Ich weiß ehrlich nicht, wie du auf diesen Ausdruck gekommen bist. Ich bin doch
bloß alter Flussfischer aus der Gegend - das ist doch kein Seemanns-Dasein.
Aber genug davon. Du willst eine Geschichte hören und ich alter Hund werde dir
eine erzählen. Diesmal ist sie sogar wahr - ich habe es nämlich mit eigenen
Augen gesehen. Die Geschichte des singenden Sees!
Also mach es dir bequem, hol dir etwas Warmes zu trinken – und hör gut zu.
Weißt du wo der Fluss endet, der durch die Klamm im Nordosten fließt? Er windet sich durch das Gebirge, an der Mühle des alten Bernfried vorbei und mündet schließlich in einem See. Es ist ein unheimlich weiter Weg. Bestimmt ein halber Tag mit einem Boot von hier aus. Über all die Jahre hat der Lauf des Wassers den Fels ausgehöhlt, bis er heute zwischen hohen Felswänden entlang fließt.
Ein Ort voller Leben. Die Eisvögel und Gebirgsstelzen suchen im gelegentlichen Grün der vereinzelten Ufer nach Futter. Die Molche und Salamander kriechen an sonnigen Tagen aus ihren bemoosten Felsritzen, um sich aufzuwärmen. Und natürlich die vielen vielen Bachforellen, mit denen ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Es ist ein kleines, gut verpacktes Paradies – gemütlich zwischen den Felsen versteckt. Doch irgendwann erreicht man einen Wald, dessen Bäume sich dicht um den schaurigen See drängen. Man könnte meinen, sie wollten einen undurchdringlichen Ring um dieses verfluchte Standgewässer ziehen. An diesem Wasser ist sogar ein kleines Gasthaus, welches wohl Profit aus der Attraktion machen will. Zumindest dachte ich das zuerst, aber ich sollte mich mit dieser Annahme noch gewaltig irren.
Wie dem auch sei: Ich bin da
einmal zufällig vorbei gekommen.
Eines Tages saß ich in meinem Boot und war auf dem Fluss unterwegs. Bin ja
immerhin Fischer, da soll so was schon mal vorkommen. Es war kurz nach Mittag,
ich hatte gerade Brotzeit gemacht und hielt dafür an einem kleinen Ufer. Es war
ein schöner, warmer und sonnendurchfluteter Tag im Frühling. Die Wildblumen
standen in voller Blüte, die Vögel sangen ihre Lieder und die Klamm strotzte
nur so vor Leben. Ein guter Tag für einen reichen Fang. Aber ich Dummkopf ließ
mich nach dem Mittag noch zu einem kurzen Nickerchen hinreißen. So zog ich mein
Boot knapp aus dem Wasser, legte mich hinein und schloss die Augen für ein paar
Momente.
Als ich aufwachte, war es
schon mitten am Nachmittag und das Boot war mit mir in Bewegung geraten. Es
musste wieder in den Fluss gerutscht sein und der Fluss trug es dann natürlich
flussabwärts.
Die Klamm hatte ich sicher schon seit mindestens zwei Stunden hinter mir
gelassen, da ich nun durch einen dichten Wald trieb. Frustriert blieb mir
nichts anderes übrig, als weiterzufahren, bis ich jemanden finden würde, der
mir helfen konnte, das Boot wieder den Berg hinauf zu bekommen. Also ging es
den Fluss weiter hinab.
Mit jedem Meter auf diesem
Fluss schien das Leben um das Fließgewässer entweder zu erliegen oder
seltsamere Formen anzunehmen. Das Licht wurde größtenteils durch die Baumkronen
der verknoteten, alten Bäume geschluckt, sodass ab der Höhe des Unterholzes nur
noch eine gedämpfte und schwere Stimmung herrschte. Erst sangen die Vögel noch,
doch auch diese verstummten, je weiter ich in diesen Wald hinein fuhr.
Irgendwie machte sich Unwohlsein in mir breit. Mir gefiel das ganz und gar
nicht. Als ob der Wald so wenig einladend wie möglich sein wollte, um bloß
jeden zu verschrecken, der sich ihm näherte.
Doch was blieb mir anderes übrig, als den Fluss entlang zu treiben?
Die meisten Pflanzen um das
Wasser herum waren mir fremd, daher kann ich dir nicht ganz so viel dazu sagen.
Doch im Wasser bot sich mir ein schauerlicher Anblick. Zwischen flutendem Hahnenfuß und Wasserlinsen
entdeckte ich merkwürdige Gewächse – lange, grünlich-blonde Schöpfe aus
unbekannten Pflanzen trieben wie schwebende Haare in der Strömung. Erst waren
es wenige und dann wurden es immer mehr dieser „Schöpfe“ und ich könnte schwören:
Einige von denen haben im Wasser die Positionen gewechselt.
Die Dinger waren mir so unheimlich, dass ich mein ganzes Können mit dem Ruder
aufgebracht habe, um bloß keines dieser geisterhaft wirkenden Gebilde auch nur
zu streifen.
Gut eineinhalb Stunden kämpfte ich mich auf diese Weise durch den Fluss, bis
eben jener Fluss sich öffnete und ich im Begriff war geradewegs auf diesen
verwunschenen See hinauszutreiben.
Doch bevor das passieren konnte, erspähte ich links von mir einen groß und stämmig gewachsenen Mann. Obwohl das seiner Beschreibung nicht ansatzweise gerecht würde. Du kennst doch unseren Schmied oder? Der ist ja ungefähr einen halben Kopf größer als ich und hat Kraft wie ein junger Ochse, aber gegen diesen Berg von einem Menschen würde selbst unser lieber Schmied recht klein wirken.
Wie dem auch sei: Dieser plötzlich aufgetauchte Riese griff nach einem Bootshaken und beförderte mich, ohne große Anstrengung, mitsamt dem Boot aufs Trockene. Er wirkte grimmig, doch seine Gesten waren ruhig. Nur geredet hat er nicht. So geschwind wie er mich aufs Land buchsiert hatte, holte er eine kleine Schiefertafel hervor und reichte mir eine zweite. Der Mann war wohl taubstumm.
Er schrieb: „Bist du einer seltsamen Melodie hierher gefolgt?“. Seine Frage erschien mir seltsam – besonders für einen Taubstummen. Ich schüttelte den Kopf und erklärte in welch missliche Lage ich geschippert war. Sein altes Gesicht warf sich in Falten, welche ich entweder als Sorge oder Ernüchterung deuten konnte. Aber viel zu deuten gab es da auch nicht. Sein halbes Gesicht bestand aus einem langen, dichten, hellgrauen Bart, der so viel von seiner Mimik verbarg, dass sein Ausdruck wohl immer etwas stoisches haben musste.
Nach unserem kurzen „Gespräch“ lud er mich in sein Gasthaus ein, um mich und mein Boot am nächsten Tag mit seinem Karren nach Hause zu bringen. Ich wäre blöd gewesen das Angebot abzulehnen. Schließlich war er meine Rettung. In mehr als nur einer Hinsicht, wie sich noch herausstellen sollte.
Sein Gasthaus lag an dem zuvor erwähnten See. Es war ein gutes, stabiles Fachwerkhaus mit roten Dachschindeln und einem Sockel aus einer grob behauenen Natursteinmauer. Komischerweise gab es keine so rechte Außenanlage. Keine Bänke zum Sitzen, kein kleines Gärtchen zum Herumspazieren, keine Laube, um dort genussvoll den Abend zu verbringen. Nur ein stabil befestigter Steg führte einige Meter auf den See hinaus.
Ohne zu wissen warum, machte
der See mir damals schon Angst und dieses Unwissen ließ mich nicht los. Was war
mit diesem See bloß los, dass er mir in all seiner Stille solch ein Unwohlsein
bereiten konnte? Doch dann fiel es mir auf: Es war totenstill.
Die fehlenden Vögel waren ja schon irgendwie irritierend, aber hier fehlte
einfach jede Spur von tierischem Leben. Keine kleinen Nagetiere huschten durchs
Gras, keine Fische schnappten nach Mückenlarven, keine umherschwirrenden
Libellen. Dieser See war tot und bloß die Pflanzen schienen hier noch zu leben.
Es war einfach unwirklich.

Eine schauerliche Neugierde besiegte mein Unbehagen und ich wagte mich einige Schritte auf den Steg hinaus. Das Wasser war so dunkel, dass es mehr schwarz als blau erschien. Der See schluckte beinahe jedes Licht und bloß die Reflektionen der Oberfläche entkamen seinem nassen Griff. Dieses unnatürliche Gewässer ließ nicht zu, irgendetwas Genaues erkennen zu können. Weder die Wasserpflanzen, noch den Grund des Sees, auf dem die Pfosten des Steges stehen müssten. Es war als ob sich hier einfach ein Schlund in den Abgrund geöffnet hätte.
Ich stand noch eine kurze Weile dort und schaute in mein Spiegelbild auf dem finsteren Wasser. Plötzlich hörte ich eine entfernte Melodie. Ein leiser, kleiner Chor an zarten Stimmen flüsterte mir Worte der Beruhigung direkt in die Seele. Es war eine sanfte Harmonie in einer Sprache, welche mir einerseits unendlich fremdartig erschien und andererseits so bekannt war wie das Wiegenlied meiner Mutter. All diese Angst in mir versank mit der Melodie in den Tiefen des Sees und auch alle sonstigen Lasten schienen von mir abzufallen. Die Sorge, was meine arme Frau wohl denken würde, das Problem mit dem ganzen Fisch auf meinem Boot und jedes noch so kleine Wehwehchen meines alternden Körpers. Mit jedem angestimmten Vers verschwamm mein sorgenvolles Dasein immer weiter und wich einer entspannten Ruhe.
Und dann sah ich etwas: Eine
Bewegung im Wasser. Irgendetwas huschte aus der tiefen Schwärze des Sees dort
entlang, wo sich meine Reflektion auf dem Wasser abspielte. Es verharrte kurz
in der Tiefe unter meiner Spiegelung und ich erkannte einen dieser
beunruhigenden „Schöpfe“ des Flusses, bevor ein Stein die Oberfläche des
Wassers durchbrach. Die Melodie endete abrupt und ich begann, meine Sinne
wiederzufinden.
Doch bevor ich wieder halbwegs bei mir war, griff mich die starke Hand des
Gastwirtes und riss mich vom Steg auf den festen Boden zurück.
Er blickte mich eindringlich
an. „Halte dich vom See fern!“, schrieb er.
Langsam klaubte ich die Tafel vom Boden auf und fragte ihn: „Was war das?“.
Meine Hände zitterten beim Schreiben.
Nach diesem Erlebnis hatte ich allerdings schon eine blasse Ahnung. Diese Schöpfe
waren nicht bloß Wasserpflanzen – sie waren Wesen, die ursächlich hinter dieser
Melodie steckten. Es schauderte mich bei dem Gedanken, dass ich den ganzen
Fluss mit ihnen im Schlepptau hinabgefahren bin.
Mit einem tiefen Brummen bat er mich in das Gasthaus. Es war sauber und ebenso schmucklos im Inneren, wie es außen war. Die Herzlichkeit einer einladenden Schankstube oder den frohen Überschwung eines Gasthauses an einer belebten Wanderroute suchte man hier vergebens, aber es tat wohl seinen Dienst als Zufluchtsort für Jene, die hier gelandet waren. So also auch für mich.
Der Wirt ging voran und setzte sich an einen Tisch, auf dem eine Flasche Kräuterschnaps mit zwei Schnapsgläsern stand. Er bot mir einen Stuhl an und schenkte bereits ein, als ich mich setzte. Nur der Wirt und ich waren im Gastraum.
Ich legte die Tafel vor ihn
und klopfte ernst mit zwei Fingern auf den Schiefer, während ich ihm diesmal
eindringlich in die Augen blickte. Er atmete tief durch und begann auf seiner
Tafel zu schreiben: „Im See sind schreckliche Wesen.“. Ich entgegnete: „Ja,
soweit habe ich das auch erfahren, aber WAS sind das für Wesen?“. Er trank
seinen ersten Schnaps und schenkte geschwind nach.
Dieser große, grimmige Mann wirkte mit jedem weiteren Schriftzeichen auf seiner
Tafel immer unsicherer – er kämpfte gegen genau diese Angst, welche mich am
Seeufer ergriffen hatte.
Diesmal schrieb er mehr als
nur einen Satz: „Nixen, Sirenen – nenne sie wie du willst. Bösartige Wesen aus
der Tiefe. Sie jagen mit der Melodie – ziehen ihre Opfer bis auf den Steg und
reißen sie dann in den Abgrund. Bei dir hätte nicht mehr viel gefehlt.“.
Es durchfuhr mich wie ein Messer – ich war gerade eben dem Tod von der Schippe
gesprungen und hatte es nicht einmal gemerkt! Ich brauchte gleich dreimal
Schnaps um die aufkeimende Angst soweit zu unterdrücken, dass ich noch halbwegs
klar denken konnte.
Ich stellte eine weitere
Frage: „Warum bist du dann hier?“.
„Irgendwer muss die Leute beschützen, die hier vorbei kommen.“, entgegnete er.
Ich blickte ihn sichtlich verwirrt an, nachdem ich auf meiner Tafel die nächste
Fragen kritzelte: „Das ist alles? Wie viele waren vor mir hier? Hast du sie
alle gerettet? Fühlst du dich nicht einsam?“.
Seine Antworten waren düster:
-„Es ist besser, wenn du so wenig wie möglich davon weißt.“.
- „In etwa 50.“.
- „Nein.“.
- „Hin und wieder, aber dann erinnere ich mich, dass diese Scheusale mir hier
Tag für Tag Gesellschaft leisten – das Gefühl von Einsamkeit kann ich mir nicht
erlauben.“.
So wiie ich seine Antworten las, begann die Furcht in meiner Brust dem bittersüßen Schmerz des Mitleides zu weichen. Seine harte Schale schien ihn zuerst übermenschlich und schroff wirken zu lassen, aber unter ihr befand sich ein fühlender Mensch, der sein Leben damit verbrachte die bösartigen Nixen im See auszuhungern.
Die Bestürzung war mir ins
Gesicht geschrieben und nur eine Frage beschäftigte mich noch: „Wie kann ich
dir helfen?“.
Der Wirt stand auf, legte mir eine Hand auf die Schulter und hielt mir ein
einziges Wort entgegen: „Überlebe!“.
Draußen wurde es langsam dunkel und der Wirt deutete auf eine Zimmertür hinter dem Tisch, an dem wir saßen. Es war ein spärlich eingerichtetes Fremdenzimmer - nicht viele Möbel, nur ein einfaches Bett, ein Stuhl, ein Beistelltisch und ein dicker Schließriegel vor dem Fenster.
Er hielt erneut die
Schiefertafel hoch: „Ruh dich aus, du brauchst die Kraft.“.
Ich nickte mit verwirrter Ernüchterung, bevor ich die Tür langsam hinter mir
schloss. Wie sollte ich mich unter diesen Umständen bloß ausruhen können? Das
war ja nicht bloß eine kleine Unannehmlichkeit wie etwa schlechtes Wetter. Ich
war einer Horde an mörderischen Scheusalen ausgesetzt. Zwischen mir und dem See
waren nur zwei Türen und ein paar Schritte Weg.
Nicht zu sehr nachdenken – das nahm ich mir vor. Doch meine Gedanken ließen sich nicht vertreiben. Ich ging in dem kleinen Zimmer auf und ab, während ich mir das Hirn zermarterte. Mein Geist drehte sich immer wieder um diese Angst und um dieses elende Unbehagen, welches mir seit der Begegnung auf dem Steg im Genick saß.
Es vergingen auf diese Weise
bestimmt einige Stunden. Immer wieder Angst, dann Sorge, dann Zusammenreißen.
Dann wieder Angst, dann Sorge und so weiter.
Doch irgendwann wurde ich tatsächlich müde. Ich wollte gar nicht viel schlafen –
nur kurz dösen, um bei Verstand zu bleiben. Aber das gelang mir auch nicht.
Meine Sinne verschwammen und mein Bewusstsein sickerte in den Schlaf.
Einige Zeit später erwachte ich leider zu altbekannten Klängen: Eben jene Melodie, welche ich schon vorher vernommen hatte. Für einen Moment war mir so, als hätte man mir einen Faustschlag ins Herz versetzt, bevor jede Empfindung wieder einer tiefen inneren Ruhe wich. Das ganze Unbehagen vom Abend verschwand und kaum ein Gedanke regte sich mehr in meinem Kopf. Mein ganzes Dasein schien zu schrumpfen und es gab nur noch ein Bestreben für mich – nur noch eine einzige Aufgabe, welche mein ganzes Wesen bestimmte: Hinaus auf den See. Es schien einfach richtig zu sein.
Die Tür war seltsamerweise nicht abgeschlossen und ich taumelte durch den Gastraum in Richtung Ausgang. Mit jedem Schritt verschwammen meine Gedanken und Erinnerungen weiter und weiter, bis mein Verstand sich ganz in Nebel hüllte.
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie ich nach draußen gelangt war, aber ich erinnere mich noch vage an einige Fetzen: Ich sah den Steg am Seeufer, welcher spärlich von einer Laterne beleuchtet wurde. In diesem blassen Lichtschein sah ich die Nixen, wie sie am Anleger warteten und ihre Melodie sangen. Es waren bestimmt sieben dieser Wesen.
Unter ihren wabernden Schöpfen befanden sich magere Frauenkörper, welche auf Hüfthöhe in Fischleiber übergingen, soweit ich das erkennen konnte. Sie trugen gespenstisch anmutende Kleider aus dünnem, weißen Stoff. Es hatte etwas Heiliges an sich, das längst in den Tiefen des Sees entweiht wurde.
Aus der Ferne und im Nebel ihrer Melodie sahen diese Wesen beinahe bezaubernd aus.
Meine Füße trugen mich
Schritt für Schritt näher ans Ufer heran. Einerseits verging die Zeit wie im
Flug - und gleichzeitig erstreckte sich der Moment für mich in die Ewigkeit.
Sie warteten auf mich. In flehender Sehnsucht riefen sie mich.
Und irgendwann stand ich direkt vor ihnen.
Plötzlich schlug alles um. Die beruhigende Melodie, welche mein Herz in sehnlicher Umarmung hielt, verdrehte sich zu einem kakophonischen Chor des Chaos. Keine Beruhigung und keine Sehnsucht mehr – nur noch Gier, blinder Hunger, und Mordlust.
Eine Welle aus blankem
Entsetzen durchfuhr meinen vernebelten Verstand und nackte Panik breitete sich
in mir aus wie ein rasendes Feuer.
Ich wollte fliehen, doch mein Körper stand immer noch unter ihrem Bann.
Die ersten zwei Nixen kamen näher an das Ufer und begannen mich zu packen. Das kalte Fleisch ihrer krallenbewährten, knochigen Hände berührte meine Unterarme und ein Schmerz durchschoss meinen ganzen Körper. Auf ihren Schwimmhäuten zwischen den Fingern mussten sich irgendwelche Nesselzellen wie bei Quallen befunden haben. Sie drangen in meine Haut ein, doch dieser Schmerz ließ meinen Kopf seltsamerweise wieder etwas klarer werden.
Ich begann mich zu wehren und
versuchte mich aus dem Griff der beiden Nixen zu lösen, doch diese Geschöpfe
waren trotz ihrer abgemagerten Statur enorm kräftig, sodass sie mich zu Boden
drückten.
Während ich um meine Freiheit kämpfte glitt eine dritte Sirene auf den feuchten
Steg, kam zu mir herangekrochen und packte mich an den Schultern.
Als ich ihr Gesicht erblickte, entwickelte sich jenes Entsetzen in mir zu
abgrundtiefem und unbegreiflichem Horror. Das waren keine Frauen - das waren
nicht einmal mehr Lebewesen! Ihre Gesichtszüge erinnerten höchstens noch
entfernt an einen Menschen. Sie starrte mich ausdruckslos mit ihren übergroßen,
toten, milchigen Augen an – wie eine unheilige Kreuzung aus Fisch und
Wasserleiche.
Mir stockte der Atem als sich ihr schlaffes, zerfurchtes Gesicht in Falten legte, während sie ihren Kiefer öffnete. Ihre Lippen schälten sich zurück und ein scheußliches Maul trat hervor. Schwarzes, verrottendes Zahnfleisch umschloss die vielen Hundert nadelspitzen Zähne, welche sich aus ihrem Mund heraus drückten und nach Verwesung stinkender Geifer lief ihr über die bleichen Lippen. Allein die Panik hatte ein sofortiges Erbrechen meinerseits an Ort und Stelle verhindert.
Ich begann still zu beten,
als sie sich auf ihren Fischleib aufstelle und sich so über mir aufrichtete, um
gleich ihre Zähne in mich zu schlagen.
Ein nasses, kratziges Gurgeln entsprang ihrer Kehle.
Ich rechnete fest mit meinem grauenhaften Ende, als ich hinter mir den Schein
einer Fackel bemerkte. Im nächsten Moment durchschnitt der scharfe Klang einer
kräftig geworfenen Harpune die albtraumhafte Melodie der Nixen.
Mit einem dumpfen Geräusch
drang die Harpune in die Brust der Nixe über mir und riss sie von mir herunter.
Bräunlich schwarzes Blut quoll aus dem Loch hervor, als dieses untot wirkende
Fischwesen sich panisch nach hinten warf und unter Schmerzen zu zappeln begann.
Die anderen beiden Nixen bemerkten noch nicht, was gerade geschah, als die
schwere Eisenfassung der brennenden Fackelkrone in breiten Schwüngen auf ihre
pflanzenverfilzten Schädel einfuhr.
Ihr stechender Griff löste
sich, als sie zurück ins Wasser flüchteten. Ich machte mir diese Gelegenheit
sofort zunutze und hechtete rücklings auf allen Vieren vom Anleger auf das Land
zurück.
Doch so wie ich mich an Land rettete, schritt der Wirt neben mir auf den Steg
hinaus.
Unter dem bösartigen Gezische der vier übrigen Nixen, eilte er auf die harpunierte Nixe zu, riss ihr die Harpune aus der Brust und stieß sie ihr noch einmal in die Kehle. Ein heiserer Schrei durchschnitt meinen Verstand und die, nun doppelt gepfählte, Sirene blieb reglos liegen.
Mit diesem Schrei kam und
endete ein kurzer, nervenbetäubender Schmerz, der selbst die übrigen Nixen
heimsuchte.
Doch der Wirt blieb davon verschont. Ich fragte mich kurz warum das wohl so
war, bevor es mir wie Schuppen von den Augen fiel: Er war taub! Er war taub und
deshalb absolut unempfänglich für alle melodischen Attacken der Nixen. Er war
immun gegen das, was sie ausmachte!
Nun verstand ich warum er dutzende Male gegen diesen Feind ins Feld treten
konnte und immer noch am Leben war. Es war die ganze Zeit vor meiner Nase und
ich hatte es einfach nicht erkannt.
Mit Fackel und Harpune
bewaffnet ging er weiter auf die übrigen Nixen zu. Für ihn war die Sache erst
beendet, wenn keines dieser unnatürlichen Wesen mehr am Leben war.
Als er ihnen näher kam, passierte jedoch etwas Unerwartetes: Die beiden Nixen,
welche er vertrieben hatte, tauchten gemeinsam an der linken Seite des Steges
auf und zogen den toten Körper ihrer Schwester ins Wasser.
Binnen Sekunden verschwanden
auch die anderen Nixen vom Ende des Anlegers und schwammen rasch zu der Leiche,
die nun im Wasser trieb.
Der Wirt bemerkte dies natürlich und drehte sich schnell zu der Stelle um, an
der die tote Nixe lag - als ob er sie aufhalten wollte.
Ich verstand nicht, was er damit bezwecken wollte, doch ich konnte dem Großteil
meiner Gedanken nicht länger folgen, da die Melodie der Nixen immer lauter,
gieriger und wilder wurde.
Das bräunlich-schwarze Blut färbte das Wasser, als die ausgehungerten Nixen begannen ihre tote Schwester zu fressen. Der Wirt hatte anscheinend zuverlässig dafür gesorgt, dass die Nixen schon seit sehr langer Zeit nichts mehr fressen konnten. Waren sie deswegen auch so abgemagert und eingefallen? Verfaulen sie, wenn sie nichts fressen? Viele Fragen schossen mir durch den Kopf, bevor die schreckliche Melodie der Nixen mir langsam die Fähigkeit raubte, bei Bewusstsein zu bleiben.
Das Letzte, was ich sah, bevor mich meine Sinne verließen, war der Wirt wie er am Ufer auf die Knie fiel und zu weinen begann. Dann wurde alles schwarz und die Melodie verstummte.
Ich erwachte erst am nächsten
Morgen in meinem Gästezimmer. Mir dröhnte der Schädel, als hätte ich zu tief
ins Glas geschaut. War das die Nachwirkung des Nixenliedes? Ich trat aus dem
dunklen Zimmer – das Licht stach mir in den gereizten Augen. Ich konnte mich
kaum auf den Beinen halten. Dieser Albtraum in der Nacht war also wohl tatsächlich
geschehen.
Ich blickte auf die Stellen meiner Unterarme, an denen mich die Nixen berührt
hatten. Rot geschwollene Narben zogen sich dort entlang, wo ihre Finger
auflagen – Spuren, die ich bis heute trage. Die Schwellung ging zwar etwas zurück,
doch ich bleibe gezeichnet.
Der Wirt war nicht im Schankraum, also begann ich ihn zu suchen. Ich öffnete die Tür nach draußen und dort fand ich ihn: Er saß im Schneidersitz auf dem Boden vor dem Steg. Die unnatürliche Stille des Sees gab der ganzen Situation seltsamerweise etwas beruhigendes.
Ich näherte mich vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken. Mit jedem Schritt, den ich auf ihn zu tat, hörte ich es immer deutlicher: In einem Abstand von jeweils einigen Sekunden entfuhr ihm ein tiefes, schwermütiges Seufzen. Irgendwas beschäftigte ihn.
Als ich bei ihm angekommen
war, legte ich ihm eine Hand auf die Schulter und suchte mit besorgter Mine
seinen Blick. Auch ohne direkt in seine Augen zu schauen sah ich es: Der Mann
trauerte.
Er drehte seinen Kopf zu mir, doch sonst blieb er regungslos.
Vor ihm lag eine
Schiefertafel mit einem Stück Kreide. Er wusste, dass ich Fragen haben würde
und hatte sie bereitgelegt.
Also fragte ich: „Ist es vorbei?“
Er nahm mir die Tafel aus der Hand und schrieb selbst: „Ja und nein. Ich erkläre
es dir besser drinnen.“
Ich bot ihm meine Hand als
Hilfe zum Aufstehen, obwohl ich mir nicht sicher war, ob er sie ergreifen würde.
Zu meiner milden Überraschung ergriff er sie und wir beide begaben uns an
denselben Tisch, an dem wir auch zuvor gesessen hatten.
Diesmal fand ich dort einen Brief statt einer Schnapsflasche. Ich setzte mich
und begann zu lesen, während der Wirt in der Küche verschwand, um vermutlich
Proviant für den Heimweg vorzubereiten.
Das Papier war schon leicht
vergilbt, aber die Tinte war frisch: „Da du mir bei etwas Wichtigem geholfen
hast, verdienst du die ganze Wahrheit.
Ich war nicht schon immer ein taubstummer Gastwirt, der sein Wirtshaus irgendwo
im Niemandsland errichtet hatte. Ich war mit meiner Frau auf Reisen. Sie war
eine wunderbare Sängerin. Wir zogen von Stadt zu Stadt – sie hat gesungen und
ich habe anfallende Handwerksarbeiten erledigt. Es war ein einfaches Leben,
aber es war ein gutes Leben. Nichts konnte uns die Laune trüben und niemand
konnte uns festhalten.
Auf unseren Reisen kamen wir irgendwann an diesem See vorbei und meine Frau hörte
das Lied der Nixen. Ihr Herz als Sängerin wurde sofort ergriffen und bevor ich
es wirklich mitbekommen hatte, warf sie sich in den See. Diese Missgeburten
zogen sie in die Tiefe.
Damals war ich noch sehr naiv
und dachte, dass ich sie irgendwie retten könnte. Deshalb blieb ich an dem See
und schaute was ich tun konnte.
Doch dann hörte auch ich das Lied der Nixen und mit dem Lied auch die liebliche
Stimme meiner Frau. Eine Stimme, die ich schon tausende Male genossen hatte –
aber jetzt klang sie anders.
Ich schaute auf den See hinaus und da sah ich sie. Meine Frau als eines dieser
scheußlichen Ungeheuer. Sie war nun eine von ihnen.
Ich griff mir sofort eine
Spitzfeile aus meinem Gurt und stach sie mir in die Ohren, bis ich keinen Ton
mehr vernehmen konnte. Der Schmerz meines Körpers war nichts gegen den Schmerz
ihre Stimme hören zu müssen – wo sie doch so ein Wesen geworden war.
Glücklicherweise habe ich meine selbst beigebrachten Verletzungen mit nichts
weiter als dem Hörverlust überstanden.
Die folgenden Monate
verbrachte ich mit dem Bau dieses Hauses. Ich konnte sie nicht in diesem See
zurücklassen und ich konnte ebenso nicht zulassen, dass noch jemand sein unnatürliches
Ende auf diese Weise findet.
Seitdem hüte ich diesen See und verlasse ihn nur, um überlebende Pechvögel wie
dich nach Hause zu bringen oder um mich selbst zu versorgen.
Das ist meine Geschichte.
Vermutlich fragst du dich nun, bei welcher Sache du mir geholfen hast: Vielleicht kannst du es dir denken, aber die tote Nixe war meine Frau. All die Jahre wollte ich sie von diesem Fluch erlösen. Ich wollte sie begraben und ihr Grab hüten bis ich selbst irgendwann wieder mit ihr im Tode vereint wäre. Diese elenden Dreckviecher haben auch das verhindert. Ich werde wohl ein leeres Grab ausheben müssen.

Du warst, wie viele andere vor dir, ein unfreiwilliger Köder. Natürlich habe ich deine Vorgänger in den meisten Fällen retten können. Aber insgeheim habe ich immer darauf gehofft eine Gelegenheit bekommen zu können, um meine Frau zu erlösen. Ich schäme mich für diese Hoffnung. Es fühlt sich an, als würde ich die missliche Lage der armen Seelen, die hier vorbei kommen, ausnutzen.
Doch nun brauche ich nicht
mehr hoffen. Meine Frau ist tot.
Deswegen danke ich dir. Nur weil du dich unfreiwillig in Lebensgefahr begeben
hast, kann meine Frau nun endlich ruhen. Sie starb für mich zwar vor langer
Zeit, doch jetzt kann ich sicher sein. Ich wünschte, ich hätte ihr nur noch ein
letztes Mal sagen können, dass ich sie noch immer liebe.“ – Damit endete der
Brief.
Ich bemerkte die Flecken
einiger getrockneter Tränen auf den letzten Zeilen des Briefes.
Für mich war diese eine Nacht bloß wie ein Albtraum, doch für ihn war das sein
Leben.
Ein Leben voller Angst, Schmerz und Liebeskummer.
Als der Wirt den Raum wieder
betrat, stand ich sofort auf. Seine stoische Mine war seit dem Morgen vollends
verschwunden. Er kämpfte, dass etwas in ihm nicht zerbrach.
Ich glaube er wusste nicht, wie sich verhalten sollte, nachdem er mir so viel
im Brief anvertraut hatte. Für mich war das egal. Ich ging einfach auf ihn zu
und öffnete meine Arme für eine Umarmung.
Ohne groß zu zögern ließ sich dieser Riese schwer in meine Arme fallen. Alle Kraft verließ den Wirt und ich spürte wie viele warme Tränen meine Schulter benetzten. Ich schloss meine Arme um ihn, so weit ich konnte und ließ ihn einfach weinen. Er war so lange dieser riesige, mutige, unendlich starke Kerl. Es war an der Zeit, dass er nun auch mal schwach sein durfte.
Er schluchzte, schnaubte und
weinte bestimmt eine gute Stunde in meinen Armen. Es hatte sich ja auch viel
angestaut. Während dieser Zeit ist mir bewusst geworden, wie menschlich wir
alle doch irgendwie sind – egal wie übermenschlich wir daherkommen.
Danach begann er sich allmählich wieder zu fangen.
Wir luden mein Boot anschließend auf seinen Karren, den Fisch ließ ich ihn behalten und wir verbrachten den Tag damit, mich nach Hause zu bringen. Als wir am Nachmittag hier ankamen, nahm ich nochmal seine Tafel und schrieb darauf: „Ich lasse dich nicht mehr allein mit diesen Kreaturen! Ich komme jetzt regelmäßig vorbei! Du bist mein Freund!“
Er fletschte die Zähne unter seinem Bart. Ich denke, er wollte grinsen und hatte einfach nur keine Übung darin. Dann schrieb er einen letzten Satz für den Tag: „Gut - aber bitte nicht mehr mit dem Boot.“
So endet die Geschichte. Ein fischender Pechvogel, ein heldenhafter Wirt und der singende See.
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Illustration: Corinna Henneberg