Fakten im Überblick
Die FIFA wirft der UEFA eine „Desinformationskampagne“ und Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahl im März 2027 vor.
Die UEFA bemüht sich vor US-Gerichten um Unterlagen für eine mögliche Strafanzeige gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino in der Schweiz.
Im Zentrum steht das gescheiterte Projekt FIFA Forward Enterprise, das private Investoren an kommerziellen FIFA-Rechten beteiligen sollte.
Der Machtkampf an der Spitze des Weltfußballs erreicht eine neue Eskalationsstufe. Der Weltverband FIFA wirft der Europäischen Fußball-Union UEFA eine "Desinformationskampagne" vor und behauptet, die juristischen Schritte des europäischen Verbands seien auch darauf ausgerichtet, die FIFA-Präsidentschaftswahl im März 2027 zu beeinflussen.
In einer Stellungnahme vor einem US-Bundesgericht im südlichen Bezirk Floridas weist die FIFA zentrale Anschuldigungen der UEFA gegen den Weltverband und FIFA-Präsident Gianni Infantino zurück. Nach Angaben der FIFA enthalte der Schriftsatz der UEFA "zahlreiche falsche oder irreführende Aussagen" über den Verband und seinen Präsidenten.
Besonders entschieden widerspricht die FIFA dem Vorwurf, Infantino habe persönlich von einem inzwischen aufgegebenen Investorenmodell profitieren wollen.
Im Zentrum des Konflikts steht das Projekt FIFA Forward Enterprise, kurz FFE. Der Plan sah vor, kommerzielle Rechte des Weltverbands in eine neue Gesellschaft einzubringen und private Investoren daran zu beteiligen.
Die UEFA behauptet, Infantino habe das Projekt mit einem kleinen Kreis von Beratern und potenziellen Investoren entwickelt und dabei die üblichen Entscheidungsstrukturen der FIFA umgangen. Die FIFA bestreitet diese Darstellung.
Nach Darstellung des Weltverbands hätte der Plan sowohl von den FIFA-Mitgliedsverbänden als auch vom FIFA-Rat genehmigt werden müssen. Auch die neue Gesellschaft wäre nach Angaben der FIFA von den zuständigen Verbandsgremien kontrolliert worden.
Die UEFA geht juristisch einen ungewöhnlichen Weg. Sie hat in den Vereinigten Staaten mehrere Anträge auf Herausgabe von Dokumenten und Aussagen gestellt. Diese Informationen sollen für eine mögliche Strafanzeige in der Schweiz gegen Infantino und möglicherweise weitere FIFA-Verantwortliche oder Berater genutzt werden.
Zu den Unternehmen, von denen Informationen verlangt werden, gehört Thrive Capital. Die von Joshua Kushner gegründete US-Investmentgesellschaft sollte bei dem geplanten Geschäft eine wichtige Rolle spielen.
Auch zwei in Florida ansässige FIFA-Gesellschaften stehen im Mittelpunkt der juristischen Auseinandersetzung. Die UEFA will über das amerikanische Beweisrecht an Dokumente gelangen, die für ein mögliches Verfahren in der Schweiz relevant sein könnten.
Die bislang erhobenen Vorwürfe sind keine gerichtlichen Feststellungen. Ob es zu einem Strafverfahren in der Schweiz kommt und wie Behörden mögliche Anschuldigungen bewerten würden, ist offen.
Besonders umstritten ist die Bewertung der geplanten FIFA-Gesellschaft. Nach Darstellung der UEFA hätten Investoren rund 4,2 Milliarden Dollar für eine Beteiligung gezahlt. Die UEFA argumentiert, daraus habe sich eine aus ihrer Sicht viel zu niedrige Bewertung von rund 20 Milliarden Dollar ergeben.
Die FIFA widerspricht auch diesem Punkt. Nach ihrer Darstellung vermischt die UEFA den Eigenkapitalwert mit dem Gesamtunternehmenswert. Die rund 20 Milliarden Dollar hätten sich auf den Eigenkapitalwert bezogen. Der sogenannte Enterprise Value habe dagegen nach FIFA-Angaben bei mehr als 30 Milliarden Dollar gelegen.
Damit ist die Unternehmensbewertung zu einem der entscheidenden Streitpunkte geworden. Die UEFA kritisiert zudem, dass die geplante Transaktion weder über ein offenes Wettbewerbsverfahren zustande gekommen noch von einem unabhängigen Gutachter überprüft worden sei.
Das Projekt wurde schließlich aufgegeben, nachdem sich Widerstand formiert hatte. Neben der UEFA äußerten auch andere Kontinentalverbände Kritik an mangelnder Einbindung.
Der Konflikt fällt in eine politisch hochsensible Phase des Weltfußballs. Im März 2027 steht die nächste Wahl des FIFA-Präsidenten an. Infantino will erneut kandidieren.
Genau hier setzt der Gegenangriff der FIFA an. Der Weltverband behauptet, die juristischen Schritte der UEFA seien zeitlich so platziert, dass sie Einfluss auf die Präsidentschaftswahl nehmen könnten.
Die UEFA hat wiederum bereits deutlich gemacht, dass sie eine Alternative zu Infantino unterstützen will, sollte dieser erneut antreten. Damit überlagern sich juristische Auseinandersetzung und politischer Machtkampf innerhalb des Weltfußballs.
Zusätzlichen Druck erzeugt die Debatte über die Führungsstrukturen der FIFA. Infantino hat den 211 Mitgliedsverbänden inzwischen eine unabhängige Überprüfung der Entscheidungsprozesse des Weltverbands vorgeschlagen.
Damit steht der Weltfußball wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl vor einer ungewöhnlichen Situation: Zwei seiner mächtigsten Organisationen streiten nicht mehr nur über Turnierkalender, Kompetenzen und Geld. Sie kämpfen vor Gerichten über Dokumente, Verantwortlichkeiten und die Frage, wie Entscheidungen über Milliardenwerte zustande gekommen sind.
Wer mit seinen Vorwürfen recht hat, ist bislang nicht gerichtlich entschieden.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Ein Machtkampf, der Transparenz erzwingt
Der Konflikt zwischen FIFA und UEFA hat eine Dimension erreicht, die weit über die übliche Rivalität zweier Fußballorganisationen hinausgeht. Im Kern geht es um Milliardenwerte, Entscheidungsstrukturen und die Kontrolle über einen der wirtschaftlich bedeutendsten Sportverbände der Welt.
Die FIFA bestreitet die Anschuldigungen der UEFA und wirft dem europäischen Verband politische Motive mit Blick auf die Präsidentschaftswahl vor. Die UEFA wiederum will Unterlagen sichern, um ihre Vorwürfe einer möglichen strafrechtlichen Prüfung in der Schweiz zugänglich zu machen.
Gerade deshalb ist Transparenz entscheidend. Die Frage, wie kommerzielle Rechte bewertet wurden, wer an den Gesprächen beteiligt war und welche Gremien wann informiert wurden, lässt sich nicht durch gegenseitige öffentliche Anschuldigungen klären.
Der Vorgang zeigt außerdem, wie stark wirtschaftliche und institutionelle Interessen im internationalen Fußball miteinander verflochten sind. Fernsehrechte, Sponsoring, Ticketing und globale Turniere besitzen enorme wirtschaftliche Bedeutung.
Die realistische Prognose lautet deshalb: Selbst wenn die amerikanischen Gerichtsverfahren über die Herausgabe von Dokumenten abgeschlossen werden, dürfte der politische Konflikt nicht verschwinden. Spätestens mit dem Näherrücken der FIFA-Präsidentschaftswahl im März 2027 werden Governance, Transparenz und die Zukunft Infantinos weiter im Zentrum der Auseinandersetzung stehen.
Historischer Hintergrund
FIFA und UEFA gehören zu den mächtigsten Organisationen des internationalen Sports. Die FIFA mit Sitz in Zürich organisiert den Weltfußball und umfasst 211 nationale Mitgliedsverbände. Die UEFA mit Sitz im schweizerischen Nyon ist für den europäischen Fußball zuständig.
Das Verhältnis beider Organisationen war wiederholt von Konflikten geprägt. Dabei geht es unter anderem um den internationalen Spielkalender, Klubwettbewerbe, Nationalmannschaftsturniere und die Verteilung von Einnahmen.
Gianni Infantino übernahm die FIFA-Präsidentschaft 2016. Zuvor war der Schweizer Generalsekretär der UEFA gewesen. Er trat bei der FIFA die Nachfolge von Sepp Blatter an, dessen Ära von einer schweren Korruptionskrise überschattet worden war.
Der aktuelle Konflikt konzentriert sich auf FIFA Forward Enterprise. Über diese Struktur sollten private Investoren an kommerziellen Aktivitäten rund um FIFA-Wettbewerbe beteiligt werden.
Nach erheblichem Widerstand wurde das Vorhaben aufgegeben. Seitdem hat sich aus der wirtschaftlichen Auseinandersetzung ein institutioneller und juristischer Konflikt entwickelt.
Die UEFA bereitet eine mögliche Strafanzeige in der Schweiz vor und versucht in den USA, dafür relevantes Material zu erhalten. Grundlage dafür sind besondere US-Verfahrensregeln, mit denen Unterlagen für ausländische Gerichtsverfahren beschafft werden können.
Zukunftsprognose
Sportpolitisch könnte der Konflikt die FIFA-Präsidentschaftswahl im März 2027 prägen. Entscheidend wird sein, welche Kandidaten antreten und welche Positionen die 211 Mitgliedsverbände vertreten. Eine Prognose über den Ausgang der Wahl lässt sich daraus nicht ableiten.
Wirtschaftlich dürfte die gescheiterte FFE-Konstruktion die Diskussion darüber verändern, unter welchen Bedingungen private Investoren Zugang zu kommerziellen Vermögenswerten großer Sportverbände erhalten können.
Juristisch hängt viel davon ab, wie die US-Gerichte über die Anträge auf Beweiserhebung entscheiden und ob anschließend tatsächlich ein Strafverfahren in der Schweiz eingeleitet wird.
International könnte der Streit den Reformdruck auf Sportorganisationen erhöhen. Verbände, Ligen und Mitgliedsorganisationen verlangen zunehmend nachvollziehbare Entscheidungsverfahren bei Geschäften von erheblichem wirtschaftlichem Umfang.
Wer ist Gianni Infantino?
Gianni Infantino ist ein schweizerisch-italienischer Fußballfunktionär und seit 2016 Präsident des Weltverbands FIFA. Zuvor arbeitete er viele Jahre für die UEFA und war dort Generalsekretär.
Was ist die FIFA?
Die Fédération Internationale de Football Association ist der Weltfußballverband. Die FIFA hat ihren Sitz in Zürich und organisiert unter anderem die Fußball-Weltmeisterschaften.
Was ist die UEFA?
Die Union of European Football Associations ist der europäische Kontinentalverband des Fußballs. Sie organisiert unter anderem die Champions League und die Europameisterschaft.
Was war FIFA Forward Enterprise?
FIFA Forward Enterprise, kurz FFE, war ein geplantes Unternehmensmodell für kommerzielle Vermögenswerte des Weltverbands. Private Investoren sollten sich daran beteiligen können. Nach erheblichem Widerstand wurde das Projekt aufgegeben.
Was ist Thrive Capital?
Thrive Capital ist eine amerikanische Investmentgesellschaft, die von Joshua Kushner gegründet wurde. Das Unternehmen war als wichtiger Investor für das geplante FIFA-Projekt vorgesehen.
Warum spielen US-Gerichte eine Rolle?
Die UEFA nutzt ein Verfahren nach Section 1782 des US-Rechts. Dieses kann es Beteiligten ermöglichen, in den Vereinigten Staaten Beweismittel für bestimmte ausländische Verfahren zu beschaffen. Ob und in welchem Umfang die beantragten Unterlagen herausgegeben werden, entscheiden die zuständigen US-Gerichte.
OZD-Extra – Hinter dem Streit stehen gewaltige kommerzielle Werte
Der Fall zeigt, welchen wirtschaftlichen Wert der globale Fußball inzwischen besitzt. Weltmeisterschaften generieren Einnahmen aus Fernsehrechten, Sponsoring, Hospitality, Ticketing und zahlreichen weiteren Vermarktungsrechten.
Genau deshalb ist die Differenz zwischen Eigenkapitalwert und Unternehmenswert im aktuellen Streit von Bedeutung. Die UEFA kritisiert die Bewertung des geplanten Geschäfts. Die FIFA argumentiert dagegen, die UEFA stelle unterschiedliche Bewertungsgrößen falsch gegenüber.
Für börsennotierte Unternehmen ergeben sich aus dem Streit zunächst keine eindeutig bezifferbaren direkten Folgen. Mittelbar können jedoch Medienkonzerne, Sportvermarkter, Sponsoren und Finanzinvestoren betroffen sein, wenn sich die Regeln für private Investitionen in große Fußballrechte verändern.
Auf Rohstoffe und Währungen sind keine relevanten unmittelbaren Auswirkungen zu erwarten. Für den internationalen Sportinvestmentmarkt könnte der Fall dagegen Bedeutung erlangen, weil er die Frage aufwirft, welche Governance- und Bewertungsstandards bei der Privatisierung oder Beteiligung an Sportrechten gelten sollten.
Gewinnspiel
Welche beiden Fußballverbände stehen im Zentrum des aktuellen Machtkampfs?
A: FIFA und UEFA
B: UEFA und IOC
C: FIFA und DFB
D: FIFA und NBA
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.