Fakten im Überblick
Anne Carson erhält den Literaturnobelpreis für ihr mutiges Werk.
Die Autorin verarbeitet Mythen modern und persönlich.
Seit der Reform der Akademie wurden mehr Frauen ausgezeichnet.
Anne Carson wird als strahlende Gewinnerin des diesjährigen Nobelpreises für Literatur gefeiert. Die 76-jährige Lyrikerin aus Toronto wurde von der Schwedischen Akademie für ihr "mutiges und erfinderisches" Werk geehrt. Vergangene Preisträgerinnen waren in der langen Geschichte des Preises selten, sodass diese Auszeichnung als bedeutsames Signal empfangen wird. Nach der Ehrung des Ungarn László Krasznahorkai im vergangenen Jahr geht der renommierte Preis nun an eine Frau, was viele Literaturbeobachterinnen bereits erwartet hatten.
Bei der Bekanntgabe in Stockholm berichtete Ingrid Carlberg, die Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, sie habe Carson telefonisch in Island erreicht. Carson sei sehr überrascht und sehr erfreut gewesen und erklärte: "dass sie im Moment in Island ist, wo sie dem Wind lauscht". Mit dieser poetischen Bildsprache unterstreicht die Preisträgerin, wie eng ihre literarische Arbeit mit Natur, Sinnsuche und Inspiration verwoben ist. Carson, die 2024 offengelegt hatte, an Parkinson zu leiden, verarbeitet in ihrer Lyrik klassische Themen wie Liebe, Verlangen und Verzweiflung, verknüpft sie aber mit einem modernen Zugang zur Mystik. Besonders hervorgehoben wurde von der Akademie Carsons Fähigkeit, "in spielerischem Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die Gegenwartsliteratur" zu schaffen.
Anne Carson ist auch als Professorin bekannt und versteht sich auf alte Sprachen, Anthropologie und Geschichte. Sie wurde schon mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und war seit Jahren als Anwärterin auf den Nobelpreis gehandelt worden. Ihr Werk "Rot - Zwei Romane in Versen" basiert auf dem griechischen Mythos vom dreileibigen Geryon und den Helden Herakles, den sie jedoch in eine moderne Geschichte um ein schwules Liebesdreieck transformiert. In "Nox" verarbeitet Carson auf außergewöhnliche Weise den Tod ihres Bruders Michael, indem sie auf einem meterlangen, wie ein Akkordeon gefaltenen Papier mit "Bildern, Briefen und anderen Texten" arbeitet.
Die Auszeichnung ist mit zwölf Millionen schwedischen Kronen dotiert, was gut eine Million Euro entspricht. Die Übergabe an Anne Carson findet am 10. Dezember in Stockholm durch König Carl XVI. Gustaf statt, gemeinsam mit der Verleihung der weiteren Nobelpreise. Unter den 123 bisherigen Preisträgern für Literatur sind mit Carson erst 19 Frauen vertreten. Nach umfangreichen Reformen innerhalb der Akademie seit 2018 hat sich die Vergabepraxis gewandelt. Dennoch betont sie, dass einzig die Qualität der Werke entscheidet. Der Kreis der Preisträgerinnen und Sprachen bleibt weiterhin eingeschränkt: Werke aus Afrika oder im asiatischen Sprachraum wurden bislang nur vereinzelt, manche gar nicht berücksichtigt. Wie jedes Jahr wurde im Vorfeld viel über mögliche Gewinnerinnen spekuliert. Als Favoritinnen galten unter anderem Jamaica Kincaid, Cristina Rivera Garza, Alexis Wright, Can Xue und die aus Deutschland stammende Jenny Erpenbeck, deren Roman "Kairos" 2024 den International Booker Prize gewann. Der Friedensnobelpreis wird traditionsgemäß am gleichen Tag wie die anderen Nobelauszeichnungen, jedoch in Oslo überreicht.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Literatur im Wandel – Carsons mutiger Triumph
Anne Carson erhält mit dem Literaturnobelpreis eine der höchsten Würdigungen der Welt für ihre künstlerische Kraft, die weit über Generationen und Kontinente ausstrahlt. Die Auszeichnung markiert nicht nur eine verdiente Anerkennung für ein vielschichtiges, berührendes Werk, sondern auch eine Entwicklung innerhalb der Schwedischen Akademie hin zu mehr Diversität. Doch so inspirierend Carsons Erfolg als Frau und Grenzgängerin zwischen den Genres auch ist, erinnert der Blick auf die Statistik der Preisträger an den langen Weg zu wahrer Chancengleichheit. Die Akademie beteuert, dass allein die Qualität zähle. Und doch zeigt die Häufung männlicher und westlicher Namen über Jahrzehnte, dass lange andere Maßstäbe galten. Carsons Sieg könnte daher Mut machen – für die Anerkennung von Vielfalt, Innovation und Einfühlungsvermögen in der Literatur. Wahrscheinlich wird der Nobelpreis in den kommenden Jahren weiter angeregte Debatten über Kanon, Sprache und Herkunft auslösen. Die Hoffnung bleibt, dass künftig noch mehr Stimmen aus allen Teilen der Welt und mit verschiedensten Hintergründen gewürdigt werden.
Historischer Hintergrund
Der Literaturnobelpreis wird seit 1901 von der Schwedischen Akademie in Stockholm verliehen. Über Jahrzehnte wurde Kritik an einer starken Dominanz weißer, männlicher Autoren laut. Das Jahr 2018 brachte einen Skandal innerhalb der Akademie wegen sexuellen Missbrauchs, der zu tiefgreifenden Reformen führte. Seitdem hat sich die Auswahl praxis undurchsichtiger aber weiblicher, der Anteil ausgezeichnete Frauen ist gestiegen, die internationale Diversität der Preisträger bleibt aber begrenzt. Der Preis ist global die wohl renommierteste individuelle Literaturauszeichnung und begründet massive Medienresonanz und Debatten.
Zukunftsprognose
Künftige Entscheidungen der Schwedischen Akademie stehen weiterhin unter intensiver Beobachtung. Die Auszeichnung von Anne Carson könnte literarische Tendenzen stärken, die klassische Tradition und moderne Themen verbinden. Es ist möglich, dass die Nachfrage nach ihren Werken deutlich ansteigt und ihr literarisches Schaffen international noch breiter wahrgenommen wird. Gesellschaftlich wächst der Ruf nach mehr Vielfalt bei Preisträgern und Sprachen, sodass die Vergabepraxis des Nobelpreises auch weiterhin ein zentrales Diskussionsthema bleiben dürfte. Internationale Aufmerksamkeit dürfte erneut auf Stockholm gerichtet bleiben, wenn der Preis im kommenden Jahr wieder vergeben wird.
Erklärungen
Wer ist Anne Carson?
Anne Carson wurde 1949 in Toronto geboren und gehört zu den bekanntesten modernen Lyrikerinnen Kanadas. Ihre Arbeiten verknüpfen klassische Mythen mit aktuellen Themen. Carson lehrt als Professorin und wurde für ihre Werke vielfach ausgezeichnet.
Was ist der Literaturnobelpreis?
Der Literaturnobelpreis ist die bedeutendste internationale Auszeichnung für schriftstellerisches Schaffen. Die Vergabe erfolgt durch die Schwedische Akademie in Stockholm, dotiert ist er mit einer Million Euro.
Was ist Rot – Zwei Romane in Versen?
"Rot - Zwei Romane in Versen" ist ein bedeutendes Buch von Anne Carson, in welchem sie den griechischen Mythos des Geryon modern umdeutet und Themen wie Liebe und Identität neu erzählt.
OZD-Extras
Anne Carson nutzt innovative literarische Formen wie das Akkordeon-Faltbuch in "Nox", um ihre Inhalte neu zu gestalten. Die Auszeichnung könnte den internationalen Buchmarkt kurzfristig beeinflussen, was sich vor allem in einem Anstieg der Nachfrage nach Carsons Werken bemerkbar machen könnte. Eine unmittelbare Auswirkung auf Börsen und Währungen ist jedoch nicht zu erwarten.
Gewinnspiel
In welchem Land wurde die Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson geboren?
A) Kanada
B) USA
C) Großbritannien
D) Australien
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.