in Italien statt?

Giulio Regeni war italienischer Staatsbürger.

Das italienische Strafrecht ermöglicht unter bestimmten Voraussetzungen die Verfolgung schwerer Straftaten, die im Ausland gegen italienische Staatsbürger begangen wurden.

Die Beschuldigten erschienen nicht vor Gericht und wurden in Abwesenheit angeklagt.

Gerade die Frage, ob ein solches Verfahren ohne nachgewiesene offizielle Kenntnis der Beschuldigten stattfinden durfte, hatte den Prozess über Jahre verzögert.

Warum ist der Fall politisch so brisant?

Der Fall betrifft nicht nur ein Gewaltverbrechen an einem italienischen Staatsbürger, sondern auch Vorwürfe gegen Angehörige ägyptischer Sicherheitsstrukturen.

Gleichzeitig sind Italien und Ägypten wichtige Partner im Mittelmeerraum. Beide Länder arbeiten in wirtschaftlichen, energiepolitischen, migrationspolitischen und sicherheitspolitischen Fragen zusammen.

Dadurch besitzt der Fall neben seiner strafrechtlichen auch eine erhebliche diplomatische Dimension.

OZD-Extra – Warum die zehnjährigen Haftstrafen womöglich vorerst nur auf dem Papier stehen

Das Gericht in Rom konnte die Angeklagten verurteilen – festnehmen konnte Italien sie bislang nicht.

Alle vier Angeklagten blieben dem Verfahren fern. Ägypten hat sie nicht an Italien ausgeliefert, und ihre aktuellen Aufenthaltsorte sind nach öffentlich bekannten Angaben nicht festgestellt.

Damit entsteht eine ungewöhnliche Situation.

Italien besitzt nun ein Gerichtsurteil gegen drei ägyptische Sicherheitsbeamte, kann die verhängten Haftstrafen aber nicht ohne Weiteres vollstrecken.

Sollten die Verurteilten künftig in einen Staat reisen, in dem ein entsprechender italienischer Haftbefehl vollstreckt werden kann, könnte sich ihre Situation verändern. Ob und unter welchen rechtlichen Voraussetzungen dies geschieht, hängt vom jeweiligen Staat und möglichen internationalen Fahndungsmaßnahmen ab.

Die praktische Bedeutung des Urteils könnte deshalb erst Jahre später sichtbar werden.

Mögliche Auswirkungen auf Wirtschaft, Börsen und Energie

Unmittelbare Auswirkungen des Urteils auf Finanzmärkte sind nicht erkennbar.

Wirtschaftspolitisch sind die Beziehungen zwischen Italien und Ägypten dennoch bedeutend. Ägypten ist für Italien ein wichtiger Partner im Mittelmeerraum, insbesondere bei Handel und Energie.

Ein vollständiger Abbruch der diplomatischen Beziehungen, wie ihn die Anwältin der Familie Regeni fordert, wäre daher eine weitreichende politische Entscheidung und könnte auch wirtschaftliche Konsequenzen haben.

Eine solche Entscheidung hat die italienische Regierung bislang nicht getroffen.

Entsprechend wäre es derzeit spekulativ, aus dem Urteil konkrete Folgen für Unternehmen, Aktien, Energiepreise oder den Euro abzuleiten.

Gewinnspiel

In welcher Stadt verschwand Giulio Regeni im Januar 2016?

A: Alexandria

B: Rom

C: Kairo

D: Tunis

Zum großen OZD-Gewinnspiel 2026 – Gutscheine gewinnen

Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.