Im Iran dauert die im Zuge der landesweiten Proteste gegen die staatliche Führung verhängte Internetsperre auch am fünften Tag in Folge an. „Es ist nun 108 Stunden her, seit der Iran eine landesweite Abschaltung des Internets verhängt hat, wodurch die Iraner vom Rest der Welt und voneinander isoliert sind“, erklärte die Beobachtungsorganisation Netblocks am Dienstag im Onlinedienst X.
Internationale Telefonate waren nach tagelanger Unterbrechung zuletzt wieder möglich, wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP aus dem Iran berichtete. Der Internetzugang selbst bleibt jedoch weiterhin weitgehend blockiert.
Netblocks wies darauf hin, dass die Sperre theoretisch über alternative Wege umgangen werden könne – etwa über Kurzwellenradio, Mobilfunknetze in Grenznähe, Satellitentelefone oder das Satellitennetzwerk Starlink. Dieses wird vom US-Raumfahrtunternehmen SpaceX betrieben, dessen Gründer der Tech-Milliardär Elon Musk ist. Starlink ermöglicht auch in Regionen mit ausgefallener Infrastruktur einen Internetzugang.
Die Proteste im Iran hatten sich Ende Dezember zunächst am Zorn über die schlechte wirtschaftliche Lage entzündet. In der Nacht zum Freitag kam es zu den bislang größten Demonstrationen seit Beginn der Protestwelle. In mehreren Städten richteten Demonstrierende wütende Slogans gegen die religiöse und politische Führung der Islamischen Republik. Kurz darauf schalteten die Behörden landesweit das Internet ab. Trotz der digitalen Abriegelung kam es auch in den folgenden Nächten zu weiteren Protesten. OZD
OZD-KommentarDie Internetsperre ist kein technisches, sondern ein politisches Instrument. Das Regime versucht, die Proteste unsichtbar zu machen, indem es die Verbindung zur Welt kappt. Doch digitale Abschottung ersetzt keine Legitimität. Je länger die Isolation anhält, desto größer wird der Druck – nicht nur von der Straße, sondern auch international. Die Abschaltung ist ein Zeichen von Angst, nicht von Kontrolle.

Internetsperren gehören im Iran seit Jahren zum Repertoire der Machtsicherung. Bereits bei den Protesten 2009, 2019 und 2022 kappte die Führung zeitweise den Zugang zum Netz, um Berichterstattung, Mobilisierung und internationale Aufmerksamkeit zu unterbinden. Die aktuelle Sperre zählt jedoch zu den längsten und umfassendsten in der Geschichte des Landes.
Zukunftsprognose
Sollte die iranische Führung an der anhaltenden Internetsperre und der gewaltsamen Unterdrückung der Proteste festhalten, droht dem Land eine weitere Eskalation auf mehreren Ebenen. Kurzfristig ist mit einer Zunahme verdeckter Protestformen zu rechnen – kleinere, spontane Demonstrationen, Sabotageakte und eine stärkere Nutzung alternativer Kommunikationswege könnten das staatliche Kontrollsystem zunehmend unterlaufen.
Mittelfristig wächst der internationale Druck. Weitere Sanktionen, diplomatische Isolation und eine Verschärfung der wirtschaftlichen Lage erscheinen wahrscheinlich, was den sozialen Unmut weiter anheizen dürfte. Die digitale Abschottung beschädigt zudem nachhaltig Wirtschaft, Bildung und Gesundheitswesen und trifft damit genau jene Bevölkerungsgruppen, die bislang noch nicht aktiv protestierten.
Langfristig steht die Führung vor einem strategischen Dilemma: Entweder sie öffnet sich schrittweise politischen Reformen und riskiert Machtverlust – oder sie hält am repressiven Kurs fest und provoziert einen unkontrollierbaren Systembruch. In beiden Szenarien deutet vieles darauf hin, dass der Status quo nicht haltbar ist. Die aktuelle Protestbewegung könnte sich rückblickend als Wendepunkt erweisen – entweder hin zu einem schrittweisen Machtumbau oder zu einer Phase massiver Instabilität mit regionalen Folgen.

Was ist Netblocks?
Netblocks ist eine internationale NGO, die weltweit
Internetabschaltungen, Zensurmaßnahmen und Netzwerkstörungen
dokumentiert und analysiert.
Was ist Starlink?
Starlink ist ein satellitengestütztes Internet-System, das unabhängige
Verbindungen ermöglicht – auch dort, wo staatliche Netze blockiert oder
zerstört sind.
OZD-Extras – Quiz & Gewinnspiel
Quizfrage:
Wie viele Stunden dauert die landesweite Internetsperre im Iran laut Netblocks bereits an?
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Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.