Zum Auftakt der zweiten Runde der Ukraine-Gespräche in Abu Dhabi hat Russland seinen Anspruch auf den gesamten Donbass erneut bekräftigt und andernfalls mit einer Fortsetzung des Krieges gedroht. "Bis das Regime in Kiew die richtigen Entscheidungen trifft, wird die Spezialoperation fortgesetzt", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Mittwoch vor Journalisten. Russland verlangt die Abtretung des gesamten Donbass im Osten der Ukraine, obwohl ukrainische Truppen nach wie vor Teile der Region kontrollieren. Parallel wurden aus der Ukraine erneut Angriffe mit mehreren Toten gemeldet.
Die direkten Gespräche zwischen Vertretern Russlands und der Ukraine begannen am Mittwoch in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, wie der ukrainische Chefunterhändler Rustem Umerow mitteilte. Ziel der Delegation aus Kiew sei es, gemäß den Vorgaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj "einen gerechten und dauerhaften Frieden zu erreichen", schrieb Umerow in Onlinediensten. Die Verhandlungen hätten "im trilateralen Format begonnen", und es folgten Gespräche in Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen, fügte er hinzu. Die auf zwei Tage angesetzten Verhandlungen waren ursprünglich für Sonntag geplant gewesen, wurden dann jedoch auf Mittwoch verschoben.
Bereits vor anderthalb Wochen hatten Unterhändler Moskaus und Kiews erstmals direkt über einen von den USA vorgelegten Plan zur Beendigung der Kämpfe gesprochen. Nach Angaben aus Verhandlungskreisen gibt es in mehreren Punkten Annäherungen. Der zentrale Streitpunkt bleibt jedoch Moskaus Forderung nach einem vollständigen Rückzug der Ukraine aus der wichtigen Industrieregion Donbass.
Ungeachtet des diplomatischen Formats gingen die Angriffe weiter. Behörden in Druschkiwka in der ostukrainischen Region Donezk meldeten am Mittwoch mindestens sechs Tote durch russischen Beschuss auf einen Markt. Die russische Armee habe "die Stadt mit Streumunition beschossen und dabei direkt den Markt getroffen, wo morgens immer viele Menschen unterwegs sind", erklärte Wadym Filaschkin, Gouverneur der umkämpften Region Donezk. Die russische Armee strebt nach Angaben der ukrainischen Seite die Einnahme Druschkiwkas an.
Kurz vor Beginn der zweiten Gesprächsrunde meldeten Russland und die Ukraine am Mittwochmorgen zudem jeweils Tote durch Drohnenangriffe. Bei einem russischen Drohnenangriff in der ukrainischen Region Dnipropetrowsk seien eine 68-jährige Frau und ein 38 Jahre alter Mann getötet worden, erklärte der Leiter der örtlichen Militärverwaltung bei Telegram. Von Moskau eingesetzte Behörden erklärten derweil, bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf einen Kleinbus in der fast vollständig von russischen Streitkräften kontrollierten ostukrainischen Region Luhansk seien am Vorabend ein junger Mann und eine 20 Jahre alte Frau getötet worden.
In der Nacht auf Dienstag hatten die russischen Streitkräfte bei eisigen Temperaturen die Ukraine mit schweren Angriffen überzogen und damit eine kurzzeitige Pause beendet. Nach Angaben des ukrainischen Energieunternehmens DTEK wurden insbesondere Einrichtungen der Energieversorgung getroffen, es seien die "schwersten Angriffe seit Jahresbeginn". Infolge des Beschusses fiel in mehr als 1100 Wohnhäusern in Kiew und in 800 Häusern in der östlichen Stadt Charkiw die Heizung aus.
Selenskyj erklärte, die erneuten Angriffe zeigten, "dass sich die Haltung Moskaus nicht geändert hat: Sie setzen weiterhin auf Krieg und die Zerstörung der Ukraine und nehmen die Diplomatie nicht ernst." Die Arbeit des ukrainischen Verhandlungsteams werde "entsprechend angepasst", fügte er hinzu.
Auch aus Berlin kamen Reaktionen. Der stellvertretende Sprecher der Bundesregierung, Steffen Meyer sagte mit Blick auf die Gespräche in Abu Dhabi, es sei gut, dass diese fortgesetzt würden. "Wir unterstützen die Ukraine und begleiten sie in diesem Prozess", erklärte er. "Wir setzen uns weiter intensiv mit europäischen und amerikanischen Partnern dafür ein, diesen Krieg wirklich zu einem Ende zu bringen."
OZD / ©AFP
OZD-Kommentar – Verhandeln, während Menschen sterben:
Diese zweite Runde beginnt mit einer Botschaft aus Moskau, die kaum Spielraum lässt: Donbass als Preis, sonst geht das Töten weiter. Genau das ist der Kern des Problems. Russland koppelt Diplomatie an Kapitulationsforderungen und testet, wie weit die Welt diese Logik akzeptiert. Gleichzeitig schlagen Raketen und Drohnen ein, Märkte werden getroffen, Zivilisten sterben – und das alles soll dann als „Begleitmusik“ der Gespräche gelten. Wenn der Westen jetzt nur auf das Stattfinden von Treffen setzt, ohne klare rote Linien und Konsequenzen, wird Abu Dhabi zur Kulisse für eine Strategie, die Krieg als Verhandlungsmethode benutzt. Die Warnung ist eindeutig: Ohne realen Druck wird Moskau aus diesen Gesprächen vor allem eines mitnehmen – dass Maximalforderungen sich lohnen könnten.
Mini-Infobox:
– Zweite Ukraine-Gespräche in Abu Dhabi gestartet
– Moskau fordert Abtretung des gesamten Donbass
– Mindestens sechs Tote nach Beschuss eines Marktes in Druschkiwka gemeldet
– Neue Drohnenangriffe mit Toten auf beiden Seiten gemeldet
– Energieinfrastruktur zuletzt schwer getroffen, Heizungsausfälle in Kiew und Charkiw
OZD-Analyse
Die zweite Gesprächsrunde steht unter dem Spannungsfeld aus Maximalforderungen und fortgesetzter Gewalt.
Russlands Verhandlungslinie
a) Politische Kernforderung ist die Kontrolle über den gesamten Donbass
b) Rhetorische Drohkulisse durch die Aussage "Bis das Regime in Kiew die richtigen Entscheidungen trifft, wird die Spezialoperation fortgesetzt"
c) Ziel ist, territoriale Gewinne zu verfestigen und als Verhandlungsbasis zu normalisieren
Ukrainische Position und Taktik
a) Betonung des Ziels "einen gerechten und dauerhaften Frieden zu erreichen"
b) Anpassung der Verhandlungsarbeit nach den Angriffen, wie Selenskyj ankündigt
c) Ablehnung eines Rückzugs aus Donezk als zentraler Souveränitäts- und Sicherheitsanker
Dynamik rund um Abu Dhabi
a) Trilateral begonnenes Format mit Arbeitsgruppen deutet auf technische Detailarbeit hin
b) Gleichzeitige Angriffe erhöhen den Druck und verschieben Prioritäten auf Sicherheits- und Humanitärfragen
c) Risiko, dass Teilfortschritte kommuniziert werden, während der Hauptkonfliktpunkt ungelöst bleibt
– Donbass bleibt der strategische Hebel beider Seiten
– Angriffe auf Energieversorgung erhöhen die Verwundbarkeit der Zivilbevölkerung
– Internationale Vermittler geraten unter Erfolgsdruck
Wer ist Dmitri Peskow?
Dmitri Peskow ist der Sprecher des Kreml und gilt als zentrale Stimme, über die Moskau seine offiziellen Positionen zur Innen- und Außenpolitik kommuniziert.
Wer ist Rustem Umerow?
Rustem Umerow ist der ukrainische Chefunterhändler in den Gesprächen mit Russland und vertritt die Position der ukrainischen Regierung in den direkten Verhandlungsformaten.
Was ist der Donbass?
Der Donbass ist eine Industrieregion im Osten der Ukraine, die vor allem die Gebiete Donezk und Luhansk umfasst. Teile der Region sind seit Jahren umkämpft und stehen teilweise unter russischer Kontrolle.
Historischer Hintergrund:
Der Donbass ist seit 2014 ein Konfliktschwerpunkt, nachdem bewaffnete Auseinandersetzungen in Teilen der Ostukraine ausgebrochen waren. Mit dem Beginn der russischen Militäroffensive im Februar 2022 wurde die Region zu einem zentralen Kriegsschauplatz, weil sie sowohl wirtschaftlich bedeutsam als auch militärisch strategisch ist.
Prognose:
Kurzfristig ist trotz Gesprächen mit weiteren Angriffen zu rechnen, weil Moskau seine Forderungen durch militärischen Druck flankiert und Kiew Zugeständnisse beim Donbass ablehnt. Realistisch ist ein Szenario, in dem Arbeitsgruppen kleinere Themen voranbringen, während der Kernstreit um Territorium blockiert bleibt. Sollte der Beschuss auf Städte und Infrastruktur anhalten, drohen eine weitere Eskalation der humanitären Lage und eine wachsende Ermüdung internationaler Unterstützer – genau das könnte Russland als Hebel einkalkulieren.
Gewinnspiel:
Welche Maximalforderung stellt Russland laut Artikel in den Gesprächen?
A) Sofortiger Nato-Beitritt der Ukraine
B) Abtretung des gesamten Donbass
C) Verlegung der Gespräche nach Moskau
D) Auflösung der ukrainischen Armee
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
OZD-Extra
Abu Dhabi liegt Tausende Kilometer von Donezk, Luhansk und Kiew entfernt – doch genau diese räumliche Distanz macht die Verhandlungen so paradox: Während Delegationen sprechen, entscheidet an der Front weiterhin Gewalt über Fakten.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.